Kritik

Dante's Inferno

Geschrieben am 5. Februar 2010
Autor: Christian Gaca

Das kommt davon, wenn man böse ist. Sich nicht an Abmachungen hält. Und zu allem Überfluss noch den frommen Worten eines Bischofs glaubt, der einen von allen Sünden freispricht. Das kann nicht klappen - und öffnet für Dante tatsächlich das Tor zur Hölle.

Dante ist der Held des Videospiels zu einem ganz großen Klassiker der Literatur, der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri aus dem 12. Jahrhundert. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie bereits verfilmt und vielleicht hätte es dabei auch bleiben sollen.

Eigentlich ist die Idee, sich an einem derart gehaltvollen Stoff abzuarbeiten, gar nicht so verkehrt. Einerseits sticht die Geschichte todsicher aus dem üblichen Shooter- und Heldenzeugs heraus. Anderseits ist die literarische Vorlage bereits so blutig, übel und finster, dass man sie nur ziemlich gradlining umsetzen muss, um die Zielgruppe glücklich zu machen und ein Skandälchen ans nächst zu reihen. Genau das haben Visceral Games (frei übersetzt heißen die übrigens passenderweise Eingeweide Games) und EA gemacht. Haben sie sich schließlich nicht selbst ausgedacht, dass im Turm der Wolllust aus den Brustwarzen einer höllischen Schönheit ungetaufte Babys mit Schwertern kriechen, die uns die Zicke dann entgegen schleudert. Das ist Literatur, hunderte von Jahren alt.

Die Göttliche Komödie ist derbes Zeug, von der ersten bis zur letzten Seite. Das Märchen über die Reise von Dante durch die Hölle (und späterer in den Himmel) erzählt alles. Und Dante's Inferno tut das auch. Nur dürfen wir zusätzlich mitwirken, mitspielen, zusehen, Leid austeilen und Leid ertragen. Es ist schwer in Worte zu fassen, wie abstoßend und zugleich interessant das Spiel ist.

Dante's Inferno
Das ist nur eine der etwas größeren Höllenkreaturen, denen Dante per Quick-Time-Event auf den Kopf steigen kann, um sie dann zu steuern.

Der Templer Dante kehrt nach Ende des Kreuzzugs nach Hause zurück. Dort findet er seinen Vater ermordet in der Wohnstube und seine Geliebte Beatrice ermordet im Garten. Das Schwert steckt in ihrem Bauch, ihre Brust ist entblößt. Diese CGI-Szene ist beklemmend, irgendwie zu sexistisch aber entspannt im Vergleich zu dem, was danach noch alles kommt. Ein verdammter Ritt in und durch die Hölle, nur weil Dante Beatrice und ihrer Seele nachjagt, die aus irgendeinem Grund, nun ja, verdammt worden ist. Er will und muss sie retten. Den Tod selbst hat er vor dem Verlassen des Heiligen Landes noch eben getötet. Warum nicht? Hier ist übrigens das erste Mal eine der fortan immer präsenten moralische Entscheidung zwischen unheiligen und heiligen Handlungen fällig. Sie definiert, ob sich Dante lieber mit der Sense oder dem Kreuz den Weg durch die Hölle freikämpft.

Danach muss man erstmal ein paar Dutzend arme Seelen zerlegen, wird fast von einem riesigen Kreuz zerquetscht und begreift nur nebenbei, dass dieser Wasserfall da kein Wasserfall ist, sondern ein Strom menschlicher Körper. Neun Kreise der Hölle warten auf Dante, verstörende und hässliche Orte voller Schreie und Leid. Mir tun jene Leveldesigner und Charakter-Artists leid, die diesen Fäkalausdruck eines Videospiels bearbeiten mussten und nicht selbst total drauf abgefahren sind.

Der Kreis der Wolllust zum Beispiel ist irgendwie ein einziges Geschlechtsorgan, die Völlerei ein umgestülptes Verdauungssystem und im Kreis der Habgier schwimmen die armen Sünder in Seen aus kochendem Gold. Dazu permanent ein Stöhnen, ekelige Kommentare, markerschütternde Schreie und nerviges Wehklagen. Am Schluss ist alles in seinem Wahnsinn konsequent.

Dante's Inferno
Mit dem Heiligen Kreuz vor der Brust kämpft sich Dante durch die Hölle.

