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Kritik

Crysis 2

Crytek ist zurück - mit einer Grafik-Bombe von einem Videospiel. Schafft es der deutsche Entwickler, im heftig umkämpften Egoshootermarkt mit Crysis 2 einen fetten Krater zu hinterlassen? Wir haben die wunderschöne Crytek-Katastrophe in New York miterlebt.

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Im Oktober 2010 saß ich ihm direkt gegenüber, dem Crysis-Macher Cevat Yerli und hörte ihn reden über die Fortsetzung des weltweit hübschesten Spiels aller Zeiten. Hörte Wortfetzen wie "Großstadtdschungel" und "wunderschöne Katastrophe". Hörte Ausführungen darüber, wie sehr das Tempo von Crysis 2 sich an den Spieler anpassen würde und dass es richtig gemachte Freiheit sei. "Freiheit im Sinne von Crytek." "Bullshit", dachte ich, "typischer PR-Bullshit." An diesem Morgen im Oktober hatte ich das Level "Semper Fi or Die" durchgespielt. Der Mangel an Freiheit und Potenzial war nicht zu übersehen im urbanen Dschungel. 

Aber ich hätte es eigentlich besser wissen müssen. Cevat Yerli ist nicht Peter Molyneux. Die Rhetorik des Deutsch-Türken ist nicht auf die Hype-Maschine eingetuned. Als ich nach ein paar Minuten in Crysis 2 einen großen Park am Rande von New York erforsche, verstehe ich genau, was er meint. Es ist ein Großstadt-Dschungel, und man bekommt sofort eine Idee davon, was der Mann für Freiheit hält. Der Unterschied in Crysis 2 ist, dass sowohl das Tempo als auch der Fokus des Spiels stärker filmisch orientiert sind, mehr choreographiert als im Original. Große, eher freie Gebiete sind mit engeren, linearen Passagen durchsetzt, wo die Geschichte mehr Raum bekommt. Es ist eine natürliche Entwicklung des ursprünglichen Konzepts, aber genauso unterhaltsam wie das Original - ein einladendes, wunderschönes und detailliertes Spiel. 

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Die Handlung im Erstling hatte nur begrenzt Platz sich zu entfalten. Invasion von Außerirdischen, ein paar kriegstreibende Koreaner und eine kleine Spezialeinheit mit Hightech-Anzügen. Nichts, worüber man große Worte verlieren braucht, aber die Jungs machten gegenüber Far Cry einen großen Schritt nach vorn - denn da ging es immerhin um einen Betrunkenen mit Igelhaarschnitt und Hawaiihemd, dessen schäbiges Boot zerschossen wird und er aus Rache den gesamten Südpazifik in die Luft sprengt. Mit Crysis 2 hatten sie den Ehrgeiz, eine komplexere, subtilere und erwachsene Geschichte zu erzählen. Dafür wurde Richard Morgan als Autor geholt, der vor allem durch seine Cyberpunk-Romane über den Anti-Helden Kovacs bekannt ist.

Crysis 2
Die Feuergefechte und all die Freiheit, das macht einen schwindelig vor Aufregung während des Spielens.

Crysis 2 beginnt mit einem New York in Flammen. Eine Alienrasse hat fast alles Leben mit einem Virus ausradiert und dann Downtown Manhattan in Stücke bombardiert. Von den Toten haben die Außerirdischen die Haut abgeerntet, das Militär ist komplett dezimiert. Wir spielen einen verwundeten Nobody, der sich den klassischen und tödlichen Nano Suit anzieht und die Mission bekommt, die Ceph zu bekämpfen und Alex Ghould zu retten, den Anführer des Widerstands. Es wird eine lange und extrem brutale Reise durch das zerstörte New York. Ohne das Militär ruht die Hoffnung auf ein paar kleinen, privaten Truppen. 

