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Deadly Premonition: Origins

Gamereactor Retrospektive: Deadly Premonition

Am 10. Juli wird die Fortsetzung eines der spannendsten Spiele aller Zeiten veröffentlicht. Zu diesem Zweck hat sich Ingar durch den Krimi Deadly Premonition gebissen.

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Einige Spiele haben interessantere Rekorde als andere. Deadly Premonition, das 2010 erstmals veröffentlicht wurde, ist ein Spiel auf das diese Beschreibung zutrifft. Laut der Wikipedia-Seite des Games enthält Deadly Premonition den Guinness-Weltrekord für das umstrittenste Horrorspiel aller Zeiten. Nachdem man ungefähr fünfzehn Stunden mit diesem Kultklassiker verbracht hat (und ihn endlich, endlich abgeschlossen hat), ist es nicht schwer zu verstehen, warum genau.

Deadly Premonition begann seine Existenz unter dem Namen Rainy Woods, das zwischen 2004 und 2007 von der japanischen Firma Access Games produziert wurde. Das Projekt scheiterte an technischen Problemen, aber Game Director Hidetaka Suehiro, besser bekannt unter seinem Spitznamen Swery65, weigerte sich bis zuletzt, das Projekt komplett zu streichen. Die Überreste von Rainy Woods wurden zusammengekratzt, ein neuer Protagonist und eine neue Geschichte dazugegeben und das Ergebnis unter dem neuen Namen Deadly Premonition 2010 schließlich ins Leben gerufen.

Deadly Premonition: Origins
FBI-Agent Francis York Morgan ist eine offensichtliche Kopie von Dale Cooper aus Twin Peaks, aber seine charmante Stimmung und die gute Sprachausgabe von Jeff Kramer machen einen großen Teil des Charmes aus.

Dass es überhaupt so weit kam, ist aus heutiger Sicht ein Wunder. Normalerweise würde man nicht auf die Idee kommen, eine neue Geschichte auf einem Fundament aufzubauen, das vollkommen marod ist und eigentlich abgerissen werden sollte, bevor jemand zu Schaden kommt. Deadly Premonition ist der Beweis dafür, warum eine solche Philosophie bei der Spieleentwicklung von grundlegender Bedeutung sein sollte, denn es ist von zahlreichen technischen Fehlern durchsetzt, die von Rucklern in allen Formen und Größen bis hin zu schlechten Animationen und vollständigen Abstürzen des Spiels reichen.

Es dauert nicht lange, bis uns die technische Schwäche des Spiels härter in die Magengrube schlägt, als Thanos' voll besetzter Infinity-Gauntlet. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie oft ich Deadly Premonition spielen wollte und unendlich frustriert zum Stopp gezwungen wurde. Die PC-Version auf Steam - der sogenannte "Director's Cut" - ist zum Beispiel völlig unspielbar. Hier stürzt das Spiel von Anfang an regelmäßig ab und da die Einstellungen nicht angepasst werden können, ist es in der Praxis hoffnungslos, es überhaupt zu probieren. Nach einigen schlaflosen Nächten und intensiver Recherche mit anschließenden Tests stellte ich fest, dass die beste Lösung darin besteht, das Spiel im Kompatibilitätsmodus mit Windows 98 auszuführen. Dann läuft es allerdings nur mit der niedrigen Bildrate von knapp 5 Frames pro Sekunde, was so langsam und abgehackt ist, dass selbst die ansonsten geduldigen Retro-Fans einen spürbaren Puls bekommen werden. Die PC-Version soll also bitte irgendwo vergraben werden.

Die Lösung war Deadly Premonition Origins, die Originalversion des Spiels, die im letzten Herbst auf der Nintendo Switch verfügbar wurde. In dieser Version fehlen zwar einige der zusätzlichen Inhalte, die mit dem Director's Cut geliefert wurden, aber zumindest "funktioniert" sie und dürfte für die meisten Leute wahrscheinlich auch die zugänglichste Fassung sein. Und ja, "funktionieren" ist zugegeben eine liberale Auslegung des Wortes, da es mehr als genug Beispiele dafür gibt, wie lächerlich schlecht Deadly Premonition selbst in dieser Variante läuft. Man muss sich echt fragen, ob die Entwickler diese Art von selbstparodistischer Qualität absichtlich und willentlich geliefert haben, oder ob sie es einfach nicht besser wissen.

