Der Telefongigant hat sich in den letzten Jahren schwer getan, vernünftige Produkte auf den Markt zu bringen. Bei den Forschungsausgaben waren die Finnen weiter ganz vorn dabei, investierten selbst bei kleinerer Produktpalette deutlich mehr als etwa Apple. Am Ende aber kam davon kaum etwas auf den Markt - vor allem nichts Überzeugendes. Der Wechsel vom eigenen Betriebssystem Symbian zu Windows Phone ist sicherlich schmerzlich. Aber um auch bei den Apps ganz vorn mitspielen zu können, braucht es ein Ökosystem, dass breit aufgestellt ist - und einen starken Partner. Nokia und Microsoft gelten eigentlich als Verlierer der neuen mobilen Generation. Ob das Blatt sich wendet?
Wenn man das erste Mal das Lumia 820 in der Hand hält, fallen zunächst keine Unterschiede zu modernen Smartphones auf. An der Seite sind drei Tasten: eine für die Lautstärke-Reglungen, eine zum Ein- und Ausschalten und eine für die Foto-Funktion. Unterhalb des Displays sind gibt es drei Touch-Tasten, auf die das Betriebssystem Windows Phone baut. Was Nokia anders macht, steckt eher unter der Schale. Der Akku ist beispielsweise nicht fest verbaut. Um an die Sim-Karte zu kommen, brauchen wir kein zusätzliches Werkzeug. Und es gibt austauschbare Cover. Genauso können wir den Speicher günstig mittels Micro-SD-Karten erweitern. Diese Punkte mögen zunächst nicht herausragend klingen, zumal wir sie von Nokia aus der Vergangenheit gewohnt sind - bei einem Iphone 5 beispielsweise ist aber nichts davon vorgesehen.
Innovativ hingegen ist die Möglichkeit, das Lumia 820 kabellos zu laden. Im Moment gibt es spezielle Ladestationen und Minisitzkissen für das Telefon. Wir legen das Gerät einfach darauf und es lädt automatisch. Von JBL gibt es außerdem einen Bluetooth-Lautsprecher, der ebenfalls diese moderne Technik unterstützt. Außerdem setzt er auf eine weitere Neuheit, die Nokia unterstützt: Near Field Communication. Mit NFC ist es möglich, dass wir unser Telefon mit einem unterstützten Gerät unkompliziert koppeln, einfach in dem sich diese berühren. Im Fall von JBL sorgt dies für eine schnelle, einfache Bluetooth-Verbindung. Beides sind zunächst nur kleine, unscheinbare Features, die aber die Erfahrung mit dem Handy gegenüber Konkurrenzgeräten verbessern.

Der Akku ist nicht fest verbaut, um an die Sim-Karte zu kommen, brauchen wir kein zusätzliches Werkzeug und es gibt austauschbare Cover.
Gleiches gilt übrigens auch für die Software. Nokia stattet seine Telefone mit exklusiven Funktionen aus. Mit Nokia Musik können wir auf verschiedene Musikkanäle zugreifen, die im Grunde wie Radio funktionieren. Das Streaming ist kostenlos, nur für die Datenverbindung müssen wir eventuell zahlen. Gefällt uns die Musik nicht, können wir vorspulen - auch wenn dies täglich begrenzt ist. Genial aber auch die Möglichkeit, sich über Nokia Musik gleich die nächsten Live-Konzerte in der Umgebung anzeigen zu lassen und eventuell gleich Tickets zu kaufen. Im ebenfalls angeschlossen Liederladen warten übrigens über 15 Millionen Songs. Alles funktioniert kinderleicht und ist sauber in das Telefon integriert.
Die andere große Software-Offensive betrifft die Navigation. Neben dem wirklich guten, bereits bekannten Dienst Nokia-Karten und der dazugehörigen hochwertigen, auch ohne Internetverbindung einsetzbaren Navigationssoftware, gibt es weitere Dienste. Einer davon ist Nokia City-Kompass. Mit Augmented Reality zeigt uns diese App an, welche Geschäfte, Sehenswürdigkeiten oder Ähnliches in unserer Umgebung sind. Wir wählen dann beispielsweise "Essen" und können über die Kamera des Mobiltelefons die Umgebung auf dem Display sehen, dass um Markierungen für Restaurants erweitert wurde - inklusive einer Angabe für die Entfernung und eventueller Bewertungen.
Mit Nokia Bus & Bahn gibt es außerdem einen erstklassigen Helfer für den Öffentlichen Nahverkehr. Mit einem Klick sagt uns die Anwendung, welche Haltestellen in der Nähe und wie weit sie entfernt sind. Wählen wir die gewünschte Haltestelle aus, wird uns angezeigt, welche Verkehrsmittel abfahren - und zwar in chronologischer Reihenfolge ihrer Abfahrt. Natürlich können wir auch reguläre Abfragen mit Start- und Zieleingabe starten, aber gerade die erstgenannte Funktion ist für regelmäßige Nutzer von Bussen und Bahnen fantastisch. Der Dienst funktioniert noch nicht in allen Städten, aber in Berlin sind alle Unternehmen vertreten.

