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KRITIK

GOODBYE DEPONIA

Abschied ist nie leicht und meist blicken wir wehmütig auf eine schöne Zeit zurück. Martin hat das letzte Abenteuer auf Deponia hinter sich gelassen und fasst seine Gedanken in einem letzten Brief zusammen.


Auf Wiedersehen, Deponia. Hier trennen sich nun unsere Wege. Vor fast zwei Jahren habe ich dich kennengelernt. Es hat geheißen, du seist keiner schöner Ort - ein Müllplanet, auf dem Leben eigentlich gar nicht mehr lebenswert ist. Tatsächlich ist es kaum vorstellbar, dass in diesem Mangel an allem etwas Schönes zu finden sein soll. Aber es war dein ganz eigener Charme, der dich so besonders gemacht hat. Du hast gezeigt, dass es nicht unmöglich ist, sich hier eine Existenz aufzubauen und Spaß haben. Und natürlich war da der ewige Querulant und Tolpatsch Rufus. Er ist wohl ausgerechnet jener Mensch, der dich besonders wertvoll gemacht hat.

Ich weiß genau, wie wir uns das erste Mal begegnet sind. Ein überheblicher, sich völlig selbst überschätzender Egoist mit zwei linken Händen und dem Chaos für sich allein gepachtet, er wollte dich endlich hinter sich lassen. Dass er ein großes Herz in seiner Brust trug, es war nicht sofort sichtbar. Es war versteckt unter einer wahrhaft hässlichen Schale schlechter Eigenschaften. Und das ist wohl der Grund, warum er immer so fest mit dir verbunden sein wird: Ihr seid euch einfach viel zu ähnlich. Nur verstehen wollte er das einfach nicht. Elysium war stets sein Ziel. Mit jedem noch so tollkühnen Plan, mit immer wieder neuen verrückten Erfindungen wollte er dich verlassen.

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Goodbye DeponiaGoodbye Deponia
Deponia ist ein Planet nur aus Schrott - auch Rufus will hier nur weg. Und trotzdem verliebt man sich schnell in den ganzen Müll.

Auf Wiedersehen, Deponia. Dein letztes Kapitel, es ist wirklich wunderschön geworden. Es ist deutlich zu sehen, aber vor allem zu fühlen, dass du noch einmal alles geben, dich von deinen hübschesten Seiten zeigen wolltest. Auch wenn das eben in diesem Fall beispielsweise ausgerechnet die Kanalisation sein sollte - ein Ort, der sich noch unter all dem Müll verborgen hatte. Hier habe ich die absurdesten Gestalten getroffen und ziemlich sicher auch die bösesten Witze gehört, die es je in ein eigentlich familienfreundliches Spiel geschafft haben. Immer, wenn ich dachte, das kann gar nicht übertroffen werden, hast du noch einen draufgesetzt.

Mal ganz unter uns, was ist eigentlich aus Hansel, Gritchen und Rusty geworden? Die Frage beschäftigt mich ganz ernsthaft!

Aber auch an der Oberfläche und an der Aufstiegsstation, du warst immer zauberhaft. Auf Deponia habe ich alte Bekannte und neue Gesichter getroffen. Familie Bozo mit ihren gewollt flachen Witzen war beispielsweise ein schöner Kontrastpunkt zu den fiesen Spitzen im Untergrund. Aber auch dieses Hotel an der Hochbahn war ein Fest des guten schlechten Geschmacks. Dein Schöpfer Jan Müller-Michaelis hat mir im Frühjahr beim Deutschen Computerspielpreis versprochen, dass dein Abschied das wichtigste Werk wird - eben jenes, auf das er eigentlich die ganze Zeit hingearbeitet hätte. Und stimmt, wer dich bisher noch nicht richtig kennengelernt hat, wird einiges gar nicht so witzig finden. Wir haben im Laufe der letzten zwei Jahre eine Beziehung zu deinen Bewohnern aufgebaut und gerade das macht manche ihrer Handlungen vorhersehbar, aber manchmal auch überraschend.

Goodbye Deponia
Ein Rufus ist schon für die meisten Deponianer zu viel - im dritten Abenteuer müssen sie ihn gleich dreimal ertragen.

