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Kritik

Rise of the Tomb Raider

Lara Croft hat ihr Comeback damals 2013 sehr gut getan. Nun tritt die Archäologin erneut an, bleibt aber eher ein weiblicher John McClane als ein Indiana Jones zu werden.

Lara Croft war die Videospiel-Ikone der 1990er, aber der Fall der hübschen Archäologin war tief und irgendwann schaffte es das It-Girl nur noch mit Nackt-Cheats in die Schlagzeilen. Crystal Dynamics verhalf der abgehalfterten Heldin 2013 mit Tomb Raider zu einem echten Comeback und ließ die junge Lara auf der sagenumwobenen Insel Yamatai ums nackte Überleben kämpfen. Rise of the Tomb Raider spielt nun ein Jahr nach den schicksalshaften Abenteuern der Endurance-Crew und diesmal führt die Reise in die sibirische Wildnis. In syrischen Tempelruinen stößt Lara auf Hinweise über die verlorene Stadt, die das Geheimnis der Unsterblichkeit hüten soll. Die Suche danach brachte schon Lord Croft in Misskredit und trieb ihn schließlich in den Selbstmord.

Auf den Spuren ihres Vaters macht sich Lara also auf die Jagd nach den verlorenen Städten, halt, nein - der verlorenen Stadt. Die ersten Trailer ließen vermuten, dass die Abenteuer von Rise of the Tomb Raider im Gegensatz zum Vorgänger nicht nur an einem Ort stattfinden. Wer aber auf rotgestrichelte Linien wartet, die sich zum Brummen von Flugzeugmotoren langsam auf einer Weltkarte weiterbewegen, wird enttäuscht. Nach der Einführungsmission in Syrien verbringen wir den Rest des Abenteuers in Sibirien. Die sibirische Wildnis bietet aber auch so genug Abwechslung: Verschneite Wälder, von geothermalen Quellen aufgeheizte idyllisch grüne Täler, gefährliche Gletscher, verlassene Sowjet-Anlagen und uralte Ruinen. In der wie gehabt halboffenen Welt dominiert eine starke Levelstruktur, in der wir uns aber halbwegs frei bewegen dürfen. Das dient insbesondere der Suche nach den zahlreichen Sammelobjekten, die uns Hintergrundwissen liefern und dazu dienen, unsere Ausrüstung zu verbessern. Zusätzlich gibt es Erfahrungspunkte, die in dem gutgemachten, dreiteiligen Fertigkeitsbaum für die Qual der Wahl sorgen.

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Rise of the Tomb RaiderRise of the Tomb Raider
Die wirklich schönen physikalischen Puzzle mit sich ändernden Wasserständen, Schaltern und Seilwinden sind dank Laras Überlebenssinn immer ein klein wenig zu offensichtlich.

Es bleibt uns, ob Lara in eine tödliche Kämpferin, eine geschickte Jägerin oder in eine erfahrene Überlebensexpertin verwandelt wird. Die ausgedehnten Jagd- und Sammelausflüge sind aber optional. Man kann auch einfach dem hohen Tempo des Abenteuers folgen, bei dem Lara kaum zur Ruhe kommt. Die Gute war schon im Vorgänger eher ein weiblicher John McClane als Indiana Jones. Es dauert nur Minuten, bis wir von Lawinen verschüttet, vor Schmerzen gekrümmt und blutverschmiert auf die ersten Söldner der Trinity-Organisation treffen, die das Unsterblichkeits-Artefakt ebenfalls in ihren Besitz bringen will. Die wärmen sich gerne an gut sichtbaren Lagerfeuern, in deren Umgebung uns stets allerhand Kisten genug Deckung bieten. Zusätzlich finden sich dort häufig noch hochexplosive Benzinkanister oder Generatoren. Wenn die armen Trinity-Schergen nicht selbstgebastelten Molotov-Cocktails und Splittergranaten aus Konservendosen zum Opfer fallen, dann eben dem gigantischen Arsenal an Schusswaffen. Alternativ sind auch die brennenden, explosiven oder mit Pilzen vergifteten Pfeile aus dem Compound-Bogen tödlich. Oder wir erwürgen sie einfach leise aus dem Hinterhalt.

Die Kämpfe in Rise of the Tomb Raider finden leider zu sehr auf der Bühne statt. Die Zutaten für großartiges und abwechslungsreiches Gameplay sind vorhanden, aber die Szenarien sind zu offensichtlich für den Kampf vorbereitet. Zudem passt die Überlegenheit einfach nicht zur 22-jährigen Lara, die in den Zwischensequenzen häufig wie eine verzweifelte Ellen Page wirkt. Das soll aber nicht heißen, dass die Action keinen Spaß machen würde. Aber Crystal Dynamics hätte den Spielern einfach mehr zutrauen sollen. Das gilt auch für die großartigen Rätsel der optionalen Grabhöhlen, von denen es leider viel zu wenige gibt. Sie bewegen sich in aller Regel leider stets knapp an der Grenze zur Unterforderung. Die wirklich schönen physikalischen Puzzle mit sich ändernden Wasserständen, Schaltern und Seilwinden sind dank Laras Überlebenssinn immer ein klein wenig zu offensichtlich und auch hier gilt wieder: Eigentlich sind alle Zutaten für forderndes Gameplay vorhanden, aber die Entwickler hatten nicht genug Vertrauen in die Fähigkeiten der Spieler. Alles muss sich unterordnen, damit das Tempo dieser ohne Frage atemberaubenden Achterbahnfahrt von einem Abenteuer hochgehalten werden kann.

