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Der Fall John Yesterday

Man könnte meinen, es gibt einen neuen Trend zu ernsthafteren Adventures. Nach der Runaway-Reihe und The Next Big Thing kommt von den Pendulo Studios der mysteriöse Krimi-Thriller Der Fall John Yesterday. Und auch in…
Martin Eiser Aktualisiert 14 März 2012

Als die spanischen Pendulo Studios bekanntgaben, ihr nächstes Spiel würde keine Liebeskomödie werden, sondern ein Thriller, war ich ziemlich skeptisch. Können die das überhaupt, eine ernsthafte Geschichte erzählen? Und wie soll das gehen, aufbauend auf der bisherigen Engine? Wie sollen wir bei Comic-Grafik Furcht spüren?

Ganz ehrlich, die ersten Minuten mit John Yesterday waren ganz schrecklich. Ich hab' es sogar gehasst. Nichts hat so funktioniert, wie es sollte - oder vielleicht besser gesagt, wie ich es erwartet habe. Ein reduziertes Menü und eingeschränkte Möglichkeiten zur Interaktion wirkten nicht wie ein Schritt in die richtige Richtung, sondern wie Augenwischerei. Mein erster Eindruck war: Hier wurde zu Gunsten eines übertriebenen Minimalismus-Gedankens gespart. Aber inzwischen habe ich das Konzept durchschaut und "wow", sie haben mich.

Ganz konkret wurden sämtliche Funktionen auf eine ausfahrbare Leiste zusammengestaucht. Hier befinden sich das Inventar und links daneben lediglich sechs Funktionstasten. Ein Knopf mit einem symbolisierten Fadenkreuz offenbart uns bei Aktivierung die Elemente, mit denen wir interagieren können. Die Glühbirne links daneben gibt Tipps, wenn wir nicht weiterkommen. Ein Stern lässt uns zwischen den bereits gespielten Kapiteln hin- und herspringen und ein Lautsprecher lässt uns die Lautstärke ändern. Die beiden verbliebenen Köpfe sind zum Verlassen des Spiel und zum Festsetzen der Leiste - normalerweise würde die sich nämlich nur heraustrauen, wenn wir mit der Maus an den unteren Bildschirmrand kommen.

Das Menü wurde stark vereinfacht und die Interaktion so simpel wie möglich gemacht.

Die Eingabemaske von Der Fall John Yesterday ist quasi die Apple-Version unter den Adventures. Wir speichern nicht mehr selbst, drücken keine Tasten auf der Tastatur oder öffnen irgendwelche anderen versteckten Kästen, die uns aus der Geschichte reißen. Und selbst das Verwenden von Gegenständen wurde glattgebügelt. Die Klicken wir an und sie ziehen sie aus der Leiste, wenn wir sie mit anderen Dingen kombinieren wollen. Und die tolle Idee, dass wir Wege abkürzen, indem wir doppelt auf etwas entferntes Klicken? Die Pendulo Studios haben das automatisiert. Wir warten einfach gar nicht mehr, sondern werden sowieso auf kurzem Wege zum gewünschten Punkt gebracht.

Es sind viele kleine clevere Entscheidungen, die sich zunächst furchtbar ungewohnt anfühlen. Der Vergleich mit Apple ist da gar nicht so falsch. Wer vorher eine der älteren Windows-Versionen an einem PC benutzt hat, wird das Betriebssystem OSX auf einem Mac für umständlich halten. Dabei ist doch eigentlich genau das Gegenteil der Fall. Und so fühlt sich auch Der Fall John Yesterday zunächst merkwürdig an, aber ziemlich schnell will man eigentlich gar nichts anderes mehr haben.

Die Dialoge und Interaktionen finden in Boxen statt, die denen von Comics ähneln. Sie fokussieren einen Ausschnitt und geben uns genau zwei Möglichkeiten zur Interaktion. Entweder wir schauen uns einen Gegenstand beziehungsweise eine Person genauer an oder wir interagieren. Auch hier sind es nur Symbole, die uns die Pendulo Studios zur Verfügung stellen. Aber es ist alles ganz natürlich und das ist wohl die größte Überraschung.

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Der zweite Punkt, der stark überarbeitet wurde, ist das Hilfe-System. Irgendwann hatte man sich schon daran gewöhnt, sich einfach alles anzeigen zu lassen, was irgendwie zur Interaktion bereit war. Ein Tastendruck und die Stellen wurden markiert. Die neue Funktion bei Der Fall John Yesterday allerdings macht das etwas anders. Klicken wir darauf, leuchten sehr schnell die verschiedenen Punkte nacheinander auf. Unser Auge wird gerade in großen Räumen nicht so schnell alles erfassen können und irgendwann finden wir uns damit ab und suchen immer öfter wieder selbst alles mit der Maus ab. Sonst übersehen wir vielleicht etwas...

Stecken wir fest, können wir uns Hinweise geben lassen, die allerdings nicht die Lösung verraten, sondern wirklich nur einen Tipp geben. Haben wir das einmal gemacht, müssen wir erst eine bestimmte Zahl von Aktionen durchführen, bevor wir den nächsten Tipp in Anspruch nehmen. Auch das ist wieder so eine Erziehungsfrage. Mancher hat vorher vielleicht zu schnell zu oft eine solche Funktion genutzt. Jetzt soll sie wirklich nur in schwierigen Situationen aushelfen und keine Dauerlösung sein.

Eine okulte Sekte ist Dreh- und Angelpunkt der Story, aber was hat es damit nur auf sich?

Neben dem wirklich fantastischen neuen Interface haben die PenduloStudios aber eben auch eine anders geartete Handlung für ihr Adventure konzipiert. Der Thriller dreht sich um den Sekten-Spezialisten John Yesterday, der sein Gedächtnis verloren hat. Eigentlich war er einer merkwürdigen Gruppe auf der Spur, die eigentümliche Brandmale als Markenzeichen nutzt. Er muss dann aber versucht haben, sich umzubringen, denn John wurde von seinem Freund Henry White halbtot auf seinem Zimmer gefunden. Irgendetwas sehr Komisches geht da vor.

Der Comic-Stil steht dem etwas ernster geratenen Stoff nicht wirklich im Weg. Die Sprecher sind überwiegend gut und es gibt durchaus Momente, die spannend sind oder uns Furcht einjagen können. Die Grafik ist ganz hervorragend, auch wenn die noch frühe Version ein paar Fehler produziert hat. Und ganz ohne Humor können sie dann wohl doch nicht, denn einige Charaktere sind trotzdem absurd und offenbaren in den vielen Dialogpassagen irre Momente - inklusive einer Spur Selbstironie.

Über die Qualität der Handlung lässt sich aber noch nicht wirklich viel sagen. Es war mehr ein kurzes Eintauchen in eine neue Welt, ein an der Oberfläche kratzen. Viel zu viel ist noch offen, aber zumindest die ersten Kapitel sind überzeugend und man will wissen, wie es weitergeht. Größten Respekt aber habe ich vor der Art und Weise, wie wir spielen. Selbst die kleinen Spielchen zwischendurch sind viel besser eingebunden und können nicht mehr einfach nur so übersprungen werden. Es ist ein ganzheitlicheres Erlebnis - etwas, was das Adventure-Genre voranbringen könnte.

Zweite Meinung

Natürlich steht und fällt ein Adventure mit der Geschichte, die es erzählen will. So lange die noch vage bleibt, lässt sich daher kein Urteil bilden. Aber Der Fall John Yesterday ist faszinierend und bisher haben uns die Pendulo Studios nie enttäuscht. Zusammen mit dem neuen Interface könnte das ein ganz großer Wurf werden.

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