Kurt-Krömer-drückt-Knöppe #1

Geschrieben am 12. November 2009
Autor: Christian Gaca

Der Komiker Kurt Krömer verfasst exklusiv für Gamereactor die Kolumne "Kurt-Krömer-drückt-Knöppe-und-schreibt-anschließend-wie's-war". Der Berliner ist langjähriger und passionierter Videospieler. Heute: Mirror's Edge im Tour-Bus, Anno 1404 und kein PS3-Anschluss im Hotel...

Frankfurt, den 11.11.09

Lieber Herr Christian!
Vielen Dank für die zugesandten Spiele. Als wir uns vor ein paar Monaten in Berlin getroffen hatten und ich Ihnen sagte, dass es kein Problem sei auf meiner jetzigen Tournee nebenbei ein bisschen zu spielen, um dann darüber zu schreiben, habe ich mich, wie ich jetzt bemerkt habe, anscheinend ein wenig zu sehr aus dem Fenster gelehnt.

Erstes Problem bei der Ankunft im Hotel (Essen) war folgendes: Die Playstation 3 war mit dem Fernsehgerät in meinem Hotelzimmer nicht kompatibel. Grund: Man konnte den AV1-Kanal nicht aktivieren. Es war ein neues Fernsehgerät, ein flaches Fernsehgerät, ein schönes flaches neues Fernsehgerät, aber es war nicht möglich, das Bild der Playstation 3 auf den Fernseher zu bringen. Ich ging also runter an die Rezeption und fragte den Hotelmitarbeiter, warum es nicht möglich ist, das Fernsehgerät im Hotelzimmer auf AV1-Kanal umzustellen. Der Mitarbeiter teilte mir mit: "Das ist vom Hotel nicht gewünscht". In meinen Augen bildeten sich Tränen, die aber nicht dazu führten, dass sich der Mitarbeiter des Hotels erweichen ließ, irgendwas an der Situation zu ändern.

Mein erster Gang am nächsten Morgen führte mich in ein großes Elektronikkaufhaus. Auf der Suche nach einem Mitarbeiter, der mir vielleicht dabei helfen könnte meinen Hotelfernseher doch noch dazu zu bringen, sich auf AV1 zu stellen. Genauso nonchalant wie der Mitarbeiter im Hotel sagte der Mitarbeiter des Elektronikfachmarktes zu mir: "Das ist nicht möglich! Ich kann Ihnen nicht helfen! Ich habe zu tun! Tschüss!". Meine Augen wurden wieder glasig.

Anno 1404
In seinem Tour-Bus hat Kurt Krömer eine PS3 eingebaut. Das Zocken auf der Autobahn ist aber komplizierter, als der Berliner Komiker ursprünglich dachte...

Die Fahrt zum Auftritt in Bremen stand an. Eine sehr gute Möglichkeit im Tour-Bus hinten in der letzten Reihe Platz zu nehmen, um die Playstation 3 zu aktivieren. Ich hatte grünes Licht. Der Fernseher stand auf AV1. Die Playstation 3 funktionierte. Hurra! Ich lud mir Mirror's Edge hoch. Am Anfang des Spieles befindet man sich im Trainingsmodus. Die erste Übung, durch Türen zu gehen, klappte wunderbar. Die zweite Übung, unter Lüftungsschächten durch zu kriechen, klappte auch wunderbar. Die Absolvierung der dritten Aufgabe, "Balanciere über ein Rohr, dass zwei Hochhäuser miteinander verbindet", im Spiel eine Distanz von vielleicht vier Metern, war durch den rasanten Fahrstil meines Fahrers, der mit 180 Sachen von Essen nach Bremen fuhr, nicht möglich.

Fazit: Geschicklichkeitsspiele im Bus auf der Autobahn, vor allem Spiele, bei denen es auf eine ruhige Hand ankommt, waren unmöglich. 1. Absturz, 2. Absturz, 3. Absturz, 4. Absturz. Der Fahrer überholte links, er überholte rechts. Kurzes Bremsen, zusehen, dass man keine Auffahrunfälle verursacht, das führte dann zu einer zappeligen Spielführung meinerseits. Nach dem ungefähr 80. Absturz vom Rohr legte ich das Spiel zur Seite.

