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Film-Kritiken

Birdman

"350.000 Klicks in nicht einmal einer Stunde, das ist wahre Macht", sagt die Tochter von Riggan Thomson. Der US-Schauspieler ist vor ein paar Stunden halbnackt über den Broadway gelaufen, weil er nach einer Rauchpause aus "seinem" Theater ausgesperrt wurde. Auf dem Weg zurück ins Stück durch den Vordereingang filmten ihn zig Handykameras. Und der Künstler ist nun das Hashtag der Stunde.

Eigentlich aber will Riggan Kunst machen am Broadway, um seine verstorbene Karriere zu reanimieren. Er war früher Birdman, ein Superheld besser als Ironman. Das ist viele Jahre her, aber Birdman redet Riggan noch immer die ganze Zeit ins Gewissen. Der vierte Film, Millionen könnte man machen. Aber Riggan meditiert die Stimmen weg. Stattdessen soll es ein Stück zu Raymond Carvers Kurzgeschichte "What We Talk About When We Talk About Love" richten.

Im Oscar-prämierten Werk von Alejandro González Iñárritu wird das gesamte Universum rund um Theater systematisch durchleuchtet und auseinander genommen. Herrlich düster, selbstironisch, ehrlich, überzeichnet und mit einer gehörigen Portion Sarkasmus. Eine absolut tolle Darstellung des Microsystems Kommerztheater umrankt von New York und seinem Irrsinn. Der Film wirkt, als sei er ohne Stop gedreht worden in einem Durchlauf von unterschiedlichen, sich gegenseitig und ihre Hauptdarsteller jagenden Kameras. Das zieht einen als Zuschauer langsam aber unweigerlich rein in das Stück.

Wahn und Wahnsinn also. Was ist gespielt, was ist echt? Man fragt es sich häufiger, während man das Stück erlebt, dessen Protagonisten, unter denen besonders Michael Keaton als depressiver, von Stimmen geplagter Schauspieler-Regisseur-Autor und sein Gegenspieler Edward "Mike Shiner" Norton brillieren. Die beiden extrem unterschiedlichen Charaktere tragen den FIlm fast im Alleingang, machen fast ein Kammerspiel aus der Hollywood-Produktion.

Der ganze Film wird von einem gleichermaßen schlichten wie effektiven Percussion-Soundtrack angetrieben, der Michael "Birdman" Keaton von einer Szene in die nächste treibt, immer zwangsläufiger in Richtung Ende, das natürlich eigentlich nur noch tragischer werden kann als der große Zusammenbruch des Helden in der Garderobe. Birdman dreht so wunderbar ehrlich durch, wie man es sich vorstellt und hofft, dass es am Ende dann doch nicht sein möge.

Dann, peng, der letzte Applaus. Wie jeden Abend spritzt Blut aus Riggans Kopf. Die Kritik liebt das Stück, feiert den von den Bedeutungslosen auferstandenen Künstler und sein Ensemble für die Entstehung des superrealistischen Theaters. "Ich poste ein Bild auf deinem Twitter-Account. 80.000 Follower in 24 Stunden", sagt die Tochter von Riggan. Der Schauspieler liegt im Krankenhausbett. Dann geht seine Tochter raus...

Birdman
09 Gamereactor Deutschland
9 / 10
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