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Kritik

The Witcher 3: Wild Hunt

Die Erwartungen an das Rollenspiel waren groß und das Team wollte sie übertreffen. Herausgekommen ist ein fast zu mächtiges Denkmal.

"Muss ich zwischen einem großen und einem kleinen Übel wählen, wähle ich lieber gar nicht!" Neutralität zu wahren und sich nicht in fremde Konflikte einzumischen, es ist das ewige Leitmotiv des Geralt von Riva. Doch es herrscht Krieg. Das macht es auch für den Hexer deutlich schwieriger zu erkennen, wer gut und wer böse ist. Viele versuchen zunächst sich selbst zu retten, verdrehen die Wahrheit, spinnen eigene Lügen und nehmen dafür selbst große Opfer in Kauf. Gleichzeitig ist es in derart unsicheren Zeiten wichtiger denn je, Farbe zu bekennen. Ein ausgemachtes Dilemma also, aber gleichzeitig der beste Ausgangspunkt für diese Geschichte. Ganz harmlos beginnt unsere Reise damit, dass wir einen mysteriösen Brief von Yennefer bekommen und darum versuchen, sie aufzuspüren. Schon bald aber werden wir tief in ein Abenteuer gezogen, bei dem wir aufpassen müssen, nicht zwischen den vielen Fronten zermahlen zu werden.

In Dialogen ist es noch immer uns überlassen, wie wir die Geschichte erleben wollen. Der Hexer kann sehr abweisend und fast aggressiv herüberkommen. Es wird aber ebenso die Möglichkeit gegeben, die Gefühle nicht mehr so stark an die Leine zu legen. Viele Entscheidungen bleiben trotzdem schwierig. Bereits ziemlich zum Anfang führt uns die Handlung am Beispiel eines Kommandanten vor, wie schnell eine Einschätzung falsch sein kann. Glücklicherweise handelte es sich dabei mehr um eine Demonstration der Möglichkeiten. Der dargestellte Wandel ist dennoch überraschend und eine gute Warnung, mindestens zweimal hinzuschauen. Manchmal jedoch bleibt keine Zeit für reifliche Überlegungen. Manchmal bleiben nur Sekunden. Da hilft nur das Bauchgefühl.

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The Witcher 3: Wild HuntThe Witcher 3: Wild Hunt
Hinsichtlich großer Kämpfe gegen gefährliche Monster und schwere Gegner lehrt uns das Spiel eingangs, dass gute Vorbereitung wichtig ist.

Während einer Mission diskutiere ich mit einer einfachen, aber dennoch weisen Frau eben genau über dieses Problem. Moralisch scheint Geralt nämlich manchmal sehr erhaben über den Dingen zu stehen. Seine neutrale Haltung wirkt blasiert, fast überheblich und oft gleichgültig. Diese Frau aber holt ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Natürlich sei es in Ordnung, wenn er seinem Beruf folgt. Er solle aber nicht glauben, dass er etwas ändern kann. Sie wollte durch die Blume sagen: Er ist kein strahlender weißer Ritter, auf den die Welt nur gewartet hat. Der Hexer wiederum lässt es sich nicht nehmen, später einen ebenso klugen Satz anzufügen. Auf die Frage, warum er trotzdem geholfen habe, antwortet er schlicht: "Ich fand es besser, als nichts zu tun."

Eigentlich beschreibt diese Szene ziemlich gut die Stimmung in The Witcher 3: Wild Hunt. Diese Verzweiflung, der einfach irgendetwas entgegen gestellt werden muss, um nicht aufzugeben. Die Schwarzen, wie die Armee von Nilfgaard genannt wird, greifen von Süden her an und die Nördlichen Königreiche fallen eines nach dem anderen. In dem Machtvakuum, das aus diesem Übergang entsteht, machen sich zwielichtige Kräfte breit. Die Menschen leiden an Hunger und Krankheit. Die einen geben sich in der Krise dem Glauben hin, der Ewigen Flamme. Andere suchen eigene Schuldige für die Misere. Besonders schwer haben es gegen diese gefährliche Mischung alle, die anders sind, alle die besonders sind. Diese Anderlinge, wie sie im Norden abwertend genannt werden, zu ihnen gehören Zwerge, Elfen, Gnome und andere sonderbare Wesen. Ausgrenzt und verfolgt werden auch Magierinnen, Kräuterkundige und Hexer.

