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Kritik

Gran Turismo 6

Polyphony Digital schickt die Gran Turismo-Reihe in die nächste Runde. Oder besser gesagt in die gleiche Runde, denn neu ist an diesem Spiel erstaunlich wenig.

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Die meisten von uns kennen von heute oder auch früher mindestens einen Superstar, der einfach nicht verstehen wollte, dass seine beste Zeit lange hinter ihm liegt und dass seine zuletzt abgelieferten Arbeiten alle nur blasse Kopien seiner früheren Erfolge waren, mit denen er sich in der Welt einen Namen gemacht hatte. Lange schon hätte er seinen Platz finden müssen, in einer Welt, die er nun medial nicht mehr beherrscht. Lange schon hätte er sich Hilfe suchen müssen, um sich neu zu erfinden. Manche würden sogar sagen, dass dieser Superstar sein Haltbarkeitsdatum überschritten hat.

Nach so vielen virtuellen Meilen, Erinnerungen an mehrere Konsolengenerationen und ebenso viele Controller, gepaart mit einigen der besten Spielerfahrungen, als Gran Turismo noch der König seines Genres war, fällt es ungemein schwer, sich einzugestehen, dass der einst so große Renntitel in Form von Gran Turismo 6 nicht länger mit der großen Konkurrenz mithalten kann.

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Ich erinnere mich, wie ich 2010 meine Kritik über Gran Turismo 5 schrieb und nicht begreifen konnte, wieso sich Polyphony Digital so sehr dagegen sträubte, Inspirationen seiner Konkurrenten zuzulassen, um endlich mit der Zeit zu gehen. Heute scheint es zunächst so, als hätte man sich die Kritik zu Herzen genommen. Denn sehr schnell geht es ins erste Rennen geworfen, um zu testen, welcher Spielertyp ich bin.

Gran Turismo 6Gran Turismo 6
In einer Honda-Familienkutsche müssen die ersten Wettbewerbe bestritten werden, um so das nötige Kleingeld für eine bessere Karre zu verdienen.

Etwas überrascht stellen ich fest, nicht gleich mit einem Fiat 500 Abarth die Reifen quietschen lassen zu dürfen wie etwa in Forza Motorsport 4. Stattdessen geht es familienfreundlicher zu. In einer Honda-Familienkutsche müssen die ersten Wettbewerbe bestritten werden, um so das nötige Kleingeld für eine bessere Karre zu verdienen. Wir ihr euch vorstellen könnt, kann das etwas länger dauern, wenn man in einem Wagen sitzt, dem allein Nürburgring-Expertin Sabine Schmitz ein bisschen Fahrvergnügen entlocken könnte.

Mit den ersten Trophäen auf dem Kamin und jeder Menge Geld auf dem Sparbuch steigen wir endlich auf eine etwas herausfordernde Klasse um. Wie von der Serie gewohnt, müssen wir dazu erst die nötige Lizenz erspielen, die bestätigt, dass die nötigen Fähigkeiten für das Meistern einer höheren Klasse vorhanden sind.

Damals auf der originalen Playstation hat das Lizenz-System vielleicht noch Spaß gemacht. Mit einer modernen Spielwelt hat das aber wenig zu tun. Andere Vertreter des Genres lassen uns mittlerweile frei nach Belieben umsteigen. Noch alberner ist es, dass wir die Fahrlektionen, die zum Erwerb der Lizenz absolviert werden müssen, zwangsläufig in den Rennen gemeistert haben, um diese überhaupt gewinnen zu können und schließlich dadurch die Möglichkeit zu haben, eine Lizenz zu erwerben.

Gran Turismo 6
Bei der unglaublich großen Anzahl von über 1200 Fahrzeugen ist auf jeden Fall für jeden Geschmack etwas dabei.

Durch die Arbeit an den Lizenzen treten vermehrt Probleme auf, die Fans der Serie schon seit Jahren kritisieren: Statt uns von einem Rennen gleich zum nächsten springen zu lassen wie es bei anderen Spielen dank "Nächstes Rennen"-Option völlig normal ist, zwingt uns Gran Turismo 6 einen umständlichen Weg durch die Menüs auf.

