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Kritik

Fallout 4

Das Ödland ist der schönste Ort, an dem man 2015 seine Videospielzeit verbringen kann. Es werden viele Stunden, denn Fallout 4 ist vor allem auch riesig.

Ich schreibe schon immer sehr gerne und bis heute am liebsten über Videospiele. Aber noch lieber spiele ich sie. Das ist im Fall von Fallout 4 ein ziemliches Dilemma. Denn ich will jeden Tag, nachdem ich aufgewacht bin nach einer kurzen Nacht, sofort wieder ins Ödland. Ich will mehr von der Einsamkeit und Stille dort. Von der Traurigkeit dieser verstrahlten Vereinigten Staaten von Amerika, zahllose Jahre nach der großen Atomkatastrophe. Mir fehlen immer noch die Worte, dieses Fallout 4 so richtig zu fassen. Das hier trifft es wohl am besten: Fallout 4 ist der beste Tranquilizer des Jahres 2015. Aber wie das so ist mit Psychopharmaka: Sie haben eine Reihe von Risiken und Nebenwirkungen, die berücksichtigt werden müssen. Aber es gibt wirklich nichts Besseres im Spätherbst, als dieses Videospiel zu benutzen, um sich vom Alltagsstress abzuschirmen.

Natürlich ist Fallout nicht die ganze Zeit einsam und still, im Gegenteil. Andauernd trifft man auf feindliche gesinnte Raider, auf Super-Mutanten und verstrahltes Getier, das einem ans Leder der Rüstung will. Es sind nicht selten intensive Kämpfe, die man mit einem riesigen Arsenal von Waffen führen kann. Es gibt konventionelle Feuerwaffen jeder Art, Laserwummen, böse Schlaggeräte und absurde Waffen wie den Junk-Jet, mit dem man Schrott auf die Gegner feuert. Und natürlich Mini-Atombomben sowie die Möglichkeit, einfach vor dem Konflikt davonzulaufen oder leise an ihm vorbeizuschleichen. Am Anfang des Spiels stellt man sich mit dem S.P.E.C.I.A.L-System seine männliche oder weibliche Spielfigur so ein, wie man es mag. Und baut sie dann nach jedem Levelsprung weiter aus. Alle Waffen und Rüstungen lassen sich mit den richtigen Materialien umfangreich modifizieren. Und es gibt zusätzlich eine Power-Rüstung, in der man optional auch rumstampfen kann. Möglichkeiten über Möglichkeiten, die einen gerade anfangs wie immer etwas überfordern.

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Fallout 4Fallout 4
Fallout 4 ist ein Action-Adventure ganz für einen alleine. Das Gegenstück zu einem 1000-seitigen Wälzer, den man Seite für Seite verschlingt. Mission für Mission eben.

Einsamkeit und Stille ist trotzdem das Credo des Spiels. Vor allem wartet die in den Menüs des Pip-Boy, in denen man Ewigkeiten verbringt, um Ausrüstung zu sortieren, Gegenstände zu verbrauchen und Waffen zu vergleichen. Man kann gefundene Holotapes anhören und sogar Fallout-Versionen von Videospielklassiker auf dem Pip-Boy oder irgendwelchen Terminals zocken. Zeta Invaders, Pipfall oder Atomic Command haben eine famose Grün-Schwarz-Grafik, allerdings muss man die Holotapes natürlich irgendwo finden. Es gibt für Android und iPhone eine Companion-App, mit der man den Pip-Boy auf dem Smartphone oder Tablet simulieren kann. Wer eine Sammler-Edition ergattert hat, kann sich das Teil sogar real an den Arm schnallen, das Smartphone einsetzen und hat einen funktionierenden Pip-Boy. Irre, aber schon gut.

