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Mit AGDQ 2018 die Faszination Speedrun erleben

"Gotta Go Fast!"

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Aktuell läuft die 8. Ausgabe der Awesome Games Done Quick, auf der sich einige der besten Speedrunner der Welt in Windeseile durch fantastische und durch unfassbar kaputte Spiele glitchen, um in bestimmten von der Community-geformten Kategorien vorgegebene Ziele zu erreichen. Das Ziel dieser temporeichen Aktion ist es so schnell und so zeitig wie nur irgendwie möglich den allerletzten Endgegner zu besiegen: Die Krebs-Erkrankung. Das ist in gewisser Weise das Motto der Games-Done-Quick-Initiative, die durch Sponsoren- und Spendengeldern seit Jahren unter dem Mantel der Gaming-Kultur einen Beitrag zum Thema Gesundheit leistet.

In diesem Jahr gehen die Gelder (nicht alles, aber ein sehr hoher Prozentsatz davon) an die wohltätige Prevent Cancer Foundation, die diese Mittel unter anderem für die Erforschung von Vorsorgeuntersuchungen und zur Prävention von bösartigen Tumorerkrankungen nutzt. Krebs ist keine Krankheit, deren Auftreten die Medizin endgültig verhindern kann. Der Erkrankungsprozess benötigt keinen Inkubator, denn es ist eine Fehlfunktion der Zellteilung, die niemand mitbekommt und die nur unter größten Anstrengungen aufzuhalten ist. Fast jeder Mensch kommt in seinem Leben mit dem Thema in Berührung, auf die eine oder andere Art. Die Prevent Cancer Foundation setzt sich unter anderem für Aufklärung ein und hilft im Großraum Nordamerika dafür, dass man das Thema Krebs nicht auf die leichte Schulter nimmt - das ist es nämlich nicht und das wird es auch niemals sein. Am erfolgreichsten ist und bleibt die Behandlung durch frühzeitige Erkennung und Diagnose der Patienten, doch das kostet und hier setzen die Spendengelder ein.

Wie die Speedrunner blitzschnell auf eigene Eingabefehler reagieren und sofort andere Lösungsmöglichkeiten in der ihnen bekannten Umgebung ausführen, das ist eine schöne Metapher für die Veranstaltungen von GDQ, denn bei all dem Spaß geht es natürlich in erster Linie um den Kampf gegen Krebs. Speedruns sind für die viele Spieler eine merkwürdige, krampfhaft versteifte und repetitive Tätigkeit. Nur wenig liegt dem menschlichen Sein ferner als die mechanische Perfektion, doch in Speedruns geht es im Grunde genau um diese schier unmenschliche Präzision. Das Frame-perfekte Heraufrufen komplexer Spielfehler erfordert eine enorme Kenntnis der Spielumgebung, die gezielte Eingabekontrolle und fast unvorstellbare Selbstbeherrschung. Spieler denen das wiederholt gelingt, die werden von ihren Fans für diese Fähigkeiten zu Recht bewundert. Sie vollbringen Dinge in Videospielen, die jenseits der Denkmuster und vorgegebenen Regeln von Entwicklern stattfinden und machen das Medium selbst damit zu ihrem eigenen Spielplatz.

Mich hat diese Motivation zwar noch nicht gepackt, doch ich schaue während der Arbeit und auch in meiner Freizeit häufig nebenbei Speedruns. Die Kreativität und Perfektion bei der Ausführung von spielimmanenten Mechaniken kann unterhaltsam und spannend sein, vor allem im Rennen gegen die Uhr und besonders gegen andere Spieler. Und mich beeindruckt in dieser Hinsicht auch immer wieder die Leidenschaft der Community. Auf der AGDQ 2018 treten in einigen Spielen mehrere Gamer gegeneinander an und versuchen schneller als die Konkurrenz das Ziel zu erreichen. Zu meiner großen Überraschung haben mich der Jubel des Publikums und die mitreißende Moderation sogar dazu gebracht, ein wirklich gutes Rennen eines alten Sonic-Spiels mit anzusehen - etwas, das mich normalerweise absolut kalt lässt.

Dienstag Abend fand ein Speedrun zu Super Mario 3D World statt. Der Spieler Peteyboo rannte und sprang innerhalb von nicht einmal zwei Stunden bis zu Bowser in der Casino-Welt und zeigte dabei bemerkenswerte Tricks und sein Können. Die Highlights waren aber gar nicht die vielen Abkürzungen oder die pure Kontrolle des Spielers, sondern der im Hintergrund ablaufende Wettstreit darum, mit welcher Figur Peteyboo das letzte Level durchspielen musste. Bereits vor dem eigentlichen Start des Spieldurchlaufs lag Luigi mit mehr als eintausend US-Dollar vor Mario, Peach und Toad. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass das für den Spieler alles andere als ein Nachteil darstellte (was wohl viele Spender erwartet haben) und Mario das eigentliche Handicap des Spiels ist (was man übrigens nur äußerst selten schreiben darf). Der klare Favorit wurde vom Underdog Mario zum Ende des Speedruns jedoch noch einmal ordentlich angegriffen, denn viele Fans setzten sich im Spendenkampf für ihren Lieblings-Klempner ein. Daraus wurde ein spannender Wettkampf, den Luigi für sich beanspruchte, bis in wirklich allerletzter Sekunde eine unfassbare Spende von über 4000 US-Dollar eintraf, die unerwartet Toad auf den ersten Platz setzte. Der Kommentar der unbekannten Spenderin: „It's my turn!" -der Schlachtruf des kleinen Pilzes.

Für Gamer ist das schon gute Unterhaltung, aber natürlich läuft nicht alles rund bei der AGDQ 2018. Auf Twitch wird das einwöchige Programm übertragen und die Nähe zur Amazon-Plattform erregt Kritik. Um die Live-Übertragung und die VOD-Angebote weitestgehend von Internet-Trollen freizuhalten, wird der Chat zudem durch die kostenpflichtige Abonnement-Funktion von Twitch von nicht zahlenden Spielern getrennt (was ein fantastisches Meme geworden ist, aber auch nervt). Zudem hat das gesamte Programm einen deutlichen Werbecharakter und die Omnipräsenz von speziellen „Anreiz-Spendenzielen" (Spielentscheidungen werden an diejenigen Nutzer abgetreten, die bereit sind mehr als ihre Konkurrenten zu zahlen) wirkt fehlplatziert. Die ganze Aktion zielt natürlich darauf ab, möglichst viele Spendengeldern einzunehmen, denn es ist ja für eine gute Sache. Trotzdem kommt immer wieder ein bestimmter, bitterer Nachgeschmack auf.

Aktuell wurden bereits mehr als 420.000 US-Dollar (umgerechnet ca. 350.000 Euro) gespendet, der anhaltende Erfolg dürfte die Veranstalter in ihrem Handeln also bestärken. Bis Sonntag geht die Aktion noch, einige spannende Spiele sind noch geplant. Interessiert ihr euch für Speedruns und was ist eure Meinung zur Games Done Quick-Initiative?