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Enslaved: Odyssey to the West

Enslaved: Odyssey to the West

Tränen und Videospiele passen eher selten zusammen. Games sind Männersache, größtenteils jedenfalls, da ist Gefühlsduselei fehl am Platze. Enslaved: Odyssey to the West kümmert das wenig. Das Action-Adventure der Heavenly Sword-Macher traut sich nämlich, andere Wege zu gehen.

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Enslaved: Odyssey to the West stellt zwar auch klassisch den Kampf in den Vordergrund, scheut sich aber nicht, ebenso klassisch mit Emotionen zu spielen. Etwa in jenem Moment, als die zauberhafte Trip, ständige Begleiterin von Held Monkey, um die hilflos zappelnden Fische aus dem imposanten Lobby-Aquarium eines New Yorker Hotels weint, das ein mächtiger Abriss-Mech gerade zertrümmert hat.

Da sind die Tränen der kleinen, schutzlosen Hackerin, die Monkey ein Sklavenstirnband an den Kopf getackert hat und so über ihn (also uns) bestimmen kann, ein idealer Katalysator für die wunderbar erzählte Story von Enslaved. Das perfekte geschlossene Ökosystem, 200 Jahre hat es sich selbst erhalten. Nur Sauerstoff, Algen und große und kleine Fische. Ein bisschen wie der Held und die Hackerin, nur dass sie das an dieser Stelle im Spiel noch nicht wissen. Herrgott, es ist eine Liebesgeschichte, die hier unterschwellig erzählt wird - und man findet das eigentlich zu keinem Zeitpunkt daneben oder kitschig. Schon ziemlich weit vorne dabei das Ganze.

Die Story funktioniert vor allem deshalb so gut, weil einige wesentliche Faktoren perfekt ineinander greifen. Ein Faktor sind die subtilen Kleinigkeiten. Etwa, dass ein seit Jahrhunderten am Boden liegender Mech-Titan, überwuchert von abertausenden Zweigen, nur leicht und fast unmerklich die Augen mitwandern lässt, wenn man über seinen Hals stromert. Ein letzter paranoider Gruß aus dem Mechhirn. Oder die Augen überhaupt, die sind erstklassig gemacht, so feucht und echt wie die aussehen. Oder der permanente und nahtlose plötzliche Übergang zwischen Spielszenen und Zwischensequenzen, sowohl inhaltlich als auch optisch.

Enslaved: Odyssey to the West
Mit dem Rührstab an den Mech ran? Nicht ganz, aber der Kampfstab von Monkey ist sehr variabel einsetzbar...

Erstklassig ist auch das Design der Hauptdarsteller. Der Affe ist von Andy Serkis eingespielt, dem Gollum-Darsteller aus der Herr der Ringe-Trilogie. Der lieh ihm seine Stimme (im US-Original) sowie die Gesichtszüge und die Körperbewegungen. Herausgekommen ist ein extrem menschlich wirkender Held, der zwar viel zu muskulös und dessen Hüfte verdammt viel zu schmal ist, der aber trotzdem verdammt cool rüberkommt. Seine fast anmutigen Bewegungen während der zahlreichen Kletterpassagen sind jedenfalls ziemlich hübsch.

Die 14 abwechslungsreichen Level überzeugen durch wunderbar gemalte, tief gehende Hintergründe. Das Gameplay wechselt geschickt zwischen Kletterpassagen, Kampfeinlagen und knackigen Duellen gegen mächtige Zwischenendgegner hin und her - und orchestriert so ein perfektes Spieltempo. Ab und an darf Monkey auch auf Cloud durch die Welten rasen, einer fliegenden Surfwolke aus der Westentasche. Damit gibt's sogar noch ein bisschen Rennspielfeeling obendrauf - inklusive einiger netter Verfolgungsjagden.

Hier trifft man auch den üblen Mech-Wachhund, einen super-fiesen Pitbull mit Zähnen aus Stahl. Der vielleicht gelungenste Boss seit langem: cool, bösartig, gefährlich und nicht unterzukriegen. Doch Enslaved kann auch anders. Ruhig und malerisch zum Beispiel, während wir auf Riesenwindmühlen klettern und die vielen Perspektivwechsel dieser Kletterpassage genießen. Oder morbid, während des Herausballern von Mechs aus Felsnischen in einer dunklen Höhle, vom Hooverboard aus. Da wird einem der Vergleich zur grandiosen Limbo-Ästhetik geradezu abgenötigt. Überhaupt ist die Grafik sehr gut geworden - und selbst ein bisschen Psycho-Mystik fehlt nicht, wenn Monkey die wirren Pixelmasken einsammelt. Davon kriegt er kleine Visionen, die scheinbar so gar nichts mit der Geschichte zu tun haben, wenn sie Fetzen aus dem Leben vor der Zerstörung der Erde zeigen.

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... und dient auch als durchschlagskräftige Schusswaffe, die man in mehreren Schritten modifizieren kann.

Ein Großteil des Spiels ist auf die Zusammenarbeit von Trip und Monkey ausgelegt. Wir können mit Monkey und seinem erstaunlichen Multifunktionsstab prügeln und schießen, während wir Trip einige wenige Kommandos geben dürfen. Sie ist damit zum Beispiel in der Lage, Mechs ablenken, damit wir sie flankieren können. Oder sie hilft uns beim Heilen. Ursprünglich hat die kleine Dame den großen Monkey natürlich gegen seinen Willen zu ihrem Sklaven gemacht. Aber spätestens, als sie gemeinsam das Heim von Trips Vater erreichen, wird klar, dass ihre Beziehung tieferer Natur ist.

Kleine, vor allem oberflächliche Fehler verhindern für Enslaved ganz hohe Weihen. Manchmal trickst einen die Kamera beim Klettern aus und bockt bei den Perspektiven herum. Die deutschen Dialoge sind manchmal zu leise und bisweilen komplett von dem dezent-imposanten Soundtrack überlagert. Und Trip ist immer mal wieder so schnell unterwegs, dass man meint, sie könne sich teleportieren. Richtig nervig ist aber nur das den Spielfluss erheblich hemmende Einsammeln der Tech-Orbs. Hätten sie sich echt schenken können. Mit den Tech-Orbs darf man zwar die Waffe, den Schild und die Gesundheitsanzeige upgraden, was ja wichtig ist. Leider wirkt das Einsammeln komplett falsch aufgesetzt. Gibt echten Punktabzug, besonders weil man manche Passagen deswegen unsinnigerweise zweimal besucht. Zum Glück ist das Spiel nie schwierig, so dass man die Orbs letztlich auch einfach ignorieren kann.

In relativ kurzen aber in keiner Sekunde langweiligen acht Stunden rauschen Monkey und Trip in einem Endzeit-Road-Movie-Game aus einem völlig überwucherten New York aufs Land zu den Eltern und weiter zu einem absurden Schrotthändler und den Mechbastlern der Pyramid Corporation. Am Ende ein wirklich frisches, unverbrauchtes und durchgängig sehr unterhaltsames Spiel. Nicht verpassen!

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08 Gamereactor Deutschland
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Wunderbar erzählte Story, großartige Atmosphäre, schicke und abwechslungsreiche Level
-
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