Es war eine sehr dunkle Zeit in der Geschichte der Videospiel-Industrie. Die Spiele waren lausig, zu viele schlechte Geräte überschwemmten den Markt und alles schien sich auf das Ende der Konsole zu zubewegen. Das Spielen vor dem heimischen Fernseher war verpönt und Arcade-Automaten wurde eine glänzende Zukunft vorhergesagt. Es war zu dieser Zeit etwa, als das kleine Unternehmen Nintendo sich dazu entschloss, sein Glück mit dem Famicom zu versuchen - ein Gerät, das wir heute als NES kennen.
Genau vor 30 Jahren wurde das NES in Japan veröffentlicht und schnell als Retter der Branche gehandelt. Wo andere Entwickler in komplexe Controller oder Zubehör wie Tastaturen investierten, entschied sich Nintendo für das komplette Gegenteil. Es vereinfachte den Controller bis an die Grenzen des Möglichen und befreite die Konsole von allen zusätzlichen und unnötigen Funktionen. Nur noch spielen sollten wir damit können. Die veröffentlichten Spiele wurden auf leicht zu handhabenden Modulen veröffentlicht. Und auch die Leistung wurde zurückgefahren, um alles so unkompliziert wie möglich zu machen.
Da ist es nicht schwer, Pallellen zur heutigen Zeit zu ziehen, denn auch jetzt noch funktioniert Nintendo nach dem selben Prinzip. Die Spielen stehen im Vordergrund, die Hardware ist simpler als bei der Konkurrenz und es steckt immer eine Menge Köpfchen dahinter. Das NES, damals noch Famicom, war trotzdem nicht vom Start weg ein Erfolg und das obwohl Donkey Kong bereits als Launchtitel erschienen ist. Doch damals wie heute ist es nicht ungewöhnlich, dass die frühen Versionen der Konsolen auf Probleme stoßen und sich anfangs kaum verkaufen oder sogar wieder umgetauscht werden.
Aber es dauerte nicht lange und die Konsole nahm an Fahrt auf und schon ein Jahr später startete die Erfolgsgeschichte. Daraufhin entschloss sich Nintendo, den Schritt nach Amerika zu wagen. Dort hatte der große Crash die komplette Spielewelt dahingerafft und der Schritt des japanischen Unternehmends galt bei vielen Medien als finanzieller Selbstmord. Doch sie sollten sich alle irren. 1985 wurde das NES in New York veröffentlicht gemeinsam mit vielen Spielen, die heute noch als zeitlose Klassiker gelten. Darunter: Duck Hunt, Excitebike, Wrecking Crew und natürlich Super Mario Bros.

Der Zapper war eine Lightgun für das NES, die aussah wie ein Revolver - in den Vereinigten Staaten wurde das eigentlich graue Ding später orange, weil es Waffengesetz gab, wonach nachgeahmte Waffen keine realistischen Farben haben dürfen.
Da sollte man meinen, es war von hier an ein Spaziergang für Nintendo. Aber der Crash in der Spieleindustrie war zu ernst gewesen, als das es Spielraum für Experimente gegeben hätte. Aus diesem Grund steht NES auch für Nintendo Entertainment System und vermied demonstrativ die Bezeichnung Konsole. Daher hießen auch die Module Game Paks und nicht einfach Videospiele. Und auch dem gleichen Grund hatte Nintendo für seine Produkte ein ausgewiesenes Gütesiegel, seinem offiziellen Firmenstempel. Genau der findet sich auch noch heute auf allen ihren Verpackungen.
Um wirklich niemandem auf die Füße zu treten, wurde in Spielen auf vieles verzichtet - auf mögliche religiöse Symbole, Gewalt, Sex und auch allem anderen, was als für Kinder und Jugendliche gefährlich angesehen werden könnte. Wie strikt diesem Konzept nachgegangen wurde, zeigt das brillante Spiel Devil World von Shigeru Miyamoto, das in den USA aufgrund auftauchender Bibeln und des Teufels nicht veröffentlicht werden durfte.

