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Kritik

Valiant Hearts: The Great War

Wie leichtfertig wir heute wieder von Krieg sprechen, zeigt, dass viele vergessen haben, was vor 100 Jahren in Europa passiert ist. Ubisofts Adventure über den Ersten Weltkrieg ist ein Meisterwerk.

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Hurra, wir feiern ein Jubiläum! Hurra, vor 100 Jahren, am 28. Juli 1914, begann der Erste Weltkrieg. Hoch die Gläser, darauf stoßen wir an. Wir jubeln wie damals, als die Menschen vergessen hatten, was Krieg bedeutet. Wir klatschen im Takt wie zu jener Zeit, als man sich mit dem Krieg arrangierte, weil keine Alternative dazu möglich schien. Ein Mehrheit Bevölkerung stand dahinter. Selbst Kirche und Sozialdemokraten stellten sich nicht gegen diesen Krieg. Und auch in anderen Ländern war die Angst davor nicht sonderlich groß. Soldaten, die in den Krieg zogen, schrieben fröhliche Karten. Sie gingen von einer baldigen Rückkehr in die Heimat aus. Was aber der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien als Reaktion auf das Attentat an Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo folgte, war der bis dahin verheerendste Krieg in der Geschichte der Menschheit. Das Hurra verstummte schon bald.

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Als Ubisoft Valiant Hearts: The Great War ankündigte, empfand ich das als ein bisschen seltsam. Ein Spiel über den Ersten Weltkrieg, das war meiner Meinung nach vermessen. Natürlich kann es sehr interessant und spannend sein, sich dem Thema Krieg zu widmen, aber so explizit zu werden, dabei würde sich das Studio ganz sicher übernehmen. Wie soll es einem Spiel gelingen, die Schrecken und Grausamkeiten widerzuspiegeln - noch dazu mit comichafter Grafik. Wie sollen Unterhaltung und Information zusammenkommen, so dass keines davon zurückstecken muss. Ich wollte dem Titel natürlich nicht absprechen zu berühren. Doch diesem harten Stoff ganz ernsthaft gerecht zu werden, das kann doch eigentlich nur schief gehen. Zumal es eben auch 100 Jahre her ist und damit wahrscheinlich den allermeisten der persönlicher Bezug dazu fehlt.

Valiant Hearts: The Great WarValiant Hearts: The Great War
Die packende Geschichte wird von einem modernen Adventure geraden, dass viele gute Mechaniken beinhaltet und das Spiel so spannend hält.

Wenn ich darüber nachdenke, was Valiant Hearts: The Great War macht, dann bin ich noch immer völlig fasziniert davon. Das Spiel hat mir Tränen in die Augen getrieben und noch immer muss ich weinen, wenn ich an die Stunden damit zurückdenke. Das Besondere aber ist, dass ich nicht wegen der vier Charaktere weine, die in der Geschichte eine Rolle spielen. Nein, die Trauer kommt fast ausschließlich daher, weil es den Entwicklern gelungen ist, eine Verbindung zu realen Ereignissen herzustellen. Es sind Tränen, die deswegen kommen, weil mir vor Augen geführt wurde, wie grausam dieser Krieg war. Die ganze Sinnlosigkeit und das Leiden der Menschen, es wird bewusst durch das, was wir auf unser Reise am Wegesrand finden. Jedes Abzeichen, jede Notiz, jede Erklärung bringt uns näher an Zeit und Menschen.

Ich bin ebenso fröhlich in den Krieg gezogen wie die Menschen damals. Am Ende war ich wütend und hätte die Tränen nicht stoppen können, selbst wenn ich gewollt hätte. Es ist ein erschütternder Spannungsbogen, der mich in seiner Wucht überrascht hat. Denn obwohl ich natürlich das Thema in der Schule behandelt habe und auch schon im Fernsehen verschiedene Beiträge darüber gesehen habe, solche Gefühle hat bisher nichts ausgelöst. Und es ist kaum vorstellbar, dass Menschen nach diesem Krieg ganz ernsthaft nur ein paar Jahre später einen weiteren angezettelt haben und auch noch heute wieder Krieg führen. An Krieg gibt es nichts Gutes. Krieg kennt keine Gewinner.