Mittlerweile sind drei Tage vergangen, und es war mir durch nicht funktionierende AV1-Kanäle im Hotel sowie durch den ruppigen Fahrstil meines Fahrers auf der Autobahn nicht möglich gewesen, auch nur ein Spiel zu spielen.

Tag vier: Da ich aber nicht doof bin, habe ich nicht nur meine Playstation 3 mitgenommen, sondern auch meinen Laptop. So komme ich nun endlich zum ersten Spiel. Anno 1404. Ich habe mir dieses Spiel sofort am Erscheinungstag gekauft und über Monate nicht ausgepackt. Es war monatelang in Cellophanpapier verpackt und stand bei mir im Regal. Ich wusste schon vom Vorgänger, dass in diesem Spiel der Teufel steckt. Denn sobald dieses Spiel ausgepackt ist und im Laufwerk steckt, hat der Tag auf einmal 25 Stunden. Man steht nicht mehr um sieben Uhr morgens auf, sondern man kann froh sein, wenn man morgens um sieben ins Bett kommt.

Direkt nach dem Auspacken von Anno 1404 passierte das, was immer passiert. Ein kleiner Teufel springt aus dem Spiel und setzt sich einem ins Ohr. Er flüstert ab dann unentwegt: "Spiel mich, Spiel mich. Aber Spiel mich nicht kurz, spiel mich gaaaaanz lange". Ich freute mich also, wieder Anno spielen zu dürfen. Mein erster Eindruck vom neuen Anno 1404: totale Begeisterung. Die Grafik noch besser als beim Vorgänger. Detailverliebter. Als großer Fan der Reihe war es auch schön zu sehen, dass vieles beim alten war. Gott sei Dank. Man fängt wieder mit der untersten Bevölkerungsschicht (Bauern) an. Die man dann im Verlauf des Spiels bis zu Adligen aufsteigen lassen kann.

Man sorgt am Anfang dafür, dass die Bauern ein bisschen Holz haben, ein bisschen Fisch, eine kleine Kirche, einen Marktplatz. Wunderbar. Viele Bauern besiedeln nun die kleine, feine Stadt. Soweit ist alles in Ordnung. Es sei denn, die Bedürfnisse steigen mit dem Aufstieg der Einwohner an. Man verfällt dann in diese gewisse "Anno-Hektik". Das Spiel ist auch eigentlich nichts anderes als ein komplexeres Tamagotchi für Erwachsene. Mit dem Unterschied, dass man komplexer handelt und nicht den ganzen Tag kleine bekloppte Tiere füttern muss. Ich habe als erstes das Endlosspiel begonnen. Endlos im Sinne von "Endlos". Am ersten Tag hatte ich den Teufel aber noch im Griff und spielte nicht bis sieben Uhr morgens, sondern nur bis um sechs.

Hinzu kommt bei Anno 1404, dass man nun auch den Orient besiedeln kann. Daraus ergeben sich ganz neue Bedürfnisse der Einwohner (Nomaden). Erst einmal muss man die Wüstengebiete fruchtbar bekommen. Dazu errichtet man so genannte Norias (Brunnen). Danach ist es dann möglich, Dattelplantagen, Ziegenfarmen, Indioplantagen, etc. anzubauen. Der Orient kann aber nicht sofort besiedelt werden, da kommt es auf "Diplomatische Ränge" an, die man sich durch kleine Schleimereien (Ruhm) beim Großwesir Al Zahir erarbeiten muss. Bildlich dargestellt muss man die ersten Stunden des Spieles eigentlich in permanenter gebückter Haltung durchs Leben wandern, bis sich der Großwesir Al Zahir erbarmt, Baupläne für den Orient freizugeben.

