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Please Knock On My Door

Please Knock On My Door

Please Knock On My Door ist ein unangenehm akkurates Porträt davon, wie ein Leben sein muss, das unter sozialer Phobie leidet

Please Knock on my Door ist ein narratives Spiel aus der Top-Down-Perspektive, geschrieben und erstellt von Levall Games. Es geht Themen wie psychische Krankheiten und soziale Ängste an und basiert auf Michael Levalls eigenen Erfahrungen. Das Spiel war seit 2014 in Entwicklung und erschien am 7. September diesen Jahres.

Im Spiel kontrollieren wir eine Person, die unter Depression und sozialer Angst leidet. Das Ziel ist es, sie durch die Probleme des täglichen Lebens zu bringen. „Füttere ihn, mach', dass er zur Arbeit geht, leg' ihn ins Bett und schau', dass er rechtzeitig schläft. Kinderspiel", dachte ich mir. So oft, wie ich in meiner Jugend auf Tamagotchis aufgepasst habe, müsste das doch sicher ein Klacks werden. Ich schaffe das und schließe dieses Spiel ab, ohne ins Schwitzen zu kommen.

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Please Knock On My DoorPlease Knock On My Door
Please Knock On My Door zeigt uns auch, dass all das Schlechte niemals unsere eigene Schuld ist. // Michael Levall

Es gibt drei verschiedene Möglichkeiten Please Knock On My Door zu spielen: Im Story-Modus stehen uns alle Entscheidungen zur Verfügung und wir haben stets alles im Blick. Im Game-Modus sehen wir nur noch die Statistiken und Nummern, die jeweils angeben wie gut (oder schlecht) es uns geht und wie unsere Entscheidungen die mentale Verfassung und die Tapferkeit unseres Charakters beeinflussen. Im Erfahrungs-Modus bekommen wir nur noch die Auswirkungen unserer Entscheidungen mit - es gibt also keine sofortigen Anzeichen dafür, ob unsere wir uns gut oder schlecht entschieden haben. Ich wählte die Puristen-Erfahrung und hatte natürlich keine Idee, was ich mir damit antun würde. Ich wünschte mir, ich wäre besser vorbereitet gewesen.

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Ich startete indem ich mich selbst in das Spiel einfügte. Ich und mein Hauptcharakter, wir hatten einen ähnlichen Job, gleiche Hobbies, passende Essgewohnheiten, vergleichbare Schlafphasen, ungefähr gleich viel Stress in unserem Alltag und die gleichen Gedanken über nichts und alles, die ständig durch unsere Köpfe kreisten. Und unsere Väter litten und starben an derselben Sache, es war also leicht in die Rolle meiner Figur zu schlüpfen.

Ich glaube ihr begreift langsam, warum wir mit dieser Kritik so spät dran sind.

Jedes Mal wenn sich meinem Hauptcharakter (mir) eine Entscheidung präsentierte, entschied ich mich aus meiner Sicht rational - so wie ich es unter normalen Bedingungen auch gemacht hätte. Und ohne es genau zu wissen schob ich uns beide mit jeder Entscheidung ein Stückchen weiter über den Rand des Abgrunds hinaus.

Das habe ich aber nicht mit Absicht gemacht.

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Alles startete so unschuldig, indem ich den freundlichen Erzähler ignoriere, der mir mit seinem nörgelnden Ton dabei helfen wollte, durch den Tag zu kommen. Er sagte mir ich solle essen, woraufhin ich ein paar Scheiben Brot verputzte, weil ich kein Essen für eine Person anrichten wollte. Er meinte es wäre langsam Zeit fürs Bett, doch ich blieb wach und spielte Videospiele. Ich wusste schließlich, dass ich eh nicht einschlafen konnte und nur sinnlos wach im Bett lag. Warum Zeit vergeuden und über all die Dinge nachdenken, die ich am nächsten Tag zu tun habe? Dinge, die ich wieder nicht schaffen werde... Das ist doch verschwendete Zeit. Er sagte mir ich solle eine Dusche nehmen, ich verschob das auf morgen und schaltete den TV ein, um die ohrenbetäubende Stille zu übertönen, die sich in jedem Quadratzentimeter meiner Wohnung breitmachte.

Please Knock On My Door
Ich wollte neu starten und meine Fehler beheben - verstehen, was schief gelaufen ist und mich anders entscheiden... doch so funktioniert Please Knock On My Door nicht. // Michael Levall

Ich ging zur Arbeit, kam wieder, aß etwas schaute fern, spielte Videospiele, ging zu Bett, wachte auf, ging zur Arbeit, kam heim, aß etwas, griff zur Fernbedienung, spiele viel zu lang, ging ins Bett, wachte auf, wieder Arbeit, kam heim, aß und spielte länger und länger... Jeden Tag wurde es ein bisschen schwieriger, alles zu bewältigen. Wir wurden langsamer und unmotivierter und ehe ich mich versah, wich die Routine der Monotonie. Hobbies verwandelten sich in Hausarbeiten und meine wertvolle Ich-Zeit machte der Einsamkeit Platz. Mit jedem Durchgang tanzte ich unaufhaltbar näher in den Abgrund und konnte den Sog einfach nicht stoppen. Schließlich fand ich mich vor der Tür wieder, die niemand jemals öffnen darf, doch in meiner Ignoranz habe ich Dich eingeladen.

