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Kritik

Her Story

Bezaubernd, mysteriös, geheimnisvoll, faszinierend - setzt der Krimi von Sam Barlow neue Maßstäbe für interaktive Geschichten?

Es ist ziemlich klar, dass die Spielebranche derzeit ein wahrlich goldenes Zeitalter erlebt. Es ist eines, dass nicht zwangsläufig bedeutet, dass es große Budgets, atemberaubende Grafiken und riesige, offene Welten gibt, in die wir eintauchen.

Die vielen Indie-Entwickler mit ihren knappen finanziellen Mitteln haben zu einem Ausbruch von Kreativität und innovativen Konzepten geführt. Die Erprobung neuer Spielformen ist hier die Norm und die grafische Leistung ist weit weniger wichtig als einzigartige Mechaniken und ein starker narrativer Aspekt. Eine kleine, aber sehr aktive Community von zeitgemäßen Entwicklern treiben einen experimentellen Trend an - ganz ähnlich wie es das Kino Mitte der Neunziger bis in die frühen Nullerjahre bereits erlebt hat: das Found Footage-Genre.

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Her StoryHer Story
Diesmal skizziert Barlow wunderbar eine Krimigeschichte, die komplett auf der Konsultation eines ganzen Archivs von Filmen aufbaut.

Für jene, die nicht wissen, wovon hier die Rede ist, Found Footage ist ein ganz bestimmter filmischer Ansatz, bei dem wesentliche Teile eines fiktionalen Films oder eben auch des kompletten Films aus einzelnen Aufnahmen, Schnipseln und Heimvideos zusammengeschnitten werden. Obwohl es sich um fiktives Werk handelt, ist es die Absicht von Regisseuren dieses besonderen Genres, den Zuschauern das Gefühl zu geben, was sie gerade sehen, sei real oder zumindest ein so glaubwürdig als wäre es ein Dokumentarfilm.

Ein sehr treffendes Beispiel dafür ist The Blair Witch Project aus dem Jahr 1999, in dem "unsaubere" Aufnahmen genutzt wurden durch Infrarotkamera, Handkamera und unprofessionelle Darsteller. Es ist ein Weg, um das Publikum glauben zu lassen, dass das, was sie schauen, real ist. Und paradoxerweise ist es so, dass je mehr Bilder unsauber und unvollkommen sind, desto mehr werden die Augen des Zuschauers getäuscht. Sie lassen uns in dem Glauben, dass die Aufnahmen verlässlich sind.

Ein ähnliches Verfahren ist die Basis für Her Story, dem neuen Spiel von Sam Barlow. Der ist besser bekannt für seine Arbeit als Lead Designer und Autor von Silent Hill Origins und Silent Hill: Shattered Memories. Es ist eine verlassene Atmosphäre irgendwo zwischen Horror und Psychoanalyse seiner vorherigen Arbeit. Diesmal skizziert Barlow wunderbar eine Krimigeschichte, die komplett auf der Konsultation eines ganzen Archivs von Filmen aufbaut. Sie zeigen die Vernehmung einer jungen Engländerin zu dem Mordfall im Zusammenhang mit ihrem Mann aus dem Jahr 1994.

Her Story
All die Videos, gedreht mit der echten Schauspielerin Viva Seifert, machen den Eindruck, als würde von einer alten Videokassette abgespielt werden.

Unsere Aufgabe ist es, die die verschiedenen Clips zu durchsuchen und zu speichern. Wir nutzen dafür Schlüsselwörter und wenn sie allmählich immer durchdachter an. Wir versuchen den Fall zu lösen, in dem wir die einzelnen benötigten Informationen miteinander kombinieren. Um Filme zu finden, die wir brauchen, haben wir eine Suchmaschine auf einem alten Computer mit einem Betriebssystem wie Windows 95.

Zum Anfang haben wir nur ein paar Videoaufnahmen. Während wir aber den Antworten der Frau während der Vernehmung lauschen, versuchen wir zu verstehen, mit welcher Art von Schlüsselwörtern wir tiefer in den Mordfall eintauchen können. Zunächst sind wir gezwungen, einen sehr einfachen Ansatz mit simplen Wörtern wie Ehemann, Mord und Alibi zu nutzen. Weil wir aber unsere Nachforschung weiter verfeinern - dank der Entdeckung von neuen Details aus den einzelnen Interviews - können wir schließlich weitere Dateien innerhalb des Archivs extrahieren. Wir entdecken neue Informationen und diese erlaubt es uns, Licht in diese komplexe Geschichte zu bringen, die dem Mord zugrunde liegt.

