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Train Simulator Railworks 2010

Train Simulator Railworks 2010

Mein Verhältnis zu Zügen ist ja ein eher gestörtes. Als Berliner, der sein Studium in Potsdam absolviert, war ich bisher viel abhängiger von überfüllten und notorisch verspäteten Regionalzügen als mir lieb ist. Dass der Hauptstadt im vergangenen Sommer fast die gesamte S-Bahn weggebrochen ist, vervollständigte meine Abneigung endgültig. Vor mir liegt Train Simulator Railworks 2010, ich soll es spielen und dazu muss ich mir immer wieder ins Gedächtnis rufen: "Züge sind doch was schönes. Die Züge können doch nichts dafür, das ist nur dieser bitterböse Konzern..."

Von dieser kleinen verbalen Entgleisung zu den harten Fakten: Train Simulator Railworks 2010 hat 17 Lokomotiven und neun Routen aus USA, England und Deutschland im Schlepptau. Bei fünf der neun Routen handelt es sich um echte, die übrigen sind fiktiv. Die Strecke von Hagen nach Siegen ist die einzige echte deutsche Route. Fans von deutschem Rollmaterial dürfen sich über eine Dampf-, drei Elektro- und drei Dieselloks freuen. 50 Szenarios, gefüllt mit Aufgaben von unterschiedlicher Schwierigkeit, warten darauf, befahren zu werden.

Die Strecken sehen allesamt toll aus. Vom kleinsten Busch bis hin zu größten Tanne ist alles sehr liebevoll und detailgetreu gestaltet. Ich habe zwar keine Ahnung wie es zwischen York und Newscastle oder zwischen Oxford und Paddington aussieht, es wirkt allerdings sehr realitätsnah. Zudem herrscht um uns viel Bewegung. Abseits der Gleise fahren jede Menge Autos und Lastwagen, Fahrgäste laufen auf den Bahnsteigen umher, Vögel ziehen am Himmel ihre Kreise und Bagger baggern. Meine persönliche Lieblingsstrecke war der Canjon Pass. Mit einer quietsch-gelben Union Pacific durch die sandige, leblose Einöde zu brettern, gefiel mir besonders.

Auch wenn die Routen an sich sehr schön gestaltet sind, die Modelle von Büschen, Bäumen und was noch alles in der Umwelt rumsteht sind es nicht. Das fällt beim Fahren zwar nicht ins Gewicht. Wenn man es sieht, nervt es doch ein wenig. Im Kontrast dazu stehen die Modelle von Lokomotiven und Zügen. Die sind bis kleinste Detail den echten Vorbildern nachempfunden.

Wie in unserer Vorschau bereits erwähnt, dauert es drei Monate um ein solches Modell fertigzustellen. Detailarbeit, die den Modellen an den vielen Feinheiten, wie Nieten und Schläuchen anzusehen ist. In den Cockpits der Züge geht es ähnlich detailreich weiter. Einige Texturen hätten hier zwar etwas besser aufgelöst sein können, die Illusion sich in einem echten Führerstand zu befinden, ist trotzdem gelungen. Es warten unzählige Hebel und Knöpfe darauf, gezogen und gedrückt zu werden. Der Sound ist im großen und ganzen in Ordnung. Manche Klangeffekte klingen etwas billig, der Großteil der Akustik ist jedoch gelungen.

Train Simulator Railworks 2010
Sieben deutsche Lokomotiven stehen zur Verfügung. Dreimal Elektro, dreimal Diesel, einmal Dampf - alle bis zur letzten Niete dem Original nachempfunden.
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Im Anfänger-Modus gestaltet sich eine Zugfahrt noch recht unspektakulär, auch wenn Neulingen von vorschnellem Einsteigen in höhere Schwierigkeitsgrade abgeraten werden muss. In diesem Modus werden im Grunde nur drei Befehle gebraucht: Fahrtrichtung einstellen, Beschleunigen, Bremsen. Der gesamte Rest geschieht von allein. Die meiste Zeit braust die Landschaft an uns vorbei und wir warten nur, bis wir beispielsweise den nächsten Bahnhof anfahren. Für Anfänger ist das schon kompliziert genug. Wie lange ein vollbeladener Personenzug braucht um zum Stehen zu kommen ist wirklich erstaunlich. Ich musste mehrmals reumütig rückwärts in den Bahnhof zurückrollen.

Mit der Zeit wird es allerdings etwas öde im Anfänger-Modus. Die Schwierigkeitsgrade für Fortgeschrittene und Experten verkomplizieren die Steuerung durch weitere notwendige Funktionen und die Aufteilung der Befehle. Geschwindigkeitsregler und Lokbremse liegen beispielsweise nicht mehr auf den gleichen Tasten. Für die Cockpit-Ansicht hat das zur Folge, dass immer mehr Bedienelemente aktiviert werden. Dazu gehören unter anderem das Ein- und Ausschalten des Motors, der Sandstreuer oder die Steuerung der Stromabnehmer.

