Deutsch
Gamereactor
Kritiken
Super Meat Boy

Super Meat Boy

Schön, dass in manchen Spielen die Welt noch unkompliziert ist. Meat Boy liebt Bandage Girl. Dr. Fetus hat Bandage Girl entführt, weil er alle und jeden hasst. Wir spielen nun Meat Boy und müssen das Mädchen retten. Ein klassischer Mario-rettet-Prinzessin-Plot, der aber in Super Meat Boy wirklich nur die Rahmenhandlung liefert für ein knallhartes 2D-Jump'n'Run-Renn-Knobelspiel im Retro-Look. Und der Plot ist so ziemlich das einzige, was an diesem Game hier als unkompliziert bezeichnet werden darf.

Die Übersichtskarte der Kapitel erinnert augenzwinkernd an vergangene Zeiten. Acht Kapitel sind inklusive Bonuszeug drin, jedes mit knapp 20 einzelnen Leveln. Am Ende wartet ein Bosskampf und zwischendrin diverse, gut versteckten Warp-Herausforderungen. Alle regulären Level gibt es als Lichtwelt- und Dunkelwelt-Variante. Letztere ist ein fast identisches Level, aber nur fast. Denn in der Dunkelwelt kommen zusätzliche Hindernisse hinzu, um einem das ohnehin schon schwere Leben nochmals komplizierter zu machen. Die Dunkelwelt ist aber erst spielbar, wenn das Level in der Lichtwelt gelöst wurde. Außerdem kann man beide Level noch mit der Bestnote A+ abschließen, indem der schnellst mögliche Weg ins Ziel zu Bandage Girl gefunden wird. Es mangelt also nicht an Herausforderungen und Wiederspielmöglichkeiten.

In Super Meat Boy geht‘s also ums Laufen und Hüpfen. Eigentlich jedoch ist es eine Mischung aus Simulationstraining und Intelligenztest zu den Oberbegriffen Zeit und Timing. Der richtige Zeitpunkt ist eigentlich alles in Super Meat Boy. Man muss schnell genug bei Bandage Girl am Levelende ankommen, um die Bonuswertung zu kassieren. Jeder einzelne Sprung dahin, über Abgründe und an Mauern hinauf, will sauber gesetzt sein. Raum für Fehler bietet das Spiel kaum - was es aber auch so absolut amüsant macht. Und Fehler machen gehört ohnehin zum Konzept, denn die Level sind fast alle im Bereich von maximal 20 bis 30 Sekunden Spielzeit. Try & Error galore!

Seine schönsten Momente hat das Spiel, wenn ein Level endlich geschafft ist. Dann kommt die Wiederholung, die alle vorangegangen Fehlversuche auf einmal zeigt. Waren das viele, wird es richtig schön bescheuert, weil der Bildschirm simultan alle Fehlversuche zeigt. Großartig, dass man diese Blutorgien speichern kann, um sie mit Freunden zu teilen. Und nichts ist schöner, als nach einem perfekten Run ins Sofa zu sacken und sich eine Wiederholung anschauen zu dürfen. Nichts.

Super Meat Boy
Schlichte 2D-Optik, aber tolles Spielgefühl, wenn man mit Meat Boy lässig und Blutspuren hinterlassend die Wände hochjagt.

Der blutverschmierte Meat Boy ist übrigens nur ein Held aus über einem Dutzend spielbarer Charaktere, die man sich im Laufe der Zeit freispielen kann. Entweder darüber, dass man genügend Bandagen einsammelt, die an schwer zugänglichen Stellen in manchem Level versteckt sind. Oder man in einigen der Warp-Level besondere Geduld beweist.

Ein Beispiel. In jenen Warp-Zonen, wo man bei erfolgreicher Absolvierung einen neuen Typen freischaltet, muss man vorher mit diesem durch die Warp-Zone hindurch. Etwa mit der Feldermaus Jill, die auf Knopfdruck nach dem Springen noch ein Stückchen schweben kann. Die Maus durch das mit spitzen und tödlichen Stachel gespickte Labyrinth zu bugsieren, ist der reine Wahnsinn. Der ist am erträglichsten, wenn man mit einem oder mehreren Freunden gemeinsam spielt und den Controller wandern lässt.

