Kritik

Risen

Geschrieben am 20. Oktober 2009
Autor: Matthias Valentin

Mit Risen kehrt das Entwicklerstudio Piranha Bytes zu seinen Wurzeln zurück. Dabei machen sie vieles richtig, aber auch einiges falsch. Hat noch wer außer dem Gothic-Fans der ersten Stunde einen guten Grund zum Inselretten?

Risen ist bekanntlich nicht Gothic. Oder doch? Offiziell jedenfalls nicht. Dass zumindest Gothic I und II zum Kanon der Spielgeschichte gehören, steht außer Frage. Da wird's fast ein bisschen gothtalgisch, wenn man an die zum Schläfer betenden Kiffer aus dem Sumpflager denkt, oder an den nervigen Mud, der einem im Alten Lager ständig hinterher gerannt ist, bis er eine vors Brett bekommen hat.

Diese beiden ersten Gothic-Teile zeichneten sich durch eine extrem atmosphärische Spielwelt aus und durch spannende Charaktere. Vor allen Dingen aber waren sie angenehm dreckig. Einerseits der Humor (O-Ton Thorus: „Er wurde im Außenring gefunden. An verschiedenen Stellen im Außenring."), aber auch die Spielwelt selbst, die ihren eigenen rauen Charme hatte. Um Gothic III streiten sich heute noch die Geister, die einen mögen's, die anderen hassen's. Ich gehöre zur zweiten Sorte.

Aber warum überhaupt so viel Gothic? Hier geht's schließlich um Risen. Ganz einfach: viele Parallelen zwischen Risen und den ersten beiden Gothic-Teilen sind unverkennbar. Und das ist großartig.

Risen startet mit einem namenlosen Helden, der auf einer namenlosen Insel angespült wird. Die Götter haben die Schnauze voll und verlassen unsere Welt. Die Folge: finstere Mächte (uhh...) gewinnen an Einfluss, überall auf der Insel schießen alte, steinerne Ruinen aus dem Boden, die bösartige Kreaturen ausspeien. Die machen sich die Inselbewohner her und an dieser Stelle kommen wir ins Spiel. Klitschnass und voller Tatendrang.

Postwendend gibt's die erste Quest: Überlebende jener Schiffskatastrophe finden, die wir gerade hautnah miterlebt haben. Los geht's, neben einem Dutzend Leichen liegt auch Sarah am Strand, die wir vorsichtig aufwecken. Ein Fehler, denn kaum ist die Gute wach, will sie mit Fleisch und Wasser versorgt werden. Okay, fix den nächstbesten Ast vom Baum abgeknickt und los geht's auf die Pirsch. Schon nach kurzer Zeit kommen die ersten Seegeier und es wird klar, dass die Kämpfe in Risen anspruchsvoll sind.

Es gibt auf der Insel zwar nicht Hunderte unterschiedlicher Gegnerarten, aber doch genug, um die Kämpfe abwechslungsreich zu gestalten. So ziemlich jede Spezies greift anders an und bis die unterschiedlichen Angriffsmuster einigermaßen pariert und selber gezielt Schläge ausgeteilt werden können, vergehen einige Stunden. Bereits die Seegeier sind nicht allzu einfach, weichen geschickt den Schlägen aus und bringen selber Schnabelattacken an. Noch verzwickter wird es, wenn die Gegner im Rudel angreifen. Wölfe sind zum Beispiel selten allein unterwegs. Dabei versuchen die cleveren Biester immer wieder, uns einzukreisen und mindestens in die Flanke, wenn nicht gar in den Rücken zu fallen.

Gerade anfangs gibt es viele Gegner, die viel zu stark sind und denen man besser aus dem Weg geht. Das wirkt sich allerdings nicht negativ auf die Spielbalance aus, es gibt schließlich auch immer noch genügend adäquate Gegner. Die Logik, die hinter diesem Prinzip steckt, ist einfach aber effizient: Bist du zu schwach, komm später wieder. Denn meistens verstecken sich in der Nähe von besonders starken Gegnern auch hochwertige Items oder Kräuter.

Noch etwas anders sieht die Sache aus, wenn es menschliche Gegner sind. Die können nämlich eines besonders gut: blocken. Gerade da wird es wichtig, taktisch zu kämpfen und Schläge zu Kombos zu verbinden, um die gegnerische Parade zu durchbrechen und wirksame Treffer anzubringen. Wer sich auf Axtkampf spezialisiert, erlernt beispielsweise recht früh einen aufladbaren Schlag, der den Block eines Gegners durchbricht und ihn kurzzeitig taumeln lässt. Eine gute Gelegenheit, um nachzusetzen und Schaden anzurichten.

