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SSX

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Etwas mehr als sechs Jahre ist es her, dass SSX On Tour für die damalige Konsolengeneration erschien. Wii-Besitzer freuten sich im Frühjahr 2007 noch über SSX Blur freuen. Danach kam eine ganze Weile nichts. Angesichts des neuen SSX stellen sich da zwei Fragen: Warum hat das so lange gedauert und wie haben wir es nur so lange ohne das Spiel ausgehalten?

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Der Film The Art of Flight aus dem letzten Herbst war ein Muss für jeden Snowboard-Fan. Die gesamte Machart des Films, die Ästhetik der Bilder und vor allem die Inszenierung machten die Doku zu einem zweistündigen Rausch, dem auch ich mich nicht entziehen konnte. Und das, obwohl ich mich nicht einmal sonderlich fürs Snowboarding interessiere. In fast jeder Szene mit dabei war der Red Bull-Helikopter, der die Sportler an den abgelegensten Bergspitzen absetzte und vor allem in den Zeitlupenaufnahmen besonders cool aussah. Und auch im neuen SSX ist der Heli unser ständiger Begleiter.

Gleich im ersten Tutorial fliegen wir mit dem Hubschrauber in tausende Metern Höhe und springen dann mit unserem Board in die faktisch unendliche Tiefe. Einen besseren Weg, um das Steuerungssystem einzustudieren, gibt es nicht. Die Tricks werden entweder mit dem rechten Stick oder mit den Buttons gesteuert, was sich vom Gefühl her nicht viel nimmt. Das Prinzip ist bei beiden Steuerungsvarianten identisch. Drücken wir zuerst rechts und dann oben wird's ein Nosegrab mit rechts. Drücken wir zuerst links und dann unten wird's ein Tailgrab mit links. Und so weiter.

Wer ohne zu stürzen genug Tricks aneinander reiht, landet im Tricky-Modus, in dem wir die wahnwitzigsten Tricks absolvieren. Ganz gerne vollführen die orange glühenden Boarder auf ihrem Brett einen Breakdance oder wirbeln wild herum. Der Tricky-Modus lässt sich auch mit Hilfe des Helikopters auslösen. Wer mit besonders viel Tempo von einer Schanze springt, kann es schaffen, am tief fliegenden Hubschrauber zu grinden oder diesen kurz zu berühren. Das sieht in der kurzen Zeitlupe nicht nur cool aus, sondern fühlt sich auch so an. Wer die SSX-Reihe nicht kennt, wird spätestens hier gemerkt haben, dass das Spiel mit Realismus nicht viel zu tun hat. Gott sei dank.

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Ob Breakdance auf dem Board oder grinden am Helikopter. Mit Realismus hat SSX nicht viel zu tun.

Im World-Tour-Modus, sozusagen der Kampagne von SSX, touren wir mit unseren Boardern rund um den Globus, begleitet von einer belanglosen Hintergrundgeschichte. Neun Gebirge gilt es zu meistern, jedes mit seiner eigenen, tödlichen Abfahrt. Dort warten jeweils unterschiedliche Begebenheiten auf uns, die den Weg ins Ziel erschweren. Meistens liefern wir uns mit anderen Boardern ein Rennen oder versuchen auf dem Weg nach unten die meisten Punkte zu machen. Bei den tödlichen Abfahrten lautet das Ziel indes ganz anders: überleben!

Anfangs sind es noch einfach umgefallene Bäume, die uns im Weg stehen. Die tödliche Abfahrt in Sibirien macht es uns da schon deutlich schwerer, denn hier ist die Piste fast vollständig mit Eis bedeckt. Ohne die zum Curven notwendigen Eisäxte lässt uns das Spiel gar nicht erst auf die Strecke. Für die Teile geben wir gesammelte Punkte im Shop wieder aus, wobei sich das käufliche Equipment immer in Qualität und Haltbarkeit unterscheidet. Neue Boards gibt's übrigens auch im Store. Diese machen uns entweder schneller oder geschickter. Leider sind der der Shop und das Inventar etwas unübersichtlich geraten. Doch nun erstmal wieder zurück in die sibirische Kälte.

Der ersten hundert Meter auf dem spiegelglatten Untergrund traue ich mich eigentlich gar nichts, sondern bin nur darauf bedacht, nicht in die Schlucht zu fallen. Erst nachdem einmal ein Rail und damit einiges an Tempo mitgenommen wurde, traue ich mir bei den Sprüngen über den Abgrund einige Tricks zu. Das ging dann soweit, dass ich viel zu schnell wurde, um noch wirklich Kontrolle über mein eigenes Leben zu haben. Und genau ab hier hat die Strecke am meisten Spaß gemacht. Es war mir egal, ob ich heil unten ankomme oder mit wehenden Fahnen in den sicheren Tod stürze. Mann, bin ich ein Draufgänger.

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Die Grafik ist zwar nicht auf dem neusten Stand, davon bekommen wir aber bei den hohen Geschwindigkeiten und den wilden Tricks nichts mit.

