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Scarlet Nexus

Scarlet Nexus

In Bandai Namcos neuestem Action-Adventure trotzen wir dem Schicksal mit der Kraft unserer Gehirne.

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Ich muss direkt klarstellen, dass ich den Titel im Rahmen der Review-Periode nicht zweimal komplett durchspielen konnte. Dennoch hoffe ich, dass ich dem Spiel ein faires Urteil geben konnte.

Im Zentrum von Bandai Namos neuem Actionspiel stehen die zwei jungen Soldaten Kasane und Yuito, die sich inmitten eines schicksalshaften Abenteuers wiederfinden. Zu Beginn des Spiels müsst ihr euch für einen der beiden spielbaren Charaktere entscheiden und diese Wahl bestimmt, welche Perspektive ihr im sich anbahnenden Konflikt einnehmen werdet. Obwohl sich die Entwickler darum bemüht haben, dass ein einziger Spieldurchlauf (der übrigens locker 25 Stunden auf die Waage bringt) ausreicht, um der übergeordneten Rahmenhandlung folgen zu können, ist der Titel ganz klar darauf ausgelegt, zweimal gespielt zu werden. Yuitos Herausforderungen unterscheiden sich ganz erheblich von Kasanes Abenteuern, denn die Beiden durchleben im Verlauf der Geschichte eine ganze Menge.

Die Rahmenbedingungen von Scarlet Nexus beginnen überschaubar und persönlich, das Szenario reicht allerdings sehr weit. Schon bald geht es nicht mehr um die kleine Militäreinheit, in der sich unsere angehenden Helden einen Namen machen, da gesellschaftspolitische und sogar existenzielle Themen die Diskussion übernehmen. Die vielen unterschiedlichen Themenkomplexe, die Bandai Namco in diesem Game gleichzeitig anschneidet, werden längst nicht alle mit der gleichen Sorgfalt besprochen und deshalb ist es umso wichtiger, die zweite Perspektive zu erleben. Hört ihr nach dem ersten Spieldurchlauf auf, habt ihr das große Ganze zwar im Wesentlichen erfasst, doch euch entgehen viele Eigenheiten und sehr wichtige Hintergründe.

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang noch, dass sich beide Protagonisten auch spielerisch voneinander unterscheiden. Kasane nutzt im Kampf spitze Dolchfächer, mit denen sie aus der Entfernung attackiert. Yuito hingegen ist ein Schwertkämpfer, der immer in der Action ist. Beiden stehen je vier Begleiter zur Verfügung, die uns mit individuellen Fähigkeiten unter die Arme greifen. Ob man die eigenen Waffen mit Feuer oder Elektrizität versieht, macht spielerisch zugegeben noch keinen großen Unterschied aus, doch im Kampf auf Heimlichkeit und Illusionen zu setzen, ist schon etwas anderes, als sich mit Unverwundbarkeit direkt ins Gefecht zu teleportieren.

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Kasanes und Yuitos Abenteuer verlaufen parallel zueinander, sie berühren sich aber nur an bestimmten Stellen. Es sind zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen, sowohl spielerisch als auch erzählerisch.

Das Kampfsystem ist ein spannendes Thema, obwohl es leider nicht ganz aufgeht. Wir können Nahkampf- und Telekinese-Fähigkeiten sowie eine breite Palette freischaltbarer Spezialattacken und sogar zwei zusätzliche Kampfmodi einsetzen, um entweder direkt die Lebensleiste des Feindes anzugehen oder eine mentale Statusleiste zu leeren. Sobald dieser zweite Energiebalken erschöpft ist, können wir den sogenannten "Brain Crush" aktivieren, der empfindlichen Schaden verursacht und die meisten Feinde besiegt.

Aggressiv zu sein fühlt sich gut an, aber wenn man mehrere Gegner gleichzeitig bekämpft, erschwert die Kamera die Übersicht und das kann schnell frustrierend sein. Ihr müsst sehr darauf aufpassen, nicht von gegnerischen Attacken getroffen zu werden. Gerade die letzten Dungeons ziehen sich zudem unglaublich in die Länge und schleifen uns über Stunden hinweg von einem Kampf in den nächsten. In dieser Phase büßt das Spiel viel Spielspaß ein.

Die meisten Schlachten (und übrigens auch das Level-Design) sind sehr direkt auf unser jeweiliges Team zugeschnitten, damit die Spieler erlernen, wann man eine bestimmte Fähigkeit einsetzen sollte. Anfangs sind die Optionen noch überschaubar, doch im letzten Drittel stehen uns sehr viele Möglichkeiten zur Verfügung. Da die Konfrontationen in der Regel spezifische Gegenreaktionen erzwingen, müsst ihr all eure Fähigkeiten auch regelmäßig einsetzen. Man kann die Gegner immer auch mit normalen Angriffen besiegen, allerdings leidet der Spielfluss doch sehr deutlich darunter. Dieses Game-Design ist nicht so eingeschränkt wie beispielsweise das neue Doom Eternal, doch man sollte der Empfehlung der Entwickler schon folgen, um es sich leichter zu machen.

