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Kritik

The Vanishing of Ethan Carter

Ich kenne Ethan Carter nicht, aber er kennt mich und weiß, dass er sich nur an mich wenden kann.

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Als die Polizei sich weigert zu helfen und Priester dir nicht mehr glauben, wendest du dich an Paul Prospero.

Wenn du ein Kind bist wie Ethan, dann schreibst du mir vielleicht einen Brief wie schon so viele zuvor. Ethans viele Briefe waren zunächst wie auch die andere Fan-Post, aber schon bald enthielten sie Dinge, von denen kleinen Kinder nichts wissen sollten. Es gibt Orte und Dinge auf dieser Welt, die niemand sehen sollte. Und doch war Ethan in der Lage, ein Bild von ihnen zu zeichnen.

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Ich war noch nicht in Red Creek Valley angekommen, aber ich konnte bereits seine Dunkelheit fühlen und wie sie sich nach mir ausstreckte. Ethan Carter zu finden würde nicht so leicht werden, wie an seiner Tür zu klopfen. Dafür war es schon zu spät. Um Ethan zu finden, musste ich herausfinden, was dieser Ort vor mir versteckt hält.

The Vanishing of Ethan CarterThe Vanishing of Ethan Carter
Um Ethan zu finden, muss Detektiv Paul Prospero herausfinden, was dieser Ort vor ihm versteckt hält.

Es war nicht mein erster Fall, nicht im Allergeringsten. Und ich war mir sehr wohl bewusst, welche Gefahren und Überraschungen mich erwarten würden. Und doch war das Willkommen für mich, als ich Red Creek Valley endlich erreichte, deutlich gefährlicher und überraschender als alles, mit dem ich gerechnet hatte. Das wunderschöne und malerische Tal in Wisconsin täuschte mit seinem Anblick, denn ich schaffte es kaum lebendig aus einer gefährlichen Falle.

Und doch steckt mehr dahinter, so dass ich die Falle, die ich so eben ausgelöst habe, untersuchen konnte. Und auch, wenn es so gut versteckt gewesen wäre, wie es war, hängend an einem Baum, an dem Pfand, der neben verlassenen Bahngleisen stand, an denen ich entlang ging. War es für mich gedacht? Wohl kaum. Niemand konnte wissen, dass ich kommen würde. Und noch viel weniger, dass ich eben genau diesen Weg wählen würde. Aber ich fühlte die Präsenz von etwas anderem. Da war noch mehr. Und als ich die Falle für meine Untersuchung berührte, sah ich ein Bild von einer Lichtung. Weniger ein klares Bild, eher Fragmente. Ich konnte kaum die menschlichen Überreste erkennen, die auf dem Boden verteilt lagen. Aber von dem kurzen Aufflackern ausgehend, sollte ich mit mehr Fallen rechnen. Wenn ich sie alle finden würde, vielleicht könnte ich dadurch das ganze Bild sehen. Aber ich musste meine Augen offen halten.

The Vanishing of Ethan Carter
Es gibt klassische Rätsel in diesem Adventure und tödliche Fallen, denen wir entgehen müssen.

Mein Name ist Paul Prospero und ich bin nicht wie andere Detektive. Ich bin spezialisiert auf das Unerklärliche, das Übernatürliche, das Nichtmenschliche. Und dafür steht mir etwas zur Verfügung, von dem andere Detektive nur träumen können: ein sechster Sinn. Ich kann tatsächlich vergangene Ereignisse sehen und wenn die Umstände stimmen, dann spielen sich Geschichten vor meinem Auge ab. Das ist etwas, das sich mir schon bald als nützlich erweisen würde.

Kaum fünfzehn Minuten nachdem ich das Geheimnis der Fallen gelüftet hatte, war ich leider wieder gezwungen, von meinen Fähigkeiten Gebrauch zu machen. Ich hatte eine Brücke überquert und hielt kurz an, um die schöne Aussicht zu genießen, als sich mir der erste grausige Fall offenbarte.

Ich entdecke ein paar ausgefranste Seile auf den Bahngleisen und ein bisschen weiter runter fand ich ein Paar Beine ohne ihren Besitzer. Für mich war das schon mehr als genug, aber es war nicht genug, um die ganze Geschichte des Tatorts zu erfassen. Ich musste den Rest des Körpers finden und den Tatort in seine ursprüngliche Form bringen, um die letzten Momente des Verstorbenen zu sehen. Ich mache mich an meine Aufgabe, überprüfe die Umgebung nach Hinweisen und fünfzehn Minuten später habe ich die Sammlung vergangener Fragmente in meiner Erinnerung und muss sie nur noch richtig ordnen, um mir ein Bild davon machen zu können, wie der Mord passiert ist.

The Vanishing of Ethan Carter
Das Spiel ist stolz darauf, anders, ungewöhnlich und sogar einzigartig zu sein - und das in vielerlei Hinsicht.

Dann aber geschieht etwas. Die Immersion zerbricht. Plötzlich bin ich nicht mehr Paul Prospero, der Meisterdetektiv mit dem sechsten Sinn. Ich bin wieder Tobias Garsten, der Journalist, der bis vor kurzem noch vollständig in eines der stimmungsvollsten Spiele aller Zeiten eingetaucht ist. Was ist nur schief gelaufen?

