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Kritik

Nioh

Grimmige Schwertkämpfer und niederträchtige Yokai wüten im Reich der aufgehenden Sonne. Wir bereiten all dem ein Ende, in Team Ninjas neuester Samurai-Odyssee.


Konzeptionell scheint Nioh passgenau auf mich zugeschnitten zu sein: Fernöstliche Schwertkunst spielbar gemacht in einem fordernden, zeitgenössischem Gewand. Ein Action-Rollenspiel wie Dark Souls, dazu übernatürliche Geister, dämonische Mächte und rasante Schwertkämpfe im Sonnenuntergang. Ich bin kein besonderer Japano-Liebhaber, doch diese Motive sprechen mich unglaublich an. Jetzt hatte ich endlich die Gelegenheit, Team Ninjas neuestes Abenteuer auf Leib und Seele zu testen und mich als waschechter Ronin zu beweisen.

Nioh erzählt die Geschichte von William und seinem Kampf gegen die Dämonen. Um 1600 liefern sich England und Spanien ein Rennen um die Weltherrschaft, dabei greifen sie auch auf die mysteriöse Energiequelle Amrita zurück. Diese Kristalle richten unglaublichen Schaden an, der die gesamte Welt gefährdet. Doch anfangs will das natürlich niemand wahrhaben. William ist Pirat für die englische Flagge, doch seine Reise führt ihn schließlich ins feudale Japan. Im Land der aufgehenden Sonne verfolgt er einen Fremden, der seinen Schutzgeist Saoirse entführt hat - und gerät mitten in den Konflikt zweier rivalisierender Kriegsherren.

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Trotz interessantem Charakterdesign bleibt Nioh wie hier zu sehen hauptsächlich farblos und trist.

Zwischen den Missionen erzählt Nioh gemächlich und fast ausschließlich in Videosequenzen die Geschichte. Versteckte Items und platzierte Begegnungen lösen regelmäßig interessante Hintergrundinformationen aus, die sehr atmosphärisch erzählt werden. Auf Williams Reise entdecken wir verschiedene Gebiete von Japan, die wir über die Weltkarte erkunden. Die unterschiedlichen Örtlichkeiten werden dabei im Verlauf des Spiels gern mehrmals bereist - mit marginalen Änderungen. Leider verliert das Missionsdesign bei diesen optionalen Beschäftigungen fast komplett seinen Charme, Nioh konzentriert sich in dieser Hinsicht nämlich ausschließlich auf sein Gameplay. Und das schreit mit jeder Faser: Dark Souls.

Das etablierte Action-Rollenspiel dient Nioh offenkundig als Inspirationsfläche. Leveldesign, Schwierigkeitsgrad und vor allem das Gameplay befinden sich sehr nahe an der From Software-Vorlage. Das mag den einen oder anderen, mittlerweile übersättigten Fan dieser Titel jetzt vielleicht abschrecken, doch Nioh erschafft daraus etwas Eigenes. Es gibt mehr als nur ein paar Unterschiede zwischen den beiden Titeln, die deutlich umfangreicher ausfallen, als es auf den ersten Blick den Anschein macht.

Wer sich ein bisschen mit Samurai und deren Schwerkunst auskennt, kommt schnell darauf, dass die asiatischen Krieger keine Schilde nutzen, um sich vor gegnerischen Attacken zu schützen. Nioh gleicht deshalb jedoch nicht automatisch Bloodborne, nur weil es dort ebenfalls keine richtigen Schilde gibt. William ist so unglaublich geübt im Umgang mit dem Schwert, dass er alle normalen Nah- und Fernkampfangriffe einfach pariert. Solange er nicht erschöpft ist, nehmen wir keinen Schaden.

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Die Schutzgeister spielen eine große Rolle für William. Gewinnen wir ihr Vertrauen, unterstützen sie uns im Kampf.

Das Eigenmerkmal von Nioh sind die drei Kampfhaltungen. Eine hohe Haltung des Schwertes verursacht mehr Schaden und erlaubt mächtige Techniken. Die mittlere Variante ist leicht in der Anwendung und unterstützt die Verteidigung. Die tiefe Kampfhaltung erleichtert das Ausweichen und reiht schnelle Angriffe aneinander, die zudem nur wenig KI (das Äquivalent unserer Ausdauerleiste) verbrauchen. Angriffe setzen diese blaue Lichtfunken frei, mit dem richtigem Timing sammeln wir sie einfach wieder ein.