Nur wenige Menschen in Europa kennen die Originalversionen der NES-Spiele, den wir bekamen auf Grund des PAL-System verkleinerte Versionen, die dazu um 20 Prozent langsamer waren.
Für uns in Deutschland ist die Geschichte hinter dem NES besonders aufregend. In Deutschland erschien die Konsole über die Firma Bienengräber, die bereits die Game & Watch-Reihe nach Deutschland gebracht haben. Start der Konsole war 1986 in Europa - unter anderem mit The Legend of Zelda unter den erhältlichen Spielen zum Start. Und dann 1990 gründete Nintendo in Großostheim bei Frankfurt ihre europäische Niederlassung Nintendo of Europe. Der damalige Konzernchef Hiroshi Yamauchi sah in dem deutschen Markt noch großes Potential und wählte daher unter anderem Deutschland aus aus.
Es wurde versucht ein attraktives Angebote zu bieten und es gab tolle Sachen wie zum Beispiel den Nintendo Club. Dabei ist der Nintendo Club nur in etwa mit dem Club Nintendo von heute zu vergleichen. Das Angebot war persönlicher, es gab regelmäßig das Club-Magazin, für alle Mitglieder gab es einen Mitgliedsausweis und es gab eine spezielle Hilfe-Hotline, wo wir anrufen konnten, wenn wir in einem Spiel festgehangen haben. In einer Zeit, in der es noch kein Internet gab, war dieses Konzept fabelhaft und hat uns noch enger an das Unternehmen gebunden.

Nintendos Hauptquartier in Kyoto ist ein Ort voller Magie und obwohl das NES 30 wird, existiert Nintendo schon viel länger - seit 1889, um genau zu sein.
Man kann gar nicht genug betonen, wie wichtig das NES für die gesamte Industrie war. Die Konsole hauchte dem Markt nicht nur neues Leben ein, sie erfand durch ihre Spiele auch viele der heute beliebten Genres. Natürlich hat Nintendo - entgegen häufig vertretener Meinungen - das Rad nicht neu erfunden, aber der Konzern entwickelte kluge Konzepte und setzte sie vernünftig um. Ein gutes Beispiel dafür ist Super Mario Bros., das nicht, wie oft angenommen, das erste Side-Scrolling-Spiel war. Der Titel fällt Defender aus dem Jahre 1980 zu. Es war nicht einmal das erste Side-Scrolling Jump'n'Run - auch hier war ein Spiel namens Jump Bug schneller.
Super Mario Bros. machte aber diese Art von Spielen zu einer unglaublich unterhaltsamen Spielerfahrung für jeden von uns und war bis zum Rand gefüllt mit simplen, aber cleveren Ideen. Shigeru Miyamoto hat sich bereits ausgiebig zu den Ideen ausgelassen, die man ursprünglich für den Titel im Hinterkopf hatte. Zum Beispiel ging es anfangs mehr ums Schieben und die Schildkröten mussten erst umgedreht werden, bevor man sie besiegen konnte - so wie wir das aus dem Spiel Mario Bros. kennen. Durch den straffen und klugen Aufbau der Welten wurde Super Mario Bros. für alle Altersgruppen zu dem vermutlich wichtigsten Spiel und gleichzeitig zu einem der am besten verkauften aller Zeiten.

Marios Kleidung wurde farblich so gewählt, um sich vom Hintergrund abgzugrenzen und eine Mütze hat er nur auf, weil sonst Haare und Augenbrauen nötig wären. Den Schnurrbart bekam Mario, damit der Mund nicht sichtbar sein muss. Andere Tricks von Nintendo, zeigen sich in den Wolken und Sträuchern, die gleich sind, aber andere Farben haben.
Bevor wir aber noch tiefer in die 30jährige Geschichte einsteigen, schauen wir uns zunächst an, wie der Werdegang des Famicom war - bevor er zum NES wurde. Erstaunlicherweise unterschied sich der NES nämlich gewaltig von der japanischen Version. Die markantesten Unterschiede stechen sofort ins Auge: Der Famicom war ein Toploader, wir mussten also die Module oben einstecken. Um Kosten zu sparen, konnten beim japanischen Modell auch die Controller nicht entfernt werden, aber sie besaßen eingebaute Mikrofone.
Letzteres kam beispielsweise beim ersten Legend of Zelda zum Einsatz. In dessen Gebrauchsanweisung war zu lesen, dass die hasenartigen Pols Voices keine lauten Geräusche mögen. Was sollte man bei uns im Westen nun mit dieser Information anfangen? In Japan war das klar, denn mit Hilfe des Mikros brüllte man dort in den Controller, wodurch die Gegner verschwanden.

