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Tekken 6

Der freundliche Schläger von nebenan

Erdal Özer, leidenschaftlicher Gamer aus Berlin-Neukölln, ist amtierender deutscher Tekken-Meister. Seine Lieblingscharaktere in Namcos Beat'em up sind die herumwirbelnden Capoeira-Kämpfer Eddy Gordo und Christie Monteiro. Wir haben uns mit dem Prügel-Crack getroffen und herausgefunden, dass ihn mit seinen Spielcharakteren mehr verbindet, als nur der Controller.

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Wie muss man sich den amtierenden deutschen Tekken-Meister vorstellen? Einen Menschen, dessen Hauptleidenschaft es offenbar ist, Leute in einem Videospiel zu verprügeln? Entweder der ist ein äußerst rabiater Grobian oder ein Videospiele-Nerd, der einen sogar in Farmville nass macht? Den Fakt mit einbezogen, dass der aktuelle Deutsche Tekken-Meister aus dem als sozialen Brennpunkt verrufenen Berliner Bezirk Neukölln kommt, befeuert die eigenen Klischees zusätzlich. Der Spieler mit dem Kürzel ErDaLiStA bedient allerdings keine gängigen Klischess.

Der 28-Jährige Erdal Özer ist verlobt und studierter Wirtschaftsingenieur, Abschlussnote "gut". Geboren und aufgewachsen ist der Sohn türkischer Eltern in Berlin. Wenn er sagt, aus welchem Bezirk er kommt, dann fügt er stets grinsend hinzu: "Wie es sich für einen echten Türken gehört." Und auch sonst stimmt nichts mit dem Klischee überein, das man über Neuköllner Türken oder Profizocker gerne im Kopf hat. Seine äußere Erscheinung ist sehr dezent. Die Haare kurz und gescheitelt, die Kleidung zwischen sportlich-leger und elegant. Seine Figur deutet auf reichlich sportliche, nicht-elektronische Betätigung hin und die Stimme ist hell und freundlich. So hatte ich mir den Tekken-Profizocker ganz ehrlich nicht vorgestellt.

Tekken 6
Erdal Özer, amtierter Deutscher Tekken-Meister, mit seiner aktuellen Obession namens Tekken 6.

Wer mit Erdal Özer spricht und bemerkt, wie überaus freundlich er ist, würde kaum auf den Gedanken kommen, dass ein Beat'em up zu seiner großen Berufung geworden ist. Wahrscheinlicher wäre es, dass es seine Bestimmung ist, alten Menschen über die Straße zu helfen. Aber wie passen Erdal Özer und der Konsolen-Kampfsport nun zusammen? Und warum?

Schon seit frühester Kindheit ist Erdal Özer von Games begeistert. Er selbst bezeichnet sich als "Videospieler aus Leidenschaft". NES und SNES machten schon damals einen Großteil seiner Freizeitbeschäftigung aus und an die alten Zelda-Spiele erinnert er sich heute noch mit Freude. Als Einstieg in die Prügelspiele diente ihm, wie sicher vielen damals, die Street Fighter-Reihe.

Auf der eigenen Playstation ging es dann mit Tekken weiter. Wie er sagt, habe er auch andere Beat'em ups gespielt, doch von Namcos Prügler ging wegen der schönen Inszenierung ein besonderer Reiz aus. "Besonders gut gefallen, haben mir in Tekken die Würfe und da war der Wrestler King einfach der beste. Die vielen Wurfkombos, die damals auch nicht jeder kannte, waren meine persönliche Herausforderung", meint Özer.

Einige Jahre später kam es bei einem Türkei-Urlaub zu einer Begegnung, die Özers Leben entscheidend veränderte: "Ich war in einer Spielhalle, in der ein Tekken 3-Automat stand. Ich selbst hatte den dritten Teil noch gar nicht gespielt. An dem Automaten kämpfte gerade einer mit Eddy Gordo und ich war total fasziniert davon, wie elegant er durch die Luft wirbelte. Ich wurde sozusagen sofort in den Bann gezogen." Von diesem Tag an war der Capoeira-Tänzer Özers Lieblingscharakter in der Serie. In der Geschichte von Tekken wurde Eddy zwar durch dessen Schülerin Christie Monteiro ersetzt, das Entscheidende, nämlich der akrobatische Kampfstil, blieb Özer aber bis heute erhalten.

Tekken 6
Mit Christie Monteiro zum Sieg bei den Deutschen Tekken-Meisterschaften Ende 2009.

Christie Monteiro war es auch, mit dem Özer im November des vergangenen Jahres die Deutsche Tekken-Meisterschaft in München gewann. Was ihn trotz seines Erfolges immer wieder verfolgt, ist der Vorwurf, mit Christie den absoluten Lame-Charakter zu spielen. "Ich höre ständig von anderen, ich hätte den 'Christie-Bonus' und würde nur 'mashen', also nur unkontrolliert auf die Tasten hauen." Komischer Vorwurf: Es ist sicher nur schwer vorstellbar, mittels fehlender Kontrolle Deutscher Meister zu werden. Völlig gleich in welcher Disziplin.