Diese Technik wird in Nioh Ki-Impuls genannt und spielt eine Schlüsselrolle auf dem Schlachtfeld. Yokais erzeugen manchmal schwarze Todeszonen, die unsere Welt mit der der Geister verbinden. Darin erhalten die bösen Dämonen einen Schadensbonus und blockieren zudem unsere Ki-Regeneration. Mit einem erfolgreichen Ki-Impuls reinigen wir dieses Portal, regenerieren Ausdauer und sind somit in der Lage, neue Schritte einzuleiten. Jeder Treffer eines Gegners füllt unsere Amrita-Energie auf. Ist diese Leiste aufgeladen, dürfen wir unseren Schutzgeist aktivieren und die derzeit ausgewählte Waffe beleben. Dieser spezielle Angriffsmodus gewährt uns für eine kurze Zeit Unverwundbarkeit und gibt uns einen deutlichen Schadensboost. Unser Schutzgeist tritt auf Wunsch hin sogar aktiv in den Kampf mit ein, allerdings verkürzt das die Dauer des Amrita-Modus. Erleiden wir selbst Treffer, wir diese Leiste ebenfalls reduziert.

Das Gameplay-Design ist natürlich trotzdem darauf ausgelegt, Spielern immer wieder ins Gesicht zu schlagen oder uns gegen eine Wand laufen zu lassen. Da gehören kaum sichtbare Löcher im Boden, als Yokai getarnte Wände und fiese Druckplatten-Fallen nun einmal dazu. Verlieren wir ein Leben, wird ein Schwerthügel an der Stelle unseres Todes erzeugt. Beinharte Soulsborne-Spieler kennen das nur zu gut.

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Die Geschichte von Nioh wird hauptsächlich zwischen den Missionen erzählt.
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Wer eine besondere Herausforderung sucht, darf sich an den sauschweren Zwielicht-Missionen versuchen. Yokai nutzen die tiefstehende Sonne, um in unsere Welt einzudringen und Chaos anzurichten. Bereits freigeschaltete Missionen erhalten im Zwielicht einen deutlich fordernderen Schwierigkeitsgrad. Dazu werden Gegner aufgemotzt und neu positioniert, das Level bleibt dabei jedoch identisch gegenüber der Missionsvorlage. Immerhin lohnen sich diese Strapazen, da die Droprate von Gegenständen und Gold während der Quest erhöht ist.

Auch wenn die Level verwinkelt und originell gestaltet sind, ist Nioh letztlich doch ziemlich schlauchig. Generell sind viele Wege so unglaublich eng, dass sie nur für den Kampf gegen einen Gegner gleichzeitig taugen - uns werden natürlich trotzdem mehrere Feinde entgegengeworfen. Die Kamera hinterlässt dennoch einen guten Eindruck, glänzt jedoch vor allem in offeneren Gebieten. Die Entwickler wollten möglichst viele Eindrücke wiedergeben und entschieden sich deshalb gegen eine große, offene Welt. Wahrscheinlich ist diese Entscheidung die Richtige gewesen, Nioh fehlt es nämlich an wirklichen Hinguckern.

Das Kreaturen-Design ist großartig, keine Frage. Die famos gestalteten Yokai sind ein besonderes Highlight, denn das finden wir in dieser Art im europäischen Raum einfach nicht. Die Elementarfähigkeiten und der spezielle Font geben dem Spiel ebenfalls einen sehr schicken Stil, doch davon abgesehen bietet das Action-Rollenspiel von Team Ninja auf optischer Ebene ansonsten nur wenig. Die Farbpalette beschränkt sich grundsätzlich auf die Farben Grün, Braun und selten auch mal Rot. An vielen Stellen ist Nioh sogar einfach zu dunkel, um einen Unterschied auszumachen. Dazu gesellt sich ein fragwürdiger Einsatz von Shadern, eine nass-plastische Optik und Unschärfe. Team Ninja machte da kein Spiel für die Augen, deshalb läuft es aber richtig flüssig.

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Trotz Parallelen zu Dark Souls behält Nioh eine eigene Seele und ist deshalb viel mehr als nur ein Klon des Konzeptes.

