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DJ Hero

DJ Hero

Ein lustiges Eingabegerät buhlt um Kundschaft. DJ Hero ist das neue Musikspiel von Activision und liefert den Turntable-Controller gleich mit. Rockt es tatsächlich, auf dem Sofa zum DJ zu werden?

Die Finger krampfen (okay, eigentlich nur der Ringfinger und der kleine Finger), Hinterteil und Rücken tun weh - das sind die ersten bleibenden Impressionen nach einer längeren Session DJ Hero. Auf einem Stuhl sitzend hab' ich gespielt, weil es auf dem bequemen Sitzsack mit dem Turntable-Controller nicht klappt. Zu tiefe, zu bequeme Sitzposition, so will das DJ Hero nicht. Den vermutlich fürs "richtige" Spielen nötigen DJ-Tisch gibt es nur in der Limited-Edition. Wobei ich nicht einsehe, einen solchen Tisch zum Zocken brauchen zu müssen. Also eben sitzend auf dem Stuhl, den Turntable-Controller auf dem Schoss. Eine wackelige Angelegenheit, was immer wieder zu Problemen führt. Dazu später mehr...

Die zweite bleibende Impression betrifft die geniale Musik. Die 93 Mixe sind wirklich fast durchgängig spitze, entweder weil sie so absurd sind, so unfassbar gut oder beides gleichzeitig. Rein technisch sind sie zudem derart klasse umgesetzt, dass sie selbst bei Mix-Fehlern im Spiel noch einigermaßen fett rüberkommen. Kleiner Auszug der derzeitigen Favoritenliste: Intergalatic von den Beastie Boys vs. Rapture von Blondie, dann die beiden Megamixe von Daft Punk sowie Technologic von Daft Punk vs. Cars von Gary Numan. Und dann noch I Want You Back von den Jackson 5 vs. Semi-Charmed Life von Third Eye Blind. Und und und... die Liste nimmt eigentlich partout kein Ende. Selbst der sonst von mir eher skeptisch beäugte HipHop und Rap gewinnt in DJ Hero.

Die Musik rockt aber leider nur so richtig, wenn der Beat nicht stoppt und man immer die richtigen Knöpfe richtig trifft oder benutzt. Und genau das wird sehr schnell sehr kompliziert mit DJ Hero, obwohl eigentlich nur sechs Knöpfe sind inklusive Crossfader, Euphorie-Button und Filterregler bedient werden müssen. Und das alles muss natürlich noch mit dem Scratchen auf dem Turntable kombiniert werden. In den beiden einfachen Schwierigkeitsgraden geht das relativ fluffig von der Hand, vor allem deshalb, weil der Crossfader noch nicht zum Einsatz kommt. Dafür dreht sich der Plattenteller höchstens mit 20 rpm, also viel viel zu langsam.

Da will man schnell mehr, wird aber auf der nächsten Stufe Mittel nach den ersten Beats unfreundlich ausgebremst (bzw. eher rechts überholt). Die Platte dreht sich gefühlt doppelt so schnell, und dann kommt der Fader dazu. Der muss zwar "nur" in eine von drei Positionen bewegt werden, aber nicht selten verliert man schnell den Überblick, wo genau der verdammte Fader grad steht oder als nächstes hin soll. Und wie man vernünftig umgreifen soll zwischen Fader, Euphorie-Button (der löst einen Multiplikatorbonus aus, wenn bestimmte Passagen fehlerlos absolviert wurden) und Filterregler wechseln soll, ist mir auch noch ein Rätsel. Ein reaktionsschneller Oktopus hat da sicher keine Probleme.

Wie eine einzige weitere Aufgabe den Spieler zumindest partiell völlig überfordern kann, demonstriert DJ Hero hier auf eindrückliche Art und Weise. Plötzlich ist nix mehr mit Turntable-Rocker, weil mindestens eine der drei Tonspuren immer wieder ins Leere läuft. Erst nach einiger Trainingszeit groovt man sich ein bisschen ein. Manche nennen so etwas herausfordernd, andere nennen es überfordernd.

Wer nicht vom Stuhl aus spielt, sondern den normalen Lebensraum einer Spielkonsole nutzt, der sitzt im Regelfall auf dem Boden oder auf dem Sofa. Wer keinen Sofatisch besitzt, bei dem wackelt der Turntable-Controller fortan nervig auf dem Schoss herum. Wer immer auf dem Boden hockt beim Zocken, der kann DJ Hero gleich vergessen. Geht nicht. Nach einer Runde piesackt der Rücken. Eine endgültig vernünftige Position der Hände zum Scratchen zu finden, ist mir trotz vieler Versuche weder auf dem Stuhl noch auf dem Sofa gelungen. Der blaue Button liegt einfach zu weit innen auf dem Turntable. So zu scratchen ist immer krampfig, während es außen auf dem grünen Button locker von der Hand geht.

