Anno 1404: Venedig
Bei deutlich über 200.000 verkauften Einheiten liegt Anno 1404 derweil in Deutschland. Eine beeindruckende Zahl, die sicherlich noch gesteigert werden kann. Zum Beispiel mit einer Erweiterung. Eine, die auch den letzten Kritiker vom neuesten Teil der traditionsreichen Serie überzeugt.
Als Anno 1404 auf den Markt kam, da war die Freude groß. Endlich wieder Siedlungen bis in die späte Nacht errichten. Endlich wieder Handel im großen Stil betreiben. Doch etwas fehlte dem Gesamtpaket: ein Mehrspielermodus. Der ist für die Serie seit jeher so etwas wie ein Fluch. Hatten die Entwickler einen angekündigt, so kam er nicht (Anno 1503). Hatten sie ihn integriert, probierte ihn kaum ein Spieler aus (Anno 1701). Und kündigten sie an, es werde auf einen verzichtet, ärgerten sich die Fans (Anno 1404).
Aber klar, so ein Mehrspielermodus ist ja auch nicht mal eben schnell auf die Beine gestellt. Und überhaupt: Durch die Vertiefung des Wirtschaftssystems und die allgemein umfangreichere Komplexität wäre so ein Modus für die meisten Spieler ja so oder so uninteressant. Das dachten sich zumindest die Entwickler. Anders die Fans: Für eine Erweiterung wünschten die sich nichts sehnlicher als einen Multiplayer. Die Entwickler verstanden die Botschaft. Anno 1404: Venedig heißt die erste Erweiterung - und sie wird komplett auf das Spielen mit Freunden (oder Feinden) ausgelegt sein.
Komplett? So ganz und gar? Was ist mit denen, die alleine das Segel hissen möchten? Kein Problem. Auch das ist natürlich wieder möglich. Doch das Wichtigste vorab: Eine zusammenhängende Geschichte wird es dieses Mal nicht geben. Immerhin: 15 neue Karten sollen für knapp 40 Stunden reine Unterhaltungszeit sorgen. Das sind zumindest die offiziellen Angaben. Echte Veteranen werden die neuen Missionen vermutlich schneller beenden. Aber was wird denn nun Neues geboten?
Es gibt drei Mini-Geschichten, die sich den Helden aus der altbekannten Kampagne widmen. Wir lernen zum Beispiel, warum das Kaufmannsimperium von Giovanni Di Mercantes zu Grunde ging. Dazu gesellen sich Minispiele, wo wir etwa in die Haut eines Korsaren schlüpfen, um zur Geißel der Meere zu werden. Zu guter Letzt sind da noch neue, vordefinierte Aufgaben, die sich ganz eindeutig an die Anno-Profis richten. Wer sonst will freiwillig 1000 Bettler frei auf den Straßen und glückliche Bürger in den Häusern haben. Und zwar zur gleichen Zeit. Wie gesagt: Hier können erfahrene Handelsherren ihr Können unter Beweis stellen.
Schockschwerenot: All das gibt es im Mehrspielermodus nicht. Die neuen Szenarien wurden ausschließlich für den Solopart entwickelt. Für Freunde der geselligen Runde wird es lediglich das Endlosspiel geben - ein bisschen ärgerlich. Ganz besonders ärgerlich in Anbetracht der Tatsache, dass es einen kooperativen Spielmodus gibt. Für den wären klare Ziele sicher eine echte Bereicherung gewesen. Doch die Entwickler haben sich dagegen entschieden. Sei's drum. Wenigstens darf gemeinsam gezockt werden.
Beim kooperativen Spiel können wir uns mit bis zu drei weiteren Freunden um das Wohlergehen der eigenen Bürger sorgen. Theoretisch eine tolle Sache, doch gerade zu Beginn, wo es noch keine Siedlungen im Orient, noch keinen Grund zur Verteidigung der eigenen Stadtmauern und noch keine echten Handelsrouten zu verwalten gibt, kommt sehr schnell Langeweile auf. Denn Aufgaben müssen sinnvoll aufgeteilt werden, schließlich wird der zuletzt gegebene Befehl stoisch vom Spiel ausgeführt. Da hilft nur gute Organisation. Jedenfalls könnte es gerade zu Beginn kritisch werden. Dafür ist aber ebenso denkbar, dass ein Veteran im Duo mit einem Anfänger eben diesem beibringt, wie man erfolgreich Anno spielt.
Unproblematischer (und interessanter) dürfte das gemeinsame Gegeneinandersiedeln sein. Um hier die Aufbauphase ein wenig zu beschleunigen, wird wird bis zu drei Schiffen und einer halben Trillionen Tonnen Rohstoffen gestartet. Dann folgt das Altbekannte: Aufbauen, neue Inseln bevölkern und irgendwann eine Armee aus dem Boden stampfen. Wobei die Armee eigentlich gar nicht mehr nötig ist. Der Grund: Endlich verdient sich Anno 1404: Venedig seinen Namen. Ähnlich wie der Orient dient Venedig als Anlaufstelle für Rohstoffe und andere nette Dinge. Da gibt es zahlreiche neue Erweiterungen für Schiffe und Handelskontore. Aber eben auch zwei nette neue Features, die perfekt ins Spiel passen.
