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Medal of Honor: Warfighter

Medal of Honor: Warfighter

Es gibt Berufe, die sich schlecht mit Familie vereinen lassen. Betroffen sind unter anderem Lkw-Fahrer, Matrosen und Tier I-Elitesoldaten. Letztere stehen schon mal direkt vom Mittagstisch auf, um 14 Stunden später in voller Montur über Pakistan aus dem Flugzeug zu springen. Diese Männer und ihr Kampf stehen im Mittelpunkt von Medal of Honor: Warfighter. Mit seinem Fokus auf unverblümte Realität versucht das Spiel den Spagat zwischen Militär-Shooter und sozialkritischer Dokumentation.

Langsam tauchen wir aus dem Wasser auf. Schleichen ans Ufer. Erledigen die Wache. Das Gewitter übertönt jedes Geräusch. Wir sind in irgendeiner Hafenanlage, irgendwo auf der Welt. Mother ist immer bei uns. "Platzier die Bombe", flüstert der Elitesoldat. Wir platzieren sie, gehen in Deckung und betätigen den Auslöser. Ein Lidschlag später explodiert der gesamte Hafen. Wir rennen wild umher. Mother brüllt Befehle und plötzlich ist da ein Hubschrauber. Mit der SMAW schießen wir den Heli ab und sind dann ganz schnell wieder weg.

So sieht der eine Kampf im Leben von Preacher aus, dem Hauptcharakter in Medal of Honor: Warfighter. Der andere Kampf ist seine Ehe. In Zwischensequenzen erleben wir den Soldaten als kriegsmüden Veteranen, der nicht mehr kämpfen will (und es dann doch tut) mit seiner Frau Lena. Sie hat genug hat vom Krieg, drängt ihn aber doch dazu, alles zu erzählen. Die Story ist nicht direkt schlecht, aber ziemlich vorhersehbar - und sie leidet unter der mangelnden Ausdrucksfähigkeit der virtuellen Charaktere.

Medal of Honor: WarfighterMedal of Honor: Warfighter
Das Spiel setzt auf viel Realismus und vergisst dabei das Gameplay. Viele kleine und mehrere große Fehler zerstören es.

Ungefähr sieben bis acht Stunden Spielzeit bietet die Kampagne von Medal of Honor: Warfighter. Die spielbaren Abschnitte bestreiten wir abwechselnd als Preacher oder in der Rolle des U.S. Navy Seals Stump. Die Schauplätze, die Charaktere, die Zeit - alles ändert sich fortwährend und irgendwann wissen wir nur noch eines: Es geht um Sprengstoff.

Aber die exotischen Schauplätze lassen sich auch ohne Handlung genießen. Mitsamt Landungsbooten springen wir aus dem Flugzeug, um in Somalia ein von Piraten bevölkertes Küstendorf anzugreifen. Im Orkan-überfluteten Jakarta befreien wir Geiseln und in Sarajevo jagen wir einen Waffenhändler. Besonders hübsch war die Auto-Jagd in Karachi. Abgesehen von den üblichen Feuergefechten markieren wir Ziele für Luftschläge, erledigen Gegner mit dem Scharfschützengewehr und brechen Türen auf. Besonders das Türen-Aufbrechen scheint eine eigene Wissenschaft moderner Spezialeinheiten zu sein.

Grafisch wurde das Spiel durch die Frostbite 2-Engine auf solide Füße gestellt. Besonders die glänzenden Oberflächen in nassen Levels sehen top aus. Wenn dann noch etwas in die Luft geht, was zwangsläufig irgendwann passiert, und sich das Feuer in den Pfützen spiegelt, wirkt die Szene durch und durch rund. In den Gebäuden hängen Rauchschwaden in der Luft und das Licht bricht sich durch die Fenster. Der Detailgrad der Figuren ist hoch, ihre Gesichter und Mimik sind gut getroffen.

Medal of Honor: Warfighter
Da wir immer durch das Visier blicken, wenn wir über die Deckung spähen, ist die Suche nach Feinden purer Frust.

