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Pokémon Snap

Gamereactor Retrospektive: Pokémon Snap

Im Sommer wurde New Pokémon Snap für die Nintendo Switch angekündigt. Ingar nutzte die Gelegenheit, um das Original aus dem Jahr 2000 wieder aufzunehmen und über seine Erfahrung zu schreiben.

Als Pokémon Ende der Neunzigerjahre mit voller Kraft startete, ließ sich Nintendo nicht lange bitten, wenn es darum ging, die Marke in allen Bereichen zu vermarkten. Seitdem können wir Pokémon in beinahe allen Formen und Farben kaufen, denn die kleinen Taschenmonster sind wirklich überall. Rückblickend habe ich den Eindruck, dass Nintendo kreativen Vorschläge gegenüber damals noch deutlich aufgeschlossener war als heute. Zumindest scheinen sie über die Jahre die Lust daran verloren zu haben, ein paar Risiken einzugehen, um die Taschenmonster einem zunehmend hungrigen Publikum zu präsentieren. Die freie erste Zeit führte jedoch zu einigen interessanten Titeln auf dem Nintendo 64. Das berühmteste Beispiel ist wahrscheinlich Pokémon Stadium, in dem die Monsterschlachten aus den Kernspielen im TV-Format als aufregende 3D-Gefechte veranschaulicht wurden. Abgesehen davon gab es auch einige weniger bekannte Titel, wie den Tetris-Klon Pokémon Puzzle League.

Einer meiner persönlichen Favoriten außerhalb der Hauptserie war aber schon immer Pokémon Snap, ein Nintendo-64-Spiel, das im September 2000 hier bei uns veröffentlicht wurde. Das Spielkonzept war schon damals der perfekte Mix zwischen Experimentierfreudigkeit und dem Wunsch, sich wie ein ganz natürlicher Teil der Pokémon-Welt zu fühlen. Obwohl der Titel auf dem Nintendo 64 zu seiner Zeit relativ gut verkauft wurde, insbesondere in Japan, haben wir nie eine Fortsetzung serviert bekommen. Die Freude war daher Anfang des Jahres groß, als Nintendo und The Pokémon Company New Pokémon Snap für die Nintendo Switch ankündigten. Ich freue mich darauf zu sehen, was die Entwickler von Bandai Namco 20 Jahre nach dem Original auf der heutigen Hardware mit dem Konzept von damals anfangen können. Die Ankündigung von New Pokémon Snap löste in mir den Drang aus, noch einmal ins originale Spiel reinzuspielen, denn an viel konnte ich mich ehrlich gesagt nicht mehr erinnern.

Pokémon Snap

Noch bevor ich mit der Recherche anfangen konnte, musste ich ein Problem lösen, denn ich habe Pokémon Snap selbst nie besessen. Ich hatte das Spiel damals als Kind höchstens bei Freunden gesehen oder als ich ein paar glückselige Minuten im örtlichen Spielzeugladen verbringen durfte (man konnte den Titel damals in einem naheliegenden Kiosk antesten). Heute bekommt man das Spiel digital im Wii-U-Virtual-Shop, aber der Erfahrung halber wollte ich auf einem alten TV mit einem Nintendo-64-Controller spielen. Social Media half mir aus, denn auf diese Wege bekam ich eine gebrauchte Kopie des Spiels in die Hände.

Es mag sich für euch vielleicht wie Prahlerei meines Retro-Fanatismus anhören, aber meine früheren Erfahrungen mit dem Spiel sollte ich für dieses Projekt einordnen. Offensichtlich habe ich eine sehr positive Beziehung zu Pokémon Snap, denn als Kind war es für mich immer eine Belohnung, die Pokémon zu fotografieren. Um herauszufinden, ob mich meine Erinnerungen täuschen, schaltete ich meinen alten Nintendo 64 ein und setzte mich mehrere Stunden lang mit dem am wenigsten ergonomischen Controller in der Videospielgeschichte vor dem alten Röhrenfernseher.