Dante's Inferno ist als Spiel betrachtet ein normales Action-Gemetzel, dass sich allzu deutlich an God of War orientiert. Es ist eine Mischung aus knöpfehämmernden Angriffen, die zu möglichst langen Kombos verknüpft werden müssen. Unterbrochen von kurzen Quick-Time-Events und häufig unpassenden, kleinen Rätsel- und Aufgabenpassagen. Eigentlich aber mäht Dante mit der Sense des Todes (den hat er ja am Anfang ausradiert) die Bewohner der Hölle nieder. Dämonen, Ketzer, Amazonen und ungetaufte Babys, nichts und niemand bleibt lange stehen. Extrem nervig ist, das man dabei so manches Mal aus Versehen an einer der wenigen Absturzmöglichkeiten abstürzt, weil Dante hektisch aus dem Weg springt (was er aber nicht soll). Das liegt an der Steuerung. Die Laufrichtung von Dante wird nur mit den linken Stick bestimmt. Der rechte Stick ist nicht, wie bei Shootern und Actiongames üblich, für die Blickrichtung zuständig, sondern dient zum schnellen Ausweichen in alle Richtungen.

Die Kampffähigkeiten von Dante können mit Reliquien gepimpt werden, ebenso seine Sense. Und je nachdem, welche moralische Richtung wir einschlagen, können wir mit befreiten Seelen als Währung neue Angriffsarten freischalten. Damit werden die Kämpfe noch fetter, bunter, schriller - besonders die zahlreichen Zwischenendgegner gehen nicht selten in einem Effektfeuerwerk unter. Die Klinge kann Kreaturen aufspießen, zerteilen und Dante immer wieder per Quick-Time-Event entscheiden, ob ihre Seelen erlöst oder bestraft werden. Schlimm: Nie hat es sich natürlicher angefühlt, jemanden zu bestrafen in einem Videospiel. Aber: Ist doch eh die Hölle hier, was soll da noch schief gehen?

Dante's Inferno
Da stirbt der Tod, hingerichtet mit seiner eigenen Sense...

Was ein bisschen nervt, sind die Plattformer-Passagen, wenn Dante hüpfen oder am Seil schwingen muss. Dort stimmen die Perspektiven nicht immer, so dass Dante mehr als einmal ins Leere fliegt oder sich Fehltritte leistet, die nicht nachvollziehbar erscheinen. Komisch ist auch, dass manche Gegner nicht in ihrem Kreis der Hölle bleiben, sondern Leiharbeiter in anderen Höllenteilen sind. Das zerstört das sonst konsistente Bild der Hölle ein wenig.

Großartig inszeniert dagegen sind auch einige Sachen. Etwa Momente wie der, als Lucifer mit Beatrice in einer CGI-Sequenz einen ekligen Teufelskuss vollführen und Dante danach nahtlos und wütend den Körper des großen Dämonen Phlegyas stürmt, um die Stadt Dis zu zertrampeln. Langsam zoomt die Kamera heraus, gaaaanz langsam. Immer kleiner wird der vormals hünenhafte Phlegyas, bis er zum Bildpunkt vorm Stadttor wird. Super. Toll sind auch jene Zwischensequenzen, die als Comic erzählt werden. Schicke Geschichte, quasi aus der Brust heraus erzählt - das hat schon was. So richtig gut sehen allerdings nur die CGI-Sequenzen aus. Ansonsten ist die Grafik eher hässlich, und das nicht nur, weil die Dinge, die sie darstellt, ausgesprochen hässlich sind. Die Optik ist kantig, flimmernd, matschig - alles ist dabei.

Dante's Inferno erzählt sicher eine der intensivsten Videospiel-Geschichten seit langer Zeit, ist aber auch ein in hohem Maße pubertäres Abenteuer geworden. Streckenweise sogar eher eine dumme Gewaltorgie, die vom Spieler auch bei den wirklich hübsch designten Endgegnern eher keine großen Skills verlangt, sondern primär stumpfe Ausdauer. Denn die Endgegner stecken gut was ein, vor allem in den höheren Schwierigkeitsgraden. Für empfindliche Seelchen ist das Spiel auch nichts. Freundinnen, Ehefrauen und Mütter sollten das meiste davon besser nicht zu Gesicht kriegen. Die Tötung ungetaufter Babys, selbst wenn sie Klingen an den Armen haben, ist halt nicht jederfraus Sache.

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Grafik:8
Spielbarkeit:7
Sound:9
Suchtfaktor:7
Unsere Wertung:8/10
Was uns rockt:
Intensive Action, tolle Endgegner, beklemmender Sound
Was uns nervt:
Wiederkehrende Gegner, matschige Grafik, teilweise ziemlich eklig
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