Hat man sich langsam eingefunden und den Vault nach dem Intro in Richtung Ödland verlassen, wartet eine riesige Welt. Wirklich riesig. Alles ist da, überall kann man hin. Manchmal verschließen Schlösser oder Terminals den Weg. Für die braucht man erst die richtigen Fähigkeiten. Meist hat das auch einen Grund. Man darf also der Hauptgeschichte ruhig folgen, muss aber nicht. Die Erzählung ist derart weit gefasst und verzweigt, dass nicht immer klar ist, was nun gerade die Story und was Beiwerk ist. Aber alles ist tatsächlich interessant und man will nach und nach ganz in Ruhe der Sache nachgehen. Wieder Einsamkeit und Stille also, es ist einfach herrlich, dass nirgendwo ein Multiplayer wartet und einen unter Druck setzt. Fallout 4 ist ein Action-Adventure ganz für einen alleine. Das Gegenstück zu einem 1000-seitigen Wälzer, den man Seite für Seite verschlingt. Mission für Mission eben. Die langsamen Sammler werden Wochen brauchen allein für die Story. Wer alles sehen will, muss garantiert Wochen einkalkulieren. Man wird aber auch bestens unterhalten, wenn man ein paar Kapitel überblättert oder nur überfliegt. Fallout 4 funktioniert schnell wie langsam. Aber am schönsten ist es mit Ruhe und Zeit für Einsamkeit und Stille.

Fallout 4Fallout 4
Fallout 4 ist tatsächlich ein komplexes Ölgemälde von einem Videospiel. Die radioaktiven Stürme, die düster übers Land ziehen, sind zum depressiv werden schön.

Der eigentliche Spaß dieses Spiels erschließt sich einem nur vollständig, wenn man es alleine und isoliert spielt, abseits des brüllenden Chats der modernen Shooter und idealerweise ohne einen Menschen, der soziale Interaktion im realen Leben will. Hier kommt deutlich ein Warnhinweis vom Benzodiazepin-Beipackzettel, damit man trotz der klassischen Musik im Ödland-Radio, trotz des einlullenden Jazz und Swing aus dem Vorgänger oder des Rauschens eines Signals, das der Pip-Boy irgendwo aufgefangen hat, diese Welt da außerhalb des Spiels nicht vergessen sollte. Jeden morgen duschen zum Beispiel hilft. Und ab und ab mal eine Pizza bestellen. Und dann wieder ins Ödland hin zu den überwältigend vielen Aufgaben. Man driftet suchend durch die Bethesda-Welt, erlebt Kleinigkeiten und epische Erzählungen. Immer wieder gelingt es dem Spiel, einen vom Weg abzubringen durch spannende und sinnlose Aufgaben. Man verliert sich mehr und mehr in den ganzen Möglichkeiten. Und streift dann irgendwann wirklich orientierungslos durchs Ödland. In der Story wird das sogar noch aufgegriffen auf eine fantastische Art und Weise, die man nicht erklären kann und darf. Muss man erleben.

Das V.A.T.S.-System macht das Adventure aber auch zum blutigen Action-Splattererlebnis. V.A.T.S. hält das Spiel an und erlaubt es uns, Körperteile gezielt halbautomatisch unter Beschuss zu nehmen. Den verstrahlten Raidern zerplatzen ihre Köpfe, fliegen die Arme weg oder sie werden zu einem Häufchen glühender Asche dematerialisiert. Kommt man 25 Stunden später an dieser Stelle vorbei, liegt nicht selten dieses Häufchen immer noch da, wenn man es nicht vollständig ausgeplündert hat. Auch das trägt zur Konsistenz der Erlebnisses bei: Dass die getroffenen Entscheidungen permanent wirken. Wir haben im Spiel diverse Begleiter jenseits des Schäferhundes, den wir alle bereits kennen. Wir können stets einen dabei haben oder alleine reisen. Die Begleiter sind besonders als Tragehilfe ein Geschenk, nehmen aber auch selbstständig die Gegner ins Visier. Man muss bei Entscheidungen in Gesprächen vorsichtig sein, sie nicht zu verprellen. Allerdings kann man auch alleine reisen und die Künstliche Intelligenz der Begleiter ist ohnehin eher lahm.