Die Qualität der eigenen, exklusiv für Lumia entwickelten Software ist es, mit der Nokia überzeugt.
Die Qualität der Software ist es, mit der Nokia überzeugt. Und genau genommen waren sie da ja schon immer weit vorn - abgesehen eben von dem eher altbackenen Betriebssystem. Gute Software wie auch Hardware zeigt sich auch in der eingebauten Kamera. Die Pureview-Technik kommt leider nur im Nokia 920 zum Einsatz und acht Megapixel sind inzwischen schon ziemlicher Standard, aber mit der automatisierten Bildverbesserung holt man aus manchen Bildern noch einmal mehr raus. Außerdem ist es wieder die kostenlose Nokia-Software, die überzeugt. Mit Panorama erzeugen wir breite Fotos und mit Kreativstudio können wir durch einfachste Auswahlmenüs Bilder verbessern und aufhübschen.
Mit Intelligente Bilder werden automatisch mehrere Bilder hintereinander geschossen, um dadurch eine Auswahl zu haben, bei der wir uns das Beste heraussuchen. Außerdem lassen sich automatisiert Korrekturen vornehmen und sogar Dinge aus dem Bild rauschneiden. Cinemagramm dagegen ermöglicht es, kleine Animationen zu erstellen. Wir fotografieren eine Szene, bei der beispielsweise ein Papierdrache in der Luft weht. Die Software erkennt dies selbstständig und erzeugt automatisch kleine Gif-Animationen.
Die Akku-Laufzeit geht in Ordnung und wird mit 8,1 Stunden Sprechzeit, 61 Stunden Musikwiedergabe und 360 Stunden Standby angegeben. Und auch im Selbsttest waren wir mit der Dauer zufrieden und haben das Telefon im Schnitt etwas länger als einen Tag im Normalbetrieb genutzt. Das Iphone 5 liegt hier deutlich darunter, wiegt dafür aber auch 50 Gramm weniger und hat ein schärferes Display. Noch besser aber schneidet diesbezüglich das Samsung Galaxy S3 ab - mit ebenfalls besserem Display und weniger Gewicht. Mit einem Preis von rund 450 Euro aber ist die Nokia-Variante deutlich erschwinglicher. Trotzdem werden aber aktuellste Mobilfunkstandards unterstützt - auch LTE und sogar alle Frequenzen.

Nokia ermöglicht kabelloses Laden des Akkus und unterstützt die drahtlose Kommunikation über NFC.
Nokia setzt bei der Hardware kleine Akzente, ermöglicht kabelloses Laden des Akkus und unterstützt die drahtlose Kommunikation über NFC. Die Finnen liefern ein Telefon ab, mit dem wir uns sehr zufrieden geben dürfen. Es orientiert sich an liebgewonnenen Standards. Wir sind dankbar über austauschbare Akkus und Cover, freuen uns über Speichererweiterung durch SD-Karten. Bei der Software werden exklusive Anwendungen geboten, die wir bei anderen Telefonen schnell vermissen werden. Mit Navigation, Fotografie und Musik erobert Nokia unsere Herzen.
Für Gamer bietet der Wechsel zu Windows Phone 8 aber vielleicht auch etwas. Microsoft arbeitet weiter an vernetzten Welten und wird das eigene Betriebssystem natürlich auch unterstützen. Es gibt eine Verknüpfung zu Xbox Live, die Xbox 360 lässt sich über die App Smartglass steuern und vieles mehr. Dazu kommt Cloud-Unterstützung über Skydrive und ein Video- und Lieder-Laden. Wer sein Telefon mit dem Computer synchronisieren will, kann das problemlos mit Windows 7 und Windows 8 machen. Es gibt auch eine Applikation für Mac OS, die allerdings ein paar Macken hat.
Ein nettes Feature ist, dass die neuen Windows-Kacheln interaktiv sind. Das aktuelle Wetter oder Termine lassen sich beispielsweise auch ohne das Starten der jeweiligen App ablesen. Es gibt eine tiefe Integration von Facebook, Twitter, Linkedin und Windows Live - Kontakte werden zentralisiert zusammengefasst und aus den Netzwerken die Neuigkeiten und Nachrichten gezogen. Ähnlich macht dies auch Android, aber IOS zum Beispiel wirkt dahingehend etwas altbacken.
Ärgerlich sind ein paar Abstürze, die hoffentlich bald per Software-Update beseitigt werden. Windows Phone 8 überzeugt aber ansonsten. Es ist simpel zu bedienen, optisch leicht anpassbar und trotzdem sieht es auf allen Mobiltelefonen gleich aus. Das ist ein Vorteil gegenüber Android, der den Herstellern mehr Freiheiten lässt und dafür die Entwicklung von Apps erschwert. Abseits der Anwendungen von Nokia sieht es aber noch ein bisschen dünn im Appstore aus. Das Angebot wächst aber täglich, obwohl im App Store von Apple und im Playstore von Google einfach mehr los ist.
Zusätzliche Wertungen
- Aussehen
- 8 / 10
- Preis
- 8 / 10
- Qualität
- 8 / 10
- Funktionalität
- 9 / 10