Kritik

Vancouver 2010

Geschrieben am 14. Januar 2010
Autor: Christian Gaca

Draußen liegt seit gefühlt mehreren Wochen Schnee. Mein Lieblingsrodelberg ist mittlerweile zur knochenharten Eisbahn mutiert, was eine Umstellung der Technik auf dem Schlitten erfordert. Trotzdem noch nett, da immer wieder mal hinzugehen. Kinder spielen eben gerne, auch große.

Zudem ist man so bestens gerüstet für Segas offizielles Spiel zu den Olympischen Winterspielen in Kanada. Es heißt Vancouver 2010. Es passt zur Jahreszeit und zum aktuellen Wetter. Aber es passt nicht alles im Spiel zusammen.

Unklar bleibt zum Beispiel, was genau Vancouver 2010 eigentlich sein will? Die Simulation einer Olympiade ist es jedenfalls nicht. 14 Disziplinen hat Sega dem Wintervergnügen spendiert, die olympischen Disziplinen Eishockey, Langlauf, Eiskunstlauf, Biathlon und Curling fehlen komplett. Am Start sind dafür Abfahrt, Super-G, Riesenslalom, Slalom, dazu Skispringen, die Freestyle-Ski-Disziplinen Skicross und Springen sowie Snowboardcross und Parallelslalom auf dem Snowboard, Eisschnelllauf und Short Track, Zweierbob, Skeleton, Rennrodeln.

Es gibt also einiges zu tun, könnte man meinen, dummerweise ist das in der Spielrealität nicht so. Jede der Disziplinen ist ein kleiner 80er-Jahre-Arcadetitel und vom Drücken weniger Knöpfe dominiert. A-Knopf zum Losfahren, A-Knopf zum Losspringen, A-Knopf zum Landen, ein bisschen lenken - bei manchen Disziplinen ist Vancouver 2010 eher ein Mischung aus Timing- und Geschicklichkeitsspiel. Mit sportlichem Wettkampf hat das häufig nix zu tun.

Die Disziplinen sind faktisch in zwei Lager geteilt. Lager Eins beherbergt die leicht zugänglichen und schnell spielbaren Disziplinen Skispringen, Abfahrt, Riesenslalom, Skicross und Snowboardcross. Allesamt geben eine Spaßgarantie, spielen sich nachvollziehbar und tadellos. Schnell ist man darauf aus, was solchen Spielen gerecht wird: der Jagd nach Bestzeiten und Highscores. Ideal ist hier tatsächlich der Trainingsmodus, denn auch von hier aus werden die Online-Bestenlisten mit Ergebnissen gefüttert. Und nur hier lassen sie sich mit einem Knopfdruck schnell abrufen. Im normalen Olympiamodus, wo man sich aus den 14 Disziplinen frei seine eigene Olympiade zusammenbauen darf, werden die Zeiten und Scores zwar gespeichert, anschauen darf man die dort aber nicht sofort. Dazu muss man erst wieder ins Hauptmenü zurück.

In Lager Zwei tummeln sich die irgendwie komplizierten Disziplinen mit unsinniger Steuerung sowie die notorischen Langweiler. Hier wird auch deutlich, dass das Balancing von Vancouver 2010 einfach nicht gelungen ist. Die Disziplin Short Track zum Beispiel lebt eigentlich vom Drücken eines Knopfes, eines Triggers und dem Steuern via Analogstick. Sie ist aber so schwierig zu meistern im Vergleich zu etwa der Abfahrt, dass es nur nervt, nervt, nervt.

Schlimmer noch, dass Short Track gleich den eigentlich so lustigen Herausforderungsmodus zur Nervsache macht, wo auf drei Bergen (Einfach, Fortgeschritten, Profi) je zehn Disziplinen in lustigen Varianten gespielt werden. Es müssen zum Beispiel Schneemänner für Extrazeit umgefahren oder mit gespiegelter Steuerung der Snowboardcross gewonnen werden. Macht echt Laune, es gibt ein Achievement für jeden Sieg, was will man mehr. Dann kommt man bei der letzten Herausforderung am einfachen Berg an und lernt schnell, dass Short Track eine ganz, gaaaaanz lange Nummer werden kann. Zum Glück darf man auf den nächsten Berg auch ohne die Spitze des ersten erklommen zu haben, wenn man unten fleißig war.

Nicht langsamer als 30 Stundenkilometer darf beim 1500-Meter-Rennen geskatet werden. Rund zweieinhalb Minuten lang muss das mit einer nicht abschließend nachvollziehbaren Steuerung und einer missglückten Kollisionsabfrage beim Kurvenfahren ausgehalten werden. Wohl dem, der ein gutes Nervenkostüm mitbringt und das Pad nicht an die Wand knallt. Sicher, so etwas lässt sich in einer engen Definition auch als Herausforderung bezeichnen. Ebenso gut ist es aber auch einfach nur schlecht durchdacht und umgesetzt.

