Mein letzter Auftritt als Inseldiktator in der Welt Tropico ist schon ziemlich lange her. Nach zehn Jahren wieder die Macht zu ergreifen, es ist aber keinesfalls ein fremdes Gefühl. Die Erfahrung ist eher mit dem Verhältnis alter Freunden vergleichbar. Obwohl man sich sehr lange nicht gesehen hat, fühlten sich die sechs Stunden mit der Vorschau-Version so an, als wären wir nie voneinander getrennt gewesen. Alte Liebe rostet eben nicht und das Spiel hat in der neuen Version tatsächlich nichts von seinem ursprünglichen Charme eingebüßt. Gleichzeitig wäre es aber furchtbar langweilig, wenn sich so gar nichts geändert hätte. Angekündigt hat Kalypso eine Menge, aber der Kern ist ganz offensichtlich unverändert.
El Presidente bringt nun beispielsweise seine ganze Sippe mit in Politik. Und wie es sich gehört, ist nicht jedes Kind immer automatisch auch ein Kind der Liebe, sondern stammt manchmal einfach von einem Seitensprung. Wir müssen lediglich entscheiden, was wir mit dem Balg machen wollen - selbst das Leugnen des Ausrutschers ist möglich. Und sollten wir viele streng religiöse Anhänger haben und um unsere Wiederwahl bangen, wäre das wohl keine dumme Idee.
Familienmitglieder lassen sich als Manager in Betrieben einsetzen und sie erfüllen diplomatische Aufträge für uns. Außerdem kann jeder aus der Bande in regelmäßigen Abständen besser ausgebildet werden und sich über Sondereignisse zusätzliche Fähigkeiten aneignen. Zumindest, wenn dafür genug Geld auf dem Schweizer Nummernkonto lagert. Das wirklich Schöne aber ist nun, dass der Clan jetzt unabhängig vom Spielstand gespeichert wird und wir mit jeder Partie ein bisschen besser werden.
Die zweite wesentliche Neuerung betrifft die neue Zeitrechnung in Epochen. Wir starten in der Kolonialzeit und müssen uns mit der Krone herumärgern. Auf der einen Seite sollten wir natürlich dankbar sein, für diese Kolonie in regierender Form tätig zu sein. Und manches Mal zeigt sich das Königshaus auch sehr spendabel. Wie in einem schlechten Liebesfilm aber bekommt die Beziehung irgendwann tiefe Risse, denn auf einmal werden unerhört hohe Steuern und kostspielige Geschenke eingefordert - abgesehen davon, dass wir natürlich nebenher weiter um Liebe buhlen müssen, um unser Mandat als Verwalter nicht zu verlieren. Es lohnt sich also, mit den Revolutionären zusammenzuarbeiten, unsere Beliebtheit zu erhöhen, um dann besser als Diktator einen eigenen Weg zu gehen.
Es folgt die Zeit der Weltkriege, im Anschluss der Kalte Krieg und die Neuzeit. Unsere Bündnispartner variieren womöglich, die Wirtschaft wird sich verändern und wir neue Güter entdecken. Jede Epoche hat ihre eigenen Stärken, aber genau genommen handelt es sich immer um eine ganz konkrete Weiterentwicklung. Nichts wird in Tropico 5 hinfällig, es wird lediglich ergänzt und weitergebaut. Das zeigt sich am deutlichsten bei der neuen Forschung. Alles baut auf vorangegangene Forschungen und auf Epochen auf. Es gibt keinen typischen Baum mit Verzweigungen, sondern der Fortschritt gleicht eher eine Perlenschnur, zumindest in der ersten Hälfte des Spiels.

Mit einer kleinen beschaulichen Siedlung in der Kolonialzeit geht es los.