Unter Beschuss wirken die Level jedoch oft leblos und künstlich. Holzpaletten und Autoscheiben sind zerstörbar. Dünne Autobleche hingegen bleiben absolut undurchlässig. Eine Felsmauer geht zu Bruch, eine Holzkiste nicht. Der Feind dahinter bleibt unversehrt. Wir hingegen fühlen uns oft hinter solider Deckung in Sicherheit und werden trotzdem getroffen. Oft sterben wir auch - mit einer Kugel und dem frustrierenden Gefühl im Hinterkopf, nicht zu wissen, wer da gerade eigentlich von wo geschossen hat.

Dass so etwas passiert, liegt vor allem am Deckungssystem. Jede Mauer, jede Kiste ist unterschiedlich hoch. Sind wir hinter einem Hinderniss, müssen wir die Deckungstaste drücken, um darüber hinweg zu spähen oder uns noch tiefer zu ducken. Dabei blicken wir automatisch durch das Zielvisier. Auf kurze Distanz ist das, als würden wir mit dem Teleskop das Wohnzimmer absuchen. Dass zwei unterschiedliche Visiere zur Verfügung stehen, macht das Zielen nicht etwa einfacher, sondern eher zur Vier-Finger-Gymnastik: Wir halten Ducken, während wir mit dem einen Analog-Stick über die Mauer spähen, dem anderen zielen und gleichzeitig das Visier wechseln. Irgendwann müssen wir dann auch noch schießen.

Da wir ständig durch das Visier schauen, dauert es eine Ewigkeit, bis die Feinde entdeckt sind. Oft genug klappt das gar nicht. Stattdessen verbringen wir einen guten Teil der Spielzeit damit, Mauern mit dem Zielvisier abzusuchen. Es ist uns absolut unbegreiflich, warum dieses Deckungssystem in das Spiel übernommen wurde. Besonders, da es genügend Spiele gibt, die vormachen, wie ein solches System auszusehen hat. Das mittlerweile uralte Killzone zum Beispiel. Da das Deckungssystem direkt zur Spielbarkeit beiträgt, wirkt dieser Fehler doppelt schwer.

Ein weiterer Schwachpunkt ist das Waffengefühl. Im Vollautomatik-Modus sind die Waffen sehr ungenau. Da Treffer nicht mit dem genretypischen X im Fadenkreuz gekennzeichnet werden, wissen wir außer bei einem Kopfschuss nie, ob der Gegner getroffen wurde. Auch seine Bewegungen liefert hierfür keine eindeutigen Anzeichen. Das befriedigende Gefühl, einen Abschuss zu verbuchen, bleibt daher aus. Optisch sehen die Waffen gut aus und auch die Nachlade-Animationen sind gelungen. Allerdings braucht der Magazinwechsel viel Zeit. Wir haben schnell auf Einzelfeuer umgeschaltet.

Da sich die beiden Standardwaffen nie ablegen lassen, dürfen wir immer nur eine zusätzliche Waffe halten, was die Auswahl stark einschränkt. Bei der Akustik der Waffen wäre mehr möglich gewesen. Dass sich schallgedämpfte Ballermänner wie Erbsenkanonen anhören, ist beabsichtigt. Nichtsdestotrotz will man es auch mal krachen lassen - und das dann auch hören. Gerade in Gebäuden vermissen wir den Hall und wenn die Minigun aus dem Helikopter feuert, ist es komisch, trotzdem die Stöhnlaute der Gegner am Boden hören.

Medal of Honor: Warfighter
Das Leveldesign wie hier in Somalia gehört zu den Stärken des Spiels.

Generell sind die Gegner schwer einzuschätzen. Mal knien sie auf offener Straße und warten brav darauf, erschossen zu werden. Mal rennen sie im Zickzack-Kurs direkt auf uns zu. Allen gemein ist, dass sie nur auf uns schießen - nicht auf die anderen Teammitglieder. Die sind im Krieg oft leider keine große Hilfe. Sie versorgen uns zwar mit Munition und brüllen Befehle, aber halten den Gegner nicht auf, wenn er uns überläuft. Die Künstliche Intelligenz wird ihrem Namen jedenfalls nicht gerecht.

