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The Walking Dead

The Walking Dead

Kürzlich erschien das zweite, tausendseitige Kompendium der Comic-Reihe, die dritte Staffel der Serie ist in vollem Gange und nun ist auch die fünfte Episode des Computerspiels erschienen. Fans von The Walking Dead können sich aktuell nicht über mangelnden Nachschub der Zombie-Apokalypse beschweren. Auch wenn die virtuelle Umsetzung des Stoffs nicht ganz mit den Vorlagen mithalten kann, wird sie uns noch eine Weile in Erinnerung bleiben

Puuh. Was war das für eine Reise. Selten hat es ein Spiel geschafft, so prägend zu sein, wie die fünf Episoden von The Walking Dead. Es ist schade, dass es doch irgendwie viel zu schnell vorbei war. Dabei haben sie eigentlich nur angekratzt, was erzählerisch bei einem Spiel möglich ist. Wie beim Original dreht sich alles um unsere Verantwortung und um die Konsequenzen unseres Handelns. Ausgerechnet das funktioniert nicht wirklich - und dennoch bleibt das Spiel ein überwiegend positives Erlebnis.

In den interaktiven Dialogen wird uns regelmäßig angezeigt, was sich unsere Gesprächspartner einprägen. Beispielsweise, dass sie unsere Ehrlichkeit zu schätzen wissen oder dass sie bemerkt haben, wenn wir einer Frage ausweichen. Die Folgen der Wortwahl bleiben zwar relativ begrenzt, dennoch werden unsere Worte aufgegriffen und hinterfragt. Das macht das Geschehen sehr authentisch.

Wer The Walking Dead nur ein Mal durchspielt, wird das Gefühl bekommen, mit seinen Handlungen den Geschichtsverlauf tatsächlich bedeutend beeinflussen zu können. Beim mehrmaligen Spielen wird jedoch klar, dass dies nur eine geschickte Illusion ist. Denn im Grunde ist es oft völlig gleich, was wir tun. Das Spiel verpackt alles nur unserer Handlung entsprechend und schon haben wir eine Konsequenz, die im Grunde keine ist.

The Walking DeadThe Walking Dead
Klassische Point'n'Click-Passagen wechseln sich regelmäßig mit den interaktiven Gesprächen und Quicktime-Events ab.

Auch wenn das dem eigentlichen Spielerlebnis wenig schadet, ist das doch etwas traurig. Das ist wahrscheinlich auch mit der Grund, weshalb wir in Gesprächen oft das Gefühl haben, eigentlich nichts richtig machen zu können. Die vorhergesehene Handlung schreitet auf eine bestimmte Weise voran, ob wir wollen oder nicht.

Es ist gut, dass die Erzählung zwischen der ersten und zweiten Episode drei Monate verstreichen lässt. Das gibt dem Szenario die Möglichkeit, sich zu entfalten und spitzt die Verhältnisse deutlich zu. Hier greift das Spiel die gleichen Themen wie im Comic auf. Wie verhalten sich Menschen, wenn sie Hunger haben und es keine Ordnungsmacht gibt, die sie daran hindert, sich einfach zu nehmen was sie brauchen? Wann geht es nicht mehr um richtig oder falsch, sondern nur noch ums Überleben? Leider zieht das Spiel hier eine ziemlich klare Linie zwischen Gut und Böse. Das verhindert, dass wir für die eigentlich nachvollziehbaren Motive Verständnis entwickeln.

Eine der ganz großen Stärken von The Walking Dead ist die große Abwechslung im Gameplay. Klassische Point'n'Click-Passagen wechseln sich regelmäßig mit den interaktiven Gesprächen und Quicktime-Events ab. Mal gilt es, möglichst schnell in die Tasten zu hauen, mal schießen wir mit der Maus die Zombies über den Haufen. Letzteres funktioniert nicht immer gut, da sich das Fadenkreuz mitunter sehr träge bewegt. Das ist zwar nicht immer der Fall, aber irgendwie immer dann, wenn wir besonders schnell reagieren müssen.

The Walking Dead
Auch wenn es hier anders aussieht: Auffällig an jeder Episode sind besonders die ausgeprägten ruhigen Phasen.

Auffällig an jeder Episode sind besonders die ausgeprägten ruhigen Phasen. Zurückblickend ist es doch sehr erstaunlich, wie lang manchmal einfach nichts bedeutendes passierte. Und umso erstaunlicher ist es, dass die Phasen in keinster Weise langatmig oder langweilig waren. Die Zugfahrt in der dritten Episode hatte beispielsweise gar etwas meditatives. Zu beiden Seiten rauscht die Landschaft an uns vorbei und wir sind ausnahmsweise mal vor jeder Form des Angriffs sicher. Angesichts des apokalyptischen Szenarios ist es ziemlich mutig, solch lange Ruhephasen einzubauen.

Anders als in anderen Spielen ist das Überspringen von Sequenzen nicht möglich, aber glücklicherweise auch nie nötig. Es ist einfach die Konsequenz der Herangehensweise an diese Erzählform. Wenn man so darüber nachdenkt, ist es schon etwas hirnrissig, dass es anderen Entwicklern egal ist, ob man dem Inhalt ihrer Spiele folgt. Bei einem Buch überblättert man schließlich auch nicht einfach mehrere Seiten.

