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Kritiken
Mittelerde: Schatten des Krieges

Mittelerde: Schatten des Krieges

Schatten des Krieges? Dieses Spiel steht ganz klar im Schatten seines Vorgängers, Mordors Schatten.

  • Text: Anne Zarnecke und Bengt Lemne

Die Fähigkeit Festungen anzugreifen, sie zu verteidigen oder auszubauen bringt eine Vielzahl neuer Möglichkeiten mit sich und ist die einzige echte Neuerung von Mittelerde: Schatten des Krieges. So können wir unsere Spione in die Reihen der Feinde schleusen, um an neue Informationen zu kommen, oder unseren Kapitän den Auftrag erteilen einen Feind zu erledigen. Insgesamt sind wir von den Belagerungen aber doch ein bisschen enttäuscht, da diese Missionstypen nur sehr wenig Varianz bieten. Die Hetzjagden zu den verschiedenen Standarten und die Aufstellung der Kriegsorks ist leider etwas interessanter, als die nachfolgende Belagerung. Besonders die abschließenden Kämpfe im Thronraum, in denen wir den mächtigen Overlords gegenüberstehen, fühlen sich zudem ein bisschen billig an. Das Spiel nimmt uns in diesen erzwungenen Konfrontationen unsere Verbündeten (mit Ausnahme eines "Bodyguards"), sämtliche Stealth-Fähigkeiten und zwingt uns dann einen sehr starken Gegner mit all seinen Verbündeten zu bekämpfen - eine einzige Todesfalle ist das.

Mittelerde: Schatten des KriegesMittelerde: Schatten des Krieges
Es ist unglaublich befriedigend die Schwächen eines Gegners bis zum Anschlag auszunutzen.

Nach einem dieser Begegnungen kamen wir dann auch zu dem Entschluss, dass Mittelerde: Schatten des Krieges Probleme mit dem Balancing hat und Talion entweder viel zu mächtig oder viel zu schwach ist. Diese plumpen Mechanismen sorgen nämlich nicht dafür, dass wir uns einer anständigen Herausforderung gegenüberstehen, sondern zwingen uns auf billigste Art und Weise dazu, neue Ausrüstung zu sammeln. Spätestens sobald wir einen Overlord begegnen, der keine Schwächen hat und der ununterbrochen neue Untergebene in das Gebiet beschwört, wird die Zerkleinerung der gegnerischen Lebensleiste eine masochistische Erfahrung. Unsere eigene Festung zu verteidigen ist auch deshalb viel lustiger, weil wir uns nicht mit den Thronsaalkämpfen herumschlagen müssen. Falls ihr die Belagerungen mehr genießen solltet, als wir es getan haben, dann werdet ihr euch darüber freuen, dass das Endspiel vor allem von dieser Komponente dominiert wird.

Audiovisuell ist Mittelerde: Schatten des Krieges ebenfalls eine gemischte Angelegenheit, vor allem der technische Aspekt der Grafik lässt arg zu wünschen übrig und sorgt mit etlichen Clipping-Fehlern und lahmen Texturen für Kopfschütteln. So zählt auch die kahle, weite Spielwelt noch immer zu den größten Problemen des Spiels. Zu oft ähneln sich die Regionen, zu wenig Charakter steckt in der Gestaltung der verschiedenen Lebensräume und statt die Umgebungen ihre eigene Geschichte erzählen zu lassen, dienen die weiten Länder lediglich als Untergrund für die Schlachten. Das ständige Grau-Braun ist auf Dauer sehr anstrengend und das verändert sich auch nicht großartig, selbst wenn Monolith mal den Farbpinsel auspackt. Trotz reduzierter Farbpalette möchten wir jedoch die Inszenierung loben, die einige wenige, aber dafür umso beeindruckende Momente erzeugt.

Auch die Gestaltung der Orks gefiel uns sehr gut und die etlichen Stämme sind wirklich sehr kohäsiv ausgefallen, was wiederum dem Nemesis-System in die Karten spielt. Der Soundtrack sorgt für eine solide und passende Hintergrundbeschallung, während wir uns durch die Orkscharen schnetzeln. Wir haben den Titel auf einer Playstation 4 Pro gespielt und dort den exzessiven Einsatz des Dualshock 4-Lautsprechers bemerkt; etwas das aus guten Gründen heutzutage nicht mehr allzu häufig genutzt wird. Was uns ansonsten noch positiv aufgefallen ist, ist die Anpassungsvielfalt des HUD-Interface. Wem die überladene Benutzeroberfläche zu viel ist (die anfangs wirklich den Spielfluss stören stört), der darf auf Wunsch hin überflüssige oder nervige Icons ausblenden und mit einem reduzierteren, sauberen Design die Welt erkunden, nachdem die grundlegenden Mechaniken erlernt wurden.

Mittelerde: Schatten des KriegesMittelerde: Schatten des Krieges
Zuerst werdet ihr keine großen Veränderungen im Spiel bemerken, doch haltet durch - es lohnt sich.

Mittelerde: Schatten des Krieges gewann vor allem durch die geplanten Mikrotransaktionen in Form der Beutekisten eine Menge negativer Aufmerksamkeit. Grundsätzlich muss zuerst einmal zwischen Kisten für Beute (gefüllt mit Ausrüstungen und Extras) und den Kriegstruhen (Orks zur Rekrutierung für die Armee) unterschieden werden, die wir zum Teil auch mit der In-Game-Währung Mirian freischalten können. Die richtig guten Boxen mit legendären und epischen Inhalten sind jedoch so schwer zu bekommen, dass man sie fast nur mit Gold (Echtgeld-Währung) besorgen kann. Obwohl wir hier von einer vorrangigen Einzelspielererfahrung sprechen und die Truhen das Spiel im Grunde nicht ruinieren, wollen wir nicht unerwähnt lassen, dass das spezielle Design der Overlords und unsere eigene Spielerfahrung den Schluss zulassen, dass die Benutzung der Truhen aus spielerischer Sicht nicht rein optional ist. Zwar bekommen wir durch simples Erkunden der Gegend, Kämpfe und das Abschließen von Missionen ausreichend Beute und Mirian, doch nichts fühlt sich auch nur annähernd wertig an, wie die exklusiven Teile.

