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Kritik

The Witness

Eigentlich ist es nur eine Sammlung von Rätseln. Tatsächlich aber feiert das neue Werk von Jonathan Blow den Verstand. Hört her, Geist ist geil.

Ich kannte einmal einen Rechtsanwalt, mit dem ich in gemütlicher Runde bei dem einen oder anderen Glas Wein gern diskutierte. Wir waren zwei befreundete Paare - eines Anfang 20 und das andere Ende 40. Es waren immer sehr interessante Gespräche, denn er war reich an Erfahrung und Wissen. Und ich war ziemlich neugierig und diskutierte gern. Am Ende landeten wir aber meist bei ganz fundamentalen Dingen. Erkenntnis sei das, worum es im Leben geht, sagte er. Und um nichts anderes. Den Dingen auf den Grund zu gehen und zu versuchen, ihre wahre Natur zu erfahren, sei letztendlich das, was uns wirklich antreibt. Wenn uns denn etwas antreibt.

Es ist faszinierend, wie man tatsächlich mit dem Alter lernt, Dinge anders zu sehen und wir sehr dieser andere Blickwinkel das Leben bereichert. Es ist nichts, was man wirklich erklären kann. Diese Erfahrung, von der mir Erwachsene als Kind immer erzählt haben, ich habe inzwischen genug davon gesammelt, um eine ungefähre Ahnung zu haben, was das eigentlich bedeutet. Und mit jeder neuen Erfahrung merke ich, dass ich eigentlich nichts weiß. Keine Antwort darauf zu haben, warum wir hier sind, warum wir tun, was wir tun und wo das alles hinführt, es zerreißt mich nicht. Etwas nicht zu wissen, ist nicht schlimm. Immer einen Schritt nach dem anderen und stets die Augen auf nach neuen Antworten und Blickwinkeln, dann findet sich das schon von selbst.

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Es gibt über 700 verschiedene Rätsel unterschiedlicher Arten, von denen sich die meisten aber darum drehen, Linien auf Tafeln zu zeichnen.

Beim Spielen von The Witness musste ich oft an diese Gespräche damals denken. Mir war natürlich nicht bewusst, wie nachhaltig sie mich geprägt haben. Heute betrachte ich es als Selbstverständlichkeit, Dinge zu hinterfragen. Einen Durst nach Wissen hatte ich auch schon immer, aber seine Sicht war so ganz anders. Und ich würde heute auch nicht alle Meinungen und Standpunkte teilen, aber darum geht es nicht. Es geht tatsächlich um Erkenntnis. Es geht darum, die eigenen Wahrheiten gelegentlich zu hinterfragen, keine Angst davor zu haben, die eigene Position anzuzweifeln und sich selbst immer wieder zu prüfen.

Ich könnte jetzt sicherlich schreiben, dass The Witness ein spannendes Puzzlespiel mit einer wunderschönen offenen Welt ist. Das es über 700 verschiedene Rätsel unterschiedlicher Arten gibt, von denen sich die meisten aber darum drehen, Linien auf Tafeln zu zeichnen, um ein Labyrinth zu lösen oder Gebiete abzugrenzen. Ich könnte erwähnen, dass wir die Welt aus der Ego-Perspektive erkunden und sie in einzigartige, voneinander optisch leicht zu unterscheidenden Arealen aufgeteilt ist. Aber The Witness ist eben nicht einfach nur ein Puzzlespiel. Es ist nicht bloß die moderne Version von Myst. Dieses Spiel ist eine Erfahrung und wer sich darauf einlässt und geduldig ist, dem kann es viel geben.

Jonathan Blow hat nach Braid lange an The Witness gearbeitet. Über sieben Jahre um genau zu sein. Und dem Spiel ist wirklich anzumerken, wie viel Arbeit darin steckt. Hier ist fast nichts dem Zufall überlassen, sondern hat einen Zweck. Die gesamte Insel dient einzig und allein dem Lösen von Rätseln Und es ist dabei nicht nur ein kurzer Zeitvertreib. Es ist ruhig und entspannt. Es gibt keine Musik die ablenkt und keine anderen Charaktere oder ähnliches. Wir tauchen in die Welt ein und werden ein Teil von ihr. Jedes Rätsel ist wie ein Puzzlestück und wer dem Spiel das letzte Geheimnis entlockt, wird in der Lage sein, es ganz zu erfassen.