Steuerbar sind diese Funktion entweder über die Tastatur oder, wenn in der Cockpit-Sicht gefahren wird, per Maus. Wie wir fahren, bleibt uns überlassen. Ich persönlich finde es deutlich cooler, die Tasten und Hebel mit der Maus zu bedienen, einfach weil es die Vorstellung, einen echten Zug zu steuern, beträchtlich steigert. Die Tastatursteuerung geht zwar leichter von der Hand, doch im Eifer des Gefechts erinnert man sich doch schneller daran, wo der passende Hebel oder Kopf zu finden ist, als an die entsprechende Tastenkombination.

Train Simulator Railworks 2010
In der Dampflok muss deutlich mehr bedient werden, als in anderen Zügen: Wasserspeisung, Zylinderhähne, Dämpfer. Auch Kohle muss geschaufelt werden.
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Den Höhepunkt an Kniffligkeit erreicht Train Simulator Railworks 2010 beim Fahren mit der Dampflok im Experten-Modus. Die Masse an Hebeln und Rädern im Innern der Lok und die mit ihnen einhergehenden zusätzlichen Befehle erschlagen einen förmlich. Wasserspeisung, Zylinderhähne, Dämpfer. Alles Dinge, mit denen wir uns nur in der Dampflok konfrontiert sehen. Selbst Kohle muss geschaufelt werden. Das ist zwar nicht animiert, aber immerhin zu hören. Wenn wir in dem ganzen Trubel auch noch darauf achten müssen die Weichen richtig zu stellen, das Tempolimit einzuhalten, keine roten Signale zu überfahren und in Wohngebieten nicht zuviel Lärm zu machen, dann ist das ziemlich verzwickt. Und gerade in diesen Momenten macht das Spiel auch am meisten Spaß.

Noch spannender wird es nur in den Szenarios. Die einfachen beinhalten meist nur simple Personentransporte von A nach B nach C. Fertig. Das ist jedenfalls zur Eingewöhnung ganz nett. Schwieriger wird es, wenn wir Rangiermanöver ausführen und Güter und Container einsammeln müssen. Da die schwierigen Szenarien auch gerne mal anderthalb Stunden dauern, geht das ganze auch noch an die Substanz. Gelegentlich sollte der Spielfortschritt gespeichert werden, schließlich stehen wir unter Zeitdruck und sollten wir ein Mal etwas zu schnell unterwegs sein und entgleisen, ist alles futsch.

Ein großes Extralob verdient der World-Editor, mit dem wir vorhandene Routen verändern oder einfach komplett neue gestalten. Dabei stehen unzählige Objekte zur Verfügung: Werbetafeln, Bänke, Fahrzeuge, Häuser, Pflanzen, Tiere. Die Liste könnte ewig so weitergeführt werden. Selbst ein riesiges Containerschiff kann im eigenen Level platziert werden. Der Umfang ist einfach beeindruckend. Ein digitales Paradies für Landschaftsplaner und Modellbauer.

Train Simulator Railworks 2010
So sieht es am Bahnhof Hagen aus. Wem das nicht gefällt, der kann mit Hilfe des umfangreichen Editors seine Traumroute zaubern. Ganz stolze Designer können ihre Strecken online mit anderen teilen.

Betrieben wird Train Simulator Railworks 2010 über Steam, über das auch zusätzliche Szenarios, Routen und Loks heruntergeladen werden. Eine Lok bewegt sich preislich zwischen 6 und 15 Euro. Szenario-Packs sind für 3 Euro zu haben. Neue Routen kosten 10 Euro. Glücklicherweise gibt es alternativ noch die Community, in der fleißige Bastler die Früchte ihrer Arbeit mit gleichgesinnten teilen kann.

Es war ein äußerst cleverer Schachzug vom Entwickler dem Spiel diesen umfangreichen Level-Editor zu spendieren. Das beschäftigt nicht nur den Spieler selbst, es befüttert auch die Community mit ständig frischem Material. Das wiederum hält das gesamte Spiel am Leben und versorgt auch solche Spieler, die nicht regelmäßig für neue Inhalte zahlen möchten. Damit wird unterstrichen, dass Train Simulator Railworks 2010 keine Ein-Jahres-Fliege werden soll. Die investierten Euros werden auch weit über 2010 hinaus von Nutzen sein. Eisenbahn-Freaks werden sich dieses Spiel sowieso anschauen. Alle anderen sollten zumindest einen Blick riskieren, sofern überhaupt nur das geringste Interesse an Zügen besteht. Denn es macht mehr Spaß, als man erwartet.

Train Simulator Railworks 2010
Train Simulator Railworks 2010
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Train Simulator Railworks 2010
07 Gamereactor Deutschland
7 / 10
+
Schicke Routen, schöne Zug-Modelle, großartiger Level-Editor, leichte Eingewöhnung im Anfänger-Modus
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Matschige Landschaftstexturen, gelegentlich billige Sounds, teure Zusatzinhalte, Steam-Account Pflicht
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