Dieser relativ gradlinige Fortschritt macht es einfach, in Tropico 5 hineinzufinden. Die Epochen sind nicht so deutlich voneinander abgegrenzt, sondern es ist ein fließender Übergang, der lediglich eine neue Technikstufe markiert. Und natürlich warten auch ein paar neue Aufgaben auf uns. In der Kolonialzeit interessieren sich die Bürger noch nicht so richtig für Sicherheit und Gesundheit. Erst in den späteren Epochen müssen wir Freiheit und Verschmutzung stärker berücksichtigen und Gegenmaßnahmen ergreifen. All das scheinen aber nur kleine Stellrädchen sein.
Dazu erleichtert den Einstieg, dass die Entwickler benutzerfreundliche Menüs und Übersichten anbieten, die uns helfen, eine Situation schnell zu analysieren. Wenn die Umfrage-Ergebnisse im Keller sind, lässt sich nicht nur schnell herausfinden, welche Defizite die Tropicaner haben, sondern nur einen Klick weiter erfahren wir, wie die Bedürfnisse befriedigt werden. Rebellen erkennen wir theoretisch frühzeitig, wenn wir in die Stadt hineinzoomen. So lassen sich Störenfriede auf Wunsch direkt aus dem Weg räumen. Lediglich im Baumenü scheint die Sortierung noch nicht ganz logisch, aber ansonsten steuert sich Tropico 5 einfach fabelhaft.
Meine Insel entwickelte sich ab den Weltkriegen sehr dynamisch. Ich agierte als ziemlich fortschrittlicher Diktator, was offenbar viele Leute von außerhalb anlockte. Mit jedem Monat wollten mehr ins Inselparadies und ich kam kaum hinterher, neuen Wohnraum zu schaffen und die Versorgung sicherzustellen. Mein Eindruck war, dass der bulgarische Entwickler Haemimont Games noch an der Balance arbeiten muss. Vielleicht lassen sich Güter von Farmen zu günstig produzieren oder zu teuer verkaufen. Mein Spielstand auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad jedenfalls war irgendwann ein Selbstläufer. Und ein bisschen will man dann ja doch gefordert werden.

Es gibt auch Katastrophen im Spiel, wozu neben Fluten, Dürren und Erbeben auch Wirbelstürme gehören können.
Beim Humor hat das Studio allerdings bereits definitiv den richtigen Ton getroffen. Mit jedem Kommentar fühlen man sich in der Rolle des selbstgerechten Diktators noch wohler. Es gibt viele bissige und ironische Kommentare über den fröhlich angehauchten Buschfunk, der aber in der Regel nur auf Fehler hinweisen möchte. Es gibt absurde Zwischenfälle und auch bei den Entscheidungen gibt es meist hübsch verpackt noch einen Witz frei Haus. Dank Produzent Bisser Dyankov von Haemimont Games wussten wir ja bereits warum das Team so viel Spaß mit Tropico hat: "Dumme Leute auf einer Insel, es ist alles so rückständig und man selbst ist der Diktator! Da steckt so viel drin." Inzwischen ist völlig klar, dass all das perfekt ins Spiel übertragen wurde.
Tatsächlich fällt es mir ein bisschen schwer, den Bogen zu Tropico 4 zu spannen und große Vergleiche zu ziehen. Und noch ist ja das neue Inselabenteuer noch nicht fertig. Bis zum Schluss wird man an der Balance und den Details arbeiten. Allerdings machte der ausgedehnte Ausflug ziemlich viel Spaß und fühlte sich modern und vor allem sehr rund an. Zweimal wurde ich übrigens vorzeitig abgesetzt. Einmal von der Königin und einmal von Angreifern - beides war in der Kampagne und nicht im später gestarteten Sandkasten-Modus. Aber mit militärischen Komponenten tue ich mich in Spielen dieser Art ohnehin immer schwer. Glücklicherweise bleibt dieser Part in Tropico 5 trotz Verfeinerung weiter rudimentär. Und in drei Wochen darf ich dann endlich auch den neuen Mehrspielermodus ausprobieren!