Julian Gollop ist wahrscheinlichen am meisten bekannt für einen Strategie-Klassiker, den er in den 90er Jahren erfand: X-COM. Für viele wurde die ursprüngliche Formel nie wieder erreicht oder gar verbessert, auch nicht durch spätere Fortsetzungen oder Remakes. Aber das ist lange her. Nun arbeitet der gefeierte Entwickler an etwas Neuem - nämlich an Chaos Reborn.
Es ist auch ein Remake. Das Vorbild Chaos: The Battle of Wizards datiert noch zehn Jahre vor dem originalen X-COM. Chaos Reborn ist ein getreue Überarbeitung des ursprünglichen Konzepts, herübergerettet vom ZX Spectrum auf den modernen PC. Es ist beeindruckend, dass sich das Spiel angesichts der vielen Jahre trotzdem so frisch anfühlt. Meine kleine Anspielsession mit einem frühen Build lieferte genügend Beweise, dass es ein kluger Schachzug war, Chaos Reborn dem heutigen Publikum zugänglich zu machen.
Der Einstieg ist brutal und kurz, außerdem muss ich gleich gegen den Entwickler selbst spielen. Und Gollop hält sich nicht zurück. Während der Erklärung der Grundsysteme und wie die ganze Sache funktioniert, knallt er mich nebenbei vom Feld. Pech, was soll's. Der Grundgedanke des Spiels: zwei Zauberer (oder drei oder vier bzw. zwei Zweier-Teams) stehen sich in einer kleinen Arena gegenüber. Jedem ist eine Auswahl von Zaubersprüchen zugeordnet. Ein wesentliches Merkmal ist nun, dass diese Zauber zufällig verteilt werden. Man kann also nie wissen, welche Karten man kriegt und muss in jeder Runde frische Taktiken ins Spiel bringen.

Der Klassiker von 1985 kehrt in einem modernen Gewand zurück, aber funktioniert noch ziemlich genau wie früher.
Es gibt drei Arten von Magie, die im Kampf eingesetzt werden können, um Kreaturen zu beschwören und Zaubersprüche abzulassen: Neutral, Chaos und Law. Die letzteren beiden sind sehr konträre Ansätze und die uns zugeordneten Zauber bestimmen sehr wahrscheinlich den Weg, den eine Partie nimmt. Wer viele Law-Sprüche loslässt, wird im weiteren Verlauf sehr wahrscheinlich leistungsfähigere Law-Zauber bekommen. Die Law-Zauber beginnen mit normalen Magie-Attacken und beschwören Elfen und Zwerge. Am Ende einer Spielrunde kann man mächtige Kreaturen wie Riesen beschwören.
Jeder Zauber ist mit einem Wert für die Wahrscheinlichkeit verknüpft, mit der er gezaubert wird und trifft. Aber selbst hohe Prozentwerte sind keine Garantie dafür, dass es immer funktioniert. Wir können natürlich immer einen Illusionszauber wirken, der hundertprozentig funktioniert. Dieser erschafft eine Kopie einer Kreatur, die zwar heftigen Schäden verursacht, aber als Gegner ganz einfach zu besiegen ist, in dem wir einen Zauber wirken, der Illusionen besiegt, aber harmlos gegenüber normalen Einheiten ist.
Und natürlich scheinen wir kein großes Risiko einzugehen, wenn wir mit einem Zauber einfach die Einheiten unser Gegner auf ihre Echtheit überprüfen. Berücksichtigen wir aber die Grenze von 20 Runden und das ein Spruch für unseren Zauberer eine ganze Runde in Anspruch nimmt, dann könnte uns jeder falsche Schritt zurückwerfen. Insbesondere, wenn unser Gegenüber die ganze Zeit erfolgreich Zauber wirkt.
Es gibt verschiedene Zaubersprüche für verschiedene Gelegenheiten. Gollop, der der Chaos-Linie der Magie folgt, wirkte einen Zauber, welcher einen tödlichen Wald um seinem Magier sprießen ließ. Nach einem recht langsamen Start in unser zweites Spiel, sollte ihm dieser Schutz bieten, während er seine Kräfte neu sammelte. Dann rief er einen Skelettkrieger, um ihn zu verteidigen. Es gab keine Möglichkeit, seine Abwehr zu durchdringen. Trotz faktischer Überzahl wurden alle Angriffe abgewehrt und Gollop war in der Lage, einen Vergeltungsschlag zu wirken (und erneut zu gewinnen).

