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Pokémon Sonne/Mond

Pokémon Sonne/Mond

Am Mittwoch erscheint die siebte Generation von Pokémon für den 3DS und nach etlichen Stunden und vielen gefangenen Monstern zieht Stefan ein Fazit.

Pokémon ist in erster Linie ein Spiel für Kinder, das ist klar. Deshalb gibt es diese kindgerechte Verpackung, verständliche Inhalte und ein belohnendes Fortschrittssystem. Das neue Pokémon Sonne/Mond nimmt sich diesen Ansatz sehr zu Herzen - und so treffen wir auf extravagante Outfits, komische Frisuren und gewollt spaßige Sprüche. Doch manchmal durchbricht Nintendo den schmalen Grat zwischen purer Unterhaltung und fragwürdigen Designentscheidungen. Dass Eltern zum Beispiel ihre elfjährigen Kinder in Begleitung eines oberkörperfreien Pokémon-"Professors" auf Inselwanderschaft schicken, will einfach nicht in meinen Kopf.

In Pokémon Sonne/Mond erleben wir das karibische Flair der Alola-Region. Alola besteht aus vier Hauptinseln, die wir im Zuge unserer Inselwanderschaft bereisen werden. Das abgeschiedene Eiland bietet viele Eigenheiten, doch das Interessanteste sind ihre einzigartigen Pokémon-Formen. Viele Kreaturen haben sich an die veränderten Begebenheiten dieses paradiesischen Lebensraumes angepasst und dabei völlig neue Variationen bestehender Pokémon hervorgebracht. Das Spiel erklärt uns auch an etlichen Stellen, wie sich diese neuen Pokémon-Arten gebildet haben.

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So sehen Sandamer, Vulnona und Kokowei in ihrer Alola-Form aus.

Die Inselwanderschaft ist für viele Kinder eine Möglichkeit, die Welt kennenzulernen und sich und ihre Pokémon zu entwickeln. Anstatt wie früher einen Arenaleiter zu besiegen, müssen sich Trainer im neuesten Pokémon-Spiel in herausfordernden Prüfungen beweisen. Am Ende eines Gebiets wartet ein furchteinflößendes Herrscher-Pokémon, das erscheint, sobald wir bestimmte Aufgaben absolviert haben. Im finalen Kampf müssen wir uns dann darauf einstellen, gleichzeitig gegen den Boss und kleinere Vasallen zu kämpfen. Nebenquests sorgen für zusätzliche Erfahrung und das nötige Kleingeld, schließlich will man stets genügend Heilitems und Pokébälle dabei haben.

Den straffen Anforderungsgrad des neuen Pokémon-Spiels empfinde ich als klaren Pluspunkt. Die letzten Einträge der Serie litten an chronisch unterlevelten Gegnern, die gegen ein aufgemotztes Team nur selten den Hauch einer Chance hatten. In Pokémon Sonne/Mond ist das tatsächlich anders, obwohl ich den EP-Teiler recht früh bekommen und Kämpfe gesucht habe. Zum einen ist das darin begründet, das man häufig in der Unterzahl kämpft und wilde Pokémon selbst in zufälligen Begegnungen Verstärkung rufen. Zum anderen sind die Inseln Alolas sehr viel unterschiedlicher aufgestellt, weshalb wir fast überall auf Pokémon jeden erdenklichen Typs treffen und kein Gebiet mit einem einzigen Kämpfer bestehen werden.

Was mir ebenfalls sehr positiv aufgefallen ist, ist die starke Inszenierung des Spiels. An einigen Stellen hat Game Freak sehr wirksame Spannungsspitzen eingebaut, um bestimmte Pokémon oder Trainer in den Vordergrund zu stellen. Das mit Abstand gelungenste Beispiel hierfür ist der verlassene Geisterladen auf Ula-Ula - müsst ihr unbedingt erlebt haben. Ein Pokémon-Spiel funktioniert natürlich auch ohne große Hintergrundgeschichte, doch storytechnisch hat Pokémon Sonne/Mond echt einiges drauf. Thematisch ist die Erzählung deutlich düsterer, als ich es von einem kunterbunten Nintendo-Spiel gewohnt bin. Darüber täuschen auch Slapstick-Humor und flache Witze nicht hinweg.

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Z-Moves verstärken einen bestimmten Attacken-Typ dramatisch und umgehen somit natürliche Werte-Resistenzen der Pokémon.

Zwischen den wenigen intensiven Story-Höhepunkten verliert man sich zwar immer noch recht schnell im gewohnten Erkundungs- und Sammelfieber, allerdings ziehen die Zwischensequenzen die Spannung immer mal wieder ordentlich an. Dass wir auch in Pokémon Sonne/Mond einen austauschbaren Avatar spielen, ist allerdings ein derber Schlag in die Magengrube. Game Freak erzählt diese vielschichtige Geschichte und lässt uns dabei nicht die Hauptrolle spielen. Wer Pokémon Sonne/Mond lange genug gespielt hat, wird meine Empörung nachvollziehen. Das ist alles nicht mehr zeitgemäß, geschweige denn kindgerecht. Es gibt einfach viel zu viele Szenen, in denen unsere eigene Spielfigur überflüssig und irrelevant ist oder einfach nur nervt.

