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Dead Synchronicity: Tomorrow Comes Today

Dead Synchronicity: Tomorrow Comes Today

Willkommen in der Zukunft! Doch so hat sie sich sicher niemand vorgestellt - düster, blutig und dem Ende der Zivilisation nahe.

Erst im vergangenen Sommer hat uns Tim Schafer erzählt, der Guru für Point'n'Click-Adventures, wie wichtig es ist, Videospiele "als Kunst wahrzunehmen und sich selbst als Künstler, während man sie produziert". Und die Wahrheit ist, dass diese interaktiven Schöpfungen eine ganz fabelhafte Leinwand sein können, um als Autor ein Zeichen zu setzen und einen echten künstlerischen Ansatz zu verfolgen. Dead Synchronicity: Tomorrow Comes Today scheint sich das zu Herzen genommen zu haben, denn es präsentiert sich ganz bewusst als eines der Titel aus dem Genre, dass mehr Persönlichkeit bieten will, was eine ganze Menge ist.

Das erste Spiel der bereits angekündigten Dead Synchronicity-Reihe erzählt die Geschichte von Michael, einem Mann ohne Erinnerung, der in einer Zukunft aufwacht, in der Welt am Abgrund steht. Und ganz im Sinne des Titel und dem Konzept der Zeit muss sich der Protagonist mit temporären Verzerrungen befassen, die es ihm ermöglichen, das Geschehene und die dystopische Welt, in der er gelandet ist, besser zu verstehen. Auf diese Weise muss er versuchen herauszufinden, um was es sich bei dieser "Großen Welle" handelt, von der alle sprechen und die für alles verantwortlich zu sein scheint. Abseits davon scheint die Welt von einer Plage der "Aufgelösten" heimgesucht zu werden, in der sich die Menschen in seltsame Wesen verwandeln, die erweiterte kognitive Fähigkeiten besitzen, bevor sie sich schließlich, wie der Name schon erahnen lässt, in Blut auflösen.

Dead Synchronicity: Tomorrow Comes TodayDead Synchronicity: Tomorrow Comes Today
Die Ästhetik strahlt streckenweise eine subtile Wärme aus, wo eigentlich nur Ocker und Grau dominieren und verweist damit auch auf den typischen Stil der europäischen Comic-Kultur.

Fictiorama Studios will uns keine lustige, nette Erfahrung liefern. Die Inspiration von klassischen Adventures wie The Secret of Monkey Island oder Day of the Tentacle beschränkt sich also auf wesentliche Spielmechaniken. Das hier ist ansonsten eine deutliche düstere und grausamere Welt. Es ist eine, die bereits in den ersten Minuten mit Blut getränkt wird. Allerdings stellt das kein großes Problem dar, vielmehr war eben dieser Hintergrund der Erfolg für die Kickstarter-Kampagne, mit welcher der Abschluss der Entwicklung finanziert werden konnte. Das Spiel hat zwar dennoch Humor, aber im Vergleich zu dem, was sonst im Genre üblich ist, gibt es deutliche Reserven.

In Sachen Spielmechaniken hat sich der spanische Entwickler ansonsten wie angedeutet für eine sehr klassische Erfahrung entschieden - eine Entscheidung, über die Freunde des Genres sicher geteilter Meinung sein werden. Über diese Form von Traditionalismus gibt es immer sehr zwiespältige Ansichten. Aber meiner Meinung nach, und ich habe inzwischen viele der neuen Titel von Daedalic selbst gespielt, sollten die Oberfläche, Menüs und das Dialogsystem überarbeitet werden. Sich durch die vielen Fenster mit den vielen Gegenständen zu klicken, wenn man keine Wahl hat, ist sehr mühsam. Allerdings sprechen wir hier auch von einem Genre, dem es scheinbar auch in seinem zweiten Frühling gefällt, mehr von dem zu liefern, was wir bereits kennen, ohne innovativ dabei zu sein.

Das ist auch nichts, was wir als Fehler in der Entwicklung kritisieren können. Es ist eine bewusste Entscheidung, die bestehenden Traditionen fortzusetzen. Und das Rezept für Adventures der alten Schule funktioniert ziemlich gut, aber es heißt am Ende auch, dass man als Entwickler lieber auf Nummer sicher geht. Zumindest aber gibt es in Dead Synchronicity: Tomorrow Comes Today ein gutes Belohnungssystem. Unsere Aufgabe ist es schließlich herauszufinden, was zur Hölle hinter all dem steckt und diese Erfahrung ist gespickt mit Rätseln. Für jede Aufgabe, die wir bewältigen, gibt es ein kleines Puzzleteil über die Welt um uns herum. Dieser Aspekt sticht mehr als anderswo heraus und motiviert uns, weiterzumachen.