In einigen Siedlungen verschließen die Bewohner ihren Türen und Fenster, wenn Geralt ankommt - "ein Hexer, es klebt Blut an seinen Händen." Anderswo wird hinter vorgehaltener Hand schlecht über uns geredet. Geralt scheint das zumindest im Moment noch wenig zu kümmern. Andere versuchen sich zu arrangieren. Keira Metz gehört der Loge der Zauberinnen an und muss deswegen um ihr Leben fürchten. Magie wird von den Mächtigen auf allen Seiten nicht mehr gern gesehen. Sie hat sich deshalb in der Nähe eines Dorfes versteckt und hilft gelegentlich der Bevölkerung, damit sie nicht verraten wird. Tatsächlich aber hasst sie das Landleben und die Leute, die sowieso "jeden lieben, der Hämorrhoidensalbe herstellen kann". Sie hat es satt. Sie erwartet mehr vom Leben.

The Witcher 3: Wild HuntThe Witcher 3: Wild Hunt
Das Reiten, Klettern, Schwimmen und Segeln ist so butterweich und geschmeidig integriert, das man alles gerne nutzt und nichts meidet.

In Novigrad wird derweil schon ernst gemacht. Zauberinnen, Doppler und andere werden verfolgt, in Ghettos zusammengefercht und öffentlich hingerichtet. Hexer sind teils noch geduldet, da ihre Arbeit nützlich ist. Tatsächlich aber scheint es nur eine Frage der Zeit, bis auch sie für vogelfrei erklärt werden. Auf den Straßen dieser großen und einst liberalen Stadt kommt es immer häufiger zu Anfeindungen. Neutral zu bleiben wird Geralt immer schwerer fallen. Es sind harte Zeiten. Aber: "Der Ort, an dem man sich vor sich vor anderen einmauert, ist kein Zuhause." Und das allerwichtigste scheinen sie alle kaum zu begreifen. Die wirkliche Bedrohung ist eine andere. Die Wilde Jagd ist aufgetaucht und hinterlässt eine Spur des Verderbens. Die Gruppe sucht das Mädchen Ciri, die offenbar zurückgekehrt ist.

Wie gewaltig dieses Abenteuer tatsächlich ist, es lässt sich nicht einfach nur an den Spielstunden ablesen oder an Wendungen, die die Geschichte nimmt. Die Handlung ist so umfangreich, dass sie nicht kurz zusammengefasst werden kann. Manche Dinge mögen im Gesamtwerk nur eine Randnotiz sein, bewegen einen aber fundamental, weil es persönlich wichtige Entscheidungen waren. Das ganze Spiel steckt voll mit solchen Entscheidungen. Fast zu voll, weil die Karte übersät ist mit unentdeckten Orten und zusätzlichen Aufgaben. Natürlich ist es dem Team tatsächlich gelungen, alles irgendwie miteinander zu verweben und nicht nur lose zu verknüpfen. Es ist dabei allerdings so gut, dass selbst profane Nebenmissionen uns scheinbar Wichtiges vermitteln. Womöglich ist es genau das, was einen dann so erschlägt.

Nur gut, dass CD Projekt Red alles mit einfachen, aber sehr guten Spielmechaniken unterfüttert hat. Wie wir unsere Fähigkeiten ausbauen können, erscheint zunächst komplex, aber ist tatsächlich ziemlich übersichtlich. Wir können uns langsam herantasten und entdecken im Verlauf immer wieder kleine Raffinessen. Auch das System für Alchemie und das Bauen von Waffen, Rüstungen und anderen Gegenständen ist eher simpel. Weil wir aber die Teile selbst beschaffen müssen, die richtigen Rezepte und Baupläne brauchen und zudem nicht jeder Schmied fähig genug ist, individuelle Wünsche zu erfüllen, sind auch diese spröde im Menü dargestellten Elemente immer Teil des Abenteuers.

The Witcher 3: Wild HuntThe Witcher 3: Wild Hunt
Das Spiel voll mit wunderbaren Orten, die zum Verweilen einladen, aber es dauert viele Stunden, sie auch wirklich schätzen zu lernen.

Das Reiten, Klettern, Schwimmen und Segeln ist so butterweich und geschmeidig integriert, das man alles gerne nutzt und nichts meidet. Hilfreich dabei ist die kleine Karte in der oberen Ecke, die uns eine optimale Route zum gewählten Quest-Ziel angezeigt. Insbesondere das Pferd ist aufgrund der schieren Größe der Welt ein viel genutztes Fortbewegungsmittel und selbst im Galopp passt die Kollisionsabfrage, auch weil entsprechende Vermeidungsstrategien für Hindernisse eingebaut wurden. Es ist es merkwürdig, dass der Gaul per Pfiff immer sofort bereit steht, aber es ist praktisch. Da darf man die Realität auch mal aushebeln.