Das ist das NES, so wie wir es hier kennen - der graue Brotkasten mit dem Einschub für Module an der Front.
Das NES war aber in vielerlei Hinsicht ein besseres Gerät als der Famicom. Einzig der Mangel an ausreichenden Kontakten im Modulschaft blieb ein ewiger Makel. So gab es immer Probleme damit, Spiele zum Laufen zu bringen - und oftmals half dann nur noch reinpusten. Staub, dachten wir damals noch, doch es lag eigentlich an der Oberfläche der Kontakte. Durch das Reinpusten gelangte Feuchtigkeit in die Kassetten, die zwar für Kontakt sorgten, den Verfall der Oberfläche aber gleichzeitig weiter beschleunigten.
Als sich die Spiele immer weiter entwickelten und verbessert wurden, veröffentlichte Sega das Master System und zwang Nintendo im selben Zug, die Leistung des NES zu verbessern. Die Lösung war ein einfacher Grafikschub in den Datenträgern, der bessere Effekte hervorzauberte. Dieser Chip, bekannt unter dem Namen MMC, erschien in verschiedenen Ausführungen. Am bekanntesten waren die Versionen MMC1 und MMC3.

Little Mac wurde Little Mac genannt, um eine witzige Anspielung auf den beliebten Hamburger Big Mac zu sein.
MMC2 wurde nur in einem Spiel eingesetzt: Mike Tysons Punch-Out, das als eines der besten Spiele der Plattform gilt und zu den sogenannten Silver Games zählte. Als Nintendo das NES auf den Markt brachte, veröffentlichten sie vor allem ihre selbstentwickelten Titel. Die Spiele auf dem NES wurden eingeteilt in Black Games für etwa 80 DM, Silver Games für etwa 90 DM und Gold Games 100 DM.
Zu der letztgenannten Gruppe gehörten etwa das erste Zelda und dessen Nachfolger Zelda II: Adventures of Link, welche nicht nur in einer goldenen Verpackung, sondern auch auf einer goldenen Spielekassette geliefert wurden. Auch diese Titel haben das NES maßgeblich beeinflusst und leiteten aus heutiger Sicht den Beginn des Rollenspiel-Genres ein. Ironischerweise würde man die Spiele der The Legend of Zelda-Reihe heute nicht mehr als Rollenspiel bezeichnen, aber ohne dieses epische Abenteuerspiel hätte es kein einziges Final Fantasy gegeben.

Eines der größten und einflussreichsten NES-Spiele war Final Fantasy, das in den USA, aber leider nie in Europa veröffentlicht wurde.
Die Bedeutung des NES kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn natürlich folgten diesem Erfolg nun viele Third-Party-Entwickler und wer heute noch an die großartigen Spiele dieser Konsole zurückdenkt, wird viele gute Erinnerung an tolle Stunden damit verbinden, die für ein breites Grinsen im Gesicht sorgen. Hervorgehoben seien an dieser Stelle beispielsweise Titel wie Castlevania, Duck Tales, Ice Hockey, Kid Icarus, Mega Man 2, Metal Gear, Metroid, RC Pro-Am, Super Mario Bros. 3, Teenage Mutant Ninja Turtles sowie Track & Field II. Dazu kommen noch die schon oben erwähnten Excitebike, Punch-Out und Zelda. Das NES war eine magische Konsole, daran gibt es überhaupt keinen Zweifel und selbst 30 Jahre später, sind viele dieser Spiele noch immer überraschend gut.