Die Haptik des insgesamt wirklich gut verarbeiteten Turntable-Controllers hilft auch nicht. Der Plattenteller flutscht im Dauergebrauch doch deutlich zu leicht hin und her, es fehlt Widerstand. Außerdem ist seine Oberfläche zu rutschig, so dass er mir beim Scratchen ein ums andere Mal quasi aus der Hand rutscht, was den Flow doch erheblich stört. Und der ist ab dem Schwierigkeitsgrad Mittel extrem wichtig, denn ohne Flow hört sich das Musikstück schlimm an und es gibt kaum Punkte.

Auf Schwer wird DJ Hero vermutlich bereits für einen großen Teil der Durchschnittsspieler zum unspielbaren Spiel. Und wer jene 30 Freaks sind, die den Profimodus zocken, wird bald in den passenden Youtube-Videos demonstriert. Dort werden verrückte Skills gefeiert, die sie sich die Plastik-DJs in stillen, einsamen Trainingssessions angeeignet haben. Echtes Vor- und Zurück-Scratchen in verschiedenen Längen, dazu schnelles Cutten mit dem Crossfader und ein Plattenteller, der rasend schnell rotiert. Zu viel für normale Menschen. Profis widmen sich dagegen gerne dem 300er-Achievement etwa der Xbox-Version, wo mit dem Turntable-Controller eine lückenlose 300er-Serie in einem Mix als Profi abzuliefern ist. Nichts gegen Herausforderungen, aber das ist nur noch happig. Schon eine 50er-Serie auf Schwer ist... nun ja, wirklich schwer. Aber vielleicht bin ich auch einfach zu doof für diese Musikspiele?

Am schlimmsten ist, dass DJ Hero keinen richtigen Spaß macht. Da spielen zwei Leute nebeneinander in einem Zimmer den Versus-Modus, und es kommt partout keine Partystimmung auf. Weil dort zwei hochkonzentrierte Tastendrücker zusammenhocken, die ihre Finger verbiegen und versuchen, möglichst keine Fehler zu machen. Auch für etwaige Zuschauer ist das sterbenslangweilig. Mit Party hat das nichts zu tun, sorry. Das ist Boot Camp, schlimmer als die Jugendmusikschule. Besser klappt es schon, wenn im Duett mit Mikro oder Gitarre von Guitar Hero angeschlossen sind, aber dann wirkt der Einsiedler am Turntable erst recht deplatziert. Im Online-Versusmodus ist das ganze nur unwesentlich lustiger, vor allem, weil der Gegner irgendwie völlig unsichtbar bleibt. Bis man am Ende der Session in der Auswertung kurz seinen Gamertag sehen darf.

Richtig gut ist DJ Hero als interaktive Jukebox in der Schwierigkeitsstufe Leicht. Die coole Musik genießen und nebenbei ein bisschen Knöpfe drücken und scratchen. Wobei es dann nervt, dass die Buttons auf dem Turntable beim Drücken ein lautes Plastik-Klicken von sich geben, was wiederum die Musik erheblich stört, selbst wenn die in lauter Zimmerlautstärke läuft. Auf Dauer lässt sich aus einer Jukebox aber kein Spiel machen, darum muss die Komplexität gesteigert werden und die Schwierigkeit angezogen werden. Und da hört der Spaß auf und fängt die Arbeit an. Gedichte auswendig lernen für den Nikolaus war schon als Kind nervig, das will doch im November keiner mit Knopf-Patterns machen müssen, um ein Erfolgserlebnis mit DJ Hero zu haben.

Würde allein meine persönliche Meinung gelten, dann stünde bei der Wertung vermutlich eine Sechs. So geht das aber nicht, also muss das Produkt auch einfach als solches betrachtet werden können. Passiert das, ist DJ Hero ein für Genre-Fans herausforderndes Game, mit dem sie viele Stunden verbringen werden, bevor alle Tracks gemeistert sind. Und dann warten bereits zahllose neue als Download. Aber der neue, große Wurf, die Revolution im Musikspielgenre ist es nicht. Egal ob man nun nur Liebes- oder Hassfraktion gehört. Und mit echtem Deejaying hat es auch nichts zu tun, dass ist wesentlich komplexer und gleichzeitig doch auch wesentlich einfacher als DJ Hero spielen. Weil es dort jene Freiheit gibt, die in DJ Hero völlig fehlt.

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08 Gamereactor Deutschland
8 / 10
+
Fantastische Musikauswahl, coole Mixe, schöner Turntable-Controller
-
Entweder zu leicht oder viel zu schwierig, fehlender Party-Faktor
overall score
ist die Durchschnittswertung von Gamereactor. Wie hoch ist eure Wertung? Die Durchschnittwertung aller Gamereactor-Redaktionen wird aus den Wertungen in allen Ländern erhoben, in denen es lokalen Gamereactor-Redaktionen gibt

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