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Die Siedler 7

Die Siedler 7

Handel und Wissenschaft kommen ganz groß raus im neuen Siedler-Abenteuer. Das neue Siegpunktesystem ist es, das Pazifisten ganz neue Möglichkeiten bietet. An allen Ecken und Enden wurde geschraubt. Alles ist neu und trotzdem fühlt sich Siedler 7 so vertraut an.

  • Martin Eiser

Wieso sind sie ausgerechnet jetzt alle? Ohne Steine können doch viele Gebäude nicht gebaut werden. Und die einzig verbleibenden Quellen sind zahlreiche stillgelegte Minen. Schürfe ich tiefer, finde ich nicht nur neues Erz, sondern auch jede Menge Steine. Aber noch verfüge ich nicht über die nötige Technologie. Der einfachste Weg zur Entwicklung selbiger geht ausgerechnet über Steine. Freigeschaltet wird das Ganze nämlich über Prestige-Punkte, mein Ansehen im Spiel, das sich durch bestimmte schmückende Stein- und Gold-Objekte sowie andere Errungenschaften erhöht. Offensichtlich ein Teufelskreis.

Ein Kniff muss her. Ein wenig Gold habe ich noch übrig, dass ich in ein Prestige-Objekt investiere. Mit den zwei Punkten, die ich schon hatte, fehlen nun noch zwei Punkte für die dringend erforderliche Geologie-Technologie. Und dann ist da noch meine kleine Armee. Für jeden Sektor, den ich erobere, steigt mein Ansehen. Es könnte klappen. Und tatsächlich, zwei Schlachten später habe ich, was ich brauche. Das Blatt hat sich gewendet, Steine im Überfluss. Und zwar bald so viele, dass es sich lohnt, mit dem Handel zu starten, um eine Tauschroute mit Steinen zu erschließen. Das ist der Durchbruch und glücklicherweise kommt mir dabei niemand in die Quere.

Die Siedler 7
So schaut es aus, das neue Siedler 7. Ein Schloss als Hauptsitz und darum herum die Siedlung.

Möglich ist das immer. In Die Siedler 7 ist trotz der drei getrennten Bereiche Wirtschaft, Handel und Militär alles eng miteinander verzahnt. Theoretisch braucht man sich nicht so sehr ausbreiten, sondern kann durch Entwicklung oder Handel das Wenige effektiv nutzen. Genauso aber ist eine offensive Spielweise möglich. Oder eben ein Mittelweg. Wer auf das falsche Pferd gesetzt hat, kommt zwar rasch ins Straucheln, aber in Stein gemeißelt ist bei diesem Spiel nichts. Jeder Rohstoff lässt sich über mehrere Wege erlangen. Und alle Wege stehen jederzeit offen.

Das, was alle Spielvarianten gemeinsam haben und brauchen, ist zugleich das, was die Siedler-Reihe schon immer ausgezeichnet hat. Das Aufbauen und Pflegen von Warenkreisläufen - allen voran die für Holz, Stein und Gold. Anders ist die Wirtschaft trotzdem organisiert. Ein Wegesystem ist vorhanden, kommt aber ohne Fähnchen und automatisch generierte Träger auf ihnen aus. Stattdessen sind es viele kleine Lager, die je nach Ausbaustufe eine Hand voll Träger zur Verfügung stellen und für stetigen Warenfluss sorgen. Wer hier spart, dem wird eine lahmende Industrie serviert.

Gebaut wird ebenfalls anders. Betriebe zur Rohstoffgewinnung stehen nie einzeln, sondern werden thematisch zusammengefasst und an ein gemeinsames Hauptgebäude angeschlossen. Beispielsweise gehören Fischer, Jäger, Förster, Holzfäller und das Sägewerk in eine Gruppe. Sind Holzfäller und Sägewerk mit dem gleichen Hauptgebäude verbunden, können Wege gespart werden. Weiterverarbeitende Betriebe sind an einfache und gehobene Wohnhäuser angeschlossen. Meist produzieren die einfachen Wohnhäuser auch nur Zwischenprodukte, die erst im gehobenen in die Endfertigung gehen. Aus Baustämmen können so erst Papier und später dann Bücher hergestellt werden.

Die Siedler 7
In Siedler 7 gibt es Hauptgebäude, an die Betriebe direkt angeschlossen werden.