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Wir bewegen uns in der Ego-Perspektive durch eine offene Welt mit optisch sehr unterschiedlich Arealen.

Es wird immer wieder Stellen geben, die wir nicht verstehen oder die nicht logisch erscheinen. Aber The Witness hat alles an Bord, was wir brauchen, um die Aufgaben zu lösen. Nur Logik müssen wir selbst mitbringen. Es liegt aber in der Natur des Spiels, dass es uns den Weg dafür nicht vorgibt. Es kann also passieren, dass wir ein wenig orientierungslos umherirren, bis wir wieder vorankommen. Doch auch das ist Teil der Erfahrung. Jede gelöste Aufgabe ist eine Belohnung und verschafft uns ein befriedigendes Gefühl. Immer liegt die Antwort vor uns, wir müssen sie nur erkennen.

Es ist klar, dass The Witness nicht für jeden ist. Das war schon bei Braid so. Wer keine Logikrätsel mag, wird mit diesem Spiel keine Freude haben. Die Welt ist atemberaubend schön und natürlich hoffe ich, dass sich möglichst viele davon bezirzen lassen. Etwas zu lernen und seinen Verstand auf Trab zu bringen ist etwas ganz Großartiges. Aber es bleibt im Kern eben eine Sammlung von Logikaufgaben, um die man nicht herumkommt. Und wer selbst die schwierigsten Geheimnisse löst, bekommt als Belohnung nur kleine Extras in Form von Videos und Audio-Nachrichten, die das Thema Erkenntnis und Weisheit vertiefen. Wer sich dafür nicht interessiert, kann sich daran auch nicht erfreuen.

Das wirklich tolle an The Witness ist, wie perfekt es komponiert ist. Verstehen wir etwas nicht, könnten wir natürlich eine Komplettlösung zu Rate ziehen. In diesem Fall ist das aber nicht besonders klug. Das Spiel offenbart sich nur, wenn uns selbst die Lösung eingefallen ist und wir wirklich begreifen, wie sie zustande kommt. Das Rätseln ist der wichtigste und wertvollste Teil der Erfahrung. Das ist ein bisschen wie mit dem, was Erwachsene, Kindern erzählen. Dass man das erst verstehen würde, wenn man älter ist. Es hilft nicht, die Antwort zu kennen. Wichtig ist, sie auch zu begreifen.

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Es hilft nicht, die Antwort zu kennen. Wichtig ist, sie auch zu begreifen.

Mir hat The Witness sehr viel gegeben und dafür würde ich Jonathan Blow am liebsten ganz fest in den Arm nehmen und Danke sagen. Ich mag Logikrätsel und ich habe mich von der ersten Sekunde an in die Präsentation verliebt. Die nur sehr sparsame akustische Untermalung passt perfekt. Und das es so wenig Hinweise gibt, ist im Nachgang betrachtet auch gut so. Selbst wenn es manchmal nicht so scheint, so macht dieses Spiel trotzdem alles richtig. Vielmehr noch aber hat mich die Botschaft tief berührt. Gerade in Zeiten großer Probleme, in denen Menschen nach einfachen Antworten suchen, ist The Witness ein Spiel, das dafür kämpft, eine Sache immer von allen Seiten zu betrachten. Es ist ein smartes Meisterwerk, das hoffentlich viele, viele Menschen erreicht.

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10 Gamereactor Deutschland
10 / 10
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simple und doch clevere Rätsel, wunderschöne Präsentation, überraschende Tiefe und großartige Botschaft
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Rätsel könnten abwechslungsreicher sein, keine Hilfe, wenn man nicht weiter kommt
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