Zum Glück geht es auch besser. Das Skispringen ist und bleibt die Paradedisziplin. Die Fahrt die Schanze hinunter ist ein schöner Ritt in der Egoperspektive, inklusive Wischeffekt, um Geschwindigkeit zu suggerieren. Überhaupt sind die Animationen der Skifahrer und Snowboarder bei den Alpin-Disziplinen sehr schön geworden. Die Abfahrten mit intensiv vibrierendem Controller und verwischter Highspeedoptik markieren den visuellen Höhepunkt von Vancouver 2010. Wer schnell fährt, dem fallen auch gleichförmigen und etwas lieblosen Schneetexturen nicht auf. Dafür ist und bleibt der wegfliegende Schnee bei scharfen Kurven hübsch.

In allen Disziplinen außer Skispringen stehen zwei Perspektiven zur Wahl: Ego oder Third-Person. In der Egoperspektive wirken die alpinen Disziplinen deutlich realer. Dafür ist es in der Third-Person-Perspektive leichter, die Ideallinie zu finden und einen sauberen Lauf hinzulegen. Schön ist auch, dass es einen Ghost der persönlichen Bestzeit gibt, der das Jagen selbiger extrem verbessert. Zweier-Bob, Skeleton und Rodeln sind wenig herausfordernd und bieten einer eher öden, aber immerhin hübschen Ritt durch den kanadischen Eiskanal. Slalom, Parallel-Slalom auf dem Snowboard und Super-G sind hektisch, so dass es kein rechter Groove aufkommen will.

Der ist dafür beim Ski Cross und Snowboardcross am Start. Gradlinige Rennen, das Springen wird als Boost-Geber genutzt - das macht Laune. Das Trickskispringen ist tricky, weil es in der Fluphase so angelegt ist, dass wir mit den Analogsticks Drehbewegungen ausführen müssen, die nur bedingt zu dem passen, was auf dem Bildschirm passiert. Da dreht sich der arme Skihase willenlos in der virtuellen Luft umher und schlägt später mehr oder weniger gut in den Schnee ein. Mal wieder eine Disziplin mit komischer Steuerung, die aber trotzdem okay ist. Schade nur, das für das Snowboard immer ein feste Standposition vorgegeben ist. Goofy-Fahrern wird das schwer nerven.

Wer den Modus Olympische Spiele spielt, will um die Positionen in der Medaillenrangliste und den Sieg kämpfen. Das geht gegen drei Computergegner, gemeinsam zu viert im Wohnzimmer-Multiplayer oder online. Die Disziplinen dürfen selbst zusammengewürfelt werden, mit dem Resultat, dass man auch nach einer Disziplin die Olympiade gewonnen hat. Irgendwie unsinnig das ganze, aber immerhin lassen sich so die Nieten aus Lager Zwei ausradieren. Im Mehrspielermodus müssen alle Spieler die Disziplinen nacheinander zocken. Alle bis auf das langweilige Eisschnelllaufen, wo ja lediglich die spiegelnde Eisfläche glänzt.

Wer nicht gegen echte Freunde sondern gegen die KI-Spieler antritt, muss mit heftiger Gegenwehr rechnen. Eine Goldmedaille in einer der Disziplinen zu erspielen (und sich das Achievement zu sichern), klappt nur mit einem wirklich guten, fehlerlosen Lauf. Und den zu erreichen, ist nicht immer einfach.

Vancouver 2010 bleibt eine etwas gelangweilte Lizenzumsetzung, die optisch streckenweise ansprechend ist, aber kaum langfristigen Spielspaß oder Herausforderungen bietet. Die eine Hälfte der Disziplinen ist schön, die andere Hälfte nervt - und jedes ist für sich genommen eher ein Arcade-Minispiel. Zu wenig für einen Vollpreistitel, aber irgendwer muss ja die Lizenzkosten bezahlen. Einzig so richtig bei Laune hält die Jagd nach Highscores und Bestzeiten. Besonders im Training und bei den Herausforderungen funktioniert das hervorragend. Allerdings braucht genau dafür niemand ein Spiel wie Vancouver 2010.

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Grafik:7
Spielbarkeit:7
Sound:7
Suchtfaktor:7
Unsere Wertung:7/10
Was uns rockt:
Skispringen, Abfahrt, der Herausforderungsmodus und die Jagd nach Highscores und Bestzeiten
Was uns nervt:
Die Hälfte der Disziplinen ist langweilig oder leidet unter schlechter Steuerung
Info zum Game
  • System:
    PC, PS3, Xbox 360
  • Genre:
    Sport
  • Entwickler:
    Eurocom
  • Publisher:
    Sega
  • Spieler offline:
    1-4
  • Spieler online:
    1-4
  • USK:
    Ab 3
  • Termin:
    15. Januar 2010
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