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Deponia

Deponia

"Was machst du da eigentlich?", fragt mich Christian sichtlich irritiert. Seine Frage verwundert mich. Sollte ich noch etwas erledigen? Habe ich irgendetwas vergessen? "Du lachst die ganze Zeit", setzt er fort. Mir fällt in dem Moment wieder ein, warum ich freudige Laute von mir gegeben habe und schon muss ich wieder schmunzeln. Deponia hat definitiv ein paar ganz überragende Momente, in denen einem gar nichts anderes übrig bleibt, als laut loszulachen. Viel zu verschroben ist der Hauptcharakter und seine Sicht auf die Welt. Mit Deponia hat Daedalic ein vielversprechendes, neues Kapitel aufgeschlagen.

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Deponia erzählt die Geschichte vom gleichnamigen Schrottplaneten, auf dem sich die Menschen mit dem wenigen, was sie noch haben, über Wasser halten. Dazu gehört auch Hauptcharakter Rufus, der aber von dem ganzen Müll die Nase voll hat und unbedingt wie sein Vater nach Elysium möchte - in die weiße Stadt im Himmel, in der das Leben einfach lebenswerter sein soll. Dort hinzukommen, scheint aber fast unmöglich, denn da ist nicht nur die räumlich schier unüberwindbare Distanz, da sind auch noch die Organon. Die Kaste existiert zwischen den Elysianern und den Deponianern und macht den Zurückgebliebenen das Leben schwer. Aber wo ein Wille ist, da wird unser Held schon einen Weg finden. Irgendwie. Und irgendwann.

Für Rufus gibt es eine essenzielle Regel, nach der er sein Leben organisiert: "Es reicht zu wissen, wie man ein Feuer entfacht. Wie man ein Feuer löscht, wissen andere." Nach dieser Weisheit lebte schon sein Vater und vermutlich auch der Vater seines Vaters. In jedem Fall ist es genau diese Einstellung, die das Umfeld von Rufus in den Wahnsinn treibt. Denn als selbstdefinierter Bastler sorgt er regelmäßig für das totale Chaos in seinem Heimatdorf Kuvaq und inzwischen hat auch der letzte Bewohner mitbekommen, dass Rufus vielleicht ein großer Schwätzer, aber kein großer Erfinder ist. Richtig glänzt er nur bei einer Sache: dem Scheitern.

Das Lustige ist aber nicht, dass einfach alles schief geht. Seine Verletzungen machen nur einen relativ kleinen Teil des großartigen Humors von Deponia aus. Absurd wird es erst im Zusammenhang mit der wirklich, sagen wir mal, ungewöhnlichen Sicht auf die Welt. Trotz des stetigen Versagens hält er sich tatsächlich selbst für unfehlbar und erhaben über den ganzen Rest des Müllplanetens. Seine sich unermüdlich wiederholenden Misserfolge erklärt er uneinsichtig mit dem Unvermögen der anderen Beteiligten. Schuld an einer Blamage einzugestehen, das ist ihm völlig fremd.

Deponia
Rufus ist der Held in Deponia - ein arroganter, tolpatschiger Nichtsnutz aus dem Dorf Kuvaq.
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Ja, die Verve, mit der Rufus an seinem im Grunde misslungenen Lebensentwurf festhält, ist der eigentliche Mittelpunkt des Adventures. Das fasziniert uns, auch wenn es keine echte logische Erklärung dafür gibt. Rufus ist nicht nur verbohrt und uneinsichtig, sondern zu allem Überfluss auch noch arrogant und egozentrisch. Genau genommen ist Rufus mit seinem Fundus aus Unzulänglichkeiten komplett lebensunfähig. Er rettet sich nur von einer Katastrophe zur nächsten. Die Sympathie für ihn enthält wohl daher auch eine Spur Mitleid, die sich aber irgendwo in seiner Engstirnigkeit verliert und beinahe in Wut umschlägt, wenn er wieder einmal eine Hand, die ihn aus einer brenzligen Situation befreit, zum Dank dafür in den Abgrund reißt.

Es ist die Kunst des Scheiterns, die zum Leben gehört. Und wieder greift Jan Müller-Michaelis damit ein eher ernstes Thema auf, das einen ganz realen Bezug hat, aber in überspitzter Form hübsch in ein Adventure verpackt wurde. Es ist ihm ein weiteres Mal gelungen, einen Charakter zu schaffen, der eine erstaunliche Tiefe besitzt und der auf einem langen Weg des Leidens erst lernen muss, dass sein bisheriges Dasein einfach nicht mehr funktioniert. Ein fest eingeschliffener Wesenszug kann eben nicht von einem Moment zum nächsten abgelegt werden, das braucht Zeit. Und das ihm diese Zeit gegeben wird, macht wohl die Magie der Spiele von Müller-Michaelis aus.