Der Nano Suit und seine unglaublichen Fähigkeiten bilden den Kern von Crysis 2. Je tiefer wir in die Geschichte eintauchen, desto mehr erfahren wir über den Reiz, seine Stärke und seine Bedeutung für das Überleben der Menschen. Crytek verpackt dies überzeichnet in streng choreographierte Passagen mit bester Michael Bay-Dramatik. Eingewebt sind ein paar Geschichten am Rande und heraus kam ein Szenario, in dem es primär um Korruption, Verrat und Verschwörung geht. Es ist bei weitem nicht die überzeugendste Geschichte. Die Dialoge sind oft ziemlich übertrieben, die Charaktere fühlen sich immer wieder flach und uninteressant an. Bei Crytek haben sie sich sichtbar von Half-Life 2 inspirieren lassen, sind aber nie auch nur annähernd in die Valve-Liga vorgestoßen, trotz ihrer hohen Ambitionen.

Stattdessen sind es die Feuergefechte und all die Freiheit, die einen beim Spielen vor Aufregung schwindelig werden lassen. Man kann Crysis 2 spielen wie Call of Duty und bis zum Ende die Feuer-Taste gedrückt halten. Wie Duke Nukem durch die Level stapfen, wenn die Rüstungs-Funktion im Anzug aktiviert und die schwersten Waffen aufgeladen sind. Aber auch das Schleichen ist eine vollwertige Option, während man die meisten Feinde und Kämpfe umgeht. Wir schleichen uns langsam aber sicher von einem strategischen ruhigem Punkt zum nächsten, holen die Klinge heraus und schneiden einem Gegner nach dem anderem die Kehle durch - ganz wie Solid Snake. 

Crysis 2
Das Design von Crysis 2 ist ein spannender Kontrast zum Dschungelszenario des Originals.

Crysis 2 ist extrem herausfordernd ohne dabei zu schwer zu werden. Es verlangt von uns mehr als die meisten Actionspiele, die in den letzten Jahren herausgekommen sind. Es geht nicht nur ums Schießen, sondern darum nachzudenken und sich einen Überblick über das Schlachtfeld zu verschaffen, bevor man sich ins Gefecht stürzt. Dafür gibt es beispielsweise ein neues Feature zum Ausspähen, von dem ich zunächst keinen und dann exzessiven Gebrauch gemacht habe. Visor einschalten, Lage prüfen und Feinde zur besseren Übersicht markieren. Die Gegner fest im Blick können wir nun Fallen bauen und sie austricksen - einfach der Fantasie freien Lauf lassen. Ein bisschen C4 an einem Auto auf dem Dach einer Parkgarage platzieren. Sich dann unsichtbar machen und das Auto vom Dach treten. Unten landet das Paket auf zwei gepanzerten Fahrzeugen und ein komplettes Platoon am Boden fängt Feuer. Wir sind natürlich schon lange auf der Straße und beobachten die Feinde, wie sie verzweifelt in Richtung Dach ballern...

Es ist am Ende der Anzug mit all seinen Möglichkeiten, der einen immer wieder dazu ermuntert, die Umgebung zu erkunden, um auf die effizienteste Art und Weise vorwärts zu kommen. Ohne auf die Besonderheiten des Nano Suits zu setzen, würde Crysis 2 sehr schnell ein unglaublich schwieriges Spiel werden, in dem einen die Intelligenz und die schiere Masse der Gegner überwältigt. Ein Crysis-Cell-Soldat agiert auf einem Level, von dem Covenant oder Locust nur träumen können.

Etwas, über das sich Crytek zufolge viele Crysis-Spieler beschwert hätten, waren die kaum bedienbaren vier Funktionen des Nano Suits - besonderes in hektischeren Feuergefechten. Für Crysis 2 wurde der Anzug daher verschlankt und vereinfacht. Als die ersten Nachrichten dazu auftauchten, war ich zunächst enttäuscht. Aber nach dem zweimaligen Durchspielen ist meine Meinung geändert. Die neue schlankere Form und die Anpassung der Features ist eine deutliche Verbesserung und macht Kombinationen viel einfacher. Dadurch, dass die Speed- und Power-Funktionen immer aktiv sind und entweder per Knopfdruck oder durch ein kontextsensitives Kommando ausgeführt werden, ist es jetzt viel einfacher, in Richtung eines leeren Autos zu rennen, es auf einen Gegner zu schleudern und sich im Anschluss unsichtbar zu machen, um eine sichere Position zu suchen.

Crysis 2
Das Abenteuer bringt uns vom Stadtrand ins Herz von New York nach Long Island, wo einfach nur die Hölle los ist.