Für Erdal Özer spielt sich ein großer Teil des Kampfes im Kopf der Spieler ab: "Es ist beinahe wie beim Schach. Man muss immer einen Zug voraus denken und versuchen, seinen Gegner in die Irre zu führen." Ein perfektes Wissen über den gegnerischen Charakter und dessen Bewegungen ist dazu unerlässlich. Was für gewöhnlich seine Stärke ist, wurde Özer bei der Weltmeisterschaft im Dezember 2009 in London zum Verhängnis. Gleich zwei Mal hintereinander musste seine Christie bereits im ersten Match gegen den übergewichtigen und doch flinken Bob antreten. Ein neuer Charakter, den Özer kaum kannte. Er verlor beide Kämpfe gegen den spanischen Tekken-Champ. Damit war das Turnier für nach der ersten Runde beendet. Kein "King of Iron Fist"-Titel. Keine 2500 britischen Pfund für den Sieg. Kein neuer Riesen-LCD-TV. Aber wieder etwas gelernt.

Wer ihn beim Spielen beobachtet, wird bemerken, dass Özer den Controller auf außergewöhnliche Art und Weise in Händen hält. Die linke Hand hält das Pad so, wie es üblich ist. Die rechte hält er so, als würde er auf einer Tastatur spielen. Fingerarbeit statt Däumchendrücken. Bei diesem Spielstil handelt es sich um ein Überbleibsel aus den vielen Stunden am Automaten. "Ich bin es so gewohnt und kann so einfach besser spielen."

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Überbleibsel der vielen Stunden am Automaten: die Fingertechnik von Erdal Özer. Einen Arcade-Stick will er derzeit lieber nicht nehmen.

Auf einen Arcade-Stick, also einen Controller wie am Spieleautomaten, wollte er bisher jedoch nicht umsteigen. Er selbst hatte mehrmals mit einem Umstieg geliebäugelt, zumal er auf dem Turnier in München einen Arcade-Stick gewann. "Ich weiß, dass es besser wäre, auf dem Arcade-Stick zu spielen, aber ich kann mich nicht überwinden", meint er dazu. "Ich würde dann eine Weile schlechter spielen, und das möchte ich nicht. Da spiele ich lieber auf Dauer konstant gut. Viele meiner Freunde sind auf den Stick umgestiegen und pfeifen für eine Weile auf die Ergebnisse. Inwiefern ihnen das hilft, werde ich ja sehen."

Wie bereits erwähnt, veränderte die Begegnung mit dem Charakter Eddy das Leben von Erdal Özer entscheidend. Wer jedoch denkt, dass diese Veränderung nicht über die Bildschirme hinausreichte, täuscht sich. Özer war vom Capoeira dermaßen begeistert, dass er auch im echten Leben anfing, die Mischung aus Kampfsport und Tanz zu betreiben.

"Es ist schon bewundernswert, wie sehr Eddy mein Leben beeinflusst hat. Den größten Teil meiner Freizeit macht die Capoeira aus. Virtuell und im echten Leben." Komischer Gedanke, dass jemand einen nicht nur im Spiel, sondern problemlos auch im echten Leben auf diese artistische Weise ausknocken könnte.

Özer hat das Glück, in Berlin von einer sehr aktiven Tekken-Community umgeben zu sein, worum ihn viele Kollegen aus anderen Städten sehr beneiden. Alle zwei bis drei Monate nimmt er an inoffiziellen Turnieren teil und er organisiert auch selbst welche. Der Berlin-Tekken-Clash, wie die Turniere getauft wurden, hat sich in der Szene bereits einen Namen gemacht und das weit über die Landesgrenzen hinaus. "Ungefähr die Hälfte der Teilnehmer kommt aus Deutschland, der Rest aus Frankreich, Italien oder Polen", freut sich Erdal Özer.

Bis zu 128 Teilnehmer nehmen an den Turnieren teil, die für gewöhnlich in einem abgerockten Jugendclub im abgelegenen Berliner Bezirk Hellersdorf stattfinden. Das sorgt für die passende, untergründige Fight-Club-Atmosphäre. "Das ist schon eine tolle Meute, die zusammenkommt", sagt Özer. "Wir haben querbeet alles dabei, auch Anwälte, Ingenieure und so weiter. Es sind sehr viele Familienväter dabei und alle sind total locker und freundlich zueinander. Anders als man sich das sicher vorstellt." Von Namco wird Erdal Özer reichlich unterstützt. Der Publisher lässt gerne den einen oder anderen Fanartikel springen, den es dann auf den Turnieren zu gewinnen gibt.

Die Teilnahmegebühr beträgt meisten 15 Euro. Bei über einhundert Teilnehmern kommt da schon einiges zusammen. "Wir versuchen, immer so viel wie möglich ins Preisgeld zu packen. Denn so kann man auch leichter Spieler aus dem Ausland anlocken", weiß Erdal Özer. Bis zu 700 Euro sahnt der Erstplatzierte dann schnell mal. Und selbst der Viertplatzierte erhält noch einen kleinen Betrag.

Der Tekken-Meister ist nicht immer unter den ersten vier, aber für gewöhnlich in den Top Ten zu finden. "Dass wir die Leute aus dem Ausland anlocken wollen, liegt auch daran, dass jeder immer gegen die Besten spielen will. Nur so wird man selbst auch immer besser." Vielleicht klappt es dann ja im nächsten Jahr mit der Weltmeisterschaft. Zu wünschen ist es ihm. Hoffentlich hat er bis dahin den dicken, flinken Bob etwas besser kennengelernt.

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