Verpackt hat Ubisoft die vielen Informationen und Hintergründe in einem modernen Adventure. Aus vier Perspektiven erleben wir die Zeit zwischen Kriegsbeginn und kurz vor Kriegsende und bleiben dabei immer an der Westfront zwischen Frankreich und Deutschland. Aus Sicht des Franzosen Emile, des Deutschen Karl, des Amerikaners Freddie und der Belgierin Anna sehen wir, dass sich niemand moralisch überlegen fühlen kann. Alle gleichermaßen leiden gleichermaßen und den Folgen des Krieges. Die vier sind alle miteinander verbunden und wechseln sich in den vier Kapiteln mit ihren verschiedenen Abschnitten immer wieder ab.

Valiant Hearts: The Great War
Auf unerwartet wunderbare Weise vermittelt Ubisoft alles, was wir über den Ersten Weltkrieg wissen müssen - mit all seinen Schrecken und Grausamkeiten.

Dazu kommt übrigens noch der Hund Walt, der in viele Passagen interessante kooperative Elemente einbringt. Ansonsten müssen kleine Rätsel und Tauschaufgaben lösen, clever kombinieren und die Umgebung absuchen. Der Schwierigkeitsgrad ist angemessen und wer mal nicht weiter weiß, bekommt kleine Hinweise von anderen Charakteren und kann sich optional weitere Tipps freischalten lassen. Dazwischen gibt es kleine Geschicklichkeitsaufgaben, die sich ziemlich perfekt in die Handlung einbringen. Ein Charakter muss Tunnel graben und dabei auf Sprengkörper achten. Die Krankenschwester auf der anderen Seite muss beispielsweise im Rhythmus die richtigen Tasten drücken.

Die Präsentation in Form der comichaften Grafik nimmt etwas von der Brutalität und macht das schwere Thema erträglich. Auf der anderen Seite überlässt es dieser Stil an vielen Stellen auch unser Phantasie, was wirklich passiert. Ubisoft verniedlicht die Realität und wir fügen sie im Kopf wieder zu einem realen Bild zusammen. Dazu kommt ein erstklassiger, melancholischer Soundtrack und ein interessanter Kniff bezüglich der Sprache. Um es authentisch wirken zu lassen, wird immer in der jeweiligen Sprache gesprochen, die gerade erforderlich ist. Allerdings sind es immer nur ein paar Brocken, die zum Teil nicht einmal Sinn ergeben. Die wirkliche Information erfolgt über Sprechblasen mit Piktogrammen. Das macht das Spiel universell für jeden verständlich.

Valiant Hearts: The Great War hat tatsächlich den Spagat zwischen Unterhaltung und Information geschafft. Es fordert als Spiel und besitzt interessante Mechaniken, die auch auf Dauer nicht langweilen. Die Handlung ist mitreißend, spannend und tatsächlich manchmal sogar ein bisschen witzig. Meistens aber ist das Adventure traurig. Der bedeutend wertvollere Teil aber ist der informative Teil, der über Fundstücke und Fakten eingebracht wird. Er gibt den nötigen Hintergrund. Ich habe alles aufgesaugt und bin wohl auch deswegen emotional so mitgerissen. Es hat mir ganz unerwartet etwas sehr wichtiges erklärt. Valiant Hearts: The Great War ist darin so gut, es sollte an Schulen verpflichtend als Ergänzung zum Unterricht eingesetzt werden. Niemals soll vergessen werden, wie schrecklich Krieg ist.

Valiant Hearts: The Great War
Valiant Hearts: The Great War
Valiant Hearts: The Great War
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Valiant Hearts: The Great War
Valiant Hearts: The Great War
10 Gamereactor Deutschland
10 / 10
+
wunderbar erzählte Geschichte mit vielen wissenswerten und spannenden Hintergründen, mitreißender Soundtrack, großartige Präsentation, interessante Spielmechaniken
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es wird wahrscheinlich weiterhin Kriege in der Welt geben
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