Du hast die freundliche Stimme des Erzählers mit einem herablassenden, kritischen und grauenhaften Biest ersetzt. Ich weiß, dass ich Dir nicht zuhören sollte. Dass Du falsch liegst und lügst. Dass ich etwas wert bin. Dass sich die Leute um mich sorgen. Dass ich nichts von dem verdient habe, was Du mir antust. Ich weiß es, ICH WEIß ES DOCH aber...
Deine Stimme ist so beharrend. Und Deine Redekunst so überzeugend.

Ich kam (im Spiel) an einen Punkt an, an dem ich begriff, dass ich mich meinen Freunden und Lieben anvertrauen musste; dass ich wieder mit Leuten sprechen sollte und sie zu mir einlade. Doch hätte ich das getan, dann würden alle sehen wie schwach und erbärmlich und kaputt ich bin. Ich wollte neu starten und meine Fehler beheben - verstehen, was schief gelaufen ist und mich anders entscheiden... doch so funktioniert Please Knock On My Door nicht. Wir müssen weiterspielen oder aufgeben.

Glücklicherweise endet dieses Spiel für die kleine schwarze Block-Person, die ich kontrolliere (und für mich) glücklich. Das Biest verschwindet letztlich, die Block-Person findet den Anschluss zu ihren alten Freunden und erlebt ein nettes Barbecue. Ich muss zugeben, dass mich diese Geschichte zum Weinen gebracht hat. Doch es fühlte sich extrem passend an, Please Knock On My Door mit Tränen zu beenden, die aus Freude vergossen werden. Also vor Freude zu weinen, weil endlich mal etwas Schönes passiert ist und wir nach langem Kampf mit dem Strom schwimmen können. Die Situation sah für eine Weile nämlich nicht danach aus.

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Please Knock On My DoorPlease Knock On My Door
Es fühlte sich extrem passend an, Please Knock On My Door mit Tränen zu beenden, die aus Freude vergossen werden. // Michael Levall

Noch niemals zuvor hat mich ein Spiel durch solch eine emotionale Achterbahnfahrt geschickt und in all den Jahren, die ich mich jetzt schon mit Videospielen beschäftige, habe ich noch niemals so stark über die Handlungen in einem Spiel nachgedacht, wie bei Please Knock On My Door. Ich bin unglaublich beeindruckt von der enormen Leistung von Levall und seinem Team, denn Please Knock On My Door ist ein unangenehm akkurates Porträt davon, wie ein Leben sein muss, das unter sozialer Phobie leidet. Und es ist auch deshalb so ein wichtiger Titel weil er Leuten, die mit ähnlichen Gefühlen und Problemen kämpfen, zeigt, dass sie mit ihren Sorgen nicht alleine sind. Und dass sie sich nicht schämen oder so tun müssen, als sei alles okay.

Das Spiel hat außerdem das Potential Menschen beizubringen, dass es einen Grund dafür gibt, wie sie sich fühlen und dass man diesem Umstand mit einer entsprechenden Diagnose entgegenwirken kann. Dass man nicht nur „mal wieder down" ist oder „sich nicht fühlt", sondern dass da vielleicht eine ernstzunehmende Krankheit an einem nagt und Yoga oder fröhliche Musik nichts an diesem Zustand ändern werden. Please Knock On My Door zeigt uns aber vor allem, dass all das Schlechte niemals unsere eigene Schuld ist.

Und vielleicht, nur vielleicht, kann dieser Titel sogar dafür sorgen, dass man dem Thema „Mentale Probleme" in der Gesellschaft mit ein bisschen mehr Augenhöhe begegnet, als es jetzt der Fall ist. Leute müssen realisieren, was für ein unglaublich anstrengender Kampf es sein kann, jeden Tag seinen Kopf über dem Wasser zu halten und dass das tägliche Leben manchen Leuten sehr viel mehr abverlangt, als ihnen selbst. Jeder sollte Please Knock On My Door spielen, ganz egal wie schwer diese Erfahrung wird. Ich glaube wirklich, dass dieser Titel vielen Leuten helfen kann. Es ist bei weitem die beste und schlechteste Spielerfahrung gewesen, die ich jemals hatte und aus diesem Grund habe ich überhaupt keinen Zweifel daran eine Note zu vergeben, die ich noch nie zuvor einem Spiel gab.

Michael Levall
10 Gamereactor Deutschland
10 / 10
+
Ein akkurates und ehrbares Porträt mentaler Krankheit; tolles Voice-Acting; passender Soundtrack.
-
Einige Rechtschreibfehler.
overall score
ist die Durchschnittswertung von Gamereactor. Wie hoch ist eure Wertung? Die Durchschnittwertung aller Gamereactor-Redaktionen wird aus den Wertungen in allen Ländern erhoben, in denen es lokalen Gamereactor-Redaktionen gibt

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