Das Spiel ist stolz darauf, anders, ungewöhnlich und sogar einzigartig zu sein - und das in vielerlei Hinsicht. Aber es ist gibt Konventionen im Adventure-Genre, die nicht aufgehübscht oder geändert werden, um dann erhaben in diese meisterhaft gestaltete Welt zu passen. Ein Spiel, das in seiner ganzen Art so subtil ist, verfügt trotzdem über das grundlegendste Puzzlespiel-Klischees und der Kontrast ist einfach zu stark. Die Illusion ist gebrochen. Und das ist ein wiederkehrendes Problem. Doch trotz dieser Mängel ist das Debüt vom polnischen Studio The Astronauts pure Magie.

Mit Hilfe von Bildmessungen, künstlerischer Vision, einer unglaublichen Liebe zum Detail, einem brillanten Soundtrack und einem ausgeklügelten minimalistisches Design haben The Astronauts eine der überzeugendsten Spielwelt geschaffen, die ich je kennenlernen durfte. Es erzählt seine ganz eigene Geschichte. Die herrliche Natur spricht von Ruhe, Trauer und Verfall, während die verlassenen Gebäude und die Dinge in ihrem Inneren von Tod, einem früheren Leben und einer unbekannten Dunkelheit sprechen. Es ist eine Leistung, die dafür sorgt, dass ein Spieler, der aufmerksam ist, der Geschichte, dem Hintergrund und den Themen folgen kann, ganz ohne auf die Monologe von Paul Prospero zu hören oder irgendwelche der mysteriösen Morde.

The Vanishing of Ethan Carter
Wir verfügen über einen sechsten Sinn, der uns in die Vergangenheit schauen lässt, wenn die Umstände stimmen.

Es ist wie bei den Genre-Kollegen Journey, Dear Esther und Gone Home, bei denen es keine Benutzeroberfläche gibt. Doch anders als bei den genannten Titeln, gelingt es The Vanishing of Ethan Carter, die Spielmechaniken mit Atmosphäre und langsamen Tempo zu einem praktischen Gesamtpaket zu kombinieren. An der Stelle, an dem die ersten Elemente von einigen kritisiert werden, weil charakteristische Eigenschaften von Games vernachlässigt werden, geht The Vanishing of Ethan Carter neue Wege.

Wie einige vielleicht bemerkt haben, bin ich auf nichts eingegangen, was über die Grundlagen des Spiels und den Inhalt hinausgeht. So wie schon bei The Stanley Parable geht es in diesem Spiel viel über die Qualität der Arbeit. Es geht um die Überraschungen, die wir finden. Tatorte säumen das riesige Hinterland, durch Paul Prospero und ich frei herumwandern, während wir nach Ethan Carter suchen. Jeder von ihnen bringt uns näher an die Antworten, die wir suchen und die uns wiederum näher an Ethan Carter bringen und die Gründe für sein Verschwinden. Wer sich von der neu gewonnenen Entdeckerlust treiben lässt, wird ohne jeden Zweifel überrascht werden.

Diese Überraschungen gibt es, wenn wir den interessantesten Rätseln begegnen, die das Spiel zu bieten hat. Und manchmal sorgt dafür auch etwas ganz anderes. Dann sind es Momente, die ich ohne Zweifel für viele Jahre in mir tragen werden. Es sind Dinge, an denen sich zukünftige Spiele werden messen müssen.

The Vanishing of Ethan Carter
Es ist das fast perfekte Spiel, dass uns vollständig eintauchen lässt, aber leider auch manchmal herausreißt.

Die eine Sache, die The Vanishing of Ethan Carter davon abhält, vollkommen zu sein, ist so etwas Banales wie ein paar unkluge Spielmechaniken, der mittelmäßige Synchronsprecher und ein mieses Checkpoint-System. Es sind tragische Fallstricke für ein Spiel wie dieses. Wenn es einem Spiel wie diesem gelingt, dass wir vollständig eintauchen, dann ist es umso deutlicher, wenn dies plötzlich unterbrochen. In gewisser Weise ist The Vanishing of Ethan Carter ein Opfer seiner eigenen Vortrefflichkeit.

Aber das ist schnell vergessen. Denn nur Sekunden später, nachdem ich mich kurz auf meinem Schreibtisch umgesehen habe, bin ich wieder in Red Creek Valley. Ich habe gerade meinen ersten Mordfall gelöst und ich weiß, wo es als nächstes hingeht. Zur rechten ist der See mit seinen felsigen Ufern, freier Himmel und diese friedliche Trostlosigkeit. Auf der linken Seite ist ein Wald, dunkler als alle, die ich bisher gesehen habe. Wie kann ich dem widerstehen? Angst wächst in mir, aber ich weiß, dass mich jeder Schritt in den Wald näher an die nächste Entdeckung, das nächste Geheimnis, bringt. Egal wie viel Angst ich haben werde, wie sehr die Dunkelheit in Red Creek Valley versucht, mich zu behindern, ich weiß, dass ich durchhalten muss. Ethan Carter braucht mich.

Mein Name ist wieder Paul Prospero. Und ich bin nicht wie andere Detektive.

The Vanishing of Ethan Carter
The Vanishing of Ethan Carter
The Vanishing of Ethan Carter
The Vanishing of Ethan Carter
The Vanishing of Ethan Carter
The Vanishing of Ethan Carter
The Vanishing of Ethan Carter
The Vanishing of Ethan Carter
09 Gamereactor Deutschland
9 / 10
+
unübertroffene Atmosphäre, visuell atemberaubend, subtile Mechaniken, richtige Menge an Angst, überraschende, sehr detaillierte Spielwelt
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unzureichendes Checkpoint-System, zum Teil nicht sehr anspruchsvoll
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