Zwischen den Hauptmissionen habt ihr Zeit, um Nebenquests anzunehmen und euch mit euren Freunden zu beschäftigen. Die optionalen Aufgaben, die ihr in friedlichen Zonen findet, sind generischstes „Töte Feind X unter Bedingung Y" und das ist eure Zeit nicht wert. Wer sich hingegen auf seine Kameraden konzentriert, der wird deutlich mehr Freude haben, denn es gelingt den Entwicklern gut, das individuelle Wachstum einzelner Gruppenmitglieder darzustellen. Kümmert ihr euch gut um eure Kameraden, verbessert ihr nicht nur ihre Talente, ihr schaltet außerdem mächtige Spezialfähigkeiten frei, die dem spielmechanischen Anspruch von Scarlet Nexus etwas mehr Freiheit verleihen.

Scarlet Nexus führt das sogenannte "Brainpunk"-Zeitalter ein, was im Wesentlichen eine futuristische Sci-Fi-Fantasie ist, in der die Menschen irgendwann gelernt haben, Magie zu wirken. In dieser Welt sind alle miteinander vernetzt und Gehirne haben sich weit genug entwickelt, um mit biologischen Supercomputern mitzuhalten. Visuell orientiert sich Bandai Namco bei der Gestaltung der Welt größtenteils an bekannten Cyberpunk-Tropen, um die Alles-ist-miteinander-vernetzt-Mentalität zu unterfüttern. Der sehr gelungene Anime-Stil verleiht dem Spiel eine prägnante, visuelle Identität, die inspirierende Bilder schafft.

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Scarlet Nexus hat in Deutschland eine USK-Altersfreigabe ab 12 Jahren erhalten und die Darstellung ist kindgerecht. Einige der Themen driften allerdings in unerwartet düstere Regionen ab.

Einprägsam sind auch die furchtbar entstellten Monster, gegen die wir in diesem Spiel antreten. Sie stammen aus der Hand des japanischen Künstlers Masakazu Yamshiro, dem es auf groteske Art und Weise gelingt, alltägliche Gegenstände mit tierischen Gliedmaßen zu verschmelzen. Das bringt grässliche Alptraumkreaturen zum Vorschein, die es in dieser Form in kaum einem anderen Spiel zu sehen gab. Obwohl diese Viecher Gehirne fressen, kommt der Titel übrigens ohne explizite Gewaltdarstellung aus und ist für Kinder ab zwölf Jahren freigegeben. Ich hebe das nur deshalb hervor, weil ich einige Themen als sehr makaber und überaus düster empfand.

Bandai Namco bemüht sich sichtlich darum, die vielen, teils wirklich abstrakten Themenkomplexe in entsprechender Form aufzubereiten, doch das gelingt ihnen ehrlich gesagt nicht immer. Leider sind die Mängel im Storytelling teilweise auf die duale Erzählstruktur zurückzuführen, wodurch es schwierig wird, die wirren Wendungen dieser absurden Handlung bereits beim ersten Durchspielen vollständig zu erfassen. Unsere beiden Hauptfiguren bekommen zudem unterschiedliche Informationen und der Informationsaustausch findet häufig in Gruppen-Chats oder in unaufgeregten Standbild-Dialogen statt. Diese Expositionen mögen Kopfschütteln hervorrufen, doch sie sind nötig und deshalb solltet ihr euch zwischen den Gefechten auch die Zeit nehmen, um alle Details sorgfältig aufnehmen.

Dass hinter allen guten Ideen ein "aber" kommt, ist in gewisser Weise das große Problem dieses Spiels. Bandai Namco hat offensichtlich sehr viel Zeit damit verbracht, diese Fantasiewelt, die Story-Prämisse und das Drumherum aufzubauen, doch um Scarlet Nexus in seiner Gesamtheit erfassen und wertschätzen zu können, muss man es eben zweimal durchspielen. Auf dem Weg dahin stolpert das Spiel leider einige Male über die eigenen Beine, da sich die letzten Kapitel beispielsweise so stark in die Länge ziehen, dass man erst einmal eine Pause braucht, ehe man sich in den zweiten Spieldurchlauf wirft. Wer davon nicht abgestoßen wird und weitere Stolpersteine sportlich nimmt, der kann mit Scarlet Nexus' Fantasie aber ohne Frage eine Menge Spaß haben. Ich hoffe tatsächlich sehr, dass Bandai Namco auf dieser spannenden Welt aufbaut.

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Da sich die Gegnerlevel automatisch unserer aktuellen Stufe anpassen, bleibt die Spielerfahrung übrigens selbst bei fleißigen Rollenspielern herausfordernd, was vor allem bei erschöpfenden Bosskämpfen auffällt.
08 Gamereactor Deutschland
8 / 10
+
vielversprechende Story-Prämisse, kreative Cyberpunk-Fantasie, einzigartiges visuelles Design, Charaktere wachsen im Spielverlauf.
-
Die Geschichte ist sehr weitgefasst und wird vielerorts nur hastig erklärt. Kampfsystem und Kamera sind auf Duelle ausgelegt, nicht auf Massenkämpfe. Das Ende zieht sich sehr in die Länge.
overall score
ist die Durchschnittswertung von Gamereactor. Wie hoch ist eure Wertung? Die Durchschnittwertung aller Gamereactor-Redaktionen wird aus den Wertungen in allen Ländern erhoben, in denen es lokalen Gamereactor-Redaktionen gibt

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