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Kritik

Heavy Rain

Mikael Sundberg hat für uns einen Monat lang Heavy Rain gespielt, einen Thriller im Gameformat, der das Genre Abenteuerspiel revolutioniert und ein fantastisches Erlebnis ist.

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Wie rezensiert man ein Spiel wie Heavy Rain? Ein Spiel, in dem die Handlung und die Charaktere eine so entscheidende Rolle spielen? Wo die Situationen und die Wahl der Lösungswege die Hauptsache sind? Jedes Beispiel, das die Brillanz all dieser Möglichkeiten schildert, wäre ein unverzeihlicher Spielverderber. Wenn man von diesem kleinen Manko absieht, kann ich mich glücklich schätzen, dass ich dieses Spiel schon spielen durfte. Mir bleibt die Versuchung erspart zu schauen, wie andere spielen, zu versuchen, den "optimalen" Weg bereits von Anfang an zu finden. Ich durfte all dies erleben so wie es gedacht ist: Nämlich genau so wie ich will.

Im Grunde ist Heavy Rain ein Abenteuerspiel, ähnlich wie Monkey Island oder Police Quest. Aber das wäre so, als würde jemand sagen, dass Gears of War ein Actionspiel ist, so wie Contra. Wer Heavy Rain spielt, macht die gleichen Dinge, die schon seit zwanzig Jahren gemacht werden. Man gehst rum, erforscht die Umgebungen, redet mit Leuten und fummelt an Dingen rum. Aber genau so wie Epics Ballerorgie die Spielmechanik in einem alten Genre umwälzte, hat der Thriller von Quantic Dreams eine besondere Art der Interaktion, die so genial ist, dass ich mir nichts anderes mehr in einem Spiel dieses Genres vorstellen kann.

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David Cage und sein Team haben das Kontrollsystem aus ihrem früheren Spiel Fahrenheit weiterentwickelt und auch sonst noch kräftig nachgedacht. Das Ergebnis ist ein Spiel, das mit vielen Konventionen bricht. Mal nachgedacht: Wenn man sich bewegt, läufst man dann wie eine analoggesteuerte Plattformfigur herum, die sich ständig umdreht und wie ein Hase hoppelt? Bewegst man sich im normalen Leben seitwärts wie in einem Egoshooter? Das alles ist vielleicht effektiv, aber in einem realistischen Abenteuer wie Heavy Rain würde es einfach bizarr aussehen. Stattdessen schaut man sich mit der linken Taste um und hält R2 gedrückt, um sich in die Richtung zu bewegen, in die die eigene Nase zeigt.

Heavy Rain
Ethan Mars, ob es jemals einen stärker geplagten Charakter in einem Videospiel gab?

Die Evolution der Abenteuerspiele hat sich von enormen Wahlmöglichkeiten hin zu immer stärkeren, abstrakteren Verallgemeinerungen entwickelt. Wo man in Zork all das machen konnte, was auf der Synonymwortliste stand, über allgemeine Verben wie "benutzen", "nehmen" und "reden" bis dahin, dass man später praktisch das Spiel mit Klicks der Maustaste steuert, die einen genau das machen lassen, was in die Situation passt. Heavy Rain geht einen enormen Schritt zurück, indem ein extrem abwechslungsreiches Sortiment an Alternativen geboten wird. Diese werden aber sehr intuitiv gestaltet, teils, weil stets ein Icon für die Bewegung angezeigt wird und teils, weil sich das, was man macht, so natürlich anfühlt. Schwere Situationen erfordern komplizierte Handbewegungen, so als ob man mit dem Pad Twister spielt. Vorsichtige Handlungen, beispielweise das Tischdecken mit dem Porzellan der Schwiegermutter oder das Anschleichen an einen Räuber, müssen dementsprechend mit vorsichtigen Bewegungen durchgeführt werden.

Die Tatsache, dass auf dem Bildschirm Knöpfe aufpoppen, ist ein bisschen zu einem Stigma geworden. Vor zehn Jahren in Shenmue war das noch ziemlich cool, aber heute machen Quick Time Events keinen Spaß mehr. Und deswegen ist Heavy Rain auch nicht so. Einfache Mathematik sagt in der Konsequenz, dass Heavy Rain Spaß macht. Es macht Spaß, eine Kühlschranktür zu öffnen. Es macht Spaß, einen Bumerang zu werfen und zu sehen, wie man damit das Gesicht seines verstimmten Sohnes zum Leuchten bringt. Und es macht Spaß, zwischen verschiedenen Gedanken zu wählen, um einen Dialog weiterzuführen.