Aktuell sehen die Welten noch sehr trostlos aus, aber auch lebendigere Welten sollen folgen.
Es gibt ein paar Einheiten , die nur durch ähnliche Kreaturen verletzt werden können. Dazu gehören beispielsweise Zombies. Einige Einheiten können sehr viel weiter bewegt werden als andere, Manche sind großartige defensive Blocker, andere können aus der Ferne angreifen. Es gibt viel Abwechslung, und uns werden 80 Zauber zum Start des Spiels versprochen, was wiederum einen Haufen verschiedener taktischer Möglichkeiten und Ergebnisse bedeutet.
Der Kontrast zwischen Chaos und Law ist ein zentrales Element, der uns im Grunde dazu zwingt, bestimmte taktische Wege zu gehen. Es gibt auch Sprüche der Kategorie Neutral, die sich von Chaos und Law angrenzen. Mit ihnen können wir uns aus eine brenzligen Situation bringen, in dem wir beispielsweise Löwen und Adler beschwören. Aber unter dem Strich helfen sie uns nicht, unsere Chancen auf den Zugang zu ganz großen Zaubern zu erhöhen, die Chaos und Law vorbehalten sind. Im besten Fall sind sie eine nette, kleine Ergänzung, um uns aus einer Zwickmühle zu befreien.
Die Level sind zumindest im Moment sehr zerklüftet und trostlos. Uns werden mehr versprochen, die andere Elemente als Grundlage haben. Wir können bald also auch saftiges Gras und städtisches Gelände erwarten. Die Arenen selbst bestehen aus einem Hexagon-Raster mit drei verschiedenen Ebenen, die uns Vorteile beim Angriff verschaffen können. Wir können jeweils zwischen zwei Ebenen wechseln, uns aber natürlich nicht direkt von der höchsten auf die niedrigste oder umgekehrt bewegen. Das kann ärgerlich sein. Wir haben beispielsweise eine Einheit auf einem Level 3-Feld beschworen, welche dann von ihrer luftigen Höhe aus den gesamten Kampf beobachten musste, weil sie nicht nach unten klettern konnte.
Wir müssen also eine Menge berücksichtigen, aber Chaos Reborn ist auch sehr intuitiv. Es dauerte nicht lang, bis wir die wesentlichen Konzepte kapiert und verinnerlicht haben. Sehr wahrscheinlich gehört das Strategie-Spiel zu den klassischen Vertretern, die leicht zu lernen, aber schwer zu meistern sind. Es gibt daneben auch noch das Glückselement, da wir zufällig Zauber zugewiesen bekommen und das Scheitern von Sprüchen wirklich nervig werden kann. Während der Partie ist das Magische Schild mit 75-prozentiger Erfolgsquote zweimal hintereinander durchgefallen und kurz zuvor sind manche 90-Prozent-Beschwörungen gescheitert. Der Zufall macht das Spiel immer spannend und wir freuen uns schon drauf.
Und damit sind wir wahrscheinlich nicht allein. Es gibt da draußen bereits einen Haufen Fans des Originals, die bereits sehnsüchtig darauf warten, die Erfahrung aus ihrer Erinnerung, erneut und auf den aktuellen Stand gebracht, spielen zu können. Dazu kommt eine ganz neue Generation von Spielern, die Chaos und seine Vorzüge bisher nicht kennen. Und somit gibt es ein recht großes Publikum, das mit der Kickstarter-Kampagne erreicht werden soll. Diese ist heute gestartet und Gollop versucht mit seinem Team 180.000 Dollar einzusammeln, um das Projekt abzuschließen und zu veröffentlichen.
Wenn es denn dann erscheint, werden Neulinge und Freunde des Originals mit dem ursprünglichen Regelwerk des Klassikers von 1985 versorgt, aber es gibt auch Modi, die es uns etwa erlauben, ein Deck von Zaubern aufzubauen, wie es etwa bei Sammelkartenspielen möglich ist. Hinsichtlich der Kickstarter-Kampagne haben wir natürlich auch gefragt, ob es erweiterte Ziele für zusätzliche Features geben wird - etwa neue Zauber und Kreaturen. Aber Gollup will unbedingt so nah am Original bleiben, wie es nur möglich ist und sich nicht zu sehr von den Wurzeln entfernen.

Ob ein Zauber gelingt, hängt ein bisschen auch vom Zufall ab und so bleiben die Schlachten immer überraschend.
Neue Inhalte sollen dann übrigens durch Updates ergänzt werden und nicht etwa durch kostenpflichtige Zusatzinhalte. Von diesen sollten wir dann wiederum allerdings auch nicht erwarten, dass sie das Rad neuerfinden. Das Team ist mit dem schon ziemlich zufrieden, was sie haben. Allerdings könnte es sein, dass wir den Titel auch auf anderen Plattformen sehen. Chaos Reborn erscheint zunächst für PC, Mac und Linux. Das Thema Tablets und Konsolen wird noch geprüft und ist offen.
Mit Sicherheit aber können wir sagen, dass unsere ersten Eindrücke von diesem neu aufgelegten Klassiker sehr positiv sind. Es sind weitere Modi angedacht und uns wurde bereits gesagt, dass es eine Menge Spaß macht, die Zahlen im Multiplayer zu erhöhen - insbesondere in den 2 vs. 2-Schlachten. Hier braucht es eine Menge Koordination. Wir freuen uns darauf, schon bald mehr zu sehen und zu spielen. Hoffentlich erreicht die Kickstarter-Kampagne also ihr Ziel und wir bekommen Chaos Reborn früher oder später in die Hände.