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FIFA 11

FIFA 11

Sportspiel-Reihen haben ein Problem. Sie erzählen keine Geschichte, die man fortsetzen kann, müssen aber trotzdem jährlich erscheinen und sich verkaufen. Mit aktuellen Trikots ist das aber kaum zu rechtfertigen. Deswegen sind Games wie FIFA 11 gezwungen, sich stets in einem neuen Gewand zu präsentieren. Und werben mit kleinen Gameplay-Revolutionen. Aber handelt es sich dabei wirklich um den angepriesenen Fortschritt? Oder sind die Verbesserungen eher marginal?

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Jedes Jahr dieselbe Leier. Die Hardcore-Fußballfans unter den Konsolenbesitzern kaufen sich FIFA oder PES. Ihre Rechtfertigung dafür: neue Trikotdesigns, aktualisierte Sponsoren, Transfers und Spielerdaten. Borussia Dortmund ohne den neuen Publikumsliebling Shinji Kagawa? Marco Reus immer noch auf Zweitliga-Niveau? Und Bayerns Mario Gomez immer noch Weltklasse? Geht so alles gar nicht!

Die berechtigte Frage, ob nicht ein kostenpflichtiger Download zu einem ähnlich befriedigenden Ergebnis führen würde, wird abgewedelt durch den Hinweis, es seien auch Verbesserungen am Spiel vorgenommen worden. Und für den nicht ganz so harten Kern ist das wohl auch der einzig legitime Kaufgrund. Ansonsten würde auch jahrelang das selbe Spiel im Laufwerk rotieren. Denn eine Neuanschaffung will wohlüberlegt sein und sollte auf tatsächlichen Umwälzungen in Sachen Gameplay und Grafik beruhen.

Nun sind an der FIFA-Reihe tatsächlich einige grundlegende Veränderungen vorgenommen worden. Vor allem, seitdem sich 2008 ein Mann namnes David Rutter als Produzent des Fußballspiels angenommen hat. Unter Rutter - der zuvor die Fußball-Manager-Serie von Electronic Arts betreut hatte - startete der Paradigmen-Wechsel: weg von der Hochglanz-Arcade, hin zum Gameplay-Musterschüler mit leichten Präsentationsdefiziten.

FIFA 11
Spielt im neuen FIFA eine wichtige Rolle: der Keeper. Endlich können elf Spieler pro Team online spielen.

In den letzten Jahren wurde eine ganze Palette an Neuerungen präsentiert. Angeblich waren es allein 2009 über 250. Viele Mini-Skripte, die Bewegungsabläufe automatisch abspielten und das Geschehen auf dem Platz irgendwie immer gleich aussehen ließen, wurden abgeschafft. Die Künstliche Intelligenz (KI) der Mit- und Gegenspieler wurde verbessert. Und ein funktionierendes Kollisions-System eingeführt, das die unzähligen individuellen physikalischen Parameter der einzelnen Spieler in einem Duell gegeneinander aufrechnete. Phillip Lahm sah fortan bei einem Frontal-Crash mit dem Hünen Adriano schlecht aus. Dafür spitzelte er ihm im Liegen noch den Ball weg. 2010 gestaltete die neue 360-Grad-Steuerung tatsächlich die Bewegung im Raum etwas intuitiver. Das waren durchaus grundlegende Veränderung, die einen Kauf der neuen Teile rechtfertigten. Und das sahen knapp zehn Millionen Käufer ganz ähnlich. Das Etikett "Jetzt mit verbesserter Rezeptur" hatte also durchaus seine Berechtigung.

Konsequenterweise hat auch FIFA 11 eine verbesserte Rezeptur angekündigt, kann allerdings, zumindest auf den ersten Blick, keine bahnbrechenden Verbesserungen vorweisen. Sondern allenfalls ein gutes Finetuning. Das wurde mit Schlagworten wie "Personality+" versehen, oder auch "We are 11". Der besondere Verweis auf das "Elf Freunde sollt ihr sein" schenkt der bislang vernachlässigten Torhüterposition mehr Aufmerksamkeit. Tatsächlich fällt der letzte Mann jetzt nicht mehr so unangenehm auf. Er greift merklich aggressiver in das Spiel ein und läuft auch in 1:1-Situationen nicht verfrüht aus dem Tor raus, so dass man ihn nur zu überlupfen braucht.

FIFA 11
Spektakuläre Paraden belohnen für den Einsatz im langfristig eher unspektakulären Goalkeeper-Modus.

Auch neu: spektakuläre Paraden und ein Modus "Be A Goalkeeper", der eine Erweiterung des bekannten "Be A Pro"-Modus ist. Leider fristen wir zwischen den Pfosten ein tristes Spitzensportlerdasein. Wir achten aufs Stellungsspiel, beschleunigen mit langen Abwürfen das Spiel, laufen ab und an aus dem Sechzehner, halten auch mal einen Ball und lassen andere rein. Das ist zwei, drei Spiele lang recht interessant. Aber eine ganze Karriere muss man sich so wirklich nicht geben. Dann lieber Jura studieren. Da wäre - und das meine ich jetzt ernst - die Schiedsrichterrolle sehr viel interessanter. Vor allem, wenn man offline gegen einen Freund spielt und ein Dritter die Rolle des Unparteiischen übernehmen könnte.