Manche Aspekte der Geschichte allerdings ergeben - und das muss man leider so sagen - keinen Sinn. Oft scheinen dem Autor die Erklärungen für ein nachvollziehbares Ableben eines Begleiters ausgegangen zu sein. Diese werden etwas zu oft und etwas zu plump einfach entfernt. Doch das ist nichts, worüber man nicht hinwegsehen könnte. Ohnehin machen sich Kleinlichkeit und Klugscheißerei bei Zombie-Szenarien eher schlecht. Immerhin steigert sich die Inszenierung im weiteren Verlauf und kommt weniger unbeholfen daher als noch in der ersten Episode. Auch das sinnlose Einbinden von Charakteren aus der Vorlage endet bereits mit der zweiten Episode.

Ein großes Probleme von Horror-Szenarien ist der ununterbrochene Drang der Autoren, ständig etwas passieren zu lassen. Hinter jeder Ecke lauert das Böse und was schief gehen kann muss auch schief gehen. Doch bei The Walking Dead ist das anders. Das ist nicht nur sehr erfrischend, sondern sorgt damit für eine ganz besondere Spannung. Manchmal passiert eben nicht das, womit wir sicher rechnen.

The Walking Dead
Manche Aspekte der Geschichte allerdings ergeben - und das muss man leider so sagen - keinen Sinn.

Zum Ende dieser Staffel bekommen wir sogar noch eine Art Bosskampf. Dieser wird zwar nicht als solcher gekennzeichnet, dennoch kommt es einem so vor. Die Dramatik entsteht hier nicht durch die außergewöhnliche Stärke des Gegners, sondern aus der Spannung, die sich über viele Minuten hinweg aufbaut. Bereits das Gespräch, das wir davor mit dem Widersacher führen, ist ein Teil des Kampfes. Auch hier sind es Momente der Stille, die das Geschehen prägen.

Auch wenn eine Menge Spieler alle fünf Episoden am Stück durchgezockt haben werden, der stückweise Konsum des Stoffs ist auch sinnvoll und ein Modell, das es in der Welt der interaktiven Unterhaltung häufiger geben sollte. Es ist ein bisschen wie bei der Serie, bei der man die nächste Folge kaum abwarten kann. Oder wie beim Comic, bei dem man immer einen ganzen Monat abwarten muss, bis es weiter geht.

Die Geschichte des Spiels ist in Sinnabschnitte unterteilt, die für sich verarbeitet und verdaut werden müssen. Jede Episode hat mindestens einen emotionalen Moment, der uns lange in Erinnerung bleiben wird. Ganz besonders gelingt das dem Ende der letzten Episode, die sich wie die Comic-Vorlage fernab der typischen Hollywood-Schemen bewegt. The Walking Dead bricht gerne mit Tabus und kann mitunter ein sehr unangenehm flaues Gefühl in der Magengegend hinterlassen.

The Walking Dead
Die Cel-Shading-Optik ist der Vorlage angemessen und kaschiert meistens die vielen kleinen Grafik-Macken.

In optischer Hinsicht gibt es bei The Walking Dead nicht viel zu meckern. Die Cel-Shading-Optik ist der Vorlage angemessen und kaschiert meistens die vielen kleinen Grafik-Macken beziehungsweise macht sie tolerierbar. Darüber hinaus profitiert die Optik von einer geschickten Kameraführung und einem sehr gelungenen Schnitt.

Eine Sache muss zum Ende klargestellt werden: Hier wird auf einem für Videospiele extrem hohen Niveau gemeckert. Das liegt daran, dass The Walking Dead eine wirklich außergewöhnliche Form der Erzählung darstellt, die mit den gewöhnlichen Computerspiel-Erfahrung recht wenig gemein hat - und genau darum auch den eigenen Anspruch nach oben schraubt. Selten ist der Autor eines Spiels von so großer Wichtigkeit gewesen wie hier.

Auch wenn der Vergleich hinkt, ähnelt das Spielerlebnis von The Walking Dead am ehesten dem von Heavy Rain. Bei beiden Titeln liegt es nahe, eher von einem interaktiven Film oder etwas in dieser Art zu sprechen. The Walking Dead hält zwar bei weitem nicht alles, was es verspricht und bleibt in Sachen Geschichtsverlauf plump. Doch wirklich böse können wir dem Spiel dafür aber nicht sein. Dafür ist es dann doch zu beeindruckend. Und der große Drang zu wissen, wie es in einer möglichen zweiten Staffeln weitergeht, spricht für sich.

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08 Gamereactor Deutschland
8 / 10
+
sehr beeindruckende und mutig erzählte Geschichte, viele emotionale und prägende Momente, Abwechslung im Gameplay, hübsche Optik
-
Oft plump beim Vorantreiben der Geschichte, extrem träge Fadenkreuz-Steuerung, unterschiedliche Handlungen haben oft die selben Konsequenzen zur Folge
overall score
ist die Durchschnittswertung von Gamereactor. Wie hoch ist eure Wertung? Die Durchschnittwertung aller Gamereactor-Redaktionen wird aus den Wertungen in allen Ländern erhoben, in denen es lokalen Gamereactor-Redaktionen gibt

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