Fallout 4Fallout 4
Die Welt ist unglaublich detailverliebt und abwechslungsreich. So karg die Landschaft auch sein mag, sie beherbergt zahllose tolle Orte in unterschiedlichster Gestaltung und Ausprägung.

Die Grafik von Fallout 4 ist auf ihre Weise unglaublich schön. Sie mag technisch nicht immer am Limit sein - wobei die PC-Version mit dem richtigen Setup schon fantastisch aussieht, da kommen die Konsolenversionen mal wieder nicht mit. Aber es geht in diesem Spiel nicht so sehr um das einzelne Detail (was mal top ist, manchmal aber auch nicht so toll ist), sondern um die Gesamtkomposition. Fallout 4 ist tatsächlich ein komplexes Ölgemälde von einem Videospiel. Die radioaktiven Stürme, die düster übers Land ziehen, sind zum depressiv werden schön. Die Welt ist unglaublich detailverliebt und abwechslungsreich. So karg die Landschaft auch sein mag, sie beherbergt zahllose tolle Orte in unterschiedlichster Gestaltung und Ausprägung. Das Spiel ist ein Produkt vieler Menschen und künstlerisch dennoch vollständig stilsicher und stringent. Aber Fallout 4 hat natürlich auch Fehler, bei der Größe lässt sich das kaum verhindern.

In der von mir gespielten Xbox One-Version verschwanden Begleiter in Wänden, blieben in Fahrstuhltüren stecken, wenn sie denn mal einen Fahrstuhl freiwillig betreten haben. Die Missionsmarker haben sie nicht immer im Griff. Einmal war eine Hauptmission nicht abschließbar, weil eine spielentscheidende NPC-Figur einfach nicht mehr mitmachte. Ich musste erst speichern, das Game komplett verlassen und die Konsole ausschalten. Danach ging es dann wieder, die Angst war dennoch groß. Kaputte Speicherstände hatte ich nach dem Ausschalten auch zweimal, aber immer ein weiteren Speicherpunkt kurz vorher. Relativ am Anfang trieb mich ein bitterer Logik-Fehler in den Wahnsinn. Wenn man die Stadt Diamond City zum ersten Mal besuchen will und den „falschen" Weg von hinten heran nimmt, drehen alle Wachen total durch. Ich habe nicht verstanden, warum das so war. Geht man einmal um den Block und kommt von vorne an die Stadt heran, sind die gleichen Wachen ganz entspannt und auch der Missionsmarker wird endlich aktiviert. Und die grafische Qualität der NPC schwankt schon erheblich, was die Konsistenz der Welt etwas eintrübt. Die Gesprächsoptionen mit ihnen sind zudem weitgehend eher etwas öde.

Es sind solche Probleme, die Fallout 4 die absolute Höchstwertung verstrahlen. Aber sie stören nicht wirklich. Jenseits von ihnen ist das eines der besten Spiele des Jahres, ganz persönlich vermutlich mein Favorit. Das Spiel schafft es ganz galant, nach 30 Stunden Spielzeit Entscheidungen von großer Tragweite auf den Tisch zu legen. Solche von dem Kaliber, dass man sie treffen muss. Diese Entscheidungen beschäftigen mich fundamental und ein Blick ins die Liste mit den Missionen zeigt, dass da noch viel wartet im Spiel. Allein das Erschließen und Ausbauen von Stellungen für die Minutemen ist eine Mischung aus normaler Mission und eigener Mini-Simulation mit integriertem Tower-Defense-Spielchen, in der wir die Bewohner der Siedlungen zufriedenstellen müssen und außerdem für ihre Sicherheit sorgen sollen. Fallout 4, mein Spiel zum Verschwinden im Jahr 2015. Was ich exakt jetzt auch wieder tun werde.

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09 Gamereactor Deutschland
9 / 10
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großartige Spielwelt, tolle Geschichte, böse und brutal, fantastischer Soundtrack, Soiel zum Verschwinden
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relativ viele kleine Bugs insbesondere bei den Begleitern, ein paar grobe Logikschnitzer
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