Es klingt wie ein kleiner Makel und das hätte er auch durchaus sein können, würden ihn nicht andere Unstimmigkeiten noch verstärken. Ich schrieb damals über Gran Turismo 5, dass es eines der unübersichtlichsten und benutzerunfreundlichsten Menü-Systeme hat, die ich je in einem Spiel gesehen habe - und das glaube ich auch heute noch. Glücklicherweise wurde an dieser Stelle im sechsten Teil ein wenig aufgeräumt.

Das neue System gibt uns nun mit einfachen Beschreibungen die Richtung vor - sei es, um zum nächsten Rennen, Workshop oder in die Garage zu gelangen. Minimalistisch kann man das allerdings nicht nennen, denn alle Möglichkeiten zusammengerechnet beanspruchen sicher zweieinhalb Bildschirme. So richtig ins Negative driftet es allerdings bei der Anzahl der Untermenüs, dem vielen Knöpfedrücken und den Ladezeiten, die wir in Kauf nehmen, um endlich das nächste Rennen zu starten. Normalerweise beansprucht das Prozedere zwischen 30 Sekunden und anderthalb Minuten, wobei wir mit fünfmaligem Knöpfedrücken durch unterschiedliche Menüs geleitet werden. Neun Mal müssen wir dann noch auf den Controller drücken, wenn das Rennen vorbei ist, um zum Startmenü zurückzukehren. Frustrierend!

Gran Turismo 6
Die Vielfalt der 37 Strecken ist beeindruckend, ebenso wie deren optische Inszenierung.

Und doch hätte ich all diese Probleme und nervigen Kleinigkeiten ignoriert, wenn Gran Turismo 6 die Serie wenigstens in dem Bereich wieder nach vorn geführt hätte, wo es die Konkurrenten einmal auf die hinteren Plätze verwies: dem Fahrspaß.

Bei der unglaublich großen Anzahl von über 1200 Fahrzeugen ist auf jeden Fall für jeden Geschmack etwas dabei - ganz egal, ob man auf GT-Rennwagen, Supersportwagen, Geländewagen, Karts oder umweltfreundliche Kleinwagen steht. Neben bekannten Strecken wie Brands Hatch, Silverstone, Suzuka und dem Nürburgring düsen wir mit unseren Wagen aber auch durch urbane Gebiete, die den Traum eines jeden Motorsport-Fans erfüllen. Die Vielfalt der 37 Strecken ist beeindruckend.

Als Kazunori Yamauchi von Polyphony nach langem Schweigen endlich einwilligte, Details zu Gran Turismo 6 zu verraten, hob er damals zuerst auf die Implementierung eines neuen Physiksystems ab, das weitaus größere Präzision ermöglichen und die Pferdestärken besser in Relation zum Asphalt setzen sollte. Bemerkbar macht sich das neue System aber nicht von Anfang an. Stattdessen müssen wir wieder tonnenschwere Fahrzeuge in Kauf nehmen, die sich - ganz unabhängig von ihrem beschriebenen Gewicht - anfühlen, als wären sie mit Zement gefüllt worden.

Gran Turismo 6
Es fehlt: der Fahrspaß. Stattdessen müssen wie gerade anfangs mit tonnenschwere Fahrzeuge arbeiten, die sich - ganz unabhängig von ihrem beschriebenen Gewicht - anfühlen, als wären sie mit Zement gefüllt worden.

Frustrierender wird die Spielerfahrung noch durch die Tatsache, dass es ganz so scheint, als müsste das Spiel von Zeit zu Zeit die Regeln der Physik außer Kraft setzen. Plötzliches Bremsen oder Kollisionen führen deshalb zu unerwarteten Motorengeräuschen, die an einen Techno-Remix erinnern, während die Front des Wagens unglaublich schnell ausbricht. Das hat nichts mit der Realität zu tun, sieht merkwürdig aus und macht die gesamte Spielerfahrung sehr unvorhersehbar.