Die Option neue Kapitäne zu kaufen und diese in starken Regionen zu positionieren bietet sogar so umfassende Vorteile, dass es sich fast wie Cheaten anfühlt. Wir hätten uns hier deutlich lieber nach direkteren Möglichkeiten gesehnt, unsere Orks aufzumotzen, weshalb letztlich ein sehr unglücklicher Eindruck davon hängen bleibt, dass uns aufgrund der Mikrotransaktionen ein tolles System vorenthalten wurde. Wieso konnte man sich nicht einfach an der Konkurrenz orientieren und die Orks auf spezielle Missionen schicken, um flammende Waffen und zusätzliche Erfahrungsstufen zu gewinnen? Online-Vendettas kehren in Mittelerde: Schatten des Krieges übrigens ebenfalls zurück und bieten interessante Szenarios und viel potentielles Loot. Das legendäre Zeug lässt sich allerdings fast nur in hochrangigen Vendettas freischalten und das braucht schon etwas Hartnäckigkeit...

Es ist offensichtlich, dass Monolith vor allem Arbeit in Dinge gesteckt hat, die Mittelerde: Schatten des Krieges aus der Masse der Spiele herausstechen lassen sollen. Wir werden deshalb einige Male gegen einen Balrog kämpfen, auf Drachen-ähnlichen Kreaturen fliegen und vielen Ringgeistern gegenüberstehen. Leider sind viele dieser Momente aufgrund ihres starren Designs enttäuschend umgesetzt worden. Der Flug auf dem Drachen etwa wird von unsichtbaren Wände begrenzt, weil die Zonen auf der Karte so verzweigt sind, was sich merkwürdig alt anfühlt. Die Ringgeister sind immun gegen viele unserer Fähigkeiten, weshalb uns nichts anderes übrig bleibt, als ihre Angriffe zu parieren und mit Kontern langsam ihren Lebensbalken zu reduzieren (okay, es gibt Variation, denn immerhin begegnen wir verschiedenen Nazgûl, aber große Unterschiede warten nicht auf uns) und über den Kampf gegen den Balrog haben wir ja bereits ausführlich geschrieben. Monolith wollte uns wahrscheinlich möglichst viel Variation bieten, doch die Qualität ist untereinander zu sprunghaft, um diese Elemente durchgehend positiv zu bewerten.

Mittelerde: Schatten des KriegesMittelerde: Schatten des Krieges
Die verschiedenen Rachegeist-Fähigkeiten bereichern zwar den Spielfluss, doch es fühlt sich einfach nicht so belohnend an, wie die Titel der Arkham-Serie.

Mittelerde: Schatten des Krieges ist also vor allem eine erweiterte Version seines Vorgängers und bietet mehr Umfang. Wir haben über 40 Stunden mit dem Titel verbracht und noch immer warten etliche unerledigte Quests auf uns. Leider ist die Qualität der Aufträge sehr unausgeglichen, weshalb Schatten des Krieges nicht jeden Aspekt von Mittelerde: Mordors Schatten überragt. Glücklicherweise hilft dem Spiel das Nemesis-System sehr aus der Patsche, da es für einige erinnerungswürdige Momente in Mordor sorgt, von denen man seinen Freunden erzählen möchte. Nur dadurch kommen Intrigen, Rivalitäten, lustige Szenarien und manchmal auch viel Frust auf, was in seiner Gesamtheit allein dafür verantwortlich ist, dass Mittelerde: Schatten des Krieges kein enttäuschendes Spiel geworden ist.

Es gibt einige positive Aspekte in der Story und den komplexeren Kampf- und Fortschrittssystemen, doch Monolith hätte an allen Fronten des Originals nachbessern sollen, statt noch mehr der gleichen Inhalte zu produzieren. Mittelerde: Schatten des Krieges ist nicht die Evolution, die wir uns gewünscht hätten und fühlt sich an vielen Stellen sehr bekannt an. Statt eines dritten Titels mit Talion in der Hauptrolle würden wir uns wünschen, dass Monolith ihr Nemesis-System auf eine andere Schablone anwendet und umfangreich nachbessert. Wer es schafft über den holprigen Start des Spiels hinwegzusehen, der bekommt mit Mittelerde: Schatten des Krieges eine abgerundete Fortsetzung zum 2014 veröffentlichten Original. Ob die technischen Probleme zum Release am 10. Oktober noch behoben werden, bleibt abzuwarten.

07 Gamereactor Deutschland
7 / 10
+
Verfeinertes Nemesis-System mit glaubwürdigen Charakteren; viel Inhalt; Online-Features fügen sich gut ein; der Erzählstrang mit Bruz und Ratbag ist super; solide Kampfmechanik; insgesamt guter Mix von RPG- und taktischen Elementen.
-
Die Hauptgeschichte schafft es nicht, wirklich zu fesseln; technisch unterdurchschnittlich; Beutekisten fühlen sich falsch an; Begegnungen in Thronräumen sind billig und unsinnig schwer; lieblose Spielwelt.
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