Super Meat Boy ist ohnehin das perfekte Offline-Mehrspieler-Vergnügen vor einer Konsole. Du 20 Versuche, ich 20 Versuche - bis es endlich einer schafft. So wie früher, als noch alles offline gespielt werden musste. Nach den drei Nummern in der Jill-Warpzone jedenfalls hatte ich das Gefühl, Übermenschliches geleistet zu haben beim Erlernen des exakten Timings für diverse Absprünge und Landungen. Hardcore, aber cool! Schade, dass hier nicht die Regeln der normalen Level gelten, wo jede Zeit in einer Online-Highscoreliste gespeichert wird.

Super Meat Boy
Der Kerl hier unten links ist ein Endgegner und pumpt sein Blut in das Becken, so dass der Pegel schnell steigt und uns nur die Flucht die Wände entlang nach oben bleibt.

Etwas leichter sind die schlichten Warpzones, an deren Ende kein neuer Pixelheld wartet. Da hat man allerdings auch nur genau drei Versuche, um die zu schaffen. Ein tieferer Sinn wohnt ihnen nicht inne, aber sie sind in einem noch reduzierteren Retro-Design unterwegs als das "normale" Spiel. Der Look von Super Meat Boy ist konsequent in Retro-Pixeloptik gehalten. Wenige und klare Farben dominieren in den ebenso klar gelayouteten Level. Dazu haben sie bei Entwickler Team Meat liebevoll dilettantische Zwischensequenzen gezaubert und einen echt gelungener Soundtrack eingespielt, der sowohl Fieps-Freunde als auch elektronische Modernisten glücklich macht.

Wie eingangs erwähnt, haben die unterschiedlichen Charaktere leicht unterschiedliche Fähigkeiten. Meat Boy kann an Wänden entlang rutschen auf seiner Blutspur, während ein schwarzer Klumpen kopfüber an der Decke klebend rutschen kann und Commander Video die Regenbogen-Pixel-Schwebefliege spielt. Diese Fähigkeiten sorgen noch einmal für eine völlig neue Herangehensweise an die Lösung eines Levels. So lassen sich alle vorher noch nicht auf Bestnote A+ gemeisterten Aufgaben erneut und anders angehen. Manche davon klappen übrigens echt im ersten Go, während man eine Runde später wieder schier verzweifelt und hundert Versuche braucht.

Super Meat Boy ist eine Angelegenheit für gestandene Spieler. Anfänger können gleich zuhause bleiben, es sei denn, sie wollen sich hier reinfuchsen. Das ist bitter ernst gemeint. Spätestens im dritten Kapitel zieht der Schwierigkeitsgrad teilweise ziemlich an, so dass man nur als Trigger-Happy-Typ mit Reaktionen und Ideen durchkommt.

Super Meat Boy
Super Meat Boy
Super Meat Boy
Super Meat Boy
Super Meat Boy
Super Meat Boy
Super Meat Boy
Super Meat Boy
Super Meat Boy
Super Meat Boy
09 Gamereactor Deutschland
9 / 10
+
Perfektes Retro-Gameplay, schöne Ideen, viele und echte Herausforderungen
-
fehlender Timer in den Warp-Zonen
overall score
ist die Durchschnittswertung von Gamereactor. Wie hoch ist eure Wertung? Die Durchschnittwertung aller Gamereactor-Redaktionen wird aus den Wertungen in allen Ländern erhoben, in denen es lokalen Gamereactor-Redaktionen gibt

Ähnliche Texte

Super Meat BoyScore

Super Meat Boy

KRITIK. Von Christian Gaca

Retro-Games erfreuen besonders ältere Videospiel-Semester. Dabei gibt's auch tolle neue Versuche, wie Super Meat Boy beweist.



Lädt nächsten Inhalt


Cookie

Gamereactor verwendet Cookies, um sicherzustellen, dir das beste Erlebnis auf unserer Website zu bieten. Wenn du fortfährst, gehen wir davon aus, dass du mit unserer Cookie-Richtlinie einverstanden bist.