Abgesehen also von der eher überflüssigen Torhüterkarriere macht FIFA 11 vieles richtig. Das Finetuning sitzt. Gerade in den Duellen Spieler gegen Spieler, die ja das Herzstück eines jeden Sportspiels sind, ist das Gameplay ausgefeilt und sauber programmiert. Wer bislang FIFA 10 oder auch den Einschub zur Fußballweltmeisterschaft in der Konsole hatte, wird sich anfangs an das abermals etwas neue Timing bei den Aktionen gewöhnen müssen. Denn das Spiel wirkt langsamer. Aber es gibt einem auch mehr Zeit, den Ball weiter zu verarbeiten, eine Körpertäuschung anzubringen oder einen Doppelpass einzuleiten. Die Beschleunigung des Spiels passiert vor allem aufgrund durchdachter Aktionen und taktischem Verständnis. Wer weiß, wo sein Mitspieler steht, kann die Passtaste im Voraus drücken und sich am eigenen Spiel berauschen. So etwas nennt man blindes Verständnis zwischen Mensch und Maschine.

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Ein erfolgreiches Passspiel ist noch mehr von den Faktoren Spieler- und Avatarfähigkeiten abhängig.

Auch das kleine Zuspiel, der Pass, wurde nicht revolutioniert. Aber eine Evolution hat durchaus stattgefunden. Ein erfolgreiches Passspiel ist noch mehr von den Faktoren Spieler- und Avatarfähigkeiten abhängig. Real Madrids Mesut Özil gelingen weite Diagonalpässe mit dem Außenrist eher als Bayerns Daniel van Buyten - was auch zu erwarten gewesen wäre. Und genau um diese Berechenbarkeit geht es. Fußball ist nämlich nicht das Vabanquespiel, zu dem es gerne gemacht wird, so nach dem Motto "Der Pokal hat seine eigenen Gesetze" und "Alles ist möglich". Nicht am Rechner. Der Fortschritt ist hier, Gesetzmäßigkeiten zu schaffen, um den Spieler für das unberechenbare Moment sorgen zu lassen, im Positiven wie im Negativen.

Weswegen auch die eigene Genauigkeit abermals stärker ins Gewicht fällt. Die ungefähre Richtung zu erahnen reicht einfach nicht aus, um einen Killerpass zu spielen. Auch die Neubewertung, die das Spiel an Genauigkeit und Härte von Schüssen und Pässen vornimmt, zieht eine kleine Umgewöhnungsphase bei Freistößen und Fernschüssen nach sich, fällt aber nicht weiter ins Gewicht. Was leider weiter nervt ist das unmögliche Elfmeter-Mini-Game, das aus FIFA Fußball Weltmeisterschaft Südafrika 2010 übernommen wurde.

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Computern sollte Willkür verboten bleiben, was vor allem das neu eingeführte Handspiel illustriert.

Dazu gibt es eine weitere Neuerung: das Handspiel. Über dessen Einführung lässt sich aber streiten. Denn man kann Handspiele des eigenen Teams nicht beeinflussen. Sie passieren - so wie manch ein echtes Handspiel wohl auch passiert - im Affekt und ohne eigenes Zutun. Nun schien der Computer während meiner Spiele seinen Spaß an Affekthandlungen zu haben, was auf Dauer sehr ärgerlich war. Denn Computern sollte Willkür verboten bleiben. Zum Glück ist Handspiel eine Option, die sich ein- und ausschalten lässt. Man sollte letzteres machen und sich den Jähzorn für eigene Fehler aufsparen.

Schlechte Kritik gibt‘s auch für die immer noch zu kleinen Tafeln und nichtssagenden Animationen im Taktikteil und die umständliche Mannschaftsaufstellung. Da ist die Benutzeroberfläche des Team-Managements von Konamis Pro Evolution Soccer 2011 wegweisend, das sich per Drag and Drop steuert. Was bleibt, ist die hohe Qualität des Soundtracks, an dem sich die clowneske Stadionbeschallung der Bundesliga mehr als eine Scheibe abschneiden kann. Und der prall gefüllte Sack mit Lizenzen aller wichtigen Ligen, Namen und Gesichtern, der vor allem in dem ebenfalls überarbeiteten Manager-Modus Sinn ergibt. Und die unterhaltsamen Ladepausen, in denen wir jetzt gar zu zweit Tricks und Standards ausprobieren können (der zweite Spieler steuert den Torhüter). Und die Fangesänge und die Einlaufmusik, die wir mit einem Audiotool den eigenen Bedüfnissen anpassen können. Dazu füttern wir die Konsole mit selbstproduzierten MP3, und plötzlich brüllen Zehntausend Kehlen den eigenen Namen. Viele kleine Dinge also, die FIFA zu einem sehr guten Fußballspiel machen, das aber längst nicht perfekt ist. Aber Perfektion wäre auch fast geschäftsschädigend. Denn dann gäbe es nächstes Jahr keinen Grund, ein neues Fußballspiel zu kaufen.

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09 Gamereactor Deutschland
9 / 10
+
Wirklich verbesserte Torwart-KI, das beste FIFA-Gameplay bislang, eigene Fangesänge und Einlaufmusik
-
Nicht so hübsch animiert wie PES 2011, unübersichtlicher Taktikbereich mit umständlicher Bedienung
overall score
ist die Durchschnittswertung von Gamereactor. Wie hoch ist eure Wertung? Die Durchschnittwertung aller Gamereactor-Redaktionen wird aus den Wertungen in allen Ländern erhoben, in denen es lokalen Gamereactor-Redaktionen gibt

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