Das Abenteuer bringt uns vom Stadtrand ins Herz von New York nach Long Island, wo einfach nur die Hölle los ist. Es ist wirklich spannend zu sehen, wie Cryteks Designer Fiktion mit Realität zur ihrer eigenen Wirklichkeit vermischt haben. Es gibt typische Wahrzeichen wie die zerstörte Freiheitsstatue, die Wall Street aber auch ausgedachte Umgebungen wie die Docklands und ein von Feinden extrem gut bewachter Park.

Nach 13 schweißtreibenden Stunden endet meine Reise durch die atemberaubenden Crytek-Landschaften. Crysis 2 ist nicht nur um ein Vielfaches größer als Call of Duty: Modern Warfare 2, Killzone 3 oder Medal of Honor. Es ist hinsichtlich der Action auch deutlich abwechslungsreicher, es gibt schärfere Feuergefechte und spannendere Umgebungen. Das Crytek aber in den Mehrspielermodus ähnlich viel Arbeit gesteckt hat, ist ein weiterer Grund zur Freude. Verantwortlich für den war Crytek UK, das ehemalige Free Radical-Team und damit die Mannschaft hinter der Timesplitters-Serie. Sie haben seit ein paar Jahren ausschließlich an einem herausfordernden und gut durchdachten Multiplayer für die Crytek-Fortsetzung gearbeitet.

Der Multiplayer vereint eine Reihe von Modi, alte wie Deathmatch und Team Deathmatch, aber auch neue Varianten. Am lustigsten war der Modus Crash Site, einer für zwei Teams. Das eine Team ist mit Nano Suits und kleinkalibrigen Pistolen ausgestattet, während das andere Team aus normalen Soldaten ohne spezielle Anzüge besteht, die dafür mit schweren Maschinengewehren unterwegs sind. Die Soldaten müssen Computer beschützen, während das Nano-Team streng geheimen Informationen von den Rechner stehlen muss. Für jedes gewonnene Spiel gibt es Erfahrungspunkte, die man dann verschiedene Upgrades investiert. Der Nano Suit lässt sich fast bizarr aufrüsten, etwa mit der Fähigkeit durch die Luft gleiten, Gegner aus größer Höhe in den Boden zu stampfen, einem Röntgenblick oder dem benutzerdefinierten Radar.

Crysis 2
Das Design ist ein spannender Kontrast zum reinen Dschungelszenario des Originals.

Der Nano Suit spielt eine große Rolle im Multiplayer und Free Radical hat das Balancing auf wundersame Weise perfektioniert. Der Anzug ist und bleibt auch hier die mächtigste Waffe. Wie in der Solokampagne lässt sich die Unsichtbarkeit aktivieren, man kann Autos vom Dach treten, stationäre Maschinengewehre abreißen und herumtragen oder mit Supersprüngen auf Dächer klettern, um eine schicke Position zum Snipern zu suchen. Man ist einfach sofort drin, süchtig und will mehr. Der Multiplayer ist charmant, einfach zu spielen und mixt geschickt geringe Mengen der Kriegserotik eines Call of Duty mit relativ großen Mengen Halo 2. Trotz des relativ einfachen Einstiegs wird das Spiel komplex und ist elegant strukturiert für jene, die richtig tief eintauchen wollen.

Dann ist da (natürlich) noch die spektakuläre Grafik, etwas, das alle Crytek-Spiele eint. Das Design von Crysis 2 ist dabei ein spannender Kontrast zum Dschungelszenario des Originals. New York ist mit zerstörten Wahrzeichen gespickt, mit völlig ruinierten Stadtteilen. Genau das ist sie, die Schönheit der Katastrophe, über die Cevat Yerli immer gesprochen hat. Es gibt riesige Munitionslager, Autos liegen verstreut herum und mehrere große Hochhäuser brennen lichterloh. Es raucht und qualmt überall, der Himmel ist manchmal vom mächtigen Lärm eines vorbeirauschenden Fighters erfüllt. Die Zerstörung ist total und sie ist schön auf eine seltsame Art und Weise. Der gerissene Asphalt am Broadway hat dem Gras seinen Weg gelassen. Im Bryant Park haben die Pflanzen wild gewuchert und einen Mini-Dschungel geformt, der an Ling Shan Island aus dem ersten Spiel erinnert.