Die Dialoge hingegen sind gut gelungen. Vodoo, Stump, Dusty und Co. sind toll gesprochen und wirken authentisch. Das gilt auch für die deutsche Sprachausgabe. Sehr erfrischend, mal nicht nur mit markigen Sprüchen und Schimpfwörtern bombardiert zu werden. Die Charaktere vermitteln die Gelassenheit und die Coolness alter Hasen. In den Zwischensequenzen wird es allerdings gerne mal kitschig, hauptsächlich dann, wenn Preacher versucht, den unbeschwerten Familienvater zu mimen.

Ein weiterer kritischer Aspekt ist die politische Botschaft des Spiels. Es ist vertretbar, mit einem Militär-Shooter auf das Schicksal von US-Soldatenfamilien aufmerksam zu machen. Nicht vertretbar dagegen ist die unverblümte Antipathie gegenüber Pakistan. Dadurch, dass jede Mission mit dem Vermerk „Inspiriert von wahren Ereignissen" gekennzeichnet ist, wird hier schnell ein schlüssiger Tatsachenbericht suggeriert, der den pakistanischen Staat als globalen Terrorhelfer denunziert. Das ist gefährlich, Videospiele sollten nicht zu eindimensionalen Propaganda-Werkzeugen instrumentalisiert werden.

Medal of Honor: Warfighter
Die Auto-Jagd ist eine schöne Abwechslung und macht Spaß - auch wenn der Wagen unzerstörbar zu sein scheint.

Jenseits davon ist Medal of Honor: Warfighter faktisch auch einfach kaputt. Die erste ausgelieferte Charge steckt voller Bugs. EA hat zwar einen Day-1-Patch veröffentlicht, der über hundert Fehler ausmerzt, denn muss man aber aus dem Internet laden. Bei einem derartigen Umfang wird deutlich, dass der Gold-Status des Spiels zu früh vergeben wurde und nicht jeder Käufer ein fertiges Spiel bekommt.  

Der Multiplayer ist nicht schlecht - aber er ist auch nicht supergut. Dass müsste er aber sein, um gegen Call of Duty oder Battlefield 3 bestehen zu können. Zugegeben, die Möglichkeiten seine Waffen aufzurüsten und anzupassen sind fast unbegrenzt und hier hängt das Spiel die Konkurrenz deutlich ab. Aber es muss gerade auch online am Ende langfristig Spaß machen, die Feinde zu erschießen. Das beste Element ist der neue Koop-Modus Fireteam. Hier werden wir gezwungen, im Team zu arbeiten. Wir können uns gegenseitig heilen, mit Munition versorgen, Extrapunkte abstauben und direkt neben unserem Partner das Schlachtfeld betreten. Der Modus ist schön, steht aber allein da. Zum Schluss läuft alles auf die Frage hinaus: Ist der Multiplayer so gut, dass wir ihn den anderen Militär-Shootern vorziehen? Die Antwort ist ganz klar: Nein.

Medal of Honor: Warfighter hat viele gute Elemente, die durch ein paar große und viele kleine Fehler zerstört werden. Der größte Patzer ist ohne Zweifel das Deckungssystem. Die Story hätte etwas mehr Kontroverse gut gebrauchen können und dafür weniger Patriotismus.

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06 Gamereactor Deutschland
6 / 10
+
abwechslungsreiche Missionen, exotische Schauplätze, tolle Sprachausgabe
-
kaputtes Deckungssystem, ödes Waffengefühl, nutzloser Ragdoll-Effekt
overall score
ist die Durchschnittswertung von Gamereactor. Wie hoch ist eure Wertung? Die Durchschnittwertung aller Gamereactor-Redaktionen wird aus den Wertungen in allen Ländern erhoben, in denen es lokalen Gamereactor-Redaktionen gibt

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