Wenn man das Spiel zum ersten Mal startet, wird man in die fiktive Stadt Greenvale weit draußen im Nordwesten der Vereinigten Staaten gebracht. Ein Ritualmord an einer jungen Frau hat stattgefunden und der exzentrische FBI-Agent Francis York Morgan muss das Rätsel lösen. Es dauert nicht lange, bis der Krimi übernatürliche Gefilde erreicht, da York regelmäßig in eine alternative Realität versetzt wird, in der er von lebenden Toten und von einem mysteriösen Axtkiller in einem roten Regenmantel angegriffen wird. In dem kleinen Dorf voller bizarrer Einwohner dauert es nicht lange, bis York den lokalen Mythos des Raincoat Killers aufschnappt, denn seine Ermittlungen fördern eine Reihe von Problemen aus der Vergangenheit der lokalen Gemeinschaft zu Tage.

Deadly Premonition: OriginsDeadly Premonition: Origins
Ein roter Raum in einer Traumwelt, ein Krimi in einem bewaldeten Bergdorf, ein FBI-Agent mit einer Vorliebe für Kaffee... Ja, das hier hätte genauso gut "Twin Peaks: The Video Game" heißen können.

Die Parallelen zu Twin Peaks sind von Anfang an so offensichtlich, dass es ein weiteres Wunder ist, dass David Lynch Deadly Premonition nicht wegen Plagiats verklagt hat. Die Ermordung des jungen Mädchens ist die Antwort des Spiels auf das Geheimnis von Laura Palmer. Das exzentrische Auftreten von Agent York, seine offensichtliche Kaffee-Abhängigkeit und die ständigen Monologe mit seinem unsichtbaren Freund Zach sind eine Blaupause von Dale Cooper. Der rote Raum, den York zwischen jedem Kapitel besucht, ist zwar mit roten Blättern bedeckt (statt mit Samt), doch die Parallelen zum Velvet Room sind offensichtlich. Außerdem ist Greenvale so voller exzentrischer Persönlichkeiten, dass man die Stadt ebenso gut nach ihrer Inspirationsquelle hätte benennen können.

Hier zeigt Deadly Premonition seinen Charme, der auch dazu führte, dass das Spiel seinen heutigen Kultstatus erhielt. Es gibt hier wirklich kaum eine normale Person und die bizarre, exzentrische Riege an Charakteren ist so besonders gelungen, dass uns einige von ihnen im Handumdrehen ein wenig verzaubern. Natürlich sticht dabei insbesondere Agent York positiv hervor, nicht zuletzt dank der Sprachausgabe von Jeff Kramer, der dem Charakter sehr gut steht. Das bildet auch die Grundlage für diesen Krimi, dessen Lösung man dank einiger aufregender Wendungen wirklich nicht voraussehen kann. Gleichzeitig muss betont werden, dass viele der Charaktere so parodistisch sind, dass man sich fragt, ob sie als Witz gedacht sind. Einige Beispiele sehen im modernen Kontext schlecht aus, da wir es im späteren Teil des Spiels unter anderem mit einer gehörigen Dosis Transphobie zu tun bekommen.

Die Charaktere leben ihr individuelles Leben in Greenvale und das wird umso deutlicher, da das Spiel in einem 24-Stunden-Zyklus stattfindet. Die Charaktere sind zu unterschiedlichen Zeiten also an verschiedenen Orten zu finden und das muss man erst einmal herausfinden. Für seine Zeit war das ein ehrgeiziges Unterfangen, doch dem gegenüber steht bis heute das Problem, dass Greenvale ein großes und leeres Gebiet ist. Man ist häufig also auf ein Auto angewiesen und das ist fast das schlechteste Element des Spiels. Die Fahrzeugphysik von Deadly Premonition ist eine der schlimmsten Beispiele von furchtbarem Game-Design, die ihr euch vorstellen könnt und jede Mission, die uns irgendwo hinfahren lässt, verursacht Frustration und Wut. Daher wird sämtliche Motivation, Greenvale über die Hauptgeschichte hinaus zu erkunden, im Keim erstickt. Das einzig Positive an den Reisen sind die Monologe, die York mit Zach über Klassiker aus Film und Musik führt. Es betont Yorks exzentrischen Charme, doch das genügt nicht, um die Frustration zu stillen.