Im Kampagnen-Spiel dauert dies nicht so lange. Die Kampagnen sind auch wieder sehr schön aufgebaut. Wie ein guter Walt-Disney-Film. Es gibt viele gute Menschen und einige böse. Wie zum Beispiel Guy Forcas, eine kleine fiese Kröte, mit der man in den ersten Missionen zusammen arbeiten muss. Man kommt mit seinem eigenen Staat in der ersten Phase noch nicht so richtig zurecht, muss aber den bösen, kleinen, krötigen Giftzwerg andauernd mit Unmengen von Waren wie Werkzeug, Steine, Seile, usw. beliefern, die Guy Forcas für ominöse Kreuzzüge benötigt. Man muss diese Sachen also anbauen, herstellen lassen, irgendwann andere Inseln ansiedeln, Routen erstellen und und und.

Als Dank gibt's dann immer fiese Kommentare. Diese sind sehr lustig und man denkt immer: Du A....loch! Das erstellen von Handelsrouten klappt bei Anno 1404 nun auch besser als beim Vorgänger. Die Zeiten, in denen man an der Volkshochschule den "Wie-funktioniert-eigentlich-die-Routenplanung-in der-Anno-Reihe-Kursus" belegen musste, sind nun vorbei. Danke.

Fazit: Anno 1404 ist eines meiner absoluten Lieblingsspiele. Es ist äußerst komplex. Man muss viel mitdenken. Dieses Spiel garantiert über Monate Spielfreude und Augenringe bis zu den Knien. Das Einzige, was sich Ubisoft hätte sparen können, ist die unheimlich komplizierte Art dieses Spiel freizuschalten. Da ich mich mit Computern sowie mit Einrichtungsgeschichten von Computern nicht so gut auskenne, kann sich ein Laie wie ich darauf einstellen vom Einlegen der Disk in den Computer bis zum Start des Spieles (Grund: Steam muss geladen werden) mindestens drei Stunden zu investieren. Was diese Aktion soll, ist mir nicht klar.

Ich bin jetzt also gefangen, der Teufel in meinem Ohr wird immer größer und lauter. Die Nacht geht selten vor sieben Uhr zu Ende. Danke Herr Christian.

MACHT´S JUT NACHBARN! EUER KURT KRÖMER

PS: Das nächste Mal gibt es eine Kolumne über Uncharted 2: Among Thieves und Rangier Simulator für PC.

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Meinungen
  • Von: Martin Eiser / GR®
    19. November 2009, 00:35 Uhr

    Jo, mehr solcher Outings wären sicher hilfreich.

     
  • Von: hb
    18. November 2009, 06:11 Uhr

    Faszinierend finde ich auch immer, sobald bekanntere Personen sich zu ihrem Hobby Videospiele äußern. Meist ist das ja ein Schuß in die Unterhose, weil ein paar öffentliche Namen zu PR-Zwecken mißbraucht werden. Ein Prominenter, der sich ausführlicher und ehrlich mit der Materie beschäftigt - wie in diesem Fall -, das ist für mich neu. Sehr gelungen. Ich denke, das ist auch ein Weg, daß die bösen Teufelsspiele langsam in der öffentlichen Meinungen als das wahrgenommen werden, was sie sind: Kultur.

     
  • Von: ponyboy
    16. November 2009, 09:50 Uhr

    Spitzen Idee mit der Kolumne, Herr Christian! Als Fan von Herrn Krömer und quasi Gelegenheitszocker eine angenehme Abwechslung zu den Profi-Berichten. Ich freu' mich auf mehr!

     
  • Von: Christian Gaca / GR®
    15. November 2009, 00:08 Uhr

    Da kommt noch mehr, der Mann läuft er heiß!

     
  • Von: hb
    14. November 2009, 12:30 Uhr

    Astreine Kolumne! Liest sich sehr leicht verdaulich, so daß man bei der Länge auch nicht aufstoßen muß. Feiner Humor des Herrn Kurt, wozu man ihn beglückwünschen darf.

    Die Erfahrungen mit Anno lasse ich gerne als Test durchgehen, ich wünschte, in diesem lockeren Stil würden Magazine rezensieren können. Denn es macht mir eine ganze Menge mehr Freude, als bloß nüchterne Fakten und Beurteilungen runtergerattert zu bekommen.

    Eine sehr runde Sache, die man sicher nicht an vielen Stellen begutachten wird dürfen. Hut ab Gamereactor und vielen Dank Herr Kurt.

     
 
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