Die einzigen Situationen, in denen Heavy Rain den Sequenzen aus Shenmue ähnelt, sind diejenigen, in denen man in einen Kampf verwickelt wird. Hier gibt es selten Alternativen außer zu gewinnen oder zu verlieren. Aber noch nicht einmal dann ist die Handlung schwarz oder weiß. Eine daneben gegangene Rechte oder ein Schlag in die Rippen bedeuten nicht, dass wir neu anfangen dürfen. Nein, wir können auf viele verschiedene Arten gewinnen oder verlieren. Und es ist nicht immer am Besten, zu gewinnen. Das Spiel ist nie zu Ende, bevor nicht auch die Handlung zu Ende ist. Wenn es zum Beispiel nicht gelingt, einen richtig überlegenen Gegner zu besiegen, dann landen wir in einer anderen Situation, die uns rettet. Eine Situation, die wir niemals gesehen hätten, wenn wir direkt gewonnen hätten. Ganze Kapitel im Spiel hängen von solchen Entscheidungen ab und davon, wie das, was gewählt wurde, gelungen ist.

Heavy Rain
Madison Paige, schlaflos und wunderschön.

Und dies führt zum Thrilleraspekt zurück. Ein Game Over-Bildschirm kann häufig auch eine Erleichterung sein. Eine Quittung darüber, dass man einen Fehler gemacht hat und einen anderen Weg gehen muss. In einem Film weiß man meistens, dass der Held überleben wird und die Spannung ist nie so hoch wie in einem Game. Weil aber die Handlung in Heavy Rain noch nicht einmal zu Ende ist, wenn eine der Hauptpersonen stirbt, weiß man innerlich die ganze Zeit, dass jede Situation tödlich sein kann - und deswegen um so verzweifelter ist. Jede Entscheidung wird lebensbedrohlich. Und die ganze Zeit, egal ob es dieses Mal ziemlich gut ging oder auch nicht, überlegt man: Wie wäre es anders gewesen?

Wenn es sich bislang so angefühlt hat, als würde man einen Film spielen, kommt hier ohne Zweifel der Spielaspekt mit ins Bild. Niemand hindert uns daran, ein Kapitel wieder neu zu beginnen, wenn man mit dessen Ausgang wirklich nicht zufrieden ist. Ich habe dies ein einziges Mal gemacht, als ich aus Versehen kurz vor Schluss jemanden sterben ließ. Ich war so neugierig, zu sehen, welche Rolle diese Person in den entscheidenden Szenen gespielt hätte. Ansonsten habe ich aber alles von Anfang bis Ende gespielt, mit guten wie mit schlechten Entscheidungen, mit Fehlern und Erfolgen. Und trotzdem hat sich gerade dadurch das Durchspielen vollkommen perfekt und richtig angefühlt. Ein Film mit diesem Drehbuch wäre fantastisch gewesen. David Cage hat gesagt, dass man Heavy Rain eigentlich nur ein Mal spielen soll und das ist dann dein ganz eigenes Erlebnis. Ich kann ihn irgendwie verstehen... aber gleichzeitig bin ich fest dazu entschlossen, das Spiel noch viele Male zu spielen, gerade um noch ganz andere Erlebnisse zu haben.

Heavy Rain
Der tüchtige Detektiv Scott Shelby, auch seine Geschichte ist intensiv erzählt.

Ich sollte vielleicht ein bisschen was über die Hauptpersonen erzählen, obwohl ich nicht recht weiß, wie ich das machen soll, ohne die Freude am eigenen persönlichen Kennenlernen zu zerstören. Alles dreht sich um Ethan Mars. Ausgehend von einem idyllischen Anfang nimmt sein Leben eine unangenehme Wendung nach der anderen und irgendwann in der Mitte des Spiels frage ich mich, ob ich jemals einen stärker geplagten Charakter gesehen hab. Das Hauptthema des Spiels lautet: "Wie weit bist du bereit zu gehen, um jemanden, den du liebst, zu retten"... und in diesem Fall ist dies sehr weit. Aber man hat immer auch die Möglichkeit, nein zu sagen. Dies tat ich tatsächlich auch. "I would do anything for love, but I won't do that", wie schon Meat Loaf gesagt hat. Die Erzählung rund um Ethan ist sowohl extrem ergreifend als auch unerhört schwer beiseite zu legen.

Im Vergleich fühlen sich die anderen Charaktere wie Nebenrollen an, aber durchaus wichtige. Die schlaflose Dame Madison Paige, der tüchtige Detektiv Scott Shelby und der FBI-Agent Norman Jayden, der leicht an Fox Mulder erinnert, sind alle brillant geschildert. Zunächst dachte ich, dass ich jemanden von ihnen nicht mögen würde und bei jedem Auftauchen in der Erzählung laut rumstöhnen würde. Aber nach nur ein paar Kapiteln fesselten mich die Abenteuer von allen. Ich habe es geliebt, mich in die Rolle von Norman hineinzuversetzen und ihn als übertrieben vorsichtig zu spielen, nachdem ich aus Versehen eine Person erschossen hatte - was ich natürlich hätte vermeiden können. Ich genoss die altmodische Detektivarbeit von Scott und seine Schlägereien. Und ich kann nicht sagen, dass es mir nicht gefallen hätte, Madison dabei zu helfen, sich richtig schlampig anzuziehen, damit sie sich einem schleimigen Schurken ranmachen konnte, um dann die Situation mit ein wenig ehrenhafter Girl-Power zu retten.