Nichtlinearen Handlungsträngen und ein temporalen Paradoxon, in der Science Fiction sind das ganz übliche Elemente. Und obwohl es zunächst vielleicht nicht so scheinen mag, so ist es dem Team dennoch gelungen, das nicht überzustrapazieren und bei all dem eine interessante Geschichte zu erzählen, in der die menschliche Komponente wichtiger ist als Weltraum-Paranoia - es gibt solche Passagen, aber alles in den richtigen Dosen. Es mag sein, dass sich nicht jeder mit den Charakteren richtig anfreunden kann, aber die Geschichte ist nachvollziehbar, für können sie mitfühlen und interessieren uns dafür, wie es ausgeht. Allerdings zieht uns das Spiel nicht durchweg in seinen Bann - an einigen Stellen funktioniert es richtig gut und an anderen weniger.

Das Design des Spiels verdient eine besondere Erwähnung, denn die Ästhetik strahlt streckenweise eine subtile Wärme aus, wo eigentlich nur Ocker und Grau dominieren und verweist damit auch auf den typischen Stil der europäischen Comic-Kultur. Mich persönlich erinnert es an Paco Roca mit Hang hinzu zu mehr geometrischen Formen. Die Umgebung erzählt uns mehr über die Welt, als deren Charaktere - deren Gesichter verlieren sich in Apathie, Resignation und Schmerz. Auf der anderen Seite haben wir den Soundtrack, der von zwei Mitgliedern der Indie-Rockband Kovalsky komponiert wurde und streckenweise wirklich heraussticht. Er glänzt etwa in der exzellenten Eröffnungssequenz, in denen die Bilder wirklich perfekt zur Monat passen. In späteren, melancholischeren Momenten, an denen wir uns eine deutlich passendere und damit ruhigere musikalische Begleitung gewünscht hätten, erweist sich die Musik wiederum als sehr störend. Vielleicht sind das auch die Passagen, in denen Dead Synchronicity: Tomorrow Comes Today schwächelt.

Dead Synchronicity: Tomorrow Comes Today ist ein zweischneidiges Schwert - einerseits ist so anders und dabei gleichzeitig doch konservativ. Mich bringt das in ein Dilemma. Es als ein außergewöhnliches Spiel betrachten zu wollen, wäre genauso falsch wie es so zu sehen, als würde es einem Genre angehören, in dem sich nichts bewegt. Beides ist nämlich richtig. Es ist ein Spiel, dass sein Publikum sehr gut kennt und dem genau das liefert, was es verlangt. Gleichzeitig versucht es aber mit seiner erwachsenen Art neue Akzente zu setzen. Wer ein Point'n'Click-Adventure der alten Schule will, für den ist im Frühjahr Dead Synchronicity: Tomorrow Comes Today die beste Wahl. Und wer eine gut erzählte Geschichte mit viel Symbolik möchte, auch für den ist dieses Spiel wie gemacht. Wer allerdings auf eine echte Neubetrachtung des klassischen Adventures hofft, der wird enttäuscht. Vielleicht ist es auch an der Zeit, dem Genre eine erneute Warnung auszusprechen. Die Zeit ist reif, oder wie es so schön im Titel des Spiels heißt, morgen kommt manchmal schon heute.

Dead Synchronicity: Tomorrow Comes Today
Dead Synchronicity: Tomorrow Comes Today
Dead Synchronicity: Tomorrow Comes Today
Dead Synchronicity: Tomorrow Comes Today
08 Gamereactor Deutschland
8 / 10
+
großartiges Charakter- und Umgebungs-Design, 2D-Stil spiegelt europäische Comic-Kultur wider, interessante Geschichte, für jedes gelöste Rätsel gibt es einen weiteren Wissensbrocken über die Welt
-
Soundtrack passt nicht immer, wenig innovativ und frisch, trotz des internationalen Anspruchs bietet es sehr traditionelle Spielmechaniken
overall score
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