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Wallace & Gromit's Grand Adventures

Wallace & Gromit's Grand Adventures

Wallace & Gromit waren im Fernsehen und im Kino ein Publikumserfolg. Nicht nur, weil sie aus animierter Knete sind, sondern wegen ihrer kauzigen Charaktere und der witzigen Story. Diese Videospiel-Umsetzung versucht nun, die Knete zu digitalisieren - und vergisst dabei leider den Rest...

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Als eine Art Retro-Gegenbewegung zum Animationsfilm sorgte Nick Park 1989 mit den Knetfiguren Wallace und Gromit für Furore. Allein der schiere Aufwand an Handarbeit, aus Plastillin und Stop-Motion-Technik Fernseh-Episoden, Kurzfilme und 2005 sogar einen Kinofilm zu produzieren, nötigte dem Zuschauer einigen Respekt ab. Die Figuren, besonders ihre Mimik, waren kunstvoll bis ins kleinste Detail zum Leben erweckt. Davon lebte der Knet-Hype, der mit Chicken Run oder dem Spin-Off um das Schaf Shaun seinen vorläufigen Höhepunkt fand.

Aber was passiert, wenn man die Knetfiguren für ein Videospiel wieder, sozusagen, re-animiert? Der eigentliche Reiz der Knet-Technik geht bei dieser digitalen Transkription zwangsläufig verloren - umso wichtiger wäre es für den Erfolg des Spiels, dass der bisweilen zynische britische Humor und die exzentrischen Eigenarten der Figuren erhalten bleiben. Doch daran scheitert Wallace & Gromit's Grand Adventures letzten Endes. Leider.

Daedalic hat Ende Juli Urlaub unter Tage, die erste von vier Episoden des Spiels in Deutschland auf den Markt gebracht. Die Handlung klingt erstmal nett: Die skurrile Wohngemeinschaft aus dem Erfinder Wallace und seinem Hund Gromit will eigentlich zu einem Strandurlaub am Meer aufbrechen - da setzt ein typisch englischer Wolkenbruch den Keller der West Wallaby Street 62 unter Wasser und der Urlaubsplan fällt gleich mit hinein. Kurzerhand baut Wallace den Keller zur unterirdischen Strandlandschaft um, die er dann auch noch gewinnbringend bei Freunden und Bekannten vermarkten will. Das ist das Storysetting, in dem das klassische Point and Click-Adventure seine Rätselaufgaben für uns unterbringt.

Wallace & Gromit's Grand Adventures
Echte oder virtuelle Knete? Zumindest in der höchsten Grafik-Einstellung sieht man da kaum einen Unterschied.

Ob die Rätsel als so "knifflig" wahrgenommen werden, wie die Packung verspricht, hängt stark vom Alter des Spielers ab. Mal müssen Gegenstände oder Formulare einer anderen Person übergeben werden, mal muss ein Streit zwischen zwei Nachbarn mit Worten geschlichtet werden, auch eine Art Sherlock Holmes-Ermittlung ist dabei. Die Zahl der aktiven Gegenstände in jedem Raum ist übersichtlich, meistens sogar liegen Problemstellung und -Lösung im selben Raum. Kombinationen von mehreren Gegenständen kommen so gut wie nie vor. Da dauert das Lösen des Rätsels meist nicht allzu lange. Wer dann noch die (durchaus subtil eingestreuten) Hinweise nicht vorher ausgeschaltet hat, erlebt einen fast reibungslosen Durchmarsch durch die Kapitel.

Hin und wieder überrascht Wallace & Gromit's Grand Adventures aber dann doch mit witzigen Ideen: Dass Wallace die Zeitungsverkäuferin Edwina mit kleinen Bemerkungen aufmuntern muss, die sich eigentlich auf den stinkenden Käse vor ihm beziehen - darauf muss man erstmal kommen.

Diese Momente erinnern einen kurz an den Humor der Fernseh- und Filmvorlagen. Die waren überwiegend bissig und vor allem temporeich. Im Spiel ist das aber leider die Ausnahme. Die Dialoge sind nur selten hintergründig, dafür aber umso länger: Das Spiel besteht gefühlt zu 50 Prozent aus Filmsequenzen, zum Verständnis der Handlung wäre nicht einmal die Hälfte davon nötig gewesen.

Wallace & Gromit's Grand Adventures
Angriff der Killer-Hündchen: Constable Dibbins wird die Wadenbeißer von Felicity Flitt nicht los.

Wenn sich Constable Dibbins und Major Crum wortreich streiten, wer in der Stadt das Sagen hat, wirkt das äußerst sperrig konstruiert. Und bei der minutenlangen Erzählung des Majors von der Schlacht von Aqaba sind mir zwischendurch tatsächlich kurz die Augen zugefallen... Das Argument, dass ein Spiel mit USK-Freigabe "Ab 0" immer den Spagat schaffen muss, sowohl Kindern wie Erwachsenen eine verständliche Story zu bieten, zieht hier nicht - denn gerade Kinder steigen in den langatmigen Filmsequenzen garantiert als erste aus. Die Spielzeit der ganzen Episode ist im Prinzip nicht zu kurz ausgefallen - zieht man jedoch die erwähnten Filmszenen ab, bleibt schon nicht mehr ganz so viel übrig.