Wenn man davon mal absieht, ist Pokémon Sonne/Mond ein richtig tolles Spiel geworden. Die einzelnen Inseln sind facettenreich gestaltet und bieten verschiedene Biotope für alle erdenklichen Pokémon-Typen. Um die Alola-Inseln zu bereisen, nutzen Trainer den PokéMobil-Service. Damit rufen wir Pokémon herbei, die für uns Felsen zertrümmern, uns über Wasser transportieren oder zu bereits besuchten Städten fliegen. In bisherigen Titeln der Serie wurde das über den Einsatz von VMs geklärt, doch zum Glück gehört das nun der Vergangenheit an. Die VM-Attacken gibt es noch immer, außerhalb des Kampfes haben sie jedoch keinerlei Wirkung mehr.

Der eher verhaltene Nintendogs-Verschnitt PokéMonAmi wurde für Sonne und Mond generalüberholt und heißt nun PokéPause. Nach wie vor ist dieses Feature hauptsächlich dazu gedacht, die Zutraulichkeit der eigenen Taschenmonster zu erhöhen und die Bindung zwischen Pokémon und Trainer zu stärken. Doch da der Zutraulichkeitswert für viele Dinge im Spiel nicht wirklich von Bedeutung ist, wurde das PokéMonAmi allgemein nur selten genutzt. In Pokémon Sonne/Mond hilft die PokéPause den Trainern jedoch dabei, die Statusprobleme ihrer in Mitleidenschaft geratenen Pokémon zu heilen, deshalb erlebt der Modus eine kleine Renaissance.

Zu den anderen Verfeinerungen des Spiels gehören die Menüführung und ein neues Pokédex. Dort steckt ein Rotom drin, das uns in Kämpfen mit hilfreichen Tipps zur Seite steht. Sobald Rotom genügend Gelegenheit hatte, ein Pokémon hinreichend zu analysieren, verrät er uns im Auswahlmenü der Attacken, welche Wirkung ein Angriff hat. Gerade für Gelegenheitsspieler ist das eine tolle Hilfestellung, schließlich gibt es immerhin 18 verschiedene Pokémon-Typen mit eigenen Stärken und Schwächen, die wir im Kampf berücksichtigen müssen.

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Alola ist ein farbenfrohes Inselparadies mit zahlreichen, doch diese Pracht fordert bei alten 3DS-Geräten ihren Tribut.

Das vor der Veröffentlichung am größten beworbene Feature sind die Z-Moves. Diese Angriffe verstärken einen bestimmten Attacken-Typ dramatisch und umgehen somit in gewisser Weise natürliche Werte-Resistenzen der Pokémon. Mit dem richtigen Item kann jedes Pokémon solche unfairen Angriffe loslassen, doch zum Glück ist der Einsatz pro Match reguliert. Game Freak bauscht diese Komponente mit einer imposanten Präsentation mächtig auf, kaschiert damit allerdings nur ihre stumpfe Natur. Und als ob das noch nicht genügt, schalten wir nach Abschluss des Hauptspiels außerdem die übermächtigen Mega-Entwicklungen aus Pokémon Omega Rubin/Alpha Saphir frei.

Auf der technischen Seite ist das neue Pokémon durchwachsen. Die Performance fällt auf älteren 3DS-Geräten merklich ab, sobald mehr als zwei Pokémon an einem Kampf teilnehmen. Dann kommt es sogar zu kleinen (retuschierten) Ladephasen. Auf dem New Nintendo 3DS sind diese Probleme weitgehend reduziert, für Besitzer des älteren Modells ist das allerdings nur ein schwacher Trost. Aufgrund der hohen Anforderungen wird zudem komplett auf den Einsatz des 3D-Features verzichtet. Kamera und Gyrosensor des 3DS finden im Pokémon-Sucher und im QR-Code-Scanner Anwendung, allerdings sind beide Features eher nette Beigaben denn sinnvolle Nutzungsmöglichkeiten.

Ich habe mich sehr auf Pokémon Sonne/Mond gefreut, nach Pokémon Go wollte ich endlich wieder ein vollwertiges, frisches Spielerlebnis mit den kleinen (und großen) Taschenmonstern haben. Was Nintendo und Game Freak mit der siebten Generation von Pokémon-Spielen abgeliefert haben, ist wieder richtig gut geworden und überzeugt mich von vorne bis hinten. Das zeitlose Kampfsystem und die schiere Unzahl an sammelbaren Pokémon wird kombiniert mit einer tollen Geschichte, sinnvollen Neuerungen und einem motivierenden Anspruch. Insgesamt waren meine Ansprüche an das neue Pokémon ziemlich hoch, doch nach Abschluss des Spiels bin ich mehr als zufrieden.

09 Gamereactor Deutschland
9 / 10
+
angestiegener Schwierigkeitsgrad, bekanntes Sammelfieber mit starker Story, gelungener Einsatz der Rollenspielelemente, endlich keine VMs mehr
-
unfaire Z-Moves, Performance-Probleme auf älteren 3DS-Modellen, Spielfigur nervt
overall score
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