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Kritik

The Wolf Among Us

Der böse Wolf ist es, der in New York nach dem Rechten sieht, wenn sich andere Märchenfiguren daneben benehmen. Telltale erzählt eine interessante Geschichte und trotzdem ist es ein wenig ernüchternd.

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Beyond: Two Souls hat die alte Debatte wieder losgetreten, wie Spiele eigentlich zu sein haben, um als solche wahrgenommen zu werden. Das Problem dabei ist allerdings, dass der Sony-Titel ganz andere Schwächen hatte. Richtige Diskussionen lassen sich daher nur schwer führen. Im letzten Jahr aber eroberte The Walking Dead von Telltale bereits viele Herzen. Es war für einige das Spiel des Jahres.

Gleich vorab, ich bin leider selbst noch nicht dazu gekommen, mich diesem Spiel zu widmen und gehe daher an The Wolf Among Us ganz unvoreingenommen heran. Allerdings wird beim Spielen schnell klar, dass es deutliche Parallelen zwischen beiden Spielen und auch Beyond: Two Souls gibt. Obwohl ich die ersten Spiele von Telltale nicht mochte, hat dieser neue Stil einen ganz besonderen Reiz, gerade für Adventure-Fans. Über eine stark erzählte Geschichte werden wir gefesselt, aber das eigentliche Spiel tritt in den Hintergrund.

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Nun erzähle ich seit mehreren Jahren, dass Adventures versuchen sollten, sich genau auf diese Stärke des Erzählens von Geschichten zu besinnen. Und Heavy Rain hat damals gezeigt, dass so etwas auch auf hohem Niveau möglich ist. Der Handlung viel Raum zu geben und jene Elemente einzudampfen, die davon ablenken - es schien der nächste logische Schritt. Der Erfolg von The Walking Dead müsste Telltale nun eigentlich nur recht geben.

The Wolf Among UsThe Wolf Among Us
Das Spiel basiert auf der Comic-Reihe Fables, in der Charaktere aus Märchen und Fabeln unter uns leben.

Tatsächlich erkenne ich nach der ersten Episode von The Wolf Among Us - die übrigens nur zwei bis drei Stunden Spielzeit umfasst - wo die Vorteile liegen. Mir wird allerdings auch bewusst, dass diese Einschnitte deutliche Konsequenzen haben. Aus einem Spiel wird ein interaktiver Film, in dem wir dazu verdammt sind, nur marginal Einfluss zu haben. Die Leichtigkeit, mit der wir uns durch das Abenteuer klicken, macht deutlich, dass wir eigentlich zu keinem Zeitpunkt wirklich etwas verändern, sondern immer nur auf vorgegebenen Bahnen laufen.

Vielleicht aber an dieser Stelle erst einmal etwas grundsätzlich zum Hintergrund. The Wolf Among Us ist ein Spiel zur Comic-Reihe Fables: Legenden im Exil von Bill Willingham. Figuren aus Märchen und Fabeln werden aus ihrer Welt vertrieben und leben nun in New York unter uns. Sie haben die kleine Gemeinde Fabletown gegründet und jene Wesen, die nicht menschlich sind, leben auf einer Farm außerhalb der Stadt oder sind mit einem Zauber versehen, der ihre Gestalt verändert. Das Leben für die Fremden ist nicht leicht. Sie kämpfen mit Gewalt, Alkohol und Geldproblemen. Sie rauchen, sind manisch und sie töten eben manchmal auch. Die Hauptfiguren sind unter anderem Schneewitchen und Bigby, hinter dem sich der böse Wolf verbirgt. Im Comic allerdings ist der Wolf der Gute. Er steht für die Exekutive, ist Sheriff und setzt die Gesetze in Fabletown durch. Die Bücher mit dem beliebten Krimi-Charakter gibt es seit 2002 und seit Anfang 2007 auch in deutscher Übersetzung.

Für die Umsetzung des Spiels setzt Telltale natürlich auf die gleichen Elemente und lässt uns in der Rolle von Bigby einen mysteriösen Mordfall lösen. Der Charakter Marke "Einsamer Wolf" ist ziemlich interessant und sympathisch. Auch optisch punktet The Wolf Among Us mit einem herrlichen, comichaften Stil, der ganz vergessen lässt, wie schwach die Präsentation von früheren Titeln des Studios oftmals war. Die Sprecher sind großartig und die Handlung tatsächlich so spannend, dass man die zweite Episode kaum erwarten kann.

The Wolf Among Us
Fabletown nennt sich die kleine Gemeinde in New York und sie alle sind nicht mehr so märchenhaft wie einst, sondern haben ihre Laster.

