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Persona 5

Meine Persona-Erfahrung - ein kooperatives Experiment

Stefan rast im Katzenbuss durch Japans U-Bahn, besiegt seine inneren Dämonen und schließt Freundschaften fürs Leben - die Welt rettet sich nicht im Alleingang.

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Im August vergangenen Jahres starteten mein bester Freund und ich eine bemerkenswerte Reise. In verrückten Japano-Rollenspielen fühlen wir uns wohl, Kenntnisse über die Reihe oder das übergeordnete Shin-Megami-Tensei-Franchise hatten wir zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht. Was mit Persona 5 auf uns zukommen sollte, das konnten wir damals nicht einmal erahnen. Doch wir wagten den Sprung und es sollte sich lohnen. Bereits im Frühjahr 2017 lag Atlus' superstilisiertes Rollenspiel zum ersten Mal in der Konsole. Das rudimentäre Livestream-Setup war nicht das Richtige, also begannen wir schließlich im Herbst unsere Reise mit Ronin theDamn-kun und den Mitgliedern von Banshee*Howl - zusammen auf der gleichen Couch.

Aber was ist Persona 5 denn überhaupt für ein Spiel? Ganz leicht ist die Antwort auf diese Frage nicht, immerhin versteckt sich hier ein Konglomerat aus unterschiedlichen Spielsystemen, die in einer unvergleichbaren Eleganz kombiniert wurden. In der Persona-Reihe geht es um Jugendliche, die die Welt retten und sich dazu in eine mysteriöse Parallelwelt begeben. Dort bekämpfen die Akteure sogenannten Schatten, das sind Manifestationen unterdrückter Gedanken und Spiegelbilder verstörter Charakterzüge der Menschheit. Indem sich die Figuren ihren individuellen Ängsten stellen, erhalten sie Kontrolle über die eigenen Schatten - ein einzelner davon wird von nun an Persona genannt. Und damit hätten wir die Grundzüge eines ausgeprägten, rundenbasierten Kampfsystems geklärt, das nicht wenige Parallelen zum klassischen Pokémon aufweist.

Persona 5Persona 5
Wie lieb ich all diese Chaoten gewonnen habe... Wer sich auf die Geschichten einlässt, erlebt so viel mehr als klischeehafte Anime-Stories.

Kämpfe sind ein Hauptbestandteil der Persona-Reihe, erzählt werden dabei emotionsgeladene und gesellschaftskritische Geschichten mit popkulturellen Einflüssen. Seit dem dritten Teil des Franchise, Shin Megami Tensei: Persona 3, spielen die Abenteuer zusätzlich das Sozialleben des Protagonisten nach. In zeitlich klar strukturierten Intervallen entscheiden wir Spieler eigenständig, wie wir den Alltag unserer Hauptfigur beschreiten wollen. Wir könnten in die Muckibude gehen und an unserer Ausdauer arbeiten, mit einem Zweitjob Taschengeld aufstocken oder in den Dungeons die Kampffertigkeiten der Party erweitern. Wer aktiv Zeit mit den Gruppenmitgliedern oder den vielen anderen Bewohnern der Welt verbringt, festigt seine Beziehungen und profitiert in unterschiedlichster Art und Weise von diesen Zeitinvestitionen. Im Grunde ist das nur eine komplizierte Interpretation von gängigen, westlichen Fortschrittssystemen, denn alles was wir tun stärkt die Parameter unseres Charakters.

Das hat auch bei meinem Kumpel und mir super geklappt und uns immens gefesselt. Ewig diskutierten wir darüber, welche Aspekte unseres Charakters wir als Nächstes in den Fokus rücken sollen, warum Makoto ohne Zweifel die allerbeste Freundin in einem Videospiel ever ist und dass man seine Zeit bitte nicht mit dummen Angelsimulationen vergeudet. Der allgegenwärtige Fortschritt verliert sich schnell hinter der aufwendig inszenierten Illustration unseres wachsenden Freundeskreises, da die Fäden diverser Nebengeschichten immer wieder zusammenlaufen und für schöne Augenblicke sorgen, aus denen wiederum Erinnerungen entstehen. Dass ich das alles mit einem Freund zusammen erleben durfte, statt mich alleine damit zu beschäftigen, dadurch ist das Ergebnis für mich ungleich schöner geworden. Und es sorgt sicher dafür, dass wir noch in etlichen Jahren zufrieden auf diese gemeinsame Reise zurückblicken werden.

Persona 5Persona 5
Rebellierende Teenager treten den verdorbenen Wünschen von schlimmen Erwachsenen in den Arsch. So eine Story macht nur mit entsprechendem Setup Sinn und hier tut sie das.

Um ein solches Spiel zu spielen, benötigt man natürlich Zeit, viel davon. Die meisten Menschen versinken um die 100 Stunden in Persona 5 (sofern sie denn so lange am Ball bleiben), wir benötigten fast 115 Stunden, verteilt über ziemlich genau acht Monate hinweg. Das war ein unglaubliches Unterfangen, auf das wir uns da eingelassen hatten. Und es ist etwas, das sich in dieser Form kein zweites Mal wiederholen lässt. Gemeinsame Termine zu finden und sie für ein Videospiel einzuplanen ist schon schwer genug. An einen anderen Spieler bei Entscheidungen und der Herangehensweise permanent gebunden zu sein, auch dahinter verbirgt sich ein nerviger Stolperstein.

Diese Erfahrung hat mich in vielerlei Hinsicht bereichert und mindestens zwei große Persona-Fans geschaffen. Seitdem wir Persona 5 anfingen holte ich Persona 4: Golden und Shin Megami Tensei: Persona 3 nach, was noch viel mehr Lebenszeit gefressen hat. Den meisten Spaß hatte ich aber natürlich mit meinem Kumpel zusammen, auch und vor allem aus spielerischer Sicht. Ich möchte euch nicht dazu drängen, euch das gleiche anzutun, aber ich lobpreise hier ein fantastisches Rollenspiel, das ihr zumindest kennen solltet.

Das Game mag nicht perfekt sein, tatsächlich sind klischeehafte Charaktere, die teils problematische Darstellung von schwierigen Themenkomplexen und viele andere Kleinigkeiten sogar alles andere als optimal gelungen. Außerdem würde auch Persona 5 davon profitieren, wenn es ungefähr 20 bis 30 Prozent kürzer wäre. Ich kann darüber aber gut hinwegsehen, denn Atlus hat Herz und Seele in dieses Spiel gesteckt und ich nehme bereitwillig alles davon auf. Glücklicherweise hatte ich das einzigartige Privileg, all das mit einem überaus geduldigen und nicht weniger leidenschaftlichen Freund erleben zu dürfen, der meine Passion für Games teilt und mit dieser Aktion ein ernstes Band geschaffen hat, das nicht wieder zerstört werden kann.