Auf Wiedersehen, Deponia. Ich habe mich nie mit dir gelangweilt. Zuletzt waren deine Rätsel und Aufgaben, die du mir gestellt hast, richtig gut. Fast alles war in einem sehr angenehmen Fluss zu lösen. Schade, dass du bei den Minispielen nicht mehr Mut bewiesen hast und sie optional abgebrochen werden konnten. Ich habe sie alle geliebt und hatte wirklich viel Spaß damit. Ja, das Abenteuer hatte definitiv sehr viele gute Momente in dieser Hinsicht. Und ich weiß, dass es keine so leichte Sache ist. Du hast dich hier auf jeden Fall von Mal zu Mal gesteigert. Wesentlicher Aufhänger hierfür bleibt natürlich das Zusammenspiel vom dreifachen Rufus. Bei so vielen Möglichkeiten, einen kühlen Kopf zu bewahren, war es nicht einfach für mich, aber immer unterhaltsam.

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Ich weiß, ich wiederhole mich, wenn ich sage, dass du so wunderschön bist. Dass ich dir gern zuhöre. Es ist nicht die gleiche, alte Leier, mit der du mir gekommen bist. Ich hab manch neues Musikstück wahrgenommen, dass du in den Klangteppich zwischen vertrauten Liedern eingewebt hast. Okay, wenn ich ganz ehrlich bin - und du darfst mir jetzt nicht böse sein - bei den Animationen habe ich manchmal ein bisschen das Gesicht verzogen. Selbstgezeichnetes ist wohl nicht so einfach flüssig hinzubekommen. Aber gestört hat das eigentlich nie. Und die Mimik von Rufus hat sowieso wieder alles gerettet. Auch wenn er das nicht hören darf - sonst steigt er noch zu neuen Höhenflügen auf - aber er hat es echt drauf.

An dieser Stelle eine persönliche Bitte. Ich weiß, ihr steht immer noch im Kontakt zueinander - könntest du also dem selbstverliebten Chaoten auch etwas von mir ausrichten? Vielen Dank.

Goodbye Deponia
Rufus und Goal, es war... sagen wir mal... Liebe auf den dritten Blick. Oder so.

Auf Wiedersehen, Rufus. Hast du eigentlich gemerkt, was für ein Idiot du eigentlich bist? Das interessiert mich wirklich, ob es möglich ist, eine solche Arroganz und Selbstüberschätzung ernsthaft in sich zu tragen oder sie nur professionell vorzuspielen. Ich glaube, ich kenne ja die Antwort. Ich meine, ich habe dich gesehen und erlebt in unserem letzten gemeinsamen Abenteuer. Witzigerweise war es deine Freundin Goal, die ich eigentlich nicht verstanden habe. Sie wirkte ein bisschen neben der Spur - erst am Ende begriff ich, was sie schon längst begriffen hatte. Du hingegen bist zu Höchstform aufgelaufen und hast noch einmal allen gezeigt, was sie eigentlich nicht sehen wollten: dich.

Wenn ich so über uns beide nachdenke, fallen mir so viele tolle Erinnerungen ein. Einige davon sind wieder hochgekommen, während wir unsere letzte Reise miteinander bestritten haben. Ich sage nur: Schnabeltiere! Jetzt musst du garantiert auch lachen. Und weißt du noch, bei deiner Rede vor dem Organon? Du hattest echt etwas von Loriot in diesem Moment - und das ist tatsächlich ein ziemlich großes Kompliment. Rufus, du bist wunderbar. Und als die letzten Bilder über den Bildschirm flackerten, ich hatte tatsächlich ein bisschen feuchte Augen. Absurd, ich weiß. Wie können solche Gefühle aufkommen, nachdem wir so ein verrücktes Abenteuer hinter uns gelassen haben. Aber erinnerst du dich noch, du hast auch irgendwann geweint. Ist klar, dass du das jetzt abstreitest. Würde ich wahrscheinlich auch an deiner Stelle. Das war superpeinlich!

Auf Wiedersehen, Rufus. Auf Wiedersehen, Deponia. Ich werde bestimmt auch in zwanzig Jahren noch von unserem Ausflug schwärmen und jedem davon erzählen, wie viel Spaß wir zusammen hatten. Auf Wiedersehen, euch werde ich nicht so schnell vergessen.

09 Gamereactor Deutschland
9 / 10
+
absurder, teils böser Humor, fantastische Charaktere, Gastauftritt von Smudo, kreative Rätsel, viele Hinweise zu Aufgaben in Dialogen versteckt, hübsche Präsentation, großartiger Soundtrack, sehr gute Sprachausgabe
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statt optionalen Minispielen wären mehr Hilfen dafür eine bessere Lösung, Animationen nicht immer flüssig
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