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Singularity

Singularity

Ich kann dem bärtigen, alten Mann in der Pelzkragenjacke nicht mehr folgen. Dr. Viktor Barisov faselt zusammenhangloses Zeug von Zeitachsen, Zeitrissen und das ich derjenige bin, der alles korrigieren muss. Dazu diese ganzen Nachrichten an den Wänden in den letzten Stunden. „Vertrauen ihm nicht!", „Vertraue ihr nicht!", „Mir-12 lügt!".

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Aus irgendeinem Grund bin ich als Captain Nathaniel Renko auf Katorga-12 gelandet, einer geheimen Forschungsinsel der Russen, wo sie in den 1950er Jahren an einem Element namens E99 geforscht haben. Unglaublich flüchtig, unglaublich geheimnisvoll und natürlich das perfekte Mittel, die Weltherrschaft zu übernehmen. 2010 schicken die USA ein Team rein - und nun stehe ich hier, zehn, vielleicht zwölf Spielstunden später, mit einer E99-Bombe in der Hand und schaufele in der Vergangenheit mein eigenes Grab in der Zukunft. So in etwa und auch nur vielleicht.

Die tolle Sci-Fi-Geschichte von Singularity zieht vor allem deshalb, weil sie mit Flashbacks als Stilmittel arbeitet. Die Zeitsprünge zwischen den Jahren 1955 und 2010 erklären sich mit der Singularität. Die Strahlung, die sie bei der E99-Explosion freigesetzt hat, ließ die Menschen und Tiere und Pflanzen auf der Insel mutieren. E99 war offensichtlich nicht ganz so einfach zu handhaben. Die Flashbacks sind jedenfalls an wirklich vielen Punkten gut gewählt, toll inszeniert und tragen sowohl mit Schreckmomenten als auch mit beklemmenden Erzählungen aus der Vergangenheit und Zukunft zur erdrückenden Atmosphäre einer Insel bei, auf der so ziemlich alles schief gegangen ist. Einer Insel, die optisch und spielerisch eine ganze Menge zu bieten hat.

Im Kern ist Singularity ein klassischer, sehr klassischer Egoshooter. Eine Handvoll Standardwaffen manifestieren den Shooterpart. Am coolsten ist der Seeker, eine experimentelle Waffe, die E99-Projektile abfeuert, die wir fernsteuern können. Das ist tatsächlich mal toll umgesetzt. Es macht einen Heidenspaß, in Zeitlupe auf einer Patrone zu reiten und sie dem Gegner passgenau zwischen die Augen zu schicken.

Singularity
Das Zeitmanipulationsgerät ZMG ist ein feines Multifunktionsgerät.

Der wirkliche Witz im Spiel ist allerdings ein kleines Zeitmanipulationsgerät, das dessen Erfinder Dr. Barisov liebevoll ZMG getauft hat. Renko hat das ZMG an seinen linken Arm montiert bekommen - ein schickes Spielzeug. Es kann Gegenstände, die E99 enthalten, in die Zukunft oder Vergangenheit schicken und dabei ihren Zustand zwischen Neu und Alt verändern. Das klingt genauso kompliziert, wie es an einigen Stellen im Spiel dann auch wird. Mit Hilfe des ZMG und eines Zeitspalts ist auch die Reise zwischen den beiden Zeitzonen möglich.

Das ZMG wird auch für Rätsel genutzt. Kisten können durch die Zeit geschickt werden und verändern ihren Zustand. Zerquetschte Stahlbehälter lassen sich mit dem ZMG hochheben, unter Rolltore schieben und dann mit einem Knopfdruck runderneuern. So wird das Tor hochgeschoben und Renko kriecht unten durch. Im Laufe des Spiels lernt das ZMG per Upgrade noch einiges dazu. Einen Chrono-Ping zum Beispiel, um Fußspuren der Vergangenheit sichtbar zu machen. Außerdem können wir abgeschossene Raketen oder Granaten mit der ZMG-Energie aus der Luft pflücken und an den Absender zurück schicken. Mit dem Blockierer frieren wir kurz die Zeit ein, was vor allem handlich ist, um die teilweise doch sehr fixen Mutanten unter einer Zeitglocke einzufrieren und dann ganz in Ruhe zu zerlegen. Die Gegner lassen sich via ZMG auch gleich komplett zu Staub dematerialisieren - das kostet aber viel Energie. Außerdem stehen eine Menge Gegenstände als Schleuderkram zur Verfügung, darunter explosive Fässer und flüssiger Stickstoff für Mutanteneis am Stiel.

Beim Spielen teilt sich Singularity selbst in zwei Passagen ein. Anfangs ist es ein eher generisches Spiel, wo der Kopfschuss wieder zählt. Ein Old-School-Egoshooter eben. Wenig Munition, mutierte Monster, hoher Druck. Leider kippt das mit der knappen Munition schnell und sie ist im Überfluss zu haben. Wenn dann erstmal das MG locker sitzt, ist das Zielen nicht mehr so wichtig. Selbst auf dem hohen Schwierigkeitsgrad ist das Game nach dem etwas härteren Anfang nie ein Problem. Nach ein, zwei Stunden wird es dafür ein großartiges Inselabenteuer mit überreichlich Action und gravitationsbedingten Slapstick-Momenten.