Pokémon Snap wurde 1999 in Japan und im folgenden Jahr in Europa eingeführt. In Japan wurde das Spiel noch einen Monat vor Pokémon Stadium veröffentlicht, Pokémon Snap war somit das erste 3D-Spiel für viele der berühmten Taschenmonster (Pikachu war 1998 im Japan-exklusiven Spiel Hey You, Pikachu! bereits in 3D zu sehen gewesen). Im Gegensatz zu den Hauptspielen der Pokémon-Serie wurde das Spiel von HAL Laboratory entwickelt, das vor allem für Serien wie Kirby und Super Smash Bros. bekannt war. Das weniger bekannte Studio Pax Softnica half ebenfalls bei der Produktion.

Wir spielen den jungen Fotografen Todd Snap, ein Charakter, der auch in der ursprünglichen Anime-Serie auftrat (vermutlich nur, um das Spiel zu promoten). Todd soll Professor Oak helfen, allerdings möchte er diesmal nicht, dass wir Pokémon fangen. Stattdessen sollen wir ihm Informationen über den natürlichen Lebensraum der Kreaturen schildern und hier kommt Todds Beruf als Fotograf ins Spiel. Der Professor gibt den Spielern ein selbstfahrendes Transportmittel in die Hand, das uns durch verschiedene Gebiete dieser tropischen Insel führt und das es uns somit ermöglicht, die Pokémon in ihrem natürlichen Lebensraum zu suchen und zu fotografieren.

Pokémon Snap ist in vielerlei Hinsicht ein sehr ungewöhnliches Pokémon-Spiel. Wir sind diesmal kein Trainer, aber das grundsätzliche Motto „Schnapp sie dir alle!" ist noch immer vorhanden, denn wir bannen die Kreaturen auf die Fotoleinwand. Andere Leute oder Turniere gibt es in diesem Spiel nicht, außerdem findet die Action in der First-Person-Perspektive statt. Technisch funktioniert das Spiel wie ein sogenannter Rail-Shooter: Wir fahren auf einem vorbestimmten Weg vorwärts durch das Level, zielen mit unserem Kameraobjektiv auf Pokémon und schießen im richtigen Moment das Foto. Im Verlauf des Spiels erhalten wir Zugang zu sechs verschiedenen Bereichen (plus einem Bonusbereich, in dem wir nur ein einziges, legendäres Pokémon finden - Mew) und in allen Arealen leben einzigartige Pokémon. Zu Beginn des Abenteuers sind unsere Möglichkeiten begrenzt, denn wir können nur beobachten und fotografieren. Irgendwann erhalten wir jedoch die Möglichkeit, Äpfel und sogenannte „Pester Balls" zu werfen, die die Monster aus ihren Verstecken locken oder sie auf andere Art und Weise beeinflussen.

Pokémon SnapPokémon Snap

Dieser außergewöhnliche Ton durchdringt das gesamte Spiel und macht es zu einem ganz anderen Pokémon-Erlebnis. Ehrlich gesagt ist dieses Gefühl von Entspannung und Gemütlichkeit heute wie damals mein Eindruck von Pokémon Snap: Man lehnt sich einfach zurück und stellt sicher, dass man die Pokémon im besten Licht aufnimmt. Pikachu auf einem Surfbrett zum Beispiel, oder ein Smogon, das ein armen Pummeluff jagt (das sich später in Form eines Minikonzerts bei uns bedankt, wenn wir ihm helfen - achtet nur darauf, nicht einzuschlafen!). Es gibt zwei Glumander, die sich streiten, wenn wir ihnen Essen zuwerfen. Niedlich ist auch das Flegmon, das mit seinem Schwanz angelt und sich direkt vor unseren Augen zu einem Lahmus verwandelt, weil ein Muschas anbeißt. Die Details sind vielfältig und obwohl das Spiel nicht besonders umfangreich ist, gibt es viele Dinge, an die man sich anschließend erinnert. Dass Pokémon Snap das erste Mal war, dass die Monster in 3D dargestellt wurden, würde man kaum glauben, da einige von ihnen angesichts der begrenzten Hardware des N64, schon recht anschaulich sind.