Denn bei allen negativen Eigenschaften der Persönlichkeit von Rufus ist klar, dass dieser Typ mehr ist als das Produkt seiner Verfehlungen. Vor allem das, was zwischen den Zeilen angedeutet wird, lässt uns das Abenteuer fortsetzen und nicht angewidert abbrechen. Wir lachen mit Rufus, leiden und fiebern mit ihm. Irgendwo verborgen in seinem Herzen, das spüren wir, steckt doch ein guter Mensch, der eigentlich nur an seiner Oberfläche völlig verkorkst und missraten ist.

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Die Begegnung mit der Elysianerin Goal stellt die Welt von Rufus erst einmal auf den Kopf.
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Deponia ist mit Sicherheit das beste Spiel, dass Daedalic bisher abgeliefert hat. Den Hamburgern ist ein ziemlich rundes Produkt gelungen, bei dem sogar die Minispiele Spaß machen und perfekt in den Rest der Handlung eingebunden sind. Kein Rätsel wirkt aufgesetzt oder an den Haaren herbeigezogen. Beim Schwierigkeitsgrad wünscht man sich allerdings doch manchmal den einen oder anderen weiteren Hinweis, der aus Dialogen besser hervorgeht. Aber die drei Stellen, an denen ich persönlich festhing, waren im Nachhinein relativ offensichtlich. Ein bisschen müssen vielleicht auch wir Spieler lernen, dass wir mehr mit unserer Umwelt interagieren und nicht nur mit dem Inventar.

Der Titel verzaubert durch den bekannten Comic-Stil, allerdings gibt's jetzt alles in wunderbarer HD-Grafik. Die Schauplätze in den drei Kapiteln sind so schön, dass man sich einige davon gern an die Wand hängen würde. Neben Kuvaq gibt es einen weiteren Ort, der eine verlassene Mine darstellt und einen dritten, der offenbar auf ähnliche Inspirationsquellen zurückgreift wie Bioshock. Die Animationen sind vielleicht nicht immer ganz glatt und ganz ohne Absturz kam unsere Version auch nicht aus, aber wirklich ins Gewicht fällt das bei dem fünfzehnstündigen Abenteuer nicht.

Überragend und das ist keinesfalls übertrieben, ist der Soundtrack von Deponia. Wo die Soundkulisse und die Sprecher schon sehr gute Arbeit leisten, ist die Musik ein echtes Meisterwerk und gehört zum besten, das ich je in einem Spiel gehört habe. Tatsächlich hat Daedalic in diesem Punkt schon immer ein gutes Händchen bewiesen, aber für dieses Adventure haben sie sich definitiv selbst übertroffen. Einerseits gelingt es den wunderschönen von Schrott und Müll getragenen Melodien, unser nachdenklichen Mimik beim Knobeln ein Lächeln zu entlocken. Außerdem singt Jan Müller-Michaelis wieder selbst und wurde dafür auch als Figur im Deponia-Stil verewigt. Die Stücke sind witzig und begleiten die Handlung als eine Art Rahmen - eine großartige Idee, die (Hamburger!?) Schule machen sollte. Toll, dass der Soundtrack dem Spiel gleich beiliegt.

Deponia
Wer wissen will, wer der Verlobte von Goal ist und ob wir nach Elysium reisen, muss selbst spielen.

Unterm Strich ist Deponia tatsächlich ein sehr guter Grund, um sich wieder dem Thema Adventure zu widmen. So wie es die Pendulo Studios aus Spanien geschafft haben, gelingt es auch Daedalic Entertainment, dem so oft tot geredeten Genre Leben einzuhauchen. Alte und verstaubte Konventionen wurden über Bord geworfen und das alte Baby ist mit seinem modernen Gewand inzwischen wieder fit für den heutigen Markt.

Was mir ganz persönlich immer noch fehlt, ist dieser letzte Schritt, bei dem sich Innovation nicht an Hand von einem mit dem Mausrad herausfahrbaren Inventar zeigt, sondern die Handlung als zentraler Aspekt des Spiels alle anderen Spielmechaniken scheinbar dahinter verschwinden lässt. Ich gebe zu, in dieser Sache ein pentranter Nörgler zu sein, denn Deponia hat mich mit seinem Witz, seinen Rätseln und dem Soundtrack so sehr ins Herz geschlossen, dass ich mich gern ergeben möchte.

Und vielleicht versuche ich die bessere Note einfach als kleines Geschenk für ein wunderbares Abenteuer zu sehen, welches auch deutlich macht, dass die Mädels und Jungs von Daedalic sich auf jeden Fall auf dem richtigen Weg befinden. Ein Nachfolger zumindest ist nicht nur erwünscht, sondern wird hiermit von mir persönlich sogar eingefordert!

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09 Gamereactor Deutschland
9 / 10
+
sympathische Figuren, spannende Handlung, tolle Präsentation, erstklassiger Soundtrack, logische Rätsel, hübsch integrierte und intelligente Minispiele
-
fehlenden Lippensynchronität, hervorragendes aber immer noch klassisches Adventure
overall score
ist die Durchschnittswertung von Gamereactor. Wie hoch ist eure Wertung? Die Durchschnittwertung aller Gamereactor-Redaktionen wird aus den Wertungen in allen Ländern erhoben, in denen es lokalen Gamereactor-Redaktionen gibt

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