Mega Man 2, Pro-Wrestling und Track & Field II - drei unwahrscheinlich gute Spiele für das NES.
Vielleicht, aber auch nur vielleicht, lief es ein bisschen zu gut für das NES. Nintendo hatte so viel Selbstvertrauen getankt, das es die kleine rebellische Box von Sega, den Mega Drive, völlig ignorierte. 1988 wurde der in Japan veröffentlicht und eroberte von dort aus ein Jahr später die USA und ein weiteres Jahr später Europa. Vielleicht dachte der japanische Konzern, er hätte die gesamte Spielewelt in seiner kleinen Konsole vereint. Doch langsam aber sicher begannen viele Entwickler zu Konkurrent Sega zu wechseln, der Dank großartiger Spiele und toller Grafik ebenfalls ein breites Publikum überzeugt hatte - vor allem auch in Europa. Der Super Nintendo kam vermutlich ein bis zwei Jahre zu spät und das gab Sega wiederum die Gelegenheit, Nintendos Dominanz zu brechen. Erst mit der Wii schaffte es Nintendo zurück an die Spitze.
Mit Wario's Woods erschien 1994 das offiziell letzte Spiel für das NES. Die Konsole selbst wurde allerdings noch bis 2003 für Japan weiterproduziert. Erst vor knapp zehn Jahren also, wurden keine neuen Geräte mehr ausgeliefert. Mit über 20 Jahren Produktionszeit stellte das NES damit einen Rekord auf, den keine andere Konsole bisher überbieten konnte. Insgesamt wurden 62 Millionen Einheiten verkauft. Gefolgt wird diese unglaubliche Zahl von Konkurrent Sega und dessen Master System mit gerade einmal 10 Millionen Einheiten. Erwähnt sei an dieser Stelle allerdings, dass sich das Master System noch bis in die 90er hinein unglaublich gut in Brasilien verkaufte und schließlich bei 15 Millionen Einheiten landete.
Um unseren Rundumschlag zum NES abzuschließen, gibt es von uns noch ein paar persönliche Zeilen, zu unseren magischen Momenten mit der Konsole. Also Hip Hip Hurra und alles Gute zum Geburtstag!

Christian: Super Mario Bros. 3. Keine Frage. Das NES ist für mich untrennbar mit diesem meisterhaften Jump'n'Run verbunden, das mich mit seiner Komplexität 1991 vollkommen verzaubert hat. Stärker noch als das Zelda-RPG. Die extrem weitläufige Spielwelt hab' ich sicherlich nicht vollkommen erkundet, bevor der Endkampf gegen den Koopa-König das Spiel erledigte. Es müssen Tage gewesen sein, die ich mich damit beschäftigt habe. Viele Tage. Manchmal gemeinsam mit Freunden, manchmal alleine im Kampf gegen Sprünge und Flugpassagen. Grafisch ist das alles aus heutiger Sicht natürlich eher spartanisch pixelig, aber man konnte in vieles eben auch vieles hinein interpretieren. Und allein die Auswahl der Farben hat mich nachhaltig beeinflusst, diese starken Kontraste und großen Farbflächen trafen genau meinen Geschmack. Super Mario Bros. 3 hat meine Liebe zu Videospielen als Ausdrucksmittel definiert. Es ist ein Kunstwerk.

Martin: Für mich gibt es zwei besondere Erinnerungen, die ich mit dem NES verbinde. Zum einen weiß ich immer noch, wie ich als kleiner Pimpf bei Anne-Katrin im Wohnzimmer saß und wir Super Mario Bros. spielten. Ich allerdings war sehr ungeübt und riss bei jedem Sprung den Controller mit, weil ich glaubte, dann die großen Gräben besser überwinden zu können. Das muss so albern ausgesehen haben und trotz aller Verränkungen kam ich nie weit. Aber Spaß machte es trotzdem. Ein paar Jahre später spielte ich dann bei meinem Kumpel Stephan Star Tropics. Dieses Ding war wirklich großartig und es gehört meiner Meinung nach zu den unterschätzten Titeln aus dieser Zeit. Mit einem Jojo kämpfte sich der Junge durch verschiedene Level, löste Rätsel und hatte es mit wirklich fiesen Gegnern zu tun. Star Tropics ist unmenschlich schwer und trotzdem so großartig. Mitte der Neunziger spielte ich dann bei den Nachbarn und meist war es die Flugzeugsimulation Top Gun. Das ist tatsächlich auch ein ziemlich lustiges Spiel, dass aus damaliger Sicht durchaus authentisch wirkte. Witzigerweise habe ich mein eigenes NES erst vor etwa fünf Jahren bekommen. Aber alte Liebe rostet nicht.