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Die nichtlineare Erzählstruktur in Her Story ist wahrscheinlich der faszinierendste Aspekt des ganzen Projekts. Uns wird die komplette Freiheit gegeben, wie wir unsere Ermittlungen durchführen und jedes Spiel ist von Spieler zu Spieler verschieden. Es gibt keinen richtigen Weg, um den Fall zu lösen. Es hängt ganz allein davon ab, wie wir uns entscheiden bei der Rekonstruktion der Geschichte fortzufahren, Video für Video. Und deswegen wird aus ihrer Geschichte tatsächlich die eigene Geschichte, in der wir und unser Sherlock Holmes-Instinkt beständig angespornt werden, die Wahrheit hinter diesem ungewöhnlichen Mordfall zu verstehen und herauszufinden.

Her Story
Um Filme zu finden, die wir brauchen, haben wir eine Suchmaschine auf einem alten Computer mit einem Betriebssystem wie Windows 95.

Es gibt einen Datenbank-Checker, um zu verstehen, wie viele Videos noch fehlen, bevor wir den Fall lösen können. Er zeigt uns auch einfach nur, ob eine Verkettung von Schlüsselwörtern dazu führt, dass wir neue entdecken. Gesammelte Videos werden in einem farbigen Raster dargestellt. Rote Videos sind diejenigen, die wir noch entdecken müssen. Grüne Videos markieren bereits gefundene und für gelbe müssen wir die Suche noch verfeinern. Das ist wirklich nützlich - besonders dann, wenn wir kurz vor der Lösung des Spiels sind und nicht wissen, wonach wir suchen sollen. An dieser Stelle wird natürlich kein Detail zur Handlung verraten, aber man sollte sich bewusst sein, dass der erste Verdacht bereits schon nach der zehnten Suche aufkommt. Und die Auflösung ist einfach unglaublich.

Ein weitere faszinierender Aspekt von Her Story ist der Retro-Stil, der das komplette Spiel charakterisiert. All die Videos, gedreht mit der echten Schauspielerin Viva Seifert, machen den Eindruck, als würde von einer alten Videokassette abgespielt werden. Und das Betriebssystem auf dem Computer, mit dem wir arbeiten, fühlt sich alt an. Barlow hat alles darauf gesetzt, es wie ein Produkt der Neunziger wirken zu lassen. Die Symbole, das Nachrichten-Programm mit den "Lies mich"-Texten auf dem Desktop, die Soundeffekte... alles wurde perfekt rekonstruiert, um uns voll in die Rolle als Ermittler/Archivar hinein zu versetzen. Und die Einfachheit der Oberfläche ist entscheidend, weil es dem Spieler erlaubt, sich voll auf die Handlung zu konzentrieren, dem alleinigen Dreh- und Angelpunkt, für den die ganze Erfahrung geschaffen wurde. Und wieder einmal ist das Ergebnis überraschend.

Bezaubernd, mysteriös, geheimnisvoll und faszinierend. Her Story verbindet sehr simple, einfache und dennoch faszinierende Spielmechaniken mit dem Besten von Krimiserien. Letzteres ist etwas, das uns an die hochgelobte HBO-Serie True Detective erinnert. Eine Serie, in der der Zweck der Handlung es nicht ist, den Mord selbst zu diskutieren, sondern die düstere und mysteriöse Handlung hinter dem Protagonisten. Eine nichtlineare Erzählstruktur zu wählen, die uns volle Bewegungsfreiheit lässt, ist vielleicht der interessanteste Aspekt des gesamten Projekts - neben einer ordentlichen Dosis erfrischender Kreativität. Her Story ist interessantes und sehr ansprechendes Experiment - ein fesselndes multimediales Produkt, dass wir nur empfehlen können.

09 Gamereactor Deutschland
9 / 10
+
fesselnde Geschichte, interessante, nichtlineare Erzählstruktur, fantastische Idee, steigende Komplexität
-
zu Beginn nicht so intuitiv, nicht lang
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