Hinsichtlich großer Kämpfe gegen gefährliche Monster und schwere Gegner lehrt uns das Spiel eingangs, dass gute Vorbereitung wichtig ist. Es gibt Öle, die Waffen stärken und Monumente, die Magiekraft erhöhen. Wir können uns mit Alchemie besser schützen und die richtigen Gegenstände verwenden, um uns Vorteile zu verschaffen. Wer sich vielen Nebenaufgaben widmet, wird das nicht unbedingt nötig haben. Immer wieder aber gibt es eingestreut ein paar Herausforderungen, die wir umgehen können oder aber sie mit offenen Armen empfangen. Auch hier sind sie wieder präsent, diese verdammten Entscheidungen, die das Spiel einem abverlangt.

Ich bin mir sicher, dass The Witcher 3: Wild Hunt ziemlich genau das geworden ist, wovon das Team die ganze Zeit geträumt hat. Jeder Ort fühlt sich besonders an, als hätte jemand sich genau überlegt, warum er so ausschaut und welche Charaktere wir dort treffen. Es gibt triste Orte, deren Schönheit sich erst erschließt, wenn wir uns Zeit für die Details nehmen. Die Sümpfe in Velen machen immer etwas her, weil sie düster und geheimnisvoll sind. Aber selbst die kargen und steinigen Gebiete im Rest des Landes üben eine gewisse Faszination aus. Und nach der Ankunft auf Skellige gibt es für mich einfach kein Halten mehr und ich bin verliebt.

The Witcher 3: Wild HuntThe Witcher 3: Wild Hunt
Es mag nicht innovativ sein, aber wunderschön und riesig ist es. Und trotzdem nicht überladen mit Funktionen und Extras, sondern einfach rund.

Auf den ersten Blick wirkt das Rollenspiel häufig trostlos. Die Größe erschlägt einen, aber gleichzeitig ist da diese Perfektion. Es ist so sauber und reibungslos, dass es fast steril und langweilig erscheint. Es hat den ganz typischen Charme eines PC-Spiels, das nur hier und da versucht, sich dem Konsolenpublikum anzubiedern, in dem wir inzwischen etwa drei verschiedene Frisuren für Geralt von Riva wählen können. Albern. Doch es gibt einen Punkt, an dem man dahinter schaut. Ein ganz besonderer Moment, an dem man keine Angst mehr vor der Größe dieses Spiels hat, sondern genau die umarmt.

Es ist die Entdeckung der Langsamkeit, die dann die Schönheit der Welt deutlich werden lässt. Auch so eine Eigenschaft, die typischerweise PC-Spielen zugeschrieben wird. Aber es ist tatsächlich so, dass die Liebe beginnt, wenn man nicht mehr im Galopp durchs Land reitet oder eilig durch die Städte rennt, sondern das Tempo drosselt. Und es ist nicht so, dass CD Projekt Red nicht ausreichend solcher Orte geschaffen hätte, die einen zum Verweilen einladen. Tatsächlich ist das Spiel voll damit. Aber es dauert viele Stunden, sie auch wirklich schätzen zu lernen.

Herrlich lässt sich nun darüber diskutieren, ob ein Spiel eigentlich zu groß und zu umfangreich sein kann. Auch The Elder Scrolls V: Skyrim hätte man das vorwerfen können. Aber da lag die Sache ein wenig anders. Die eingangs beschriebene Dichte hatte das Bethesda-Werk in dieser Form nicht. Es gab eine große Welt zum Entdecken, aber so bedeutungsvoll wie das hier, nein, das war es nicht. Ich bin der Meinung, das The Witcher 3: Wild Hunt zu mächtig ist - zu mächtig für alle jene, die keine Geduld mitbringen. Das ist genau der Punkt, an dem es vielleicht lächerlich erscheint, so etwas zu äußern. Aber nicht jeder ist für ein solches Abenteuer gemacht. So wie nicht jeder in der Lage ist, eigene Entscheidungen zu fällen, die auch negative Konsequenzen haben können.

Kurioserweise ist ausgerechnet dieser epische Blockbuster ein Titel, bei dem ich am liebsten darauf verzichten würde, eine Zahl als Wertung darunter zu schreiben. The Witcher 3: Wild Hunt gehört ohne Frage zu den ambitioniertesten Spielen, die je entwickelt und vor allem auch fertiggestellt wurden. Es mag nicht innovativ sein, aber wunderschön und riesig ist es. Und trotzdem nicht überladen mit Funktionen und Extras, sondern einfach rund. Dennoch strahlt es über weite Strecken eine gewisse Kälte aus, die vom Drang motiviert ist, perfekt sein zu wollen. Aber daraus sollte niemand The Witcher 3: Wild Hunt einen Strick drehen, sondern der Liebe Zeit geben zu wachsen.

The Witcher 3: Wild Hunt
The Witcher 3: Wild Hunt
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09 Gamereactor Deutschland
9 / 10
+
riesige und überzeugende Welt, schwere Entscheidungen, atemberaubende Optik, spielt sich erstaunlich flüssig
-
Umfang kann erschlagen, wirkt zum Teil etwas kühl
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