Rise of the Tomb Raider ist großartig produziert. Die Umgebungen sind abwechslungsreich und sehen fantastisch aus. Der spärliche Einsatz (vom Kistenöffnen mal abgesehen) der üblicherweise eigentlich unsäglichen Quicktime-Events und Button-Prompts lässt einen in Verbindung mit den überzeugenden Animation gerade bei den Kletterpartien Laras Anstrengung physisch spüren. Insgeheim hält man immer wieder den Atem an, wenn man nach einem großen Sprung die Axt in die vereiste Kletterwand hackt. In diesem Zusammenhang muss man unbedingt die gut gesetzten automatischen Speicherpunkte lobend erwähnen. Nach Unfällen oder anderen Missgeschicken wird man nie mit Wiederholungen von Zwischensequenzen gequält und ist nach erfreulich kurzen Ladezeiten direkt wieder an Ort und Stelle.

Rise of the Tomb Raider
Was den Langzeitspaß angeht, hat Rise of the Tomb Raider im wahrsten Sinne des Wortes noch ein Ass im Ärmel.

Das packende Abenteuer kommt auf vielleicht 15 Stunden Spielzeit, wenn man das Sammelzeug zum Großteil links liegen lässt und sich nur teilweise mit den Grabhöhlen und der guten Handvoll Nebenmissionen beschäftigt. Dankbarerweise sind die Entwickler nicht der Versuchung erlegen, uns in den offeneren Arealen unnötig hin und her zu schicken, um die Spielzeit zu strecken. Nach dem Ende des Abenteuers dann ganz in Ruhe die sibirische Wildnis nach den letzten Geheimnissen und Grabhöhlen zu durchforsten, hat seinen eigenen Charme und ist eine schöne Gelegenheit, um die Hetzjagd nach dem Artefakt ausklingen zu lassen. Die Siedlung im Tal der geothermalen Quellen lässt fast schon Skyrim-Stimmung aufkommen.

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Was den Langzeitspaß angeht, hat Rise of the Tomb Raider im wahrsten Sinne des Wortes noch ein Ass im Ärmel. Der unmotivierte Mehrspielermodus von Tomb Raider wurde rausgeschmissen und durch eine Level-Punktejagd ersetzt. Alle Level können hier einzeln wiederholt werden, wobei man die erreichte Punktzahl und das Gameplay mit dem Einsatz von bis zu fünf Karten noch modifizieren kann. Die Karten funktionieren dabei wie die Halo-Schädel, nur das es wesentlich mehr von ihnen gibt. Manche Karten sind nur kosmetischer Natur, andere stärken oder schwächen uns bzw. die Gegner. Kleine blaue Flammen sind über die Level verteilt, geben Punkte-Boni und halten den Kombozähler am Laufen, während man versucht, einen Level möglichst schnell zu meistern und dabei am besten noch Nebenziele wie lautlose Kills und das Ausschießen von Laternen absolviert. Im Story-Modus werden bereits die ersten Karten freigeschaltet, weitere kauft man sich mit den hier erspielten Punkten dazu. Manche Karten geben bis zu hundert Prozent Punktebonus, wenn man beispielsweise ohne Munition startet.

Außerdem darf man sich hier seine eigenen Missionen basteln. Man sucht sich Areal und Tageszeit aus und kann dann in fünf Slots mit Karten Missionsziele festlegen. Dokumente von einem Trinity-Commander stehlen und vielleicht vorher noch ein Rudel Wölfe jagen. Das alles wird wieder mit modifiziertem Gameplay durch den Einsatz weiterer fünf Karten kombiniert. Hier lassen sich dann endlich wirklich fordernde Szenarien für Kämpfe erstellen, indem man Laras Möglichkeiten aktiv einschränkt. Eine wunderschöne Idee, um die Spieler immer wieder in die wunderschönen Level von Rise of the Tomb Raider zu locken.

Rise of the Tomb Raider ist ein fantastisch produziertes, actiongeladenes Abenteuer, das leider das Potenzial der schon vorhandenen tollen Möglichkeiten nicht voll ausnutzt und uns gerne noch mehr fordern könnte. Die Balance zwischen Kämpfen, Klettern und dem Lösen von Rätseln müsste zudem besser sein. Aber Rise of the Tomb Raider ist sicher eine gute Wahl, um im längst nicht mehr goldenen Herbst beim Zocken die ungemütliche Realität draußen zu vergessen und sich stattdessen im virtuellen Sibirien den Arsch abzufrieren.

08 Gamereactor Deutschland
8 / 10
+
erstklassig produziert, atemberaubendes Tempo, schöne Spielmechaniken, gut gesetzte Checkpoints mit schnellen Ladezeiten, mit dem neuen Kartensystem kann man lange viel Freude haben
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nicht fordernd genug, zu wenig Rätselpassagen, zu viele inszeniert wirkende Kämpfe, nutzt nicht das volle Potenzial der Gameplay-Möglichkeiten
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