Singularity
Streckenweise ist Singularity ein klasischer Egoshooter ohne viel Firlefanz.

Trotz allem gibt es so manche Problemzone. Ein Teil der Geschichte wird über Tonbandaufnahmen erzählt. Die sind zwar atmosphärisch schön, werden aber von niemandem angehört, weil man stehen bleiben müsste. Und wer bleibt in einem Action-Shooter schon stehen, wenn es dafür keinen ganz konkreten Grund gibt? Die Geschichte ergibt zum Glück auch ohne die Konserven vom Band Sinn.

Richtig schlimm ist das Wechseln zwischen ZMG und normaler Schusswaffe. Ist in der einen Nanosekunde noch der ZMG-Handschuh aktiviert, hält die Linke von Renko eine Nanosekunde später bereits sicher das Gewehr. Ein kleines Detail zwar, aber ein hässliches. Ebenso hässlich sind die Lippenbewegungen in den In-Game-Zwischensequenzen, die so weit neben der Spur sind wie Jürgen Drews insgesamt. Das geht zu Lasten der ansonsten gute Synchronisation. Freunde der Brutalitäten werden bemängeln, dass nicht alle Ragdoll- und Bluteffekte in der USK-Fassung enthalten sind. Damit kann man aber eigentlich leben, ebenso wie mit den nicht abschießbaren Körperteilen.

Die Grafik ist hübsch, wenn auch die Optik insgesamt sehr glattgebügelt und metallisch wirkt. Die Wassereffekte sind top und auch die gelegentlichen Schwimm- und Tauchabschnitte überzeugen. Überhaupt wird die Insel intensiv beackert, in Außen- und Innenlevel, drinnen und draußen und sogar ein versunkenes Schiff heben wir mit den ZMG-Zauberkräften aus seinem nassen Grab. Die Level sind zwar eher relativ gradlinig, das geht aber klar. Denn Singularity will auf keinen Fall ein Sandkasten sein, sondern eher eine gut strukturierte Modelleisenbahn, auf der man vorher sauber definierte Strecken abspielt. Allerdings sehr variantenreich und ohne eine langweilige Sekunde. Fast ohne.

Singularity
Zoom rein und die Bombe platzt. Fallen wie diese lassen sich konventionell oder komplexer mit Hilfe des ZMG stellen.

Ein Abschnitt ist nämlich unverständlicherweise vollständig misslungen. Es gibt einen Moment, an dem Renko mit einer Gasmaske und unter Zeitdruck einen Tunnel durchqueren soll. Die Rätsel im Spiel waren bis dato eher schlicht. Ein bisschen Sachen verschieben und mit dem ZMG verformen. Dann kommt plötzlich eine Stelle, an der ein Knopf eine massive Schiebetür öffnet - nur leider nicht lange genug, um unter ihr durch zu schlüpfen. Sonst musste man immer (und ich meine immer) eine Kiste verformen und unter eine solche Tür stellen, um sie hochzuschieben. Jetzt ist keine Kiste in Sicht zum Blockieren.

Nun steht man steht hinter der Sicherheitsscheibe und fragt sich im Stillen, was zu tun ist. Rennt genervt immer wieder zur Tür. Schießt im Heranrennen den Blockierer auf die Tür. Es klappt aber nie. Bis man realisiert, dass man durch die Sicherheitsscheibe hindurch schießen und auch das Zeiteinfrier-Feature nutzen kann, vergehen so einige von wilden Flüchen untermalte Minuten. So ein unfassbarer Quatsch an dieser Stelle. Der Typ, der das zu verantworten hat, gehört umgehend dematerialisiert! Und warum irgendwann so ein paar riesige Mutanten-Zecken nebst ihrer Mama auftauchen, weiß wohl auch nur der Multiplayer-Producer.

Insgesamt aber ist die Solokampagne spitze und schafft genau das, was einem Wolfenstein letztes Jahr nicht gelungen ist. Zukunftstechnologien und klassischen Krieg miteinander zu verweben in einer glaubhaft konstruierten Welt. Besonders der letzte Abschnitt hat es in sich. Wenn die Vergangenheit in die Gegenwart sickert, entsteht einer der bewegenderen Momente in einem Videospiel.

Neben der schönen Kampagne bietet Singularity noch einen kleinen, aber feinen Old-School-Multiplayer. Ganze zwei Modi gibt es, in denen leider die lustigen ZMG-Dinge aus der Solokampagne nicht stringent fortgesetzt werden. In Kreaturen gegen Soldaten (Team Deathmatch), kämpfen Menschen gegen Zecken. In Extermination, einer Capture-the-Flag-Variante, sieht es nicht anders aus. Menschen gegen Zecken, zwei Runden. Ein schneller, kurzer Spaß. Nicht mehr, nicht weniger.

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08 Gamereactor Deutschland
8 / 10
+
Die Seeker-Knarre, abwechslungreiche Level, interessantes Gameplay durch das ZMG
-
Zu linear, nur kleiner Multiplayer
overall score
ist die Durchschnittswertung von Gamereactor. Wie hoch ist eure Wertung? Die Durchschnittwertung aller Gamereactor-Redaktionen wird aus den Wertungen in allen Ländern erhoben, in denen es lokalen Gamereactor-Redaktionen gibt

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