Man könnte natürlich in diesen Szenen einfach den Ton abstellen und sich an der Grafik freuen. In der höchsten Grafik-Einstellung lässt das Spiel einen fast vergessen, dass es "nur" Polygone und keine abgefilmten Knetfiguren sind, die da über den Bildschirm wackeln. Die Knetoptik ist in Formen, Texturen und Animation gelungen. Hier und da glaubt man sogar, die charakteristischen Fingerabdrücke auf der virtuellen Knete sehen zu können. Die Kulissen des Spiels sind übersichtlich und aufgeräumt, und trotzdem liebevoll gemacht. Es hätten nur ein paar mehr sein dürfen - sonderlich viel Auslauf hat Gromit in Haus und Stadt nämlich nicht.

Wer auf Grund begrenzter Rechnerleistung die Grafik-Einstellungen auf eine der unteren Stufen runterregeln muss, macht Abstriche bei Texturen und auch die Figuren werden dann ein bisschen eckiger. Das authentische Knete-Gefühl geht damit verloren.

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Eine der witzigeren Nebenfiguren: Käsehändler Paneer baut sich in Wallace's Kellerstrand eine Sandburg - nein, einen Käseladen aus Sand.

Ich habe die Wallace & Gromit immer gerne im Fernsehen angeschaut, und war immer weniger ein Wallace- als eher ein Gromit-Fan. Dieser Hund verdient einfach Anerkennung, weil er im Gegensatz zu seinem zerstreuten Herrchen immer den Durchblick behält und die Dinge, die Wallace verbockt, still aber konsequent ausbügelt. Im Videospiel wird er ein bisschen zum kopfschüttelnden Nebendarsteller degradiert. Das eine oder andere Rätsel darf er aber immerhin selbst lösen. Manche der Nebendarsteller gewinnen hingegen im Spiel sogar an Profil: Der indische Käsehändler Paneer zum Beispiel ist ein exaktes Abbild jedes realen Gemüsehändlers gleicher Herkunft. Ein herrlicher Charakterkopf mit schönem Dialekt, auch in Deutsch.

Das Spiel wurde extra für den Release auf CD-ROM komplett synchronisiert - als Downloadtitel war es bislang nur in der englischen Originalfassung mit Untertiteln zu haben. Welche Version man persönlich besser findet, mag jeder selbst entscheiden. Letztlich verhält es sich mit der Sprache in Videospielen nicht anders als mit Kinofilmen: Die einen stört, dass immer ein Teil des Wortwitzes mit der Übersetzung flöten geht, und sie schwören auf die Originalsprache mit Untertiteln. Die anderen kriegen beim Lesen der Untertitel die Hälfte des Geschehens nicht mehr mit und sind dankbar für die synchronisierte Fassung. Für letztere spricht auf jeden Fall, dass Peter Kirchberger engagiert wurde, der von Anfang Wallace seine deutsche Stimme gab. Und seine Sache sehr gut macht.

Die Steuerung ist simpel: Bewegen mit WASD- oder Pfeiltasten, Anpeilen und Benutzen von Gegenständen mit der Maus. Das Inventar von Wallace oder Gromit lässt sich mit der Shift-Taste aufrufen, mit dem Mausrad scrollt man sich schneller durch die Liste. Das ist alles sehr übersichtlich - das Tutorial am Anfang daher eher überflüssig, aber schön zum Eingewöhnen.

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Viele Details, trotzdem übersichtlich: Die Spielkulissen sind liebevoll gestaltet. Es hätten allerdings ein paar mehr sein dürfen.

Das Charmanteste an Wallace & Gromit's Grand Adventures ist wahrscheinlich der Spielsound. Der klingt zumindest handgemacht, und passt sich dem Geschehen auf dem Bildschirm an: Von getragenen Bläsern bis zum Ragtime wird das Grundthema variiert. In seinem Kellerstrand kann Wallace die Hintergrundbeschallung sogar auf Knopfdruck ändern - das ist doch mal eine schöne Lösung gegen Ohrenkrebs infolge der Endlosschleifen in manch anderem Spiel.

Ich frage mich, ob sich eingefleischte Wallace & Gromit-Fans durch die gelungene Grafik und den passenden Sound darüber hinwegtrösten lassen, dass die Charaktere eher blass sind und die Geschichte von langatmigen Filmchen unterbrochen wird. Die Stückelung des Spiels auf vier Episoden hat den Vorteil, dass die Macher über die Verkaufszahlen der nächsten Episode eine direkte Antwort auf die Frage bekommen. Die drei weiteren Episoden von Wallace & Gromit's Grand Adventures erscheinen in Deutschland in loser Folge bis Ende Oktober.

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06 Gamereactor Deutschland
6 / 10
+
Knet-echte Grafik, schöner Soundtrack, Original-Synchronstimme von Wallace, einige gut getroffene Nebendarsteller
-
langatmige Filmsequenzen, konstruierte Rätsel, wenig serientypischer Humor übrig
overall score
ist die Durchschnittswertung von Gamereactor. Wie hoch ist eure Wertung? Die Durchschnittwertung aller Gamereactor-Redaktionen wird aus den Wertungen in allen Ländern erhoben, in denen es lokalen Gamereactor-Redaktionen gibt

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