Für das Töten von Getier und das Lösen von Quests gibt es Erfahrungspunkte. Pro Stufenaufstieg dürfen zehn Lernpunkte in unterschiedliche Talente investiert werden. So ist es zum Beispiel möglich, neue Attacken und bessere Schlagkombinationen bei einem Lehrer für Schwert-, Axt- oder Stabkampf zu erlernen. Das ist sinnvoll, kostet allerdings ordentlich Geld, wovon gerade am Anfang zu wenig da ist. Man kann seine Erfahrungspunkte in Talente wie Schlösser knacken, Taschendiebstahl oder Schleichen investieren und so heimlich die Taschen und Truhen der Inselbewohner leer räumen. Eine lukrative Einnahmequelle, da sich außerdem auch viele, teilweise gut versteckte Truhen auf der Insel befinden, die darauf warten geplündert zu werden.

Magier können zudem Runenmagie und Kampfzauber erlernen, was den Magier aber nur bedingt zu einer eigenen Klasse macht, weil auch ein Kämpfer ohne weiteres in der Lage ist, Schriftrollen zu benutzen. Er kann lediglich nicht die Kampfzauber Feuer, Frost und Magiegeschosse benutzen. Nicht allzu tragisch - für den Fernkampf gibt's ja immer noch Armbrüste und Bögen.

An dieser Stelle erscheint eines der großen Fragezeichen von Risen. Es gibt auf der Insel drei Fraktionen, denen wir uns anschließen können: die Banditen im Sumpf, die Ordenskrieger in der Hafenstadt und die Weißen, die Magier auf der Vulkanfestung. Nur Kämpfer oder Magier, mehr Auswahl stellt das Spiel nicht zur Verfügung, denn die Kampftalente, die man in der Hafenstadt oder im Banditenlager erlernt, sind identisch. An der Stelle ist es Geschmackssache, ob es jemandem wichtig ist, seinen Charakter aus einer von 20 Kategorien auswählen zu können oder nicht.

Schade ist allerdings, dass schon innerhalb der ersten Spielstunde die Entscheidung für eine der Fraktionen fallen muss. Entweder geht es an der entscheidenden Stelle der Weggabelung nach Westen ins Banditenlager oder nach Osten in die Vulkanfestung oder die Hafenstadt. Die Möglichkeit, erstmal für alle Seiten zu questen und sich dann zu entscheiden, was aus dem Spieler werden soll, wird einem dadurch genommen. Glücklicherweise hat man immer Zugang zu allen Gebieten und Charakteren, was aber ein bisschen an der Atmosphäre und Glaubwürdigkeit kratzt.

Apropos Atmosphäre: Die Welt von Risen hat definitiv Ecken und Kanten, ist aber insgesamt sehr stimmig geworden. Bei den Banditen im Sumpf ist es oft düster und diesig, Grillen zirpen und mehr als Schemen sind auf Entfernung nicht zu erkennen. Ganz anders sieht das Bild rund um die Hafenstadt aus, wo Palmen einen eher mediterranen Touch erzeugen. Es hat immer wieder Spaß gemacht, die Welt von Risen zu erkunden, weil sie liebevoll und detailreich gestaltet ist. Etwas störend wirkte zunächst der unnötig starke Unschärfefilter auf Entfernung, für den es sicher eine bessere Lösung gegeben hätte.

Ein bisschen besorgniserregend steht es um die Inselpopulation, da auf der Risen-Insel bei knapp 100 männlichen NPCs nur um die zehn Frauen anzutreffen sind. Von denen eine auch noch krank ist. Und die alle das gleiche Gesicht haben. Auch sind nicht alle Animationen des Spielcharakters besonders ansehnlich - beim Springen sieht er aus, als würde er schweben, um sich beim Landen eher den Knöchel zu brechen als einen Telemark hinzulegen. Die Grafik ist zudem nicht topaktuell und Fans von Hinguckern wie Crysis schauen an einigen Stellen betroffen zur Seite.

Doch trotz dieser Macken ist Risen ein wunderbares Spiel geworden, das aufgrund seiner Spielmechanik und der Suchtspirale aus Sammeln, Questen und besser werden motiviert. Risen macht Spaß gemacht hat und selbst wenn die Story inhaltlich sicher nicht übers Mittelmaß hinauskommt, ist sie doch gut erzählt. Gut, dass Piranha Bytes sich auf die alten Gothic-Traditionen besonnen und nicht versucht hat, das Rad neu zu erfinden. Risen ist oft schwarzhumorig. Risen ist nicht so groß wie Gothic III, dafür überschaubar und gut gestaltet. Risen versprüht an vielen Stellen den alten Charme von Gothic. Das ist großartig.

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Grafik:7
Spielbarkeit:9
Sound:8
Suchtfaktor:8
Unsere Wertung:8/10
Was uns rockt:
atmosphärische Spielwelt, motivierendes Gameplay, witzige Dialoge
Was uns nervt:
teils schlechte Animationen, zu starker Entfernungsunschärfefilter, Fraktionswahl teilweise überflüssig
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