Heavy Rain
Heavy Rain hat eine innovative Steuerungsmechanik, die sich nachhaltig ins Gehirn einbrennt.

Die Kombination aus explosiver Action und normalen, alltäglichen Handlungen hat zur Folge, dass wir diesen Personen näher kommen als den meisten Spielfiguren und dies ist natürlich einer der Gründe, wieso Heavy Rain so fesselnd ist. Ein weiterer ist die Optik. Alle Sprecherrollen in Heavy Rain sind "virtuelle Schauspieler", die nach ihren jeweiligen Schauspielern modelliert wurden. Manchmal funktioniert die Animation, die ganz und gar mit Motion Capture gemacht ist, nicht hundertprozentig, aber wenn man daran denkt, wie wahnsinnig viel Animation in diesem Spiel enthalten ist, kann man die wenigen Mängel leicht verkraften. So ganz an die Spitze reicht das Spiel nicht heran, aber es wäre ein Lüge, es als hässlich zu bezeichnen. Die Lichteffekte, die variierende Fokustiefe und die verschiedenen Regeneffekte sind hervorragend und die allgemein gut gemachte Cinematographie (mir fällt kein besseres Wort in diesem Zusammenhang ein) trägt ihren Teil zum Gesamteindruck bei.

Ich habe mich immer noch nicht richtig erholt. Mir scheint fast, als sähe ich diskrete Pfeile im Augenwinkel, wenn ich raus in die Küche gehe, um mir was zu Trinken zu holen. Heavy Rain ist ein umwälzendes Erlebnis, das wirklich mehr als im Normalfall bietet. Auf eine Weise, wie Abenteuerspiele früher waren, es ist eben abwechslungsreicher und nicht nur ein straightes Actionspiel.

In einer perfekten Welt hätten alle ihr Exemplar von Heavy Rain und würden ihr eigenes Erlebnis erleben. Die Chancen, dass das wirklich so wird, sind nicht groß. So stark auf ein Spielgenre zu setzen, das seit ungefähr fünfzehn Jahren keinen richtigen Verkaufshit mehr hatte, ist wirklich mutig... und bewundernswert. Egal wie es laufen wird, so weiß ich zumindest eine Sache. Ich habe Heavy Rain erlebt. Und das sollte jeder machen.

Heavy Rain
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Heavy Rain
09 Gamereactor Deutschland
9 / 10
+
Enorme Wahlfreiheit, fantastisches Detailreichtum, innovative Spielkontrolle, gute Schauspielerei und Regie.
-
Kleine audiovisuelle Mängel

Zweite Meinung

Heavy Rain fesselt nicht durch das Gameplay und auch nicht unbedingt durch die Story. Die Mischung aus beidem ist es, die treibt. Nach und nach zieht es einen in seinen Bann. Anfangs gibt es noch wenig Sympathie für den Jammerlappen von Vater. Denn in solch eine extreme Situation kann sich nicht jeder hineinversetzen. Mit der Zeit aber wächst das Verständnis für die Charaktere. Nicht zuletzt auch deswegen, weil sie genau so handeln wie man es möchte.

Richtig ist, dass es viele Entscheidungen gibt, die den Verlauf der Geschichte nicht beeinflussen. Aber das wäre auch schwierig, denn der Mörder steht ja bereits fest. Fraglich ist nur, ob es gelingt, ihn zu enttarnen und welche Entwicklung die Protagonisten auf dem Weg dahin nehmen. Nur das kann jeder selbst beeinflussen und nur das macht es zu einem eigenen, zum privaten Erlebnis. Wer auf ein Spiel mit tausend Möglichkeiten hofft, wird definitiv enttäuscht.

Nein, Heavy Rain ist wirklich mehr der interaktive Film mit atemberaubender, musikalischer Untermalung und eindrucksvoller Technik. Klar, die Animationen haben manchmal ihre Macken, aber die Präsentation bleibt trotzdem unglaublich schön. Darin eingebunden das Gameplay, welches so natürlich wie es nur irgend möglich ist die Aktionen umsetzt. Schwierige Stellen ziehen eben schwierige Tastenkombinationen nach sich und auch das Sixaxis-Feature kommt voll auf seine Kosten. Und obwohl sich die Charaktere manchmal schwerfällig wie Schiffe lenken, bleibt auch hier der gute Gesamteindruck.

Trotzdem sind die Meinungen über das Spiel sehr verschieden. An allen Ecken und Enden wird kritisiert oder aber über den Klee gelobt. Die Wahrheit muss am Ende jeder alleine finden - wie eben auch bei der Story. Das Kernstück des Spiels soll Logikfehler aufweisen. Wer jedoch dahinter steigt und erkennt, dass alles nur ein Film ist und jeder Charakter nur seine Version der Geschichte wiedergibt, wird er sie wahrscheinlich lieben lernen. Denn so wie Heavy Rain mitreißt, so haben es vorher nur weniger Spiele getan. Wer sich auf Heavy Rain und seine Regeln einlässt, wird sicher nicht enttäuscht.

Meint: Martin Eiser und wertet 8/10
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