Diese Frustration wurde umso größer, je mehr Zeit ich mit dem Spiel vergeude, und daran ist erneut die Technik schuld. Wie bereits erwähnt basiert der Titel auf einem früheren Projekt, das für die Playstation 2 entwickelt wurde, doch aufgrund technischer Probleme ausrangiert wurde - und das trifft es eigentlich genau auf den Punkt. Deadly Premonition sieht nicht nur wie ein altes und schlechtes PS2-Spiel aus, die elenden Animationen, leuchtenden Farben und lächerlichen Charaktermodelle sind aus heutiger Sicht unerträglich. Das sind übrigens nur einige der Kritikpunkte, denn wir haben ja noch nicht mal über all die vielen Mängel und die schlechte Bildrate gesprochen, die selbst die ansatzweise funktionierenden Versionen des Spiels charakterisierten.

Deadly Premonition: OriginsDeadly Premonition: Origins
Deadly Premonition ist niemals beängstigend, nur aus technischer Sicht furchtbar schlecht.

Diese technischen Schwächen treten in den Vordergrund, wenn York in die Welt der lebenden Toten eintritt, was häufig und genau dann der Fall ist, wenn wieder etwas Spannendes passiert (York selbst nimmt es mit Humor, fast so als ob das eine alltägliche Angelegenheit für einen FBI-Agenten wäre). Mit einer Waffe und unbegrenzten Munitionsreserven bewaffnet müssen wir herumschleichen und alle Zombies abschießen („exorzieren"), die uns im Spiel begegnen. Die Feinde sind schlecht animiert und stellen keine Herausforderung dar, weshalb es nicht ganz verständlich ist, dass sie im Todeskampf und bei ihrem Ableben mehrere hundert Mal mit tiefer, ruhiger Stimme "Ich will nicht sterben" murmeln. Ich mag es wirklich nicht, wenn Spiele meine Zeit nicht wertzuschätzen wissen und Deadly Premonition wirft uns in einen langweiligen Kampf nach dem anderen. Das einzige, was einer Herausforderung nahe kommt, ist das schlechte Zielsystem, das entfernt an Resident Evil 4 erinnert. Obwohl der Titel gerne als Horrorspiel angesehen wird, ist das einzig Beängstigende an Deadly Premonition seine schwache Darstellung der Zombies und das Spiel im Allgemeinen.

Das schlechte technische Fundament greift auch beim Sound-Design. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Gespräche der Charaktere von den Umgebungsgeräuschen übertönt werden und es hilft nicht, dass die Aufnahmequalität der Audiodateien insgesamt so durchwachsen ist. Von Zeit zu Zeit gibt es jedoch ein paar ordentliche Tracks und obwohl einige der Stücke in völlig absurden Situationen sinnlos verfeuert werden, trifft die Gitarre im Main-Theme ein paar charmante Töne (nämlich die von Super Mario World).

Deadly Premonition: Origins
Leider gibt es in Deadly Premonition viele Autofahrten, die dank einer miesen Fahrzeugphysik schrecklich zu spielen sind.

Eine Review, auf die ich online gestoßen bin, beschreibt Deadly Premonition als "das beste schlechteste Spiel, das ich je gespielt habe" und das ist eine perfekte Zusammenfassung dieses bizarren Stücks Spielgeschichte. Das Potenzial dieses seltsamen Krimis ist sicherlich vorhanden und ihr werdet feststellen, dass die Entwickler einige aufregende Gedanken und Ambitionen verfolgten. Gleichzeitig ist die technische Grundlage des Spiels so lächerlich schlecht, dass es ein Wunder ist, dass es überhaupt in diesem offensichtlich unfertigen Zustand veröffentlicht werden durfte. Selbst die größten Fans des Entwicklers können nicht alle Probleme ignorieren, die dieses Projekt mit sich bringt. Ob ihr davon frustriert seid oder irrtümlicherweise glaubt, dass es dem Charme der Spielerfahrung zugutekommt, das wird letztlich darüber entscheiden, ob ihr Deadly Premonition genießen oder es hassen werdet.

Eines ist sicher: Es wird spannend zu sehen, was Swery und seine Mitarbeiter mit Deadly Premonition 2: A Blessing in Disguise vorhaben, sobald es am 10. Juli auf der Nintendo Switch startet.

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