Zum einen wäre da die Spionage. Erfahrene Spieler erinnern sich noch an die Quests, bei denen ein Spion ausfindig gemacht werden musste. Genau das ist auch dieses Mal der Fall, nur dass es eben auch ohne großen Aufwand machbar ist, selbst Spione in feindliche Städte zu entsenden. Diese machen es sich dann in der gegnerischen Stadt gemütlich und nisten sich ein. In Bürgerhäusern können sie Feuer legen. In Patrizierhäusern für einen Aufstand sorgen. Es gibt zahllose Anwendungsmöglichkeiten. Aber so ein Spion kann natürlich auch entdeckt werden. Dann darf man ihn wie gewohnt suchen und einkassieren. Oder aber ein Geheimkabinett erledigt das automatisch, indem es in seinem Einflussbereich Spione enttarnt. Diese Kabinette lassen sich zudem tarnen, sodass das mächtige Werkzeug der Spionage nicht allzu einfach zu nutzen ist. Übrigens: Wird ein Spion enttarnt, verrät er nicht, wer ihn geschickt hat. Dadurch kann gerade bei einer größeren Runde viel Misstrauen entstehen: Wer hat mich da auf dem Kieker? Ist das Bündnis mit meinem besten Freund tatsächlich so eng, wie ich dachte?
Die zweite große Neuerung von Anno 1404: Venedig hört auf den Namen Ratsversammlung. Die gibt es nun auf jeder Insel. Oder anders ausgedrückt: Jede Insel hat einen Rat. Und ein Rat, der hat Sitze. Käuflich Sitze. Wer über viel Gold verfügt, der kann sich in den Rat einkaufen und Sitz für Sitz bestechen. Hat der Spieler die Mehrheit im Rat, kann er sich den Stadtschlüssel kaufen. Dann gehört ihm mit einem Schlag die ganze Insel. Und natürlich auch alle darauf befindlichen Bauten. So ist es jetzt durchaus möglich, den Gegnern wichtige Inseln wegzunehmen, ohne einen Krieg mit Truppen anzuzetteln. Ganz so einfach, wie das hier beschrieben ist, funktioniert das Ganze aber auch nicht. Warum? Weil so ein Sitz im Rat unglaublich teuer ist. Und der Stadtschlüssel kostet noch einmal ein Vielfaches davon. Und je mehr Gebäude auf einer Insel stehen, desto teurer wird das Unterfangen. Schier unbezahlbar ist es, wenn ein Kaiserdom errichtet wurde. Unmöglich ist es aber trotzdem nicht.
Und was hat sich sonst noch getan? Nicht allzu viel, das ist leider die bittere Wahrheit. Neue Rohstoffe gibt es nicht. Angeblich funktioniere das bisherige System doch perfekt und sei komplex genug, sagen die Entwickler. Auch schade: Eigene Wasserstädte wie Venedig selber bauen geht nicht. Darum stimmt der Name Anno 1404: Venedig nur bedingt - und ungenutztes Potenzial liegt brach. Dafür gibt es aber neue Inseltypen. So sind dieses Mal gigantische Inseln mit dabei, auf denen sich noch größere Megametropolen errichten lassen. Auch eine fast vollständig begrünte Orientinsel hat es ins Spiel geschafft. Die kommt dann aber auch nur mit wenigen Rohstoffen daher. Ebenfalls neu: Eine frische Naturkatastrophe: Zu Krankheiten und Tornados gesellt sich in Anno 1404: Venedig nun auch der Vulkanausbruch. Ausbrüche gibt es aber nur auf Vulkaninseln. Die haben zwar unglaublich viele Rohstoffe, doch sollte es jemals zum Ausbruch kommen (passiert nur selten), dann ist die Hölle los. Binnen Minuten werden teure Siedlungen einfach ausradiert. Vorbeifahrende Schiffe können von den Gesteinsbrocken übrigens auch getroffen werden. Schick sieht das dann natürlich auch noch aus, wenn sich Feuer- sowie Lavaeffekte zur ohnehin schon hübschen Optik dazu gesellen.
So. Das war es dann aber auch. Nein, eins noch: Die lange geforderten Paläste kehren zurück in die Spielwelt von Anno, um den Wert der eigenen Insel zu steigern. Gerade mit der Ratsversammlung im Hinterkopf eine interessante Angelegenheit. Insgesamt halten sich die Neuerungen und Erweiterungen aber in Grenzen. Klar, Anno-Fans bekommen genau das, was sie erwarten und Anno bleibt auch nach der Erweiterung Anno. Aber irgendwie hatte ich mir ein wenig mehr erhofft und ich glaube nicht, dass sich bis zur Veröffentlichung hier noch allzu viel ändern wird. Gut wird der Titel mit Sicherheit, doch wie bereits erwähnt: An vielen Stellen wäre auch noch mehr drin gewesen. Trotzdem: Nicht nur Kurt Krömer wird seinen Spaß haben.