Die japanischen Samurai-Rüstungen sind beeindruckend gestaltet worden und überzeugen durch große Detailgenauigkeit. Bei den diversen Waffen lässt sich ein ähnliches Niveau erkennen, Team Ninja legt in diesem Segment ordentlich vor. Fallengelassene Ausrüstung kommt in unterschiedlichen Qualitätsstufen daher. Zu Beginn meines Abenteuers habe ich fast minütlich ins Charaktermenü geschaut, später verringerte sich das Inventarmanagement stetig. Das meiste Loot wird allerdings fast unkommentiert zerschrottet oder verkauft, da Missionsbelohnungen in der Regel eh deutlich besser ausfallen.

Nioh nutzt ein komplexes Upgrade-System zum Aufrüsten unserer Gegenstände. In der Schmiede erhöhen wir stufenweise die passiven Nebeneffekte unserer liebsten Items. Dabei stärken wir in aufwendiger Fleißarbeit unsere besten Ausrüstungsgegenstände, um sie auch auf höheren Spielstufen weiterhin zu benutzen. Leider fallen die Unterschiede gerade zu Beginn des Spiels weitaus niedriger aus, als erwartet, weshalb es häufig lohnender ist, auf eine andere Waffe zu wechseln. Wer viel Zeit in Nebenaufgaben steckt und ein bisschen mit dem Loot experimentiert, darf das Schmieden glücklicherweise größtenteils ignorieren. Der angesparte Goldbatzen wird dann höchstens zum Perfektionieren der besten Gegenstände gegen Ende des Spiels benötigt.

Den fernöstlichen Geist fängt Nioh wunderbar ein. Für uns Europäer mag das stellenweise überzogen oder platonisch wirken, doch in der ehrwürdigen Kultur Japans wird diese Grundstimmung sicherlich gut ankommen. Wer Motiven wie Ehre, Dankbarkeit und Vertrauen nichts abgewinnen kann, wird sich allerdings schwer tun mit den Quests. In etlichen Nebenmissionen müssen wir unglaubliche Anstrengungen auf uns nehmen, um scheinbare Nichtigkeiten zu erledigen. Eine typische Nebentätigkeit sieht in etwa so aus, dass wir in dunklen Höhlen nach einem Artefakt suchen, einen Ort verteidigen müssen oder Irgendjemandes Schwert zurückholen sollen. Vor Letztgenanntes passiert mit erstaunlicher Regelmäßigkeit, obwohl das Verlieren einer Waffe für einen Krieger in Japan eine große Schande bedeutet. Netterweise schenken uns die meisten Charaktere nach getaner Arbeit die zurückgebrachte Belohnung.

Nach meinem Anspielevent war ich gelinde gesagt verunsichert vom Schwierigkeitsgrad von Nioh. Damals scheiterte ich grandios an einem Level, das, wie ich nun bemerkt habe, für das Endgame gedacht war. Mit einem mittelmäßigen Level-50-Charakter eine der schwierigsten Zwielichtmissionen des Spiels anzutreten, würde ich aus heutiger Sicht als ambitioniert bezeichnen. Ich empfehle deshalb generell, zu Beginn eurer Reise dem Dojo einen Besuch abzustatten. Wer sich in Nioh einarbeitet, verbessert seine Spielerfahrung erheblich. Team Ninja gelingt es mit Nioh, die Seele der From Software-Spiele in ein eigenes Abenteuer einzupflanzen. Den Thron des Genres übernimmt Nioh zwar nicht, die Umsetzung ist trotz der Schwächen im Storytelling und der generellen Präsentation dennoch überaus respektabel gelungen. Besonders das asiatische Flair und das Yokai-Design hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Beeindruckend ist zudem der schiere Umfang des Spiels. Ich habe Nioh etwa dreißig Stunden lang gespielt - und offenkundig ist das Ende noch in weiter Ferne.

08 Gamereactor Deutschland
8 / 10
+
Samurai-Thema und Yokai-Thematik, Gameplay erfrischend und gleichzeitig altbekannt, gewaltige Spiellänge
-
Missions- und Leveldesign, unbefriedigendes Storytelling, übergeordnete Präsentation schwach, die Herausforderung muss man mögen
overall score
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