Das nächste Gebirge hat besonders viel Spaß gemacht: Patagonien. Für diejenigen, die in Erdkunde nicht aufgepasst haben: das liegt in Südamerika. Das besondere an den Abfahrten sind großen Schluchten, die wir überwinden müssen. Hier kommt unser Wingsuit zum Einsatz. Für begrenzte Zeit können wir mittels Schultertaste die Flügel unseres Anzugs ausbreiten und über die Piste segeln.

Der Übergang zum Fliegen und zurück geht dabei so flüssig, dass es sich prima in Kombinationen einbauen lässt. Zuerst von einer Schanze zu springen, in den Sturzflug zu gehen, vielleicht noch ein paar Tricks zu machen und dann mit vollem Tempo auf einem Rail zu landen und die Tricks fortzusetzen - das ist schon ein sehr geiles Gefühl. Eine kleine Warnung an dieser Stelle: Es gibt Windböen, die uns leidenschaftlich gern gegen Felswände drücken.

Für die tödlichen Abfahrten haben sich die Entwickler einiges einfallen lassen. In der Antarktis benötigen wir eine Art Solar-Rucksack, der uns im Schatten vor der Eiseskälte schützt. In Alaska sind es Lawinen, die uns das Leben schwer machen. Zur besseren Inszenierung betrachten wir uns bei den Lavinenabfahrten auch nicht von hinten, sondern fahren als kleines Männchen der Kamera entgegen, während sich direkt hinter uns die Schneemassen überschlagen. Leider haben wir aus dieser Perspektive wenig Kontrolle darüber, was wir machen, eine nette Abwechslung ist es aber trotzdem.

Auch wenn es sich um ein EA-Spiel handelt und ich eigentlich darauf hätte vorbereitet sein müssen: Der Soundtrack ist der Hammer. Es ist wenig verwunderlich, dass der aktuelle Dubstep-Trend auch an SSX nicht spurlos vorüberzieht und das junge Genre mit den meisten Tracks vertreten ist. Der Rest bewegt sich ebenfalls in teils mehr, teils weniger elektronischen Gefilden: Flux Pavilion, Nero, Example, Herbaliser. Die Mischung stimmt auf jeden Fall und trägt zu einem großen Teil zum Spielspaß bei. Witzigerweise ist auch Young Blood von The Naked And Famous mit dabei, dass auch in The Art of Flight die schönen Bilder untermalte. Im Tricky-Modus wechselt die Musik geschickt zum Dubstep-Remix von Run DMCs "It's Tricky" und lässt ihn bei einem Sturz ganz schnell wieder abreißen. Großartig.

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Neun so genannte tödliche Abfahrten warten darauf von uns bezwungen zu werden. Mal mit umgestürzten Bäumen, mal mit vereisten Pisten. Teilweise müssen wir sogar buchstäblich fliegen.

Einen hohen Detailgrad sucht man in Sachen Grafik bei SSX vergeblich. In den Zwischensequenzen ist das besonders auffällig. Ist aber auch nicht schlimm. Genaugenommen wäre es sogar Verschwendung, den Boardern und Strecken eine High-End-Grafik zu verpassen. So schnell, wie die Umgebung an uns vorbeirauscht, ist davon ohnehin nicht viel zu sehen. Und während der Boarder durch die Luft wirbelt, ist dessen Detailgrad wirklich das letzte, was uns interessiert.

Anfangs habe ich mir noch "zu leicht" auf den Notizzettel geschrieben. Die ersten drei Gebirge waren auch ziemlich locker zu schaffen. Ob nun bei Zeit- oder Trickfahrten, der erste Platz war keine große Sache. Danach zog der Schwierigkeitsgrad aber ziemlich schnell an. Während die Computergegner bereits in den ersten Sekunden fleißig um mich herumwirbelten und ihre Punkte ins sechsstellige Gefilde trieben, dümpelte ich hinterher. Auf das Niveau muss man sich erstmal einstellen. Und genau hier setzt der Suchtfaktor des Spiels ein. Ich versage! Ich schmeiße hin! Nein, ich muss es gleich noch mal versuchen!

Als ich mich nach der lange Session schlafen lege, ziehen die Bilder erneut an meinem inneren Auge vorbei. Ich sehe mich durch Täler fliegen, sehe Felsen und Bäume an mir vorbei ziehen und sehe das orangefarbene Glühen um meinen wirbelnden Boarder tanzen. SSX ist auch wie ein Rausch, der noch lange über das Spielen hinaus anhält. Morgen früh reise ich weiter um die Welt und fege todesmutig die Piste hinunter. Garantiert.

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09 Gamereactor Deutschland
9 / 10
+
Fantastischer Soundtrack, sehr gutes Steuerungsprinzip, abwechslungsreiches Gameplay, beeindruckende Präsentation
-
unübersichtliches Inventar, zu plötzlich anziehender Schwierigkeitsgrad
overall score
ist die Durchschnittswertung von Gamereactor. Wie hoch ist eure Wertung? Die Durchschnittwertung aller Gamereactor-Redaktionen wird aus den Wertungen in allen Ländern erhoben, in denen es lokalen Gamereactor-Redaktionen gibt

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