Die Soldaten sind in futuristischen Urban-Camouflage-Outfits mit integrierten Gasmasken gekleidet. Ziemlich stylish sehen sie aus und die Entscheidung, ihre Gesichter bis auf die Augen zu verstecken, war sehr klug. Die grinsenden Koreaner in Crysis waren doch manchmal ein bisschen zu lustig und haben der Geschichte ihre Ernsthaftigkeit geraubt. Das ist jetzt viel besser. Was aus Designaspekten dagegen nicht gelungen ist, sind die kitschigen und bisweilen etwas zu trashigen Aliens.

Crysis 2
Alle Modelle im Spiel sind vollgestopft mit Polygonen und bestimmte Umgebungen sehen fast widerlich formschön aus.

Wenn man die Grafik aus rein technischer Perspektive betrachtet, ist Crysis 2 ziemlich beeindruckend. Die Umgebungen sind nicht so umfangreich wie die des Vorgängers, aber vielfältiger, sehr viel detaillierter und vollgepackt mit Möglichkeiten. New York bietet jetzt Spielmöglichkeiten auch in der Vertikalen, wenn man die Häuser hochklettert. Alle Modelle im Spiel sind vollgestopft mit Polygonen und bestimmte Umgebungen sehen fast widerlich formschön aus. Die Texturen sind sehr hoch aufgelöst und die Animation deutlich beeindruckender als in Crysis Warhead. Der Detailgrad ist schlicht verrückt und die Effekte bei Rauch, Feuer, Wasser und Nebel schier unglaublich.

Die Konsolen-Versionen sind natürlich nicht so wahnsinnig wie das PC-Spiel, aber sie kämpfen um die Spitzenplätze, wenn es darum geht, der Grafik-König für das jeweilige Format zu sein. Die Playstation 3-Version ist allerdings die schlechteste der drei, ehrlich. Obwohl der Unterschied zur Xbox 360 nicht so groß ist, wie ihn manche Kollegen machen wollen. Die PC-Version dagegen ist beiden grafisch natürlich um Längen überlegen. Insbesondere Licht und Schatten sind sichtbar knackiger umgesetzt.

Dann ist dann noch die 3D-Unterstützung in Crysis 2 - die ist anders als etwa bei Sony selbst. Dort wird der 3D-Effekt durch die interne Grafik-Engine produziert, die am laufenden Band zwei vollständige Bilder gleichzeitig berechnet. Das heißt, dass ein Spiel wie Killzone 3 im 3D-Modus zwei ähnliche Bilder anstelle von einem produzieren muss. Das bedeutet natürlich, dass die Auflösung, die Details und diverse Effekte runtergezogen werden müssen. Crytek hat eine andere Lösung für das 3D-Rendering, eine viel bessere als Sonys Version. Sie erzeugen nicht zwei ähnliche Bilder, sondern nur zwei Schichten der Schatten des Spiels. So bleibt die Grafik identisch, egal ob man 2D oder 3D spielt. Der 3D-Effekt funktioniert viel besser als Killzone 3, Call of Duty: Black Ops, Gran Turismo 5 oder Motorstorm: Apocalypse. Wirklich sehr beeindruckend.

Am Ende schenkt uns Crysis 2 eine Menge cooler Waffen und Nano Suit-Upgrades, eine wirklich unglaubliche Grafik, eine tolle Spielmechanik und liefert jede Menge Abwechslung. Die Einzelspieler-Kampagne war für mich nach 13 Stunden am Ende angekommen, nach tonnenweise Action auf dem gesamten Trip. Es wäre einfach eine Schande, das alles hier nicht das bisher beste Action-Spiel in diesem Jahr zu nennen. Crytek hat es geschafft, wieder einmal.

Hinweis: Am 16.03.2011 um 22 Uhr haben wir eine deutlich erweiterte Fassung unser Kritik zu Crysis 2 online gestellt.

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09 Gamereactor Deutschland
9 / 10
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Großartige Grafik und Sound, intensive Action, tolle Tempowechsel, spaßige Waffen, tonneweise Abwechslung
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Schwache Story, langweilige Dialoge
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