Aus rein technischer Sicht ist es jedoch schwer zu verbergen, dass das Spiel schon vor zwanzig Jahren sicherlich Verbesserungspotenzial aufwies. Viele Nintendo-64-Spiele hatten eine furchtbar niedrige Bildrate und ich bin mir sicher, dass wir in Pokémon Snap mehrmals unter die Grenze von zehn Bildern pro Sekunde fallen. Das gilt insbesondere in der lächerlich einfachen und billigen Filmsequenz, die wir zu Beginn sehen, gleich nachdem man die Konsole anschaltet und eine Weile wartet. Die Steuerung reagiert auch nicht sofort, aber das ist meines Erachtens mit dem fps-Problem verbunden. Hoffentlich bietet New Pokémon Snap ein deutlich flüssigeres Spielerlebnis, denn die Reaktionszeit beim Betätigen der Befehle muss einfach reduziert werden. Außerdem würde ich mir wünschen, dass die Kamera mehr Funktionen als nur den Zoom enthält (dass Todd Fotoaufträge ohne Teleobjektiv annimmt, sollte ihn von der Arbeit ausschließen).

Natürlich war ich mir bewusst, dass die Technik von damals so ihre Tücken hat, aber es gibt eben definitiv noch Qualitätsverbesserungen und deshalb hoffe ich, dass die Fortsetzung einen Blick darauf wirft. Die Präsentation von Pokémon Snap konnte sich ansonsten auch über die Jahrtausendwende behaupten, das trifft aber nicht unbedingt auf den Soundtrack zu. Die Musik ist langweilig, sehr zart und ohne eigene Identität - also weit von dem fesselnden Charakter entfernt, den ich seit vielen Jahren mit Pokémon-Spielen in Verbindung bringe.

Pokémon SnapPokémon Snap

Das größte Verbesserungspotential, das ich bei einer Fortsetzung sehe, betrifft aber ohne Frage die Variation. Pokémon Snap ist ein Spiel, bei dem man den größten Teil des Spiels in wenigen Stunden problemlos absolviert. Danach geht es hauptsächlich nur darum, die bereits aufgenommenen Bilder zu verbessern oder Pokémon in besonderen Situationen zu fotografieren (Pikachu auf einem Surfbrett wurde ja bereits erwähnt). Darüber hinaus hat das Spiel nicht sonderlich viele Inhalte zu bieten und ich bin im Nachhinein froh, als Kind meine wertvollen Ersparnisse nicht für ein Spiel mit dieser kurzen Spieldauer ausgegeben zu haben. Angesichts der Tatsache, dass die Anzahl der bekannten Pokémon von 151 auf aktuell 896 (lokale Subgattungen ausgenommen) gestiegen ist, gibt es hier aber jede Menge Möglichkeiten für neue Foto-Sessions. Die große Herausforderung des Konzepts besteht aber sicher darin, dass es bei der Variation um mehr als nur neue Gebiete und Monster gehen muss. Ich habe keine kreativen Vorschläge für Bandai Namco oder Nintendo, aber ich bin ja auch kein Spieleentwickler...

Trotz der technischen Einschränkungen und der mangelnden Abwechslung muss ich sagen, dass es eine angenehme Erfahrung war, nach zwanzig Jahren noch einmal zu Pokémon Snap zurückzukehren. Meine wertvollen Kindheitserinnerungen sind über die Jahre möglicherweise etwas porös geworden, aber ich glaube immer noch, dass das Konzept des Reisens und des Fotografierens von Pokémon eine natürliche Übereinstimmung mit der Serie ist. Vielleicht könnte man argumentieren, dass Pokémon Go eine Art Erweiterung dieses Konzepts darstellt, aber das würde nur zeigen, wie gut die Idee schon damals war und dass sie auch heute noch funktioniert. Obwohl die Bildrate und die Steuerung nicht mehr dem Zahn der Zeit entsprechen, haben große Teile des Spiels immer noch einen Unterhaltungswert, der nur als gemütlich und entspannend bezeichnet werden kann. In einem Jahr, in dem ausgedehnte Urlaubsreisen zu einer vagen Erinnerung einer fernen Vergangenheit geworden sind, habe ich das Gefühl, dass an regnerischen Herbsttagen eine Fotosafari mit Pokémon im Rampenlicht genau das Richtige für viele Menschen wäre. Ich bin definitiv bereit für mehr davon, wenn die Fortsetzung irgendwann veröffentlicht wird.

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