Die Verbesserungen sind da, aber absurd gut versteckt im automatischen Hilfesystem des Spiels - das erst einmal voll aktiviert ist. Wer etwas fühlen will in dem Spiel, sollte zuerst die Traktionskontrolle deaktivieren. Und dann nach und nach all die anderen Fahrhilfen ausschalten, die das Fahrerlebnis getrübt haben von Anfang an. Es klingt ein wenig elitär, ist aber bei Gran Turismo 6 im Gegensatz zur Konkurrenz notwendig, denn die Einstellungen des Spiels sind von Grund auf falsch und liefern eine beinahe sterile Rennerfahrung. Wer sich gegen die Änderungen entscheidet, kann wie eine Flipperkugel durch die Gegend düsen und erzielt wesentlich schnellere Rundenzeiten als Konkurrenten, die sich an den Streckenverlauf halten. Gleichzeitig stellt man fest, dass der Untergrund, egal ob Asphalt, Schotter oder sogar Schnee, keine Auswirkungen auf das Fahrgefühl hat - und das ist nun wirklich verrückt.

Welche Optionen wir nun auch an- oder ausschalten, sie haben leider keinen Einfluss auf die gegnerische Fahrleistung - außer natürlich wir sehen uns nach Onlinerennen um. Die Künstliche Intelligenz ist kurz gesagt die schlechteste, die ich seit langem in diesem Genre erlebt habe. Als die Serie für die Playstation entwickelt wurde, konnte man aufgrund der technischen Beschränkungen noch entschuldigen, dass die Gegner sklavisch der Streckenmarkierung folgten. Warum sich daran aber 15 Jahre später noch nichts geändert hat, geht mir nicht in den Kopf. Das Überholen bedarf keiner besonderen Taktik oder Strategie, man schlüpft einfach dort durch, wo die festgeschriebene Strecke der anderen Fahrer Lücken aufweist. Versuchen wir es auf andere Weise, erleben wir, wie die anderen Autos ziellos ineinander fahren, während sie sich wohl wundern, warum auf der Bahn kein Platz mehr für sie ist.

Gran Turismo 6
Der Untergrund, egal ob Asphalt, Schotter oder sogar Schnee, hat keine Auswirkungen auf das Fahrgefühl.

Ich bin ehrlich erstaunt davon, dass es Gran Turismo 6 nicht gelungen ist, die vielen Fehler der Reihe auszubessern. Wieder scheint es so, als hätten sich die Entwickler nicht inspirieren lassen wollen. Diese Einstellung wird ehrlich gesagt langsam ermüdend. Mir ist zum Beispiel schleierhaft, warum die Reihe mit immer neuen Inhalten gefüttert wird, wenn doch schon die grundlegenden Elemente fehlerhaft sind.

Wie angesprochen, wurden die Physik und Menüs verbessert, doch darüber hinaus gibt es überall Unzulänglichkeiten. Warum gibt es noch immer kein System, das passende Autos für jedes Rennen empfiehlt? Warum wird es uns so schwer gemacht, die Fahrzeugdatenbank zu verwenden? Warum fühlt es sich an, als wären alle Autos umgeben von einem Kraftschild mit gummiartiger Elastizität, das auf magische Weise Beulen verhindert, wenn wir mit 300 Sachen in eine Barriere prallen, so dass wir uns nicht ständig ein neues Fahrzeug kaufen müssen?

Gran Turismo 5 warf bereits die Frage auf, ob die Serie mit der Zeit nicht schrittweise ihren Führungsanspruch eingebüßt hat. Damals war ich mir bei der Beantwortung dieser Frage nicht sicher. Gran Turismo 6 macht es mir nun sehr leicht. Der neue Teil ist kein strahlender Superstar mehr, wie es sie Vorgänger der Serie einmal waren. Wir lassen uns eben nicht länger nur von einer Masse an Karren und feinster Polygon-Grafik beeindrucken. Die Welt hat sich verändert, ebenso wie das Genre.

Gran Turismo 6
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06 Gamereactor Deutschland
6 / 10
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verbesserte Fahrzeugphysik (für die, die sie finden), viele tolle Autos und schicke Strecken
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Lizenz-System, langsamer Spielstart, furchtbare Menüs, endloses Knopfedrücken, lausige Künstliche Intelligenz
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