Wohnhäuser sind aber nicht nur Produktionsstandorte, sondern bieten auch Platz für Siedler. Wer nicht genug Häuser hat, den wird irgendwann ein Mangel an Arbeitskräften ereilen. Die Häuser sind es übrigens auch, die Siedler 7 einen richtigen Stadtcharakter verleihen. Die in Sektoren aufgeteilte Karte - auch das ist übrigens neu - bietet einen großen Startsektor mit dem eigenen Schloss und Platz für ein ansehnliches Städtchen. Gebaut wird dann noch, je nach Orientierung, noch ein weiteres größeres Gebäude. Entweder eine Kirche zur Ausbildung von Geistlichen, um zu forschen. Oder ein Kontor, um Händler anzuwerben, die zur Erschließung von Handelsrouten erforderlich sind. Oder eine Kaserne, welche die militärische Komponente verstärkt.

Einen Masterplan allerdings bietet das Spiel nicht. Die Karten sind unterschiedlich aufgebaut. Manche bestehen etwa aus viel ödem Land, auf dem etwa die Nahrungsproduktion kaum in Schwung kommt. Mir ist es nicht nur einmal passiert, dass die Fischbestände plötzlich zur Neige gingen, ohne das ich gleichzeitig für Ersatz sorgen konnte. Auf einmal standen die Betriebe der gehobenen Wohnhäuser still. Da läuft nämlich nichts, ohne etwas zu beißen. Die Arbeitseinstellung kann ich verstehen, würde ich wahrscheinlich genauso machen. Ebenso logisch ist die Möglichkeit, durch mehr und bessere Nahrung die Produktion zu steigern.

Diese vielen kleinen Rädchen, an denen man drehen kann, lassen Die Siedler 7 auf der einen Seite sehr komplex erscheinen. Umgekehrt zwingt das Spiel aber zu nichts. Es gibt kein richtig oder falsch. Hauptsache glücklich. Das einzige Risiko besteht, wenn der Gegner einen ganz ähnlichen Weg einschlagen will. Dann zählt nur das Recht des Stärkeren und man selbst muss eventuell umorientieren. Natürlich fährt man oft ohnehin zweigleisig. Alle drei Aspekte im Blick zu haben, ist allerdings schon recht anspruchsvoll. Mehrere Armeen befehligen und gleichzeitig versuchen, in Forschung und Handel dem Gegner immer einen Schritt voraus zu sein.

Die Siedler 7
Das ist der Forschungsbaum, den die Geistlichen in Siedler 7 erschließen können.

Alle drei Bereiche beinhalten einmalige Komponenten. Forschungsziele können nur einmal erforscht werden und bleiben an einen Spieler gebunden, selbst wenn dieser aus dem Spiel ausscheidet. Und auch Handelsrouten funktionieren auf diesem Prinzip. Möglich ist es den Konkurrenten zu überbieten, also mehr Geistliche oder mehr Händler auf das begehrte Ziel anzusetzen. Ist aber die Wartezeit zum Erreichen des Zieles verstrichen, kann daran auch nicht mehr gerüttelt werden. Auch können zusätzliche Feldherren gekauft werden, regulär ist pro Spieler nur eine Armee vorgesehen. Auch die sind durch individuelle Stärken einmalig. Der Wahnsinnige, der also versucht, gleich in mehreren Bereichen zu punkten, muss verdammt schnell sein.

Und es ist ja auch überhaupt nicht notwendig in allen Bereichen gut zu sein. Um zu gewinnen, müssen ausreichend Siegpunkte gesammelt und dann für eine gewisse Zeit gehalten werden. Jeder von Ihnen ist entweder für einen Forscher, einen Händler und einen General leichter zu erreichen. Manche davon sind feste Siegpunkte, die einmal verdient nie mehr weggenommen werden können, andere dagegen variieren. So gibt es zum Beispiel spezielle Stadtsektoren, an die ein Siegpunkte geknüpft ist. Sie ähneln den Startsektoren, weil sie größer als gewöhnlich sind und über eine bessere Befestigung zum Schutz vor Angriffen verfügen können.