Eigentlich hat Telltale alles richtig gemacht und ein begehbares Comicbuch abgeliefert, in dem wir immer wieder selbst entscheiden müssen, wie wir unseren Helden haben wollen. Ist er hart oder ist er weich? Ist Bigby mitfühlend oder doch komplett auf sich bezogen? Wir werden oft gefragt, was wir antworten oder welchen Weg wir gehen wollen - das schafft Verbundenheit und suggeriert gewisse Freiheiten, wie sich die Geschichte entwickelt.

Und da sind wir aber auch wieder an dem entscheidenden Punkt, der mich trotz aller Euphorie über die grandios präsentierte Geschichte ins Zweifeln gebracht hat. The Wolf Among Us ist kein richtiges Spiel mehr. Es ist ungefähr so nah an einem Adventure wie ein Wimmelbild-Spiel. Es gibt Action-Szenen, in denen schnelle Reaktionen von uns gefordert sind und in Gesprächen müssen wir rasch eine Antwort auswählen, sonst schweigt Bigby einfach. Das erste Kapitel beinhaltet exakt zwei Szenen, in denen wir jeweils eine Richtungsentscheidung treffen müssen. Manches wird lediglich zu kosmetischen Änderungen führen, aber in dem Fall ist es anders. Die direkten, sehr deutlichen Folgen sind klar erkennbar. Wohin uns unsere Wahl langfristig führen wird, muss sich zeigen. In jedem Fall ist klar, dass wie beim Märchen, das Ende eigentlich schon fest steht - selbst wenn es mehr als eines gibt.

Die Beschränktheit von The Wolf Among Us zeigt sich auch in all jenen Szenen, in denen wir den Charakter frei steuern dürfen. Der Bewegungsradius ist stark begrenzt und die möglichen Aktionen sind als solche erkennbar und erfordern keinerlei Kombinationsgabe. Es ist ein interaktiver Comic, der die Freiheit opfert, um uns nicht von der Geschichte abzulenken. Genau genommen ist das hier kein Spiel mehr, sondern Unterhaltung wie eben die Comic-Vorlage oder eine TV-Serie. Die interaktiven Elemente ermöglichen natürlich eine individuellere Erfahrung, aber die Zahl der Möglichkeiten und Verzweigungen bleibt trotzdem begrenzt.

The Wolf Among Us
Es gibt einige Sequenzen, in denen wir schnell reagieren müssen und etliche Dialoge, in denen wir rasch entscheiden müssen, wie wir antworten.

Natürlich - die Mehrheit der Spiele ist in dieser Hinsicht irgendwie auf diese Weise begrenzt. Bis eine solche Geschichte organisch erzählt werden kann, wird wohl noch viel Zeit vergehen. Der Schwachpunkt, den ich aber ganz im Speziellen meine, ist das Fehlen von Rätseln, eben den ganz klassischen Adventure-Elementen. Ich hätte nicht geglaubt, dass sie so sehr fehlen würden, aber sie hätten Abwechslung in das Abenteuer gebracht und davon abgelenkt, dass das Ziel der Reise bereits feststeht. Das ist es doch, was Spiele eigentlich so besonders machen soll. Sie sind nicht statisch. Grand Theft Auto V ist so ein Spiel, dass nebenher ganz eigenen, kleinen Geschichten erzählen kann. Oder Die Sims 3. Ja, selbst in New Super Mario Bros. gibt es diese Elemente. Hier aber erleben wir nur das, was die Autoren auch wirklich wollen, dass wir es erleben. Es gibt keinen Zufall, keine echte Interaktivität - nur eine vorgegaukelte Freiheit.

So bleibe ich am Ende hin- und hergerissen. The Wolf Among Us ist ein wunderbarer Krimi mit tollen Charakteren. Es ist ein Erlebnis, das wirklich spannend ist. Der Comic, den wir selbst spielen können, er ist Realität. Ganz abgesehen davon, dass bereits das Original - wie auch im Fall von The Walking Dead - ganz außergewöhnlich ist, hat Telltale hier sehr, sehr gute Arbeit geleistet. Und wer das letzte Spiel der Entwickler mochte, wird, so weit kann ich das abschätzen, auch dieses mögen. Dennoch bin ich enttäuscht davon, dass die Erfahrung unterm Strich so wenig befriedigend war und ich vielleicht am Ende doch lieber bei den typischen Adventures bleibe, die mich geistig mehr herausfordern. Und dass es trotzdem möglich ist, dabei eine emotionale Ebene zu schaffen, hat Daedalic zuletzt mit Goodbye Deponia eindrucksvoll untermauert.

The Wolf Among Us
The Wolf Among Us
08 Gamereactor Deutschland
8 / 10
+
interessante Charaktere, spannende Geschichte, tolle Präsentation und Atmosphäre, persönliche Erfahrung durch viele Entscheidungen
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recht kurz, keine Rätsel, kaum Möglichkeiten von fest Pfaden abzuweichen und dadurch statisch
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