Gelingt es einem Spieler, ausreichend Punkte einzusammeln, wird es spannend. Jetzt richtet sich natürlich die volle Aufmerksamkeit darauf, wie der Sieg gehalten beziehungsweise er noch verhindert werden kann. Also rasch Siegpunkte überprüfen und schauen, welche davon auf wackeligen Füßen stehen. Diese müssen dann entweder weiter unterfüttert oder aber geschlagen werden. Ein Siegpunkt für die meisten Prestige-Punkte kann möglicherweise übertrumpft werden, selbst wenn man militärisch eine Niete ist. Wer ins Hintertreffen gerät und Zugang zu einem Ereignissektor hat, kann dort aber auch Hilfe von oben beantragen. Große Armee gegen den Feind? Kein Problem mit so manchem dunklen Schloss. Der Vorteil: Wer viele Siegpunkte hat, muss einen ordentlichen Aufschlag zahlen, wer weniger hat, kommt günstiger dabei weg.

Die Siedler 7
Rechts auf dem Berg ist ein Ereignissektor sichtbar. Der Hexenturm jagt beispielsweise gegen ein paar Geistliche eine Armee auf den erfolgreichsten Gegner.

Optisch ist Die Siedler 7 toll geworden. Die neue Grafikengine vollführt nämlich genau jenen Spagat, der das klassische Siedler-Gefühl mit moderner Technik verbindet. Stufenlos lässt sich von der Übersichtskarte in Weit- und dann in die Nahaufnahme zoomen. Mit der freien Kamera wird das Spiel aus der jeder Perspektive individuell erlebbar. Und wer Lust auf kleine, wuselnde Siedler hat, der kann das genauso haben wie die trockene Sicht von oben. Mir gefiel es jedenfalls gut, dass ich bei einem Angriff auf den Feind meiner Truppe hinterherstiefeln und mit ihnen im Anschluss den Sieg feiern konnte. Meistens zumindest.

Dass Blue Byte für Die Siedler 7 an einer eher knuffigen Präsentation ihres Siedler-Volks festgehalten hat, war für mich ohnehin ein Pluspunkt. Wer sich bisher daran störte, wird aber dennoch versöhnlich gestimmt: Bei den Details wurde nicht gespart und der Stil tendiert ins comichafte. Es wirkt dabei zwar nicht unbedingt realistisch, aber glaubwürdig und keinesfalls niedlich. Ein paar kleine Grafikfehler gab es zwar hier und da, aber nichts, was dem Spielfluss oder gar den Augen geschadet hätte. Bei der Grafik können sich die Blue Bytes wirklich auf die Schulter klopfen.

Aber so wie bei der Präsentation alles anders und neu erscheint, ist es auch beim Gameplay. Blue Byte liefert ein Spiel ab, dass auf den ersten Blick komplett anders ist. Trotzdem ist es ihnen gelungen, dass Wesentliche der Serie einzufangen und zu transportieren. Die vielen Kompromisse, die man eingehen muss, um ein Spiel in seinen Grundzügen zu bewahren und dennoch weiterzuentwickeln, sie sind am Ende kein Rückschritte für Die Siedler 7. Umgekehrt wird ein Schuh daraus, jeder einzelne Kompromiss an das Spiel ist ein Feature.

Die Siedler 7
Ganz nah hinein kann gezoomt werden, um die Siedler bei ihrer Arbeit zu beobachten.

Das Spielprinzip war bisher oft einseitig auf den Kampf ausgerichtet, obwohl einige Spieler vor allem das Siedeln selbst liebten? Bang! Es gibt Siegpunkte. Auf ein Wegesystem wollen Fans ungern verzichten, aber dafür gern auf die Probleme, die es mit sich brachte? Bang! Die Lager sind für den Warentransport verantwortlich. Und selbst am aktuellen Spiel wurde offensichtlich noch viel geschraubt und gebastelt. Bestimmte Features wie das Tauschen von Waren über die im Startsektor immer vorhandene Taverne oder andere Spezialgebäude auf der Karte sind auch solche Kompromisse. Wer sich nicht auf den Handel konzentriert, der wird vielleicht an so manche Grenze stoßen. Das Spiel lässt einen aber nicht hängen und bietet immer eine Lösung an.

Manche dieser Lösungen müssen wir nicht einmal suchen. Die Siedler sprechen mit uns, geben Tipps und Hinweise. Kein lästig aufpoppender Berater, sondern nur Text- und Tonhinweise direkt ins Spiel integriert. Und die auch nur dann, wenn es nötig ist. Ohnehin ist das offensichtlich komplexe Spielprinzip durch den Kampagnenmodus in 20 bis 25 Stunden vollständig erlernt. Wer fit ist, kann sogar nach wenigen Runden direkt ein Scharmützel starten und lernt den Rest autodidaktisch. Denn jeder entscheidet ja ohnehin selbst, wie tief er ins Spiel eintauchen und welche Hebel und Rädchen er nutzen möchte.

Die einzige nervige Lücke im Gameplay, die bis jetzt aufgefallen ist, bezieht sich auf das dezentrale Lagersystem. Je größer das Land wird, desto mehr Waren müssen oft auch weite Strecken zurücklegen. Manches kann man versuchen zu vermeiden, in dem in späteren Sektoren auch kleine Wirtschaftskreisläufe entstehen. Holz und Stein gibt es ja fast überall. Und auch so eine Bauhütte, die zum Aufbauen von Gebäuden nötig ist, kann mit der nötigen Prestige-Entwicklung mehrmals errichtet werden.

Die Siedler 7
In diesem Stadtsektor gibt es offenbar ein Problem. Nahrungsmittel fehlen zur Produktion. Ebenfalls sichtbar ist der Siegpunkt, der mit dem Sektor verknüpft ist.

Trotzdem kommt es an einigen Stellen zu Engpässen, worunter vor allem der kriegstreibende Spieler leidet. Er dehnt sich in der Fläche aus und ist daher auf flotten Warentransport angewiesen. Zwar ist es richtig, dass auch Wege mit Stein verbessert werden können, aber wer Materialien und Einheiten durch viele Sektoren bewegen muss, wird mehr als einmal davon genervt sein, dass alles seine Zeit braucht. Vor allem die Tatsache nervt, dass einzelne Waren nur aus- und nicht speziell eingelagert werden können. Sonst könnte man einfach ein Lager in der Nähe der neuen Expansionsgebiete auswählen, um wichtige Rohstoffe dort zu sammeln. Aber vermutlich wäre das mit dem gesamten geänderten Prinzip der Verteilung kollidiert und hätte noch größere Probleme verursacht.

Das ganze großartige Spiel darf natürlich auch online oder via Lan gespielt werden. Blue Byte hat Siedler 7 dafür alles mitgegeben, was nötig ist. Individuelle Profile, Freundes- und Bestenlisten, einen Chat und so weiter. Im Spiel enthalten sind derzeit zwar nur neun Kartenvorlagen, aber die können durch den Kartographen entsprechend einfach angepasst werden. Neben Rohstoffvorkommen dürfen auch die Siegpunkte neu festgelegt werden. Die große Herausforderung wartet dann im Imperiumsmodus. Das ist so eine Art Endlostunier, bei dem mit jeder Schlacht Punkte für eine Rangliste gesammelt werden.

Am Ende ist es rund. Und das sollte sowieso das höchste Ziel eines Entwickler sein. Ein Spiel zu schaffen, dass keine Hänger hat und durchweg unterhält. Eines, dass ausgeglichen ist, verschiedene Spielertypen glücklich macht und ihnen ein in sich geschlossenes Erlebnis bietet. Siedler 7 ist sicher nicht perfekt, aber unglaublich charmant. Es verbindet bekannte Elemente mit ganz neuen und bleibt sich dabei im Kern so treu, dass man sich am Ende gar nicht mehr vorstellen kann, dass es irgendwann einmal anders gewesen sein soll. Einziger Wermutstropfen bleibt der Kopierschutz von Ubisoft, der eine ständige Verbindung mit dem Internet verlangt. Aber das ist eine Geschichte, die an anderer Stelle diskutiert werden sollte.

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09 Gamereactor Deutschland
9 / 10
+
komplex und doch einfach, Siegpunkte, wuselnde Siedler
-
keine Möglichkeit die Zeit zu beschleunigen, ständige Onlineverbindung nötig
overall score
ist die Durchschnittswertung von Gamereactor. Wie hoch ist eure Wertung? Die Durchschnittwertung aller Gamereactor-Redaktionen wird aus den Wertungen in allen Ländern